Taktik vorzeitig vermittelt – oder: Warum Kinder vieles von selbst lernen

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  • “Taktik vorzeitig vermittelt – oder: Warum Kinder vieles von selbst lernen”

    Meine These: Wir überfordern junge Spieler:innen oft mit taktischen Konzepten, bevor sie entwicklungspsychologisch bereit dafür sind. Statt Passspiel in der F-Jugend oder Raumdeckung in der D-Jugend zu drillen, sollten wir geduldig den natürlichen Lernprozess abwarten. Studien zeigen, dass Kinder motorische und kognitive Fähigkeiten in ihrem eigenen Tempo entwickeln – ähnlich wie beim „Sauberwerden“: Kein Kind lernt es durch ständiges Ermahnen, sondern wenn sein Gehirn und Körper bereit sind.


    Beispiel aus dem Fußball: Ein 8-jähriger, der heute nicht „richtig“ passt, wird mit 10 oder 12 Jahren plötzlich intuitiv die richtigen Entscheidungen treffen – ohne dass wir es ihm vorher einbläuen mussten. Unsere Ungeduld als Trainer:innen führt oft dazu, dass wir Spielfreude durch Struktur ersetzen, bevor die Kinder die Grundlagen verinnerlicht haben.


    Ein konkretes Beispiel aus meiner letzten Saison: Bei einer U14 im leistungsorientierten Bereich (3x Training/Woche, 90% Montags-Stützpunkt) haben wir wochenlang an guten Läufen hinter die Abwehrkette gearbeitet: Auslöser, Augenkontakt, Kommunikation, Laufwege. Doch in freien Spielformen oder im Spiel selbst klappte es einfach nicht. Während dieser frustrierenden Phase hatten unsere Stürmer sogar oft keine Lust mehr, ganz vorne zu spielen, weil sie unsere Anforderungen nicht umsetzen konnten. Doch Mitte der Rückrunde – plötzlich war es da. Ein Stürmer machte den ersten Lauf, die Woche darauf der zweite, dann der dritte, und plötzlich funktionierte es im gesamten Team. Man könnte sagen: „Ja, weil wir konsequent dran geblieben sind.“ Doch mein Eindruck ist: Es war entwicklungspsychologisch soweit. Der natürliche Lernprozess setzte ein – und erst dann konnte der Input aus dem Training wirken. Und das Schönste: Als es klappte, waren die Jungs wieder begeistert, hatten Freude am Spiel und Lust, im Training an Details zu arbeiten.


    Frage an euch: Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Wann habt ihr gemerkt, dass bestimmte Konzepte „von selbst“ kamen – und wann war frühe Vermittlung tatsächlich sinnvoll?

    Kann man es schaffen, im Training immer das Thema zu bedienen, zu dem das "Lernfenster" besonders offen steht? Dazu müssten man einen Schritt weg von einer Jahresplanung und viel mehr in die Mannschaft reinhören, oder? Ich bin gespannt, was Ihr denkt.

  • Ich kann mal meine Erfahrungen mitteilen, die ich - nun im 4.Jahr als Trainer/Papatrainer einer durchschnittlichen U10 im Breitensport bisher gemacht habe.

    Ich habe eine Mischung aus leistungsorientierten eingestellten U9-Kids, die raufspielen um gefordert/gefördert zu sein, und 'normalen' U10-Kids, die brav ins Training gehen und gerne spielen, aber es für den Trainer der 1. Mannschaft aus verschiedensten kognitiven oder physischen Gründen nicht reicht.


    Ich orientiere mich im Training nach der Mannschaft und coache ziemlich wenig im Vergleich zu anderen. Ich gestalte die Übungen so, dass ich mittels Stationen/Gruppenaufteilung verschiedene Grundlagen erübe/erspiele und nur Grundprinzipien mitgebe oder nur bei komplett groben Fehlern stoppe und nochmal mit neuer Erklärung probiere.

    Es zeigt sich für mich in dieser Altersklasse gerade, dass sich fast alle Kinder, bei denen Fussball Hobby Nummer 1 ist, verbessern, weil sie das Spiel an sich besser verstehen und permanent Fussball spielen/schauen/nachahmen.

