Gesellschaftliche Herausforderungen rund um unsere Kinder

  • In einem anderen Thread ergab sich eine (OT)-Diskussion um unsere Kinder und deren Aktivitäten auf Fußball aber auch ganz allgemein bezogen.


    Ich würde diese Diskussion gerne fortsetzen und sie gerne auch sehr breit in Richtung "wie verändert sich unsere Gesellschaft und wie wirkt sich das auf die Vereinskultur aus" erweitern.


    Auch der DFB hat sich ja mal des Themas angenommen und das Video "Zurück zu den Wurzeln" ins Netz gestellt. https://www.dfb.de/index.php?id=1000019

  • Vergangenheit:

    Gesellschaftlich: Großfamilie -> Kleinfamilie -> Single-Haushalt

    Verein: Großverein -> Abteilung -> Mannschaft


    Heute stellt man fest, dass dies nicht das Optimum ist.


    Tendenzen die ich sehe:

    Gesellschaftlich: Generationshäuser, Community, Sharing Economy -> mehr sozial als egozentrisch

    Verein: Mannschaften kommen nicht mehr zusammen (SG, JFG; Jahrgangsübergreifend), Abteilungen suchen Mitglieder -> wenn ein Verein überleben will, muss er sich wieder zu einem Verein entwickeln -> alles andere wird von gewerblichen Anbietern gemacht (oft mit haltlosen Versprechen - aber das kennen wir ja schon aus der Werbung ;))

  • Gesellschaft und Verein bestehen aus Menschen!


    Menschen handeln nicht immer logisch, rational oder berechenbar - selbst die VWL/BWL hat das erkannt und stellt den "Homo oeconomicus" in Frage. Das Leben ist keine Mathematik ;) - würde vieles vereinfachen, allerdings hätten wir dann wahrscheinlich auf lange Sicht keine Daseinsberechtigung und Roboter könnten die Erde mit leben füllen.


    Also bitte lasst die Kinder sich zu Menschen entwickeln und nicht zu Robotern.

  • Gesellschaftlich: Generationshäuser, Community, Sharing Economy -> mehr sozial als egozentrisch

    Ich sehe das eher als einen Schein oder Trugbild an. Vorne rum wird immer auf sozial gemacht, aber in Wirklichkeit wird es immer egozentrischer. Facebook und Co. werden doch schon lange nicht mehr als soziale Plattform benutzt, sondern es geht fast ausschließlich um die Selbstdarstellung. Ein gutes Beispiel ist hier die App Instagram, die ja tatsächlich nur dafür genutzt wird um sein Leben als besonders toll darzustellen. So ist zumindest meine Wahrnehmung. Es scheint mir so, als ob überall auf der Welt der "Personenkult" ein Comeback feiert. Im (Profi-)Fußball sieht man, wie ich finde, eine ähnliche „romantische“ Tendenz. Alle Diskussionen drehen sich fast ausschließlich nur um einzelne Personalien: "Özil spielt schlecht", "Ronaldo, Ronaldo, Ronaldo, Messi, Messi, Messi" und es wird nie hinterfragt wie diese Einzelleistungen zustande kommen. Es interessiert die Leute auch eigentlich gar nicht, es geht nur um die Person, um die glorreichen Helden und bösen Feinde.

    Beim rest gebe ich dir jedoch recht let1612

    Ich finde die Aufgabe eines Vereins sollte es sein dieser Entwicklung Einhalt zu gebieten und wenn das nicht gelingt immerhin einen menschlichen Rückzugsort zu bieten bei dem es um das Zusammensein und eben nicht die Selbstdarstellung geht.

  • Ich finde, dass man im Fußball die gesellschaftliche Entwicklung am schnellsten sehen kann. Es gibt nicht viele Sportarten in denen so viele verschiedene Schichten aufeinander treffen und gemeinsam arbeiten müssen.


    Man sieht wie man mit Niederlagen und Erfolgen umgegangen wird oder wie Widerstandsfähig jemand in Krisen ist. Wie mit Emotionen umgegangen wird etc. Alles Dinge, die einem in seinem täglichen Leben begegnen. Ob im Beruf, Schule oder zu hause.


