Zwei Kontakte oder Direktspiel?

  • Hallo zusammen,


    bei unserer großen Runde im Verein zur Weiterentwicklung unseres Fußballkonzeptes kam dieses Thema neulich auf, deswegen würde ich hier gerne mal ein paar Ansichten hören. Unser Ligatrainer ist ein absoluter Verfechter der Nagelsmann'schen 2 Pflichtkontakte, gegensätzlich gibt es ja auch Philosophien, die schnelles direktes Spiel präferieren.

    Ich persönlich habe es bisher eigentlich so gehalten, dass ich diese Entscheidung den Spielern frei überlasse und technisch beides, implizit aber eher das schnelle Spiel (im Sinne eines ersten Kontaktes in Zielrichtung) trainiere.


    Natürlich gibt es ganz konkrete Situationen, in denen eine Variante definitiv die bessere Lösung darstellt, jedoch frage ich mich, ob es sinnvoll sein kann sich konzeptionell für eine bestimmte Art des Fußballs hier vom Trainingsschwerpunkt festzulegen. Denn dass bei zwei Kontakten (auch klar empirisch) die Ballkontrolle ausgeprägter ist, ist selbstverständlich- gleichwohl spielen Mannschaften wie Hoffenheim unter dieser Prämisse einen unglaublich schnellen, dynamischen Fußball, auch vielfach mit Aktionen, wo der zweite Kontakt tendenziell riskant (wegen Gegnerdruck) oder unnötig erscheint und trotzdem zum Erfolg führt. Andererseits ist der direkte Pass natürlich schneller und meine Vorgabe im Training lautet technisch idR, wenn es geht auch ruhig direkt zu spielen, im Sinne des Mutes zum Risiko.


    Wie sind da eure Erfahrungen und/oder Gedanken? :)

    "Football is a simple game. Twenty-two men chase a ball for 90 minutes and at the end, the Germans always win."

    - Gary Lineker

  • Bis zu einem gewissen Alter (E-/D-Jugend) halte ich gar nichts davon direktspiel einzufordern. Spieler sollen mutig Lösungen finden und sich nicht schnellstmöglich vom Ball trennen. Die Ballmitnahme als technische Fähigkeit ist deutlich komplexer und anspruchsvoller als der direkte Pass.


    Im Großfeld ist diese Entscheidung stark an die Spielphilosophie geknüpft. Ein Team, welches (ähnlich wie Hoffenheim) sehr dominant auftreten will, nimmt eher mehrere Kontakte, da so eine sichere Ballzirkulation zu erreichen ist. Sehr vertikale Teams (->Frankfurt) spielen eher mit einem Kontakt (insbesondere im zweiten Drittel). Im Sinne der Ausbildung denke ich, ist eine auf Ballbesitz und Dominanz ausgelegte Spielweise zu bevorzugen. Ein Tor aus dem Ballbesitz zu erzielen ist fußballerisch anspruchsvoller, als einen Konter zu spielen.


    In der Praxis würde ich mir erstmal Gedanken machen, ob ihr überhaupt die Qualität unter den Trainern habt um diesen Punkt mit Leben zu füllen. Denn es bringt wenig, wenn der Trainer zwar "zwei Kontakte" im Training fordert, ihm die situative Anwendung dieser Leitlinie gar nicht klar ist. Er also auch in unpassenden Situationen deren Einhaltung fordert.


    Exkurs Ballmitnahme:

    Oft wird sie unterschätzt, ist aber eigentlich die wichtigste technische Fähigkeit auf dem Platz. Einen geraden, unfallfreien Pass spielen, kann fast jeder. Einen harten Pass mit Vororientierung in die richtige Richtung mitzunehmen (so dass der Ball sofort wieder spielbar ist) ist eine ganz andere Hausnummer.

    Die technische Ausführung ist so extrem vielseitig, wird aber leider zu oft nur stiefmütterlich behandelt. Also lasst eure Kids im Grundlagenbereich bitte mit mehr als einem Kontakt spielen.

  • Bin da voll bei Constantin. In den Jahrgängen in denen ausprobieren abgesagt ist, würde ich äußerst selten Ballkontakte in Spielformen vorgeben. Höchstens zum gegensteuern mal. Wenn ich also feststelle, dass meine Mannschaft versucht viel direkt zu spielen, vielleicht weil sie Angst hat den Ball zu verlieren, dann kann ich ihr mal vorgeben, wir dürfen nicht mehr direkt spielen. In den Jahrgängen in denen ich Anfange zu üben. Kann ich bei Trainingseinheiten mit Schwerpunkt Ball an- und Mitnahme durchaus mal vorgeben, dass sie mindestens zwei Kontakte haben müssen. Wenn man das so macht, muss man den Schwerpunkt aber auch aufgreifen und muss Hilfestellungen geben, für einen guten ersten Kontakt. Insgesamt sollte ein Spieler beides beherrschen, einen guten Direktpass, sowie einen guten ersten Kontakt.