    Meinen Beitrag sehe ich in der Gestaltung einer Umgebung, wo die Kids gern hingehen und ein altersgerechtes Training bekommen. Das genetische Programm jedes einzelnen und die Beschäftigung mit Fussball im privaten Bereich bedingt eine gewisse Heterogenität im Entwicklungsstand, die ich in Wahrheit nicht ändern kann.

    Im Herbst hatte ich in meinem damals 13-Kinder-Kader 4 Kinder, mit denen ich vom Können und Spielverständnis zufrieden sein konnte, der Rest hat gern gespielt, war aber kognitiv "unreif" und hab auch ergebnismäßig wirklich heftig auf die Rübe bekommen. Ich hab meine Art des Trainings und das Positionsrotieren nicht umgestellt, dennoch spielten manche Kids im Winter in der Halle plötzlich deutlich schneller und intelligenter. Nach Zugang der leistungsorientierten U9-Kids nach der Halle hat sich eine Dynamik entwickelt, dass plötzlich fast alle einen Schub nach vorne gemacht haben und die Mannschaft aus einer überforderten zweiten Mannschaft eine Mannschaft wurde, die gegen viele erste Mannschaften aus der Umgebung die Mehrzahl der Spiele die bessere Mannschaft ist.

    Da ich nichts geändert habe, führe ich das auf das natürliche Programm der Kids in der kognitiven Entwicklung zurück und nicht an meiner Trainingsmethodik oder gar detailliertes Coaching mit Taktikvorgaben.

  • Ein konkretes Beispiel aus meiner letzten Saison: Bei einer U14 im leistungsorientierten Bereich (3x Training/Woche, 90% Montags-Stützpunkt) haben wir wochenlang an guten Läufen hinter die Abwehrkette gearbeitet: Auslöser, Augenkontakt, Kommunikation, Laufwege. Doch in freien Spielformen oder im Spiel selbst klappte es einfach nicht. Während dieser frustrierenden Phase hatten unsere Stürmer sogar oft keine Lust mehr, ganz vorne zu spielen, weil sie unsere Anforderungen nicht umsetzen konnten. Doch Mitte der Rückrunde – plötzlich war es da. Ein Stürmer machte den ersten Lauf, die Woche darauf der zweite, dann der dritte, und plötzlich funktionierte es im gesamten Team. Man könnte sagen: „Ja, weil wir konsequent dran geblieben sind.“ Doch mein Eindruck ist: Es war entwicklungspsychologisch soweit. Der natürliche Lernprozess setzte ein – und erst dann konnte der Input aus dem Training wirken. Und das Schönste: Als es klappte, waren die Jungs wieder begeistert, hatten Freude am Spiel und Lust, im Training an Details zu arbeiten.

    Das es in verschiedenen Altersphasen verschiedene Entwicklungen gibt, liegt in der Natur der Sache. Generell sind Lernprozesse aber auch in implizite und explizite Vermittlung zu unterteilen, und grob in ablauf- oder handlungsorientiertes Training. Hoher Fokus auf ablauforientiertes Training ist schwierig in handlungsorientiertes Verhalten in Spielen umzusetzen, da die Abläufe ein kompliziertes System darstellen, ein Spiel aber immer Komplex ist.

    Auslöser, Augenkontakt, Kommunikation, Laufwege sind m.e. Punkte die implizit vermittelt werden sollten. D.h. nicht in Abläufen sondern in Spielformen, die in Setting und Design dieses Verhalten einfordern. Das vllt. zuerst in reinen Mindsetting Formen, also ohne Spielrichtung. Im konkreten Beispiel sind für Läufe hinter die Kette auch Sachen wie Raumverständnis etc. etc. notwendig. Das vermittele ich aber zuerst in entstehenden Räumen unter Raum/Zeit/Gegnerdruck, damit die Notwendigkeit (hier der Raumbesetzung/Tiefenlauf) bewußt wird (Spieler erkennt Nutzen, nutzt Erkenntnis)

    D.h. wenn ich zuerst Abläufe trainiere ohne das Grundgerüst an Verständnis, klappt der Ablauf an sich vllt. top. Es ist ja auch immer der gleiche. In komplexen Situationen habe ich dann aber zu viele Variable.

    Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft (J.P.Satre)

  • Das es in verschiedenen Altersphasen verschiedene Entwicklungen gibt, liegt in der Natur der Sache. Generell sind Lernprozesse aber auch in implizite und explizite Vermittlung zu unterteilen, und grob in ablauf- oder handlungsorientiertes Training. Hoher Fokus auf ablauforientiertes Training ist schwierig in handlungsorientiertes Verhalten in Spielen umzusetzen, da die Abläufe ein kompliziertes System darstellen, ein Spiel aber immer Komplex ist.