    Wenn ein Kind im Training mit einer Niederlage nicht umgehen kann, wie soll es dann im Leben damit zurecht kommen, wenn es Rückschläge gibt?


    Mit dem Fußball und vor allem wir als Coaches haben wir enormes potential um die Welt ein kleines Stück besser zu machen. Klingt romantisch, doch es ist was wahres dran. Für mich geht es im Fußball nicht nur ums sportliche, sondern auch um die persönliche Entwicklung eines jeden einzelnen. Fußball ist schon eine Art Lebensschule.


    Auch was Skriwer mit Facebook und Co. anspricht ist wirklich schade. Doch was will man anderes von den Kids erwarten, wenn die Eltern selbst auch ständig vor der Glotze, Smartphone oder ähnlichem sitzen? Es sieht ja nichts anderes und glaubt, dass es richtig ist. Selbiges gilt für das Aggressionspotential: Ein Vater der zu hause mit der Frau vor dem Kind schreit hat großen Einfluss auf dieses Potential. Das Kind denkt, wenn der Papa das tut ist das gut so. Und somit spiegelt es das verhalten und reagiert im Training auch entsprechend.


    Hinzu kommt, dass man mittlerweile zu jeder Zeit alles bekommt was man will. Jedoch im Leben ist das schwer, da bekomm ich nicht immer alles sofort vor allem Erfolg (kommt drauf an wie man ihn definiert). Und dann schmeißt man zu oft hin oder investiert zu wenig Zeit.

    Früher saß man am Abend am Esstisch (meine Generation) und unterhielt sich... Heute sieht man oft, dass man zwar immer noch gemeinsam isst, dann aber meist der TV läuft in dem die Nachrichten kommen und diese sind voll mit "Mord- und Totschlag"

  • Sehe das von dem Standpunkt, dass sich leider in der Gesellschaft ein übertriebener Hang zu Leistung entwickelt hat, der von den Eltern auf die Kinder übertragen wird. Der Fußball ist zum Milliarden Geschäft geworden und der Traditionsfußball ist tot. Wer noch Tradition sehen will muss schon fast bis in die E Jugend runter, denn selbst in den unteren Kreisklassen wird schon für Spieler gezahlt.

    Die Vereine die noch Fußball als Spaßprogramm anbieten haben mit immer mehr Mitgliederschwund zu kämpfen und sind kaum noch in der Lage Jugendmannschaften zu stellen.

    Die Eltern möchten gerne das das Kind im NLZ trainiert, der 1er Mannschaft spielt und am Besten noch in der D Jugend zu einem "großen" Verein kommt.

    Die Kinder die in Mannschaften spielen die ständig auf die Mütze bekommen wollen weg, weil es Ihnen keine Spaß macht und die ELtern wollen weg, weil das Kind doch kein Verlierer ist.

    Nach dem was ich hier von einigen gelesen habe im Forum, habe ich auch so meine Zweifel an der Glaubhaftigkeit der Aussagen, da wenn wir mal ehrlich sind, wir Trainer auch lieber gewinnen anstatt zu verlieren und unsere Team entsprechend "zusammenstellen" wollen, weil auch wir Erfolgreich sein wollen.

    Wer will schon gerne eine Mannschaft trainieren die jedes Wochenende abgeschlachtet wird oder wo nur Blümchenpflücker spielen. Und wenn sagt man nach einem Jahr tschüss und sucht ein besseres Team. Den auch der Trainer ist nur ein Mensch und will nicht als Loser dastehen.

    Fairplay Liga nervt die meisten und auch die Kids wollen mit Tabelle spielen und Meister werden wie Ihre Vorbilder. Wobei ich hier auch immer mehr feststelle, dass man immer mehr Kinder in den Mannschaften hat, die kicken können aber sich außerhalb des Trainings überhaupt nicht für Fußball interessieren. Dies halte ich persönlich für sehr bedenklich, denn im Endeffekt vermittelt es mir den Eindruck "nur" der Freizeitleiter zu sein und nicht der Trainer.

    Die Frage ist nur wie kommt man wieder Back to the roots und Begeistert die Kinder wieder für das Fußball, den Straßenfußball den wir noch gespielt haben? Und das Ganze ohne dafür eine Parade aufführen zu müssen oder mit Camps o.ä. zu locken.


