Negative Seiten der Talentförderung??

  • Chris Ist es denn überhaupt an uns Trainern hier einen Rat auszusprechen? Natürlich kennen wir die Spieler oft schon länger und haben daher vielleicht auch eine Meinung zur Entwicklung abseits des Platzes. Aber diese Einschätzung und das Wissen liegt doch in erster Linie beim privaten Umfeld.


    Ich denke wir können nur das sportliche beurteilen und über die Rahmenbedingungen bzw. den erforderlichen Aufwand aufklären. Einen Rat auszusprechen dazu sehe ich mich aber nicht in der Lage. Wenn ich denke das der Spieler "sportlich" das Zeug hat kann ich Ihm eine Möglichkeit aufzeigen. Die Abwägung liegt aber nicht bei mir.

    Unterstützen können wir vielleicht noch mit der Tatsache das wir immer als "Backup" bereit stehen sollte es nicht klappen. Ob dies dann eine Option ist oder nicht liegt dann allerdings nicht in unserem Bereich.


    Gruß

    Torsten

    "Im KiFu gillt: Nicht das Training ist die Vorbereitung auf das Spiel, sondern das Spiel ist die Fortführung des Trainings."

    - (Quelle: unbekannt)

  • Trotzdem gebe ich Dir Recht, dass viele NLZ körperlich starke Spieler bevorzugen.

    Aktuell ist das wohl bei den meisten NLZ so. Allerdings zeigt ja die anhaltende Diskussion "Wir brauchen wieder mehr Fummler", dass hier ein Umdenken einsetzen könnte. Bis dies in den ältesten Jahrgängen ankommt, wird es allerdings ein paar Jahre brauchen.

    Einen Grund für das Bevorzugen körperlich starker Spieler sehe ich in dem Leistungsdruck der NLZ. In den obersten Ligen geht es für U 15, U 17 und U 19 vielfach um den Klassenerhalt. Da ist es leider häufig nahe liegend, auf Spieler zu setzen, mit denen man die Klasse eher hält. Bei U 17 und U 19 ist es in manchen Jahren so, dass fast die halbe Staffel gegen den Abstieg spielt.

    Wenn man sein Studium mit Fußball in der 4. oder 5. Klasse verdienen kann, ist das doch auch nicht schlecht.

    In der 4. Liga "nebenbei" zu studieren dürfte nur noch in Ausnahmefällen funktionieren. Sicher gibt es Spieler, die pro forma an der Uni eingeschrieben sind, allerdings spielt das Studium eher die 2. Geige. Kenne jemanden persönlich, bei dem es so war.

    Das Aufwand in Liga 4 ist bei den ambitionierten Mannschaften schon fast Vollzeit.

    Ich denke, wir alle sollten beim Thema Talentbeurteilung nicht den Profibereich im Kopf haben. Wenn wir ein bis zwei Nummern kleiner denken, bleiben wir in unserem Kompetenzbereich.
    Nach 10 Jahren im Kleinfeldbereich, kann ich halbwegs beurteilen, wer Chancen auf den U12-Stützpunkt hat und wer vermutlich eine Anfrage vom benachbarten NLZ bekommt. Mehr nicht. Alles, was darüber hinausgeht, ist für die meisten von uns Kaffeesatzleserei.

    Da bin ich vollkommen bei dir. Wie kann man beurteilen, was man nicht kennt? Wer nie selbst im Profibereich gespielt oder trainiert hat, kann überhaupt nicht einschätzen, welchen Entwicklungsstand ein Spieler im Alter von xy Jahren haben sollte. Im besten Fall hat man schon einmal einen Spieler trainiert, der es dann in diesen Bereich geschafft hat. Dann kann man zumindest sagen, dieser Spieler hatte im Alter xy diesen Stand und möglicherweise kann ein Spieler mit ähnlichem Stand eine vergleichbare Entwicklung nehmen. Mehr auch nicht.

    Finde es deshalb immer amüsant, wenn Personen ohne Erfahrungswerte einem Kind oder dessen Eltern die große Karriere voraussagen.

    Um Profi zu werden, muss man also mit 12, 13, 14 alles diesem Ziel unterordnen - hat aber trotzdem nur eine verschwindend geringe Chance, dort anzukommen.