    Persönlich glaube ich, dass es nur wenige Situationen im Spiel gibt, in denen ich trotz eines guten ersten Kontaktes das Spiel (zu) langsam mache.

  • In der Praxis würde ich mir erstmal Gedanken machen, ob ihr überhaupt die Qualität unter den Trainern habt um diesen Punkt mit Leben zu füllen. Denn es bringt wenig, wenn der Trainer zwar "zwei Kontakte" im Training fordert, ihm die situative Anwendung dieser Leitlinie gar nicht klar ist. Er also auch in unpassenden Situationen deren Einhaltung fordert.

    Sehr guter Punkt. Im generellen ist es ja gut, zu sagen, der Verein hat eine Philosophie wie er spielen möchte und da geben wir den Trainern vor, das Sie darauf hinarbeiten. Wichtig wäre mir da, das technische Voraussetzungen geschaffen werden, das das für die Jungs ab dem Großfeld umsetzbar ist (C Jugend). Für Deine Maßgabe, nämlich im 2 Kontaktspiel schnell zu spielen, ist ja auf jeden Fall sinnvoll erstmal Beidfüßigkeit zu schulen(ist immer sinnvoll) und die Vororientierung. Es wird oft immer der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. Wenn ich z.b. ein hohes PRessing irgendwann spielen möchte, bedingt das auch, das ich Spieler habe, die in der offensive ganz simpel schon mal ein richtiges Anlaufverhalten haben, und wenigstens individualtaktische Maßnahmen, wie richtiges Doppeln, beherrschen. Im Anschluß sollte die Umschaltsituation gut genutzt werden. Es bedingt sich immer gegenseitig.


    Ich höre oft, das dann Vereine sagen: wir würden gern so oder so spielen, dafür haben wir aber nicht die richtigen Spieler.

    In Wirklichkeit haben die meisten Vereine dafür nicht die richtigen Trainer. (was auch nicht schlimm ist, aber dann muß man sich realistische Ziele setzen).


    Ich habe neulich am STP die U14 trainiert, da steht einer auf links (offene Spielstellung kein Gegnerdruck) bekommt den PAss und kappt mit links ab, um dann mit rechts über linke seite zu starten. Da fehlt es einfach an der Ball/anmitnahme um situativ das Spiel schnell zu machen(Annahme mit links in den Raum -diagonal zum Tor/darf dann gern mit seinem -starken- rechten abschließen;)). Und das war sicherlich kein -schwacher- Spieler.

    Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft (J.P.Satre)

  • Also, danke schonmal für den Input- zur Klarstellung:

    Um welche Altersgruppe geht's Euch bei dieser Frage?

    Es geht um unsere Fußballphilosophie im Herrenbereich, auf die im Leistungsbereich konkret und im Aufbaubereich implizit hingearbeitet werden soll. :)


    Im KiFu ergibt Direktspiel natürlich keinen Sinn, wenngleich es für mich hier durchaus zur Technikschulung gehört (prioritätsmäßig nach 999 anderen Dingen).


    Die Zuordnung Direktspiel-Konterfußball und Pflichtkontakte-Ballbesitz würde ich so nicht zwangsläufig stützen, das ist oft einfach eher Resultat als Idee. Es geht auch nicht darum, dass JEDE Situation nach der Vorgabe ausgespielt werden soll, manchmal ist in der jeweiligen Szene ja auch eine Methode obligatorisch. Allerdings habe ich mich selbst eben nie detaillierter damit auseinander gesetzt, in Nagelsmann'scher Manier (oder wie unser Ligatrainer ;)) zwei Pflichtkontakte permanent einzufordern - einzig glasklare Direktsituationen ausgenommen. Mein Ausbildungsansatz war immer, den Direktpass als schnellste Alternative zuzulassen und auch implizit -Mut zum Risiko- einzufordern, wo technisch möglich. Wenn das als Angsthasenalternative genutzt wird, wird natürlich gegengecoacht.

    Ich finde jedoch beide Ideen spannend (und übrigens auch -auf eher theoretischer Basis- das andere Extrem des permanenten Direktspieles) und frage mich, ob es bestimmte Vorteile für eine Art der Ausbildung/des Fußballs gibt, ob man das in ein Konzept integrieren kann/sollte usw...