    Ich Glaube wir haben zwar immer noch die romantische Vorstellung der Spielvermittlung aus und mit Spaß, werden aber von der Realität des Leistungsfußballs und des " Two is not the winner and three nobody remembers" eingeholt.


    Schade eigentlich.

  • Verein: Großverein -> Abteilung -> Mannschaft

    Mit dem Gedanken kann ich einiges Anfangen. In der heutigen Zeit ist es schon schwierig, einen Termin zu finden für einen Grillnachmittag oder für eine Zeltnacht am Platz. Alle sind im Terminrausch und mir gehts kaum anders.


    Was war denn früher anders?

    1. die Kinder sind in meiner Wahrnehmung erst viel viel später in den organisierten Sport eingestiegen. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich meine Eltern gefahren hätten. Ich war mit dem Rad unterwegs, muss also min. schon 10 gewesen sein...

    2. Verein als Heimat... das habe ich in den 80ern noch in einem Surfclub gehabt. Da hat man den ganzen Sommer verbracht. Andere finden dies auf Campingplätzen o.ä. Auch dies dürfte heutzutage dem Terminwahn zum Opfer fallen.


    Zukunftsvision meinerseits

    Ich würde mir Vereine wünschen, die neben der eigentlichen Aktivität einen Mehrwert hätten. Einen Fußballplatz mit Freibad und Liegeflächen zum Beispiel. Auf jede Sportanlage gehört ein ordentlicher Spielplatz für wartende kleine Geschwister. Und offene Spielflächen für die Sportler, die zwar gerade kein Training haben aber dennoch etwas kicken wollen.


    Turnhallenbau sähe bei mir immer so aus, dass an jeder weiterführenden Schule ein großes Zentrum entstünde. Im Untergeschoss Gymnastik, Kraft, Tanz wäre, evtl. Bowling, Klettern, Kegeln und oben dann ne Dreifachhalle und aufs Dach eine outdoor Sportanlage mit Sprunggrube und Kunstrasen. Oder eben daneben, je nach Platzverhältnissen. Solche Zentren könnten auch gleich noch Jugendzentrum sein mit Kinder/Schulbetreuung mit sinnvollen sportlichen Inhalten.
    Wenn es das gäbe, kämen Kinder und Jugendliche um 16:30 Uhr nach Hause und sie hätten die Hausaufgaben fertig, lecker gegessen und satt, hätten schon Klavier und Fußball gespielt. Und um halb fünf ist dann wirklich frei. Keine Termine mehr um von Verein 1 zu Aktivität 2 zu hetzen. Qualitytime für Familien.


    Dann allerdings stünden die Vereine im ziemlich kurzen Hemd da. Und schweineteuer wäre mein Modell sicher auch...

  • JUH1973 Das was du beschreibst könnte daher kommen, dass die Vereine eben ihre strategische Ausrichtung Weichspülen und deswegen so viele unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen.

    Warum machen Vereine das : wegen der Mitgliederzahl.

    Warum benötigen Vereine So viele Mitglieder: wegen der Service Mentalität der unterschiedlichen Interessen und den Anforderungen der Mitglieder.


    Man sollte also penibel darauf achten was für Eltern man sich zusammen mit den Kindern in den Verein holt.

  • Das Problem sind nicht die Kinder, sondern die Eltern. Ein Kind lernt durch beobachten des Erwachsenen und das wird im Gehirn gespeichert.


    Deswegen ist es als Trainer auch wichtig, dass du nach dem Motto lebst: "Practice what you preach." Denn auch du bist Vorbild für die Kinder und kannst sie beeinflussen - positiv wie auch negativ.


    Beispiel - Ernährung:

    Du sprichst mit deinen Kindern über gesunde Ernährung und stehst nach dem Spiel mit einem Bier und Bratwurst am Platz.

    Beispiel - Gesundheit:

    Du sprichst über Gesundheit und stehst mit einer Zigarette auf dem Feld. Man glaubt gar nicht wie viele Coaches in der Coachingzone rauchen.


    Das könnte man ewig so weiterführen, doch ich glaube ihr wisst was ich meine.

  • Beispiel - Gesundheit:

    Du sprichst über Gesundheit und stehst mit einer Zigarette auf dem Feld. Man glaubt gar nicht wie viele Coaches in der Coachingzone rauchen.