    Auslöser, Augenkontakt, Kommunikation, Laufwege sind m.e. Punkte die implizit vermittelt werden sollten. D.h. nicht in Abläufen sondern in Spielformen, die in Setting und Design dieses Verhalten einfordern. Das vllt. zuerst in reinen Mindsetting Formen, also ohne Spielrichtung. Im konkreten Beispiel sind für Läufe hinter die Kette auch Sachen wie Raumverständnis etc. etc. notwendig. Das vermittele ich aber zuerst in entstehenden Räumen unter Raum/Zeit/Gegnerdruck, damit die Notwendigkeit (hier der Raumbesetzung/Tiefenlauf) bewußt wird (Spieler erkennt Nutzen, nutzt Erkenntnis)

    D.h. wenn ich zuerst Abläufe trainiere ohne das Grundgerüst an Verständnis, klappt der Ablauf an sich vllt. top. Es ist ja auch immer der gleiche. In komplexen Situationen habe ich dann aber zu viele Variable.

    Die Begriffe ablauf- und handlungsorientiertes Training kannte ich bisher nicht, gefallen mir aber gut.


    Inhaltlich bin ich auch voll bei Dir. Ich denke, dass es viel nachhaltiger ist, Spielern Prinzipien - die Fähigkeit in komplexen Situationen angemessen zu handeln - beizubringen, statt feste Abläufe.


    Ich denke auch, dass Auslöser, Augenkontakt, Kommunikation, Laufwege, usw. auf jeden Fall von den Spielern erfahren und ausprobiert werden müssen. Ich versuche allerdings schon die Verbindung zwischen implizit und explizit herzustellen, indem wir unser Training immer wieder einordnen, durch Fragen an die Spieler: "Was war in der Spielform wichtig?" "Wo kommt das auf dem Feld vor?" "In welcher Situation können wir das im Spiel nutzen?"


    Meine Eingangsthese, würde ich aber aufrecht erhalten. Es funktioniert nicht besonders gut und ist überaus mühsam und verschwendet unglaublich viel Zeit, etwas vermitteln zu wollen, zu dem die Spieler entwicklungspsychologisch noch nicht bereit sind. Und zwar unabhängig von der Trainingsmethodik.

    Trotzdem passiert es uns Trainer:innen viel zu oft (zumindest mir), dass wir jetzt unbedingt den nächsten Schritt machen wollen, weil das unser Spiel soviel besser machen würde. Und da finde ich es schwer mich zurückzunehmen und zu akzeptieren, dass meine Spieler halt noch nicht so weit sind.


    Vielleicht mache ich auch gerade einfach nur die Erkenntnis, dass es kein Zeichen dafür ist, dass ich ein besonders toller Trainer bin, wenn meine Mannschaft schon früh taktisch fancy Sachen macht, sondern eher ein Zeichen, dass ich im Training die falschen Inhalte trainiert habe... :/

  • Um auf Deine Überschrift einzugehen, ich glaube das Taktik oft viel zu früh vermittelt wird. Gerade in den unteren Jugenden wird meiner Meinung viel zu viel Wert darauf gelegt. Derzeit sehe ich perfekt einstudierte Spielzüge in der E-Jugend. Auf Nachfrage wurden diese über Wochen einstudiert.

    Ja, Kinder lernen vieles von alleine. Ich bezweifle aber, dass Taktik da wirklich alleine gelernt werden kann. Da müsste man sich schon im Detail damit beschäftigen.

    Viel schlimmer finde ich, dass oft die Technik für die Taktik fehlt. Und wenn Plan A nicht funktioniert, ist oft kein Plan B da.

    Den Hinweis mit dem in die Mannschaft hineinhören finde ich gut. Muss ich auch wieder mehr machen.

    Derzeit beobachte ich, dass die Kids die körperlich unterlegen waren, die körperlich überlegenen überholen. Und zwar extrem. Da muss ich leider sagen, dass einige nicht von alleine lernen. Wahrscheinlich haben die es bis jetzt ,durch die körperliche Überlegenheit, einfach nicht nötig gehabt.