    Offen für Anmerkungen. ^^

    "Football is a simple game. Twenty-two men chase a ball for 90 minutes and at the end, the Germans always win."

    - Gary Lineker

  • Frankfurt war vielleicht nicht das ideale Beispiel in Bezug auf Direktspiel, weil die halt auch ziemlich viel nach vorne kloppen.


    Die Entscheidung, ob ich ein oder zwei Kontakte wähle hängt sehr stark von der gewählten Lösung ab (z.B.: Steil-Klatsch-Tief -> Direkt; Spielverlagerung -> mehrere Kontakte). Meine Spielphilosophie bestimmt aber trotzdem, welche Lösungen ich eher wähle und dementsprechend auch, mit wie vielen Kontakten ich typischerweise spiele.

    Ich würde das Pferd aber von der anderen Seite aufzäumen. Wenn ich meinen Spielern bestimmte taktische Lösungen, dann ergibt sich aus deren Ausführung ja eh eine Priorisierung von einem/zwei/drei Kontakten.


    Als Jugendtrainer habe ich mich das ehrlich gesagt noch nie gefragt. Es gibt Spielformen, da ist Direktspiel sinnvoll, in anderen nicht. Wichtiger sind mir die technisch-taktischen Rahmenbedingungen die die eine oder andere Entscheidung bedingen. Deswegen würde ich auch davon abraten, diesen Aspekt in die Ausbildungsphilosophie aufzunehmen. Lieber starte ich weiter "oben" und schreibe z.B. dominanten Ballbesitzfussball als Spielidee vor. Aus diesem Punkt heraus ergeben sich dann die konkreten Verhaltensweisen in einzelnen Spielsituationen.

  • Da sind schon gestandene Profitrainer an Mannschaften gescheitert, denen sie eine sog. Philosophie oder Spielweise aufdrücken wollten, weil sie die für attraktiv, erfolgversprechend oder was auch immer hielten, aber nicht ausreichend bedacht haben, ob dies zu den Fähigkeiten und zum Charakter der vorhandenen Spieler passt.

    Mal abgesehen davon, dass mir nicht einleuchtet, warum man grundsätzlich auf einen Direktpass oder Klatschpass verzichten sollte, limitiert man mit solchen Vorgaben nur die Spieler und verschenkt Potential.

    Und eine Spielphilosophie ergibt sich daraus auch nicht. Wenn der Zweck die grundsätzlich bessere Fähigkeit der Ballbeherrschung und der Passpräzision ist, dann kann man das doch aus so benennen und es gibt dazu sicherlich viele Übungen.

  • Ich denke sowas macht im Amateurbereich überhaupt keinen Sinn und da schließe ich auch die Regionalliga mit ein.

    Dass man beispielsweise als U15, U16, U17 oder auch U19 Trainer so spielen soll, wie es die 1.Mannschaft macht. Gleiche Grundordnung, System, Spielweise ist Quatsch. U15 Fußball hat nichts mit Männerfußball zu tun. Von Kifu will ich gar nicht anfangen. Dann brauchr man die "gleichen" Spielertypen, die gleichen Trainer, die die gleiche Philosophie, aber auch die gleichen Fähigkeiten haben und vor allem braucht man Kontinuität!!


    Und das ist es, was es im Fußball nicht mehr häufig gibt.

  • Nun, Fechter und Coach31 , das sehe ich durchaus anders. Zunächst muss man im Leistungs- bzw. Ergebnisfußball natürlich seine Idee den vorhandenen Gegebenheiten anpassen - der Holzhammer führt wohl nur dann zum Erfolg, wenn auch tatsächlich Wände eingerissen werden sollen. Allerdings mMn in einem durchaus wesentlich geringeren Rahmen als oftmals proklamiert: Dass bspw. bestimmte Vereine in den ersten 3-4 Ligen keinen Ballbesitzfußball spielen "könnten", weil ihnen dafür die individuelle Qualität fehle (wie gerne zitiert), halte ich für ausgemachten Unsinn. Als Beispiel möchte ich gerne Holstein Kiel in den letzten zwei Jahren nehmen, die z.T. mit echten "Rumpelfüßen" einen maximalriskanten Spielaufbau aus der Viererkette mit überwältigendem Erfolg betreiben. Ist hier aber auch nicht unbedingt der Punkt.


    Mit unserem Konzept wollen wir eben genau das erreichen, dass Spieler in den Großfeldmannschaften auf einen überprüfbaren Ausbildungsstand gebracht werden und bestimmte Spielideen, Formationen usw. verinnerlichen, die sich bis in den Herrenbereich fortsetzen. Sicherlich sind in der U15 und U23 unterschiedliche Ansätze gefragt, unabhängig davon ob man nun Erfolg oder Ausbildung präferiert. Allerdings halten wir es für wesentlich, dass übergreifend auf dasselbe Ziel hingearbeitet wird. Coach31 : Deine Kontinuität, die durch unser Konzept gestützt werden soll.