    ... und dann versuchen sie mit 17 oder 18 Jahren ihre "Jugend" nachzuholen... Kenne da ein paar Beispiele, die zweifellos genug Talent hatten, um in Liga 5 oder 6 anzukommen, dann aber lieber feiern gingen und mit Anfang 20 mit dem Fußball aufgehört haben oder heute irgendwo in der Kreisliga kicken.

  • totog

    Ich werde gefragt. Ungefragt würde ich meine Meinung nicht kundtun, das ist normal Entscheidung der Eltern/Familie.


    Grätsche

    Genau der Punkt, mit dem ich mich schwer tue. Rate ich so einem Spieler, bei uns zu bleiben, ist die Tür in den Profibereich zu. Wechselt er zu einem NLZ, hält er sie zumindest eine Weile offen. Zu welchem Preis? Finde ich sehr schwierig.

  • Genau der Punkt, mit dem ich mich schwer tue. Rate ich so einem Spieler, bei uns zu bleiben, ist die Tür in den Profibereich zu. Wechselt er zu einem NLZ, hält er sie zumindest eine Weile offen. Zu welchem Preis? Finde ich sehr schwierig.

    Ich handhabe es so, dass ich Kind und Eltern die Optionen aufzeige, ggf. die Pro´s und Contra´s, die ich einschätzen, in die Diskussion einwerfe, aber letztlich keine Empfehlung abgebe.

    Vor kurzem hatte ich wieder einen Spieler, der im NLZ zur Probe mittrainiert und mitgespielt (Leistungsvergleiche, Testspiele) hatte. Die Eltern kamen dann auf mich zu und wollten meine Meinung zu einem Wechsel hören. Im Gespräch berichteten sie dann von einigen Bauschmerzen, weil wohl das ganze "Drumrum" doch nicht so war, wie sie sich das vorgestellt hatten und das Kind sich auch nicht richtig wohl fühlte.

    Ich habe dann einen Wechsel zu einem anderen Verein ins Spiel gebracht. Dort ist der Spieler dann auch hingewechselt. Die Rahmenbedingungen passen dort sehr viel besser, Kind und Eltern fühlen sich wohl. Es war letztlich ihre Entscheidung.

  • Der Meinung bin ich auch: Man kann die div. Möglichkeiten aufzeigen ohne einen echten Rat zu geben. Wenn man sich etwas mehr aus dem Fenster lehnen will, könnte man formulieren, was man selber machen würde. Aber eine Satz wie: "Macht am besten dies oder jenes" würde ich nicht formulieren.

  • Interessante Diskussion,

    nicht verwunderlich ist die Tatsache, dass wieder mal hauptsächlich die neg. Aspekte beschrieben werden.

    Es ist richtig, dass das Kind und meist dann in Folge auch die Eltern vieles (ausser der Schule) dem "Hobby" unterordnen müssen, zumindest on NLZ-und ambitionierten Vereinen.

    Positiv sehe ich: Fokussierung, Leistungsbereitschaft, Oragnisation, hohe physische und psychische Belastbarkeit, Sozialkompetenz, kein Drohenkonsum (Alkohol, Rauchen)

    Negativ: Freizeitgestaltung oft nur mit Gleichgesinnten

    Natürlich muss ab einem gewissen Alter alles (ausser der Schule) dem eigentlich schon nicht mehr Hobby untergeordnet werden.

    Mein Sohn (15 letztes Quartal) hat bis dato folgenden Werdegang: Dorfverein (3,8 J), Stadtverein (5), ambit. Verein (7) NLZ 11), zusätzlich Verbandsauswahl und akt. U16 NM (3 Einsätze)...Wenn man ihn fragen würde was negativ wäre..käme vermutlich: manchmal etwas stressig...aber er vermisst in keinster Weise das "normale" Leben eines Teenagers.


    DTV

  • ...

    Einen Grund für das Bevorzugen körperlich starker Spieler sehe ich in dem Leistungsdruck der NLZ. In den obersten Ligen geht es für U 15, U 17 und U 19 vielfach um den Klassenerhalt. Da ist es leider häufig nahe liegend, auf Spieler zu setzen, mit denen man die Klasse eher hält. Bei U 17 und U 19 ist es in manchen Jahren so, dass fast die halbe Staffel gegen den Abstieg spielt.


    ...

    Dazu: http://www.bfv.de/cms/spielbet…verbandsligen_226897.html...


    Bezirksjugendleiter Thomas Zankl aus Mittelfranken stand für Fragen zur Aufstockung der Verbandsligen im Juniorenbereich zur Verfügung.