    Ich weiß nur nicht, wie man die Kids packen kann...

  • Aus meinem Studium ist mir ein Satz im Gedächtnis geblieben der Jean-Jacques Rousseu zugeschrieben wird: Erziehung gibt Kindern nichts, was sei nicht schon von sich aus hätten, nur vielleicht etwas früher.

  • Hallo, ich mische mich hier mal mit einer vielleicht etwas abweichenden Meinung ein.

    Ich habe in meiner Zeit als E-Jugend Trainer tatsächlich schon sehr früh damit begonnen den Kindern taktische Grundregeln beizubringen. Besser gesagt, war es eher Positionsspiel und Laufwege ohne Ball. Warum? Weil im 7vs7 permanemt 13 Kinder ohne Ball unterwegs sind und da war es mir wichtig, dass zumindest die 6/7, für die ich als Trainer verantwortlich bin, etwas sinnvolles mit ihrer Zeit anfangen. Im Training haben wir dafür nur wenig Zeit investiert. Aber vor JEDEM Spiel habe ich für jede Position vier Laufwege (für Angriff/Gegenangriff über Links/Rechts) vorgegeben. Ab Mitte der Saison konnten die Kids diese Wege in der Besprechung vor dem Spiel auch ohne mich "aufsagen". Und auch im Spiel hatten wir, für eine E-Jugend, stets eine gute Raumaufteilung. Was für mich aber viel wichtiger war, wir konnten als Mannschaft zusammenspielen, weil alle stets Positionen besetzt waren, jede/r wusste, was er/sie zu tun hat und was seine Mitspieler/innen machen. Für mich ein klarer didaktischer Vorteil gegenüber anderen E Jugend Mannschaften, in denen zwei technisch hervorragende Spieler/innen 10 Tore pro Spiel erzielen und die anderen meinen, sie hätten auch mitgespielt (und gewonnen) nur weil sie auch auf dem Platz standen (und zufällig dasselbe Trikot anhatten).


    PS: Ich sehe mir regelmäßig Kreisliga Herrenfußball an. Da sieht man dann einen dieser beiden tollen Techniker (der andere hat aufgehört) aus mehreren Jahrgängen. Alles gute Kicker, solange sie den Ball am Fuß haben, aber dass Fußball ein Mannschaftssport ist, bei dem Taktik eine wichtige Rolle spielt, ist bei meiner E Jugend eher zu erkennen.

  • Alles gute Kicker, solange sie den Ball am Fuß haben, aber dass Fußball ein Mannschaftssport ist, bei dem Taktik eine wichtige Rolle spielt, ist bei meiner E Jugend eher zu erkennen.

    Was dann allerdings eher dem Trainer der Aktiven anzulasten ist als denjenigen Jugendtrainern, die die einzelnen Kinder zu guten Fußballern entwickelt haben.

  • Wenn ich bezüglich einer E Jugend etwas über -einstudierte Spielzüge- und vorgegebene Laufwege lese, frage ich mich ernsthaft, welches Ausbildungsziel dahinterstecken mag. Ich bezweifele das den Kids hier die Grundlage vermittelt wird, um später unter großem Raum, Zeit, Gegnerdruck die richtigen, situativen Entscheidungen zu treffen. Stichwort u.a. Handlungs-und Aktionsschnelligkeit.

    Das es aber nach einer Zeit gegen andere Mannschaften sogar erfolgreich ist, davon bin ich auch überzeugt.


    Ich habe in meiner Zeit als E-Jugend Trainer tatsächlich schon sehr früh damit begonnen den Kindern taktische Grundregeln beizubringen

    Was sind das denn konkret für taktische Grundregeln? Meinst Du damit die vorgegebenen Laufwege?

    Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft (J.P.Satre)

    Einmal editiert, zuletzt von Trainer E ()

  • Trener - wenn jemandem im Herrenbereich die technischen Grundlagen fehlen, trägt der Jugendtrainer aus meiner Sicht eine Mitschuld (80%). Gilt das nicht in abgeschwächter Form (30%) wenn taktische Grundlagen fehlen (z.B. die Taktische Grundlage, dass sich auch die Spieler ohne Ball bewegen sollten)


    Trainer E - hier ein konkretes Beispiele (System 231): Wenn wir über links angreifen, rückt der linke Verteidiger mit auf. Rechter Verteidiger rückt ins Zentrum und bleibt letzter Mann, Stürmer und rechtes Mittelfeld besetzen den Strafraum (ldealerweise am kurzen und langen Pfosten, mit genug Abstand zum Tor um Einlaufen zu können), 6er lauert auf den Distanzschuss. Ähnliche Vorgaben gab es auch für wir greifen über rechts an/verteidigen auf links/rechts.