    Ich habe schon Spiele gehabt da durfte auf dem ganzen Gelände nicht geraucht werden, bzw es gab nur Raucher-Bereiche und die waren extrem weit weg vom geschehen (Spiel). Ich finde das sollte man einführen, Rauchverbot auf der Sportanlage.

  • Hallo liebe Trainergemeinde,


    ich finde dieses Thema sehr Interessant und auch mehr als Raum für Ideen, klar mal mehr oder mal weniger realistisch :)

    Aber auch mich beschäftigt wie schon angesprochen, dass Kinder die Kicken können nach oder in der Trainingsfreien Zeit alles machen nur nicht raus gehen kicken. Klar ist die heutige Zeit anders mit Medien, Multimedia, uvm. das soll den Kids auch nicht verboten werden.

    Aber auch gleichzeitig will ich noch nicht mal den Kindern die Schuld daran geben, dass dieses Bolzplatz Feeling ausstirbt. Wenn man nur bei uns in Kaiserslautern schaut, sind vielleicht 4 gefühlte echte Bolzplätze auf 100000 Einwohner. Wenn wir früher im Hof und auf der Straße kickten war es schon schwer ohne Gemecker zu leben aber heute ist das fast unmöglich.


    Meine Vision ist schon lange Back to the Roots, nicht alte leerstehende Plätze und Lagerhallen mit immer mehr Firmen vollzustopfen und/oder für unzählige Millionen/Milliarden zu renovieren so dass die Firmen überhaupt einziehen können.


    Nein es müsste der Charme erhalten bleiben, die Sicherheit muss gewährleistet sein, aber man könnte Graffiti Künstler engagieren, Den Asphaltbelag evtl. in Gummigranulat ändern, mehrere Plätze mit den älteren Zäunen abtrennen, einfach dieses auf die Straße zurück. Es müssen einfach mehr Bolz-/Multifunktionsplätze geschaffen werden, auch vielleicht was was die Kids reizt, mit technischen Highlights bzw. so ne Art Schwarzlicht-/Neon-Fußball uvm. Der Ideenreichtum ist groß, aber man bräuchte wohl so ne Art Fond oder einen Investor davon zu überzeugen lieber für die Jugend als die Immobilie zu investieren.

    Leider sieht die Realität anders aus - so ein modernes Jugendzentrum mit kleinen Außenstellen wäre top.


    Allerdings ist der Grundgedanke der Fair-Play-Liga ja auf Bolzplatz 2.0 aufgebaut, aber man hätte so ein Projekt nicht unbedingt in den Spielbetrieb bringen sollen, da gäbe es andere Möglichkeiten. Das Projekt hätte Deutschlandweit mit den Kommunen angegangen werden müssen.

    Die Plätze werden gewünscht, aber wer hört schon auf Kinder und Ihre Freizeit und Jugend. Man hört nur die sitzen nur vom PC, müssen hier und dort in einen Kurs - es fehlt das Kind sein - auch wenn es vielleicht romantisch klingen mag, das digitale Zeitalter hat Vorzüge, aber es fehlt so die Unbekümmertheit von früher - aber sich später wieder beschweren was teilweise aus der Jugend geworden ist - es müssten da viele Zahnräder ineinander greifen und an einem Strang ziehen, aber das kann man nur gemeinsam auf die Beine stellen....

    Schulen, Stadt, Jugendzentren müssten zusammenarbeiten, der Einstieg in den Beruf Erzieher, Sozialarbeiter (Streetworker) müsste vereinfacht werden....es wird nach Personal geschrien nur oft können die, die dafür prädestiniert wären, diese Hürde aufgrund fehlender Qualifikationen etc. nicht nehmen.....

    Aber auch die Zukunftsvisionen von Goodie find ich klasse - man muss die Kinder entlasten und den Stress (der oft nicht ersichtlich ist) von den Schultern nehmen.