    Die Bayern- und Landesligen fassen demnach in Zukunft 14 statt der bisherigen zwölf Mannschaften. Dies hat auch Auswirkungen auf die Ligen darunter.

    Zitat:
    Thomas Zankl: Hier kommt man dem Wunsch der Vereine entgegen. Vor allem die BFV-Nachwuchsleistungszentren (und hier federführend die SpVgg Bayreuth als Antragssteller) wünschen sich eine Aufstockung, da bis zu vier mögliche Absteiger aus den Zwölfer-Ligen für eine gezielte Talentförderung zu viel sind. Nach deren Argumentation kann man die Talente nicht fördern, wenn über die Hälfte einer Liga gegen den Abstieg spielt und das primäre Ziel der Klassenerhalt sein muss (da sonst die Talente den Verein wechseln).

  • Nachdem hier das Thema bevorzugung köperlich starker Spieler aufkam hab ich mir mal die Mühe gemacht und den gestrigen Kader der Rhein Nekar Löwen (Handball) durchgesehen. Genau zwei Spieler unter 1,80m und alle anderen eher weit darüber.


    Auch Handball würde ich nun als "Volkssport" bezeichnen, aber in der Spitze spielen genetische Dinge eben auch eine Rolle. Ansonsten hilft nur noch "überdurchschnittliches Können". Und auch wenn wir nicht Handball Diskutieren spielen wird doch einen oft genannten Kontaktsport. Gerade in der Box benötigt man hier eben sowohl offensiv als auch defensiv eine gewisse Physis und damit bleiben im Kader einfach weniger Plätze für kleine oder leichtere Spieler. Zusätzlich haben diese Spieler bei "früher Entwicklung" in den Altersklassen im Bereich der C/B-Jugend häufig enorme Vorteile in Reichweite und Physis was Sie wohl zusätzlich oben raus spült.

    All das nun auf "Abstiegskampf" in den Spielklassen zu reduzieren ist wohl etwas zu kurz gegriffen.


    Mit Blick auf die Torhüter sagen wir in den jungen Jahren Sie müssen am besten alles lernen da man ja nicht weiß ob nicht ab der C-Jugend körperliche Nachteile eine weitere TW Kariere verhindern. Hier ist es wohl ganz normal.

    Bei den Feldspielern allerdings wehren wir uns nun Spielern aufgrund von ihrer Physis vom Wechsel in ein NLZ abzuraten. Ich denke jedoch das man diesen Spielern sehr wohl aufzeigen sollte das es aufgrund der Anlagen von Mama und Papa durchaus schwieriger werden kann. Da allerdings neben diesem Punkt auch Dinge wie Lernwille, Talent und Ehrgeiz eine große Rolle spielen würde ich den Spieler trotzdem ermutigen.


    Gruß

    Torsten

    "Im KiFu gillt: Nicht das Training ist die Vorbereitung auf das Spiel, sondern das Spiel ist die Fortführung des Trainings."

    - (Quelle: unbekannt)

  • Bei den Volleyballern gibts den Satz: "Man bekommt die Großen schnell aber die Kleinen nicht groß"

    Es wird ja auch kein 1,90m - Mann Jockey für die Weltspitze.


    Aber wenn wir über Talentförderung reden dann sollte man doch nicht nur den Profi/Spitzensport sehen sondern auch die Klassen zwischen Bundesliga und Kreisklasse A. Da ist ja auch noch ne Menge Platz, wo man mit etwas Anspruch, geringerem zeitlichen Aufwand und hoffentlich dennoch viel Spaß was reißen kann.


    Rein statistisch müsste es ja gut sein, möglichst viele Kinder zu fördern um die Basis möglichst breit zu bekommen. Und da kann und sollte ja nicht zwingend eine Profikarriere im Raum stehen. In kaum einer Sportart ist die Fixierung auf den Profibereich so riesig. In den meisten anderen Sportarten kommt man ja nicht mal auf die Idee, damit Geld verdienen zu können. Da ist man froh, wenn man halbwegs die Kosten gedeckt bekommt.

  • Das durchschnittlich kleinste team bei der em Endrunde 2016 waren die Spanier mit 1,80.


    https://www.ran.de/fussball/eu…ssten-bzw-kleinsten-teams


    Viele Teams - u.a. Frankreich und Portugal 1,81.