    Zielsetzung: Alle Spieler (auch die ohne Ball) haben eine Aufgabe bzw. die Chance sich am Spiel zu beteiligen. Sie ziehen entweder einen Gegner auf sich oder bekommen sogar den Ball. Moritz spielt nicht immer nur auf Max sondern hat zahlreiche Alternativen, wenn Max gedeckt ist.


    Natürlich klappt das nicht immer so. V.a. weil wir uns im Training auf Technik konzentriert haben. Aber es gibt zumindest einen Plan, wie es klappen könnte.


    Und noch ein Argument: wenn ein Kind nicht das Talent der Beatles (eines Thomas Müller) hat, hilft es vielleicht, erstmal eine Tonleiter (diese taktischen Grundzüge) zu lernen, bevor es das erste Impro-Solo raus haut.


    let1612 - trotz fallender Popularität ist Disziplin oder das Einhalten von Regeln durchaus etwas, das ich mit Hilfe des Mannschaftssport Fußball vermitteln will. Für die Kids habe ich das etwas populärer immer so formuliert: "es wird immer die Mannschaft gewinnen, deren Spieler die höhere Bereitschaft haben, die Fehler ihrer Mitspieler auszubügeln".

  • Meine Erfahrung in mittlerweile fast 15 Jahren als Trainer sind, dass man bis zur D-Jugend, oder besser gesagt, dem Großfeld, eigentlich kaum Zeit für taktische Abläufe verschwenden sollte.


    Die Kinder sollten sich mit der Verbesserung ihrer individuellen Technik beschäftigen. Du gibst als Trainer den Rahmen dafür vor, erklärst verständlich und geduldig und gibst vor allem Spielformen vor, indem die Kinder viele Ballkontakte, viel Bewegung und viel Erfolgserlebnisse in Form von Toren haben.


    Ab der C-Jugend und dem Großfeld ändert sich der Fußball signifikant. Die Kinder merken selbst, dass reine individuelle Klasse häufig nicht mehr reicht, das Team als Mannschaft funktionieren muss mit all ihren Bestandteilen.


    Und hier wirst du insbesondere bei Breitensportvereinen große Unterschiede im Fußballverständnis beobachten können.

    Da hast du die fussballbegeisterten Kids, die Fußball regelrecht suchten und auch Spiele im TV schauen, auf der PS spielen und sich auch sonstwie für Fußball interessieren. Diese haben meist einen großen Vorsprung im Fußballintellekt gegenüber den anderen Spielern.


    Sie verstehen den Sinn von taktischen Abläufen, können dies auch schnell umsetzen, coachen ihr Team auch aktiv auf dem Platz und werden sich jetzt auch in großer Geschwindigkeit mit dem richtigen Training weiterentwickeln.


    Die weniger interessierten Jugendlichen spielen Fußball meist weiter instinktiv ohne häufig den Sinn ihrer Aktionen zu hinterfragen. Sie handeln dadurch häufig taktisch fragwürdig und nicht immer ergebnisorientiert sondern eher situativ.


    Hier musst du stark aufzeigen, erklären usw. Auch mit Hilfsmitteln wie Taktikboards, Videoaufzeichnungen etc. Für diese Kids ist der Sinn nicht automatisch klar.

  • hier ein konkretes Beispiele (System 231): Wenn wir über links angreifen, rückt der linke Verteidiger mit auf. Rechter Verteidiger rückt ins Zentrum und bleibt letzter Mann, Stürmer und rechtes Mittelfeld besetzen den Strafraum (ldealerweise am kurzen und langen Pfosten, mit genug Abstand zum Tor um Einlaufen zu können), 6er lauert auf den Distanzschuss. Ähnliche Vorgaben gab es auch für wir greifen über rechts an/verteidigen auf links/rechts.