    Also freue mich auf noch viele spannende Ideen und Beiträge


    Euer

    FuninoKL

  • FuninoKL bei alten Lagerplätzen/Hallen hast du das Problem, dass es in diesemUmfeld keine Kinder gibt. Die Wege sind einfach zu weit. Die Angebote müssen zu den Kindern, nicht anders herum. Daher ja auch mein Gedanke, dies an oder in die Nähe von Schulen zu plazieren.


    hier sieht die Realität so aus: Bei unserem Gymnasium im Stadtteil gibts große Freiflächen mit Tartanboden. Das liegt alles brach. Noch nicht komplett vergammelt aber auch kaum genutzt (nachmittags).
    Die Seillandschaft der Grundschule wurde schon mehrfach boykottiert und angesägt...
    Eine Skaterbahn im Umfeld? Kaum frequentiert.
    Ein Bolzplatz mit Toren am Spielplatz? Kaum benutzt.


    Überhaupt gibts kaum noch Cliquen... wo sind die Kids eigentlich alle?
    Bis 10 dürfen sie nicht alleine raus und danach hocken sie an der Playsi?


    Kürzlich tauchte ein Bursche wieder auf. Mit 13 ist er in der Versenkung verschwunden und mit 18 als junger Mann mit Führerschein wieder im öffentlichen Leben aufgetaucht. Dazwischen? Dachkammer und Videospiele...

  • Nachdem ich heute diesen Beitrag gelesen habe: Wird das Abi wirklich immer leichter? würde ich auch sagen, die Mitte (Goldene Mitte; Mittelmaß) bricht weg.

    Das sehe ich in der Gesellschaft (z.B. Einkommensunterschiede, Mittelschicht), in diesem Artikel (mehr 1,0 und mehr "Durchfaller") sowie im Fußball - sehr gut ausgebildete und sehr schlecht ausgebildete Fußballer. Auch ist aus meiner Sicht der Leistungsunterschied zwischen den Staffeln größer als früher. Die Mitte orientiert sich entweder nach oben oder hört auf - sucht sich etwas anderes um oben mitzuspielen. Und der Drop out findet auch in der Mitte der Jugendzeit statt (F, E, D, C, B, A).

    Durchschnitt und Mittelmaß sind bei uns negativ belegt - d.h. "ungefähr" die Mitte wird nicht anerkannt bzw. ist keine große Leistung. Und gibt es die Mitte nicht, wird die Kluft zwischen oben und unten größer - auch wenn der gleiche Durchschnitt herauskommt (z.B. Leistungsstärke 1 und 6 -> Durchschnitt 3,5, genauso wie bei 3 und 4 => welches Spiel macht allen mehr Spaß?)

    Vielleicht sollten wir wieder mehr von der "Goldenen Mitte" sprechen - Gold ist positiv belegt.

  • Ich würde gerne ein paar Punkte aus dem Thread Jugendspieler diskutiert, tritt nach und stört hier fortsetzen, weil sie aus meiner Sicht mit der gesellschaftlichen Entwicklung zu tun haben:

    - wo können sich Kinder heute noch "Raufen" ohne das sofort ein Elternteil eingreift?

    - wo haben Kinder heute noch die Möglichkeit Verhalten oder Probleme unter sich zu klären?

    - musste man früher als 4 oder 5 Jähriger sich seinen Platz in der Familie suchen/erkämpfen, danach vielleicht noch im Kindergarten, sind es heute der Fußball-, Schwimm-, Musikverein usw. - und natürlich alles unter Aufsicht der Eltern bzw. eines Erwachsenen


    Ich habe Freunde, die hatten früher fast wöchentlich eine "Rauferei" - heute sind sie treu sorgende Familienväter -> ohne psychologische und pädagogische Hilfen (um nicht zu sagen Eskalationen), die heute angestoßen werden würden. Ich plädiere deshalb zu mehr Vertrauen in die Kinder.


    Ein Beispiel: bei mir gab es in der G-Jugend keine Eltern in der Kabine. In der F-Jugend bin ich jetzt nicht einmal mehr selbst in der Kabine (Zettel mit Trikotnummer reicht). Natürlich gibt es da gruppendynamische Prozesse, aber die Kinder bekommen auch die Chance diese zu erleben - ohne das gleich ein Erwachsener einspringt. Wir wollen den Kindern Selbstvertrauen und Selbstverantwortung vermitteln, nehmen ihnen aber jede Chance weg, es zu lernen.


    Zum Thema Foulspiel/Gewalt lasse ich im Training mehr zu als im Spiel, um den Kindern eine Chance zu geben diese Situationen zu erleben.