    Ich denke wenn der Durchschnitt so liegt, dann ist es schon auch möglich für Leute mit Durchschnittsgröße erfolgreich zu sein. Da sind dann schon viele dabei in den 1,70ern. Das Problem scheint also eher am Nicht-Abstiegsdruck der NLZ zu liegen als in dem was tatsächlich oben ankommt.

  • ch denke jedoch das man diesen Spielern sehr wohl aufzeigen sollte das es aufgrund der Anlagen von Mama und Papa durchaus schwieriger werden kann

    Damit würde ich mich aber extrem schwer tun soetwas zu einem Spieler zu sagen. Ich bin kein Experte, der nur weil er mal was von RAE oder ähnlichem gehört hat, dahingehend dem Kind einen Hinweis geben würde. MAn beeinflußt damit vllt. mehr als man (gutgemeint) möchte. Wir haben im Verein einen Jungen der im Alter von 13 ins NLZ eines 2 Ligavereins gewechselt ist. ER ist körperlich da sicherlich einer der -schwächeren- und kleineren ohnehin. Spielt aber regelmäßig. (Im Training kann er auch gut mithalten, habe es mir anschauen dürfen, da ich da eine Hospitation bei der U10 machen durfte, und die U14 im Anschluß trainierten)

    Die Anlagen von Mama und Papa zu erwähnen ist übrigens ohnehin zweifelhaft. Da sollte man dann auch die Großeltern mit hin zuziehen ;-)

    Ich denke man kann höchstens mit den Eltern sprechen und Ihnen allg. Vor-und Nachteile wertfrei aufzählen. Einem Kind schonmal im vorhinein mögliche Schwierigkeiten aufzuzeigen halte ich mal für grundsätzlich falsch (Stichwort : self-fulfilling Prophecy), auch wenn es sicherlich gut gemeint ist

  • Hallo,

    ein Jahr Ortsverein, dann zwei Jahre Stadtverein (Oberliga BW), da als 2002 bei den 2001. Bis dieser Verein meinte der Jahrgang wäre so gut, dass er geschlossen in einer älteren Jahrgangsstaffel spielen kann. das wäre für meinen Sohn dann fast 3 Jahre Unterschied gewesen. Das ist zuviel. Deshalb wegen Bekanntschaft zu einem Trainer Wechsel zu einem amb. Verein (Regionalliga), damals ohne NLZ). Dort 4 Jahre, bis dann diverse NLZ -Vereine (KSC, TSG1899 VfB) auf uns zukamen und auch der SP-Trainer sagte, dass mein Sohn den nächsten Schritt wagen könne. Der damalige U12 Trainer A. Hinkel machte uns dann den Wechsel zum VfB schmackhaft Ist jetzt schon 4 Jahre dort, lebt mittlerweile im Internat, obwohl Entfernung nach hause nur 40 Km.


    DTV

  • nicht verwunderlich ist die Tatsache, dass wieder mal hauptsächlich die neg. Aspekte beschrieben werden.

    In meinem Statement ging es mir nicht darum, bewusst negative Aspekte zu beleuchten, als vielmehr darum, realistisch von Erfahrungen zu berichten.

    Ich freue mich wirklich für dich und deinen Sohn, wenn es bei ihm so gut läuft. Ganz ehrlich. Und ich finde es auch toll, wenn jemand wie du von deinen Erfahrungen berichtest. Davon lebt dieses Forum, viele verschiedenen Erfahrungen, viele unterschiedliche Sichtweisen.

    Nach meinen Erfahrungen stellt dein Sohn das eine Ende des Spektrums dar, nämlich das positive.

    Eine weitaus größere Zahl von Spielern, wird aber wohl eher das andere Ende erreichen.

    Gegenwärtig gibt es 42 B-Juniorenbundesligamannschaften. Das dürften dann rd. 840 Spieler sein.

    Soweit ich weiß, gibt es in Deutschland 55 anerkannte NLZ. Somit spielen mindestens 13 NLZ keine Bundesliag, d.h. es kommen noch mal rd. 260 Spieler dazu. Es spielen also rd. 1100 Spieler in B-Juniorenmannschaften der NLZ.

    U 16 und U 17 Nationalmannschaft haben zusammen einen Kader von rd. 20 Spieler. Grob vereinfacht schaffen es aus den NLZ damit 3,6 % der Spieler in die U Nationalmannschaft. Ein weiter Weg.