    Zielsetzung: Alle Spieler (auch die ohne Ball) haben eine Aufgabe bzw. die Chance sich am Spiel zu beteiligen. Sie ziehen entweder einen Gegner auf sich oder bekommen sogar den Ball. Moritz spielt nicht immer nur auf Max sondern hat zahlreiche Alternativen, wenn Max gedeckt ist.


    Natürlich klappt das nicht immer so. V.a. weil wir uns im Training auf Technik konzentriert haben. Aber es gibt zumindest einen Plan, wie es klappen könnte.


    Und noch ein Argument: wenn ein Kind nicht das Talent der Beatles (eines Thomas Müller) hat, hilft es vielleicht, erstmal eine Tonleiter (diese taktischen Grundzüge) zu lernen, bevor es das erste Impro-Solo raus haut.

    All diese vorgegebenen Verhaltensweisen sind sicherlich sinnvoll. Aber ist es sinnvoll, sie vorzugeben?
    Ein paar Gedanken dazu:

    • Bei Kindern im Kleinfeldbereich von einem System zu sprechen, ist schon recht hochgegriffen. Viele Trainer verwechseln hier System mit Grundformation.
    • Deine Vorgaben funktonieren sicherlich im 7er Fußball. In der D-Jugend gibt's dann neue Vorgaben für den 9er Fußball und ab der C-Jugend für den 11er Fußball. Was können die Spieler daraus aus der E-jugend dann mitnehmen?
      Nix, da es die Positionen aus dem 7er Fußball so dann nicht mehr gibt.
    • Wäre es nicht sinnvoll, ihren individualtaktischen Bauchladen mit Spielintelligenz zu füllen, sodass sie im Idealfall viele dieser Entscheidungen selbständig, ohne Vorgabe und Positionszuordnung treffen?
    • Ja, sie werden oft falsch entscheiden - im Laufe einer Saison aber immer häufiger auch richtig.
      Manchmal treffen sie auch Entscheidungen, die Du so nie vorgegeben hättest, die aber trotzdem funktionieren.
    • Wenn wir wollen, dass unsere Spieler später einmal kreative Entscheidungen treffen und in verschiedenen Systemen auf unterschiedlichen Positionen klarkommen, sollten wir ihnen nicht auf dem Kleinfeld ein taktisches Korsett anlegen.
  • Bei der Taktik gibt es auch im Herrenfußball sehr unterschiedliche Vorgehensweise, die beide sehr gut funktionieren können.


    Ich habe Trainer kennengelernt in meiner aktiven Zeit, die kaum taktische Dinge mitgegeben haben.

    Die eine Grundformation vorgegeben haben, teilweise in Absprache mit den Führungsspieler/Mannschaftsrat und dann nur ein paar wenige Grundprinzipien mitgegeben haben und dann von dem Team die Kreativität erwartet haben, daraus das Beste zu machen.

    Und es hat teilweise hervorragend funktioniert. Und ich weiß, dass es auch im Profifußball sehr erfolgreiche Trainer gibt, die genau so handeln.

    Und dann habe ich auch Trainer kennengelernt, die sehr konkrete taktische Vorgaben mit dem Team erarbeitet haben. Lauf- und Passwege trainiert und vorgegeben haben, positionsspezifische Verhaltensweisen trainiert und erwartet haben, Gruppentaktiken mitgeben und sehr klar das Team an die Leine nehmen und auch von außen taktisch führen.

    Auch diese Vorgehensweise kann hervorragend funktionieren, kann aber auch mächtig in die Hose gehen. Ich habe Beides selbst erleben dürfen. Auch im Profifußball findet man Trainer, die auf diese Weise sehr erfolgreich agieren.


    Das ist doch das Schöne am Fußball, dass es soviele Wege gibt, die hervorragend funktionieren können.

    Ich denke es gibt keinen idealen Weg.

    Im Kinderfußball bis zum Beginn des Großfelds darf und sollte aber die Taktik keine große Thematik sein. Die Kinder sollten frei und ohne große Zwänge spielen dürfen und sich vor allem ausprobieren dürfen. Dribblings, Torabschlüsse und Mut sollten im Mittelpunkt stehen.

  • Follkao und golfstrom:

    Ich stimme euch vollkommen zu, dass Technik im Kinder/frühen Jugendbereich klare Prio 1 hat.