    Und ob wir es wollen oder nicht, sind wir Pädagoge, Erzieher, Richter, Integrationsbeauftragter usw. in einer Person. Und das nicht nur im Kinder- und Jugendfußball (ich gebe dem Jugendspieler mal einen Namen: Ribery - wie würdet ihr nun entscheiden?).

  • Ich stimme der Analyse von Let1612 voll und ganz zu.


    Pädagoge, Erzieher, Richter und Integrationsbeauftragter bin ich zwangsläufig auch, aber das bereitet mir Bauchschmerzen.


    Warum muss ich Erziehungsdefizite unfähiger Eltern ausgleichen?

    Woher nehme ich während des Trainings/der Spielvorbereitung die Zeit dafür her?

    Und noch wichtiger:

    Was befähigt mich dazu?

    Gibt es Kinder die vielleicht unter meiner Art von Erziehung leiden?

  • Meine Beobachtungen gehen dahin, dass ich glaube, dass leider viele Werte verloren gehen...

    Ein paar Beispiele:

    Ich war ganz sicher kein Musterjunge und habe viel Mist gebaut, aber so wie let schrieb, bin ich irgendwie (glaube ich) doch ganz passabel geworden. Natürlich war ich unpünktlich, aber meine Eltern haben auf Pünktlichkeit geachtet. Ich habe gerauft und gestritten, aber meine Eltern haben mit mir darüber gesprochen... Ich habe Party gemacht und gesumpft, aber ich musste trotzdem um 8:00 aufstehen und bei Arbeiten mithelfen...

    Ich habe in der Schule nachsitzen müssen, meinen Eltern habe ich nichts davon erzählt, sonst hätten die noch eine Stunde draufgepackt...


    Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen wird ja heute von vielen Eltern kaum noch vorgelebt. Es sind immer andere Schuld, die Umstände sind Schuld usw.

    Natürlich ärgert man sich, wenn man geblitzt wird. Bin ich zu schnell gefahren? Ja! Interessiert es, dass andere noch schneller gefahren sind, oder dass nach meiner Meinung der Blitzer an einer unnötigen Stelle stand? Nein! Zahlen und gut. Nächstes Mal schlauer sein und angepasst fahren...


    Ich glaube viele von uns könnten diese Liste endlos weiterführen...


    Viele Werte werden heute nicht mehr vermittelt, weil die heutigen Eltern sie selber nicht vermittelt bekamen.


    Ein bisschen weniger Helikopter und ein wenig mehr Vertrauen in Lehrer, Trainer, usw. würde da schon helfen.

  • na ja, ich sehe diese Entwicklungen auch aber sind es alle, die so handeln? Sind es viele? Einige? Wenige?


    Ich glaube, hier kommt es stark darauf an, in welchem Umfeld man selber lebt. Einer im Brennpunkt wird sicher andere Beobachtungen machen als die die im Bionade-Biedermeier zu Hause sind.

    Die schlimmste Tendenz finde ich, dass die Kinder nichts mehr dürfen. Mit dem Fahrrad zum Freund, alleine in die Grundschule oder zum Spielplatz...

    In Zeiten von FB und anderen Onlinemedien wird suggeriert, dass hinter jedem Busch ein Unhold sitzt. Sich davon zu befreien ist schon nicht einfach, allein der Gedanke, dass dem eigenen Kind was passiert ist zu fürchterlich.


    Aber wenn man mal durchzählt, wieviele Kinder an einer normalen Grundschule alleine zu Fuß gehen und wieviele begleitet werden, dann dürfte man bei rund 80% liegen, von denen die dürfen. Die Erstklässer häufig noch begleitet, die Viertklässler eigentlich gar nicht mehr außer die, die außerhalb wohnen und gefahren werden.