    --


    Um noch einmal inhaltlich zu werden: Es geht weder darum, Direktspiel oder Mehrkontakte zu verbieten, noch soll den Spielern jede (oder überhaupt irgendeine) Situation vorgekaut werden. Die Frage, für die ich mir hier noch ein wenig Input erhoffe, ist, ob es bestimmte Philosophien ( Constantin oder taktische Lösungen) gibt, für die ein klarer Fokus auf eine dieser Varianten angebracht ist, ob dies lediglich implizit vermittelt werden sollte, ob die Spieler maximal entscheidungsfrei lernen sollten, ob es für bestimmte Ausbildungsziele sinnvoll ist, eine/beide/keine Variante verstärkt zu schulen ...? :)


    Vielleicht hat ja noch jemand konkrete Ideen. 8) 

    "Football is a simple game. Twenty-two men chase a ball for 90 minutes and at the end, the Germans always win."

    - Gary Lineker

  • Philosophien unterscheiden sich dahin gehend, wo ich Dynamik erzeugen will (SGE: Übergang 2-3 Drittel, City Letztes Drittel etc.) .

    Im letzten Drittel spielt dann auch City one-touch. Allerdings gibt es quasi keine Philosophie in der Praxis, bei der mehr direkt als 2 Kontakte gespielt wird (außer bei Longline-gib-ihm), selbst die SGE kommt relativ undynamisch ins zweite Drittel.


    Wenn du deine Spieler vielseitig trainieren möchtest, solltest du beides trainieren UND ihnen eine brauchbare Heuristik an die Hand geben.

    Ob ich 1 oder 2 Kontakte nehme, hängt im Wesentlichen von Faktoren ab: 1. Muss ich Dynamik erzeugen? 2. Hab ich Gegnerdruck?


    Ein einfacher Ansatz ab der U11 ist: "Wir spielen immer 2 Kontakte. Außer, der Gegner ist ganz nah bei uns oder wir müssen das Spiel ganz schnell machen." Ich würde dir raten, immer wieder auf die zwei Kontakte als Basis zu bestehen. Kinder neigen eher dazu, zu oft direkt zu spielen

  • Ein einfacher Ansatz ab der U11 ist: "Wir spielen immer 2 Kontakte. Außer, der Gegner ist ganz nah bei uns oder wir müssen das Spiel ganz schnell machen." Ich würde dir raten, immer wieder auf die zwei Kontakte als Basis zu bestehen. Kinder neigen eher dazu, zu oft direkt zu spielen.

    Generell ist das sicher richtig, ich bezweifele aber das eine U11 den Moment erkennt, wo -das Spiel schnell gemacht- werden muß.

    Unter diesem Aspekt würde ich die Kinder -zwingen- das Spiel schnell zu machen. D.h. 10 Sekunden z.b. bis zum geforderten Abschluß laut runterzuzählen(sinnigerweise z.b. im 3 gg. 3 bei der Altersklasse und der Zeitvorgabe).

    Verfallen die Kids hier in das Muster, schnell durch passen auch unsinnigerweise Räume zu überbrücken oder den ball -loszuwerden-, müßte ein

    Provokationsregel her wie -Pässe nur hinten- So muß der Raum zum Dribbling erkannt werden und es wird automatisch auch dynamisch durch das Freilaufverhalten der Kids ohne Ball. (kurz einbringen, dann wieder -frei- spielen lassen, um sinnhaftigkeit des dribblings zu vermitteln)

    Es widerstrebt mir irgendwie in dieser Altersklasse den 1 Kontakt zu unterbinden, wenn es absolut sinnig ist.

    Im Kontext des TE ist in diesen Altersklassen nur die Grundlagen zu vermitteln, das Spielziel des Vereins auch umzusetzen. Darauf kann ALLGemein der Fokus auch hier verstärkt gelegt werden. Dynamische schnelle Spielformen ohne unsaubere Technik einschleifen zu lassen. Punkt für mich wäre in diesen Alterklassen z.b. hohe Bälle in Spielformen zu weitestgehend zu verbieten. Was nicht bedingt, das man technische SChwerpunkte Ballan/mitnahme halbhoch/ hoch vernachlässigt, oder nicht sinnhaft einsetzt (bei dem technischen SChwerpunkt und Fußballtennis als Erwärmungsteil sollte man hohe Bälle selbstredend nicht verbieten).

    Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft (J.P.Satre)