    Meine taktischen Vorgaben (und ich bezeichne hier mal alles als taktisch, was nicht technisch ist) sollen lediglich dazu dienen, dass ein Spiel ermöglicht wird. Quasi wie die Seitenlinie, die den einzelnen Spieler zwar in seiner Kreativität einschränkt, aber dennoch sinnvoll ist, damit für alle ein sinnvolles Spiel entsteht. Diese regeltechnischen Vorgaben habe ich durch taktische Vorgaben ergänzt, damit sich alle aktiv und jederzeit am Spiel beteiligen können.


    Dass vieles davon in der D Jugend schon keine Rolle mehr spielt und die Kinder später einmal nicht direkt davon profitieren ist mit klar. Wichtig ist, das der berühmte dicke Otto während eines Spiels 5x und nicht nur 1x angespielt wird und dass er sich während des gesamten Spiels 2 anstatt nur 1 km bewegt. Von den Ballkontakten und der Bewegung profitiert er später in jedem Fall (physisch) und von der gesteigerten Beteiligung am Spiel auch (mental).


    Zum Thema kreative, eigenständige Entscheidungen würde mich mal interessieren, wie man das fördert? Ich bin da immer noch bei meinem Beatles Beispiel von oben. Ohne viele einstudierte Varianten (Tonleitern in allen möglichen Tonarten) werden nur sehr wenige Naturtalente eigene Variationen entwickeln können.

  • Thomas0815-2 : E-Jugend ist für mich Kinderfußball. Kinderfußball ist für mich: "Alle Kinder spielen mit und entwickeln eine Freude am Fußballspielen."

    Alle Kinder spielen mit, bedeutet zum einen, es gibt keine Auswechselspieler bzw. höchstens einen Rotationsspieler. Zum anderen bedeutet dies auch, dass alle Kinder auf dem Feld mitspielen. Und d.h. für mich alle greifen an und alle verteidigen - Angriff, wenn meine Mannschaft den Ball hat, und Verteidigung, wenn der Gegner den Ball hat. Und ja, ich fordere von allen, dass sie da mitmachen - ohne ihnen allerdings Laufwege mit zu geben (ich würde wahrscheinlich auch 75% andere Laufwege mitgeben, wie die Mehrheit der Trainer*innen).

    Und das alle mitspielen, sollten wir die Spielform verkleinern. E-Jugend 5 gegen 5 - dann müssen alle mitmachen.

    Dein Beispiel oben ist für mich komplett Gruppen- bzw. Mannschaftstaktik. Das dürfen die Spieler gerne in der Jugend lernen - hat für mich aber nichts in der Kindheit verloren.


    Ich gebe nichts vor und meine Kinder (F-Jugend) verhalten sich taktisch oftmals besser als mit Vorgaben - sie spielen ballorientiert, sie machen Passwege zu, sie spielen in die Tiefe -> alles von alleine, weil das Kinder machen, wenn man es ihnen nicht vorgibt. Wenn die Trainer*innen nicht "Erwachsen-Denken" würden, würde das den Kindern viel mehr helfen.


    Und zum Thema Disziplin - die kann es auch ohne Laufwege geben ;) (könnt ihr gerne bei meinen Eltern nachfragen)

  • Ich bin da immer noch bei meinem Beatles Beispiel von oben. Ohne viele einstudierte Varianten (Tonleitern in allen möglichen Tonarten) werden nur sehr wenige Naturtalente eigene Variationen entwickeln können.

    Ich habe von Musik keine Ahnung, aber ich war kürzlich auf einem Konzert und da wurde mit einem Akkord unzählige Hits gespielt (sagten sie - für mich hörte sich das auch gleich an, aber wie gesagt, ich habe von Musik auch keine Ahnung).

  • let1612 wenn du nichts vorgibst, woher weißt du dann, dass sich deine Kids mit Vorgaben nicht taktische noch besser Verhalten würden.


    Weißt du wieviele Akkorde der Musiker konnte oder nur wieviele er verwendet hat.

    Tipp: wenn man mit einem Akkord unzählige Hits spielen kann, ist man ein brillanter Musiker und die beherrschen in der Regel deutlich mehr Akkorde, als durchschnittliche Musiker.

  • let1612 wenn du nichts vorgibst, woher weißt du dann, dass sich deine Kids mit Vorgaben nicht taktische noch besser Verhalten würden.


    Weißt du wieviele Akkorde der Musiker konnte oder nur wieviele er verwendet hat.