    Ich frage mich ja nach wie vor, wo die Kinder nachmittags sind. Gruppen von Kindern, die durch den Stadtteil gehen, sieht man kaum noch. Als ich mitbekam, dass sich mein Sohn nachmittags mit mehreren verabredet hatte sagte ich: "Na, triffst du dich mit deiner Clique?", antwortete er empört: "Nein Mama, so was machen wir nicht" =):/

  • Für mich ist es sehr extrem zu beobachten, das alles -individualisiert- wird. Von der Sache her haben wir einen Mannschaftssport mit vielen Einzelsportlern. Woher kommt das nun? Eine Einstellung ist: Mein Sohn muß die Tore machen. Mein Kind wird ausgwechselt, warum nicht xy. Im ERfolgsfall heißt es: peter du warst heute klasse. (ist ja noch ok, Kinder brauchen Lob aber die Mannschaft wird nicht erwähnt)

    schlimmer noch: Peter du warst heute der beste ;-(((((

    Im Mißerfolg (alles aus Eltern Sicht): Heute waren aber ALLE schlecht. (auch wenn Peter als einziger keinen Meter gelaufen ist). oder noch schlimmer : An DIR hat es nicht gelegen, das Ihr verloren habt.

    Ich höre selten noch: Kopf hoch, gebt gas im Training und nächstes Mal wird es besser. Oder: Der Gegner hat heute wirklich gut gespielt, das muß man anerkennen.

    die Kinder sind heute Ich-AGs, der Aufsichtsrat sind die Eltern, die jedes Fehlverhalten abnicken oder entschuldigen.

    Das es der AG dadurch nicht besser geht, sondern sogar die Chancezur Verbesserung durch Verhaltensänderung genommen wird, ist total egal.

    Wenn man ein Kind heute persönlich anspricht und sagt: Heute war es nicht so gut, Du kannst es besser, versuch mal etwas mehr mitzumachen und mitzulaufen beim nächsten mal. dann erzählt das Kind das gleich seinen Eltern, und da kommt dann: Der Franz ist aber noch weniger gelaufen, dann soll er dem das erstmal sagen.

    (habe ich so ähnlich gehört, nach Spiel einer anderen Mannschaft).

    Da kommt nicht: Der Trainer hat recht, der will dein bestes, Du kannst es ja auch besser,


    Und unter dieser Grundstimmung findet keine gesunde Sozialisation innerhalb einer Mannschaft statt, sondern

    ein ständiges Vergleichen ICH und der Rest.

    Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft (J.P.Satre)

  • Ich sehe diese Entwicklungen auch und ich stelle auch an mir selbst fest, dass ich nicht frei davon bin.


    Mein Sohn geht jetzt in die erste Klasse und erzählt, dass ihn ein Junge gehauen habe. In meinem Kopf spielen sich Szenarien von Mobbing etc. ab und ich muss mich zusammenreißen nicht gleich in der Schule Alarm zu schlagen. Mein Sohn wiederum ist vollkommen unbeeindruckt, hat seiner Lehrerin Bescheid gesagt und damit ist das Thema für ihn erledigt.

    Für mich als Elternteil ist es schön zu sehen wie selbstbewusst und unbeschwert er mit dieser Situation umgeht, ich gebe aber gerne zu, dass es mich im ersten -moment durchaus sehr gejuckt hat dort einzugreifen - vielleicht auch gegen besseres Wissen.


    Wir sind alle die Kinder unserer Generation und auch wenn dieses Forum im Kern aus reflektierten Persönlichkeiten besteht´, sollten auch wir genau das tun was wir von Eltern und Kindern erwarten : Uns selbst weiterhin beobachten und hinterfragen und vor allem nicht davon ausgehen, dass nur unser Weg der richtige sein kann.


    Im Fußball beobachte ich, dass die Eltern eigentlich sehr gerne wollen das ihr Kind sich an Regeln hält und gerade bei Verstößen zu oft selbst eingreifen.

    Mein stärkster Spieler, riss in einem sehr engen Spiel dem gegnerischen Torwart den Ball aus der Hand um schnell die Ecke ausführen zu können. Sofort kam entsetztes Korrigieren der Eltern. Ich fand das harmlos, der Junge ist extrem ehrgeizig, er wollte gewinnen und er hat keinesfalls den Gegner angegangen, er wollte nur schnell weitermachen.

    Was soll man daran korrigieren?

    Ich habe manchmal das Gefühl, dass die Eltern ihre "Erziehungsleistung" an einem möglichst makellosen Verhalten ihrer Kinder messen. Aber wo sollen die Jungs sich denn noch austoben wenn schon auf dem Sportplatz jede Kleinigkeit gerügt wird?