    Tipp: wenn man mit einem Akkord unzählige Hits spielen kann, ist man ein brillanter Musiker und die beherrschen in der Regel deutlich mehr Akkorde, als durchschnittliche Musiker.

    Mit taktischen Vorgaben kannst du definitiv erfolgreicher spielen. Das ist völlig klar.

    Ich habe Teams in der E-Jugend erlebt, die quasi einstudierte Laufwege spielen und nach klaren taktischen Vorgaben agiert haben und damit zumeist erfolgreicher waren, als das beschriebene "freie" Spiel.


    Die Frage geht doch dahin, was ALLEN Spielern in Bezug auf ihre eigene fußballerische Ausbildung mehr hilft?

    Und da sind Positionsrotationen und eher freies Spiel bis zur D-Jugend definitiv sinnvoller und das ist ja auch wissenschaftlich belegt.


    Wenn du deinem Kinderteam ein Korsett anlegst, kannst du mit Sicherheit schneller erfolgreich sein, weil du damit quasi verbietest Fehler zu machen.

    Zumeist sind in diesem Korsett auch bestimmte Spieler für bestimmte Positionen vorgesehen, da sie dort am erfolgreichsten agieren. Du erreichst damit eine einseitige und sehr spezifische Ausbildung und zumeist einen großen Entwicklungsunterschied innerhalb des Teams. Das führt häufig dazu, dass spätestens in der D-Jugend die ersten Kids aufhören mit Fußball. Einzelne Spieler können so sehr gut werden, weil sie deutlich häufiger im Spiel in der Verantwortung stehen. Andere Spieler werden zu Mitläufern.

    Die Eltern fordern meist eine solche Spielweise ein, weil sie den Erwachsenenfußball in den Kinderfußball hineinprojizieren. Bedeutet, du musst als Trainer deine Prinzipien und Vorgehensweisen sehr gut erklären und auch damit rechnen, dass bestimmte Eltern mit ihren Kids möglicherweise zu anderen Vereinen gehen.

  • Ich bin mir nicht sicher, ob ihr meine Kommentare lest, bevor ihr sie beantwortet.

    Ich schreibe doch an keiner Stelle etwas darüber, wie erfolgreich wir als Team waren oder dass ich die Positionen nicht rotiert habe. Und wie durch mein Vorgehen jeder einzelne mehr Spielanteil und auch mehr Verantwortung bekommen hat, habe ich doch auch beschrieben.


    Vielleicht hilft es, wenn ich die Ausgangssituation beschreibe: Als ich das Team übernommen habe, war es sehr erfolgreich. Es gab einen Spieler, der Bälle erobern und lange hohe Pässe spielen konnte und einen, der einen falschen Pass/Ausweis hatte und allen anderen körperlich überlegen war. Die übrigen Spieler hatten pro Spiel 0-1 Ballkontakte, gingen aber fast immer als glückliche Sieger vom Platz.


    Ich hab dann als erstes lange Pässe verboten und einen flachen Spielaufbau eingefordert. Plötzlich kamen auch andere Spieler in Ballbesitz und in 1vs1 Situationen und mussten Entscheidungen treffen (Befreiungsschlag vs. Dribblig). Die Laufwege für Spieler ohne Ball kamen erst dann ins Spiel, um den Kindern noch mehr Entscheidungsmöglichkeiten (Befreiungsschlag vs Dribbling vs Pass nach vorne, zur Seite oder nach hinten) zu geben und zu verhindern, das sie in ein 1vs1+X müssen (+X Gegner waren damit beschäftigt sich um die anspielbaren Spieler zu kümmern)


    Und da Erfolge wichtig zu sein scheinen hier meine Bilanz:

    - mehr Ballkontakte, da nicht nur 2 Spieler das ganze Spiel machen

    - mehr eigene Entscheidungen, da mehr sinnvolle Alternativen zur Verfügung stehen

    - mehr 1vs1, weil sich die Gegner nicht nur auf 1-2 Spieler konzentrieren müssen.

    - mehr Teilhabe, weil jeder Spieler wichtig ist, nicht nur der mit Ball

    - mehr Verantwortung, weil alle immer eine Aufgabe haben

    - mehr Disziplin/Leidenschaft, weil es für die ganze Mannschaft wichtig ist, was ich tue

    - mehr unterschiedliche Spielsituationen, weil nicht immer alle zum Ball rennen.