Mit dem Rücken zum Gegner - 1 gegen 1 am Flügel

  • Schon letzte Saison und nach dem Schauen der WM ist mir folgende Situation aufgefallen, die immer wieder in Spielen aufgetreten ist:


    Besonders gegen sehr schnelle Spieler (z.B. Mbappe), die öfter einen Durchbruch zur Grundlinie suchen wurde das 1 gegen 1 entgegen der, mit bekannten, allgemeinen Lehrmeinung geführt. Anstatt, als Verteidiger, das Tempo in einer seitlichen Stellung mit aufzunehmen , wurde oft mit dem (halben) Rücken zum Gegner verteidigt um eine maximale Antrittsgeschwindigkeit im Falle eines Antritts des Angreifers zu gewährleisten.


    Das Laufduell wurde also Antizipiert und dafür der Weg zur Mitte freigegeben. Teilweise hatten die Angreifer jedoch noch nichtmal Tempo aufgenommen und diese Körperhaltung wurde eingenommen, anstatt den Gegenspieler erstmal klassisch zu stellen. In meiner Wahrnehmung wurde hier ein Durchbruch zur Grundlinie am Flügel als gefährlicher eingestuft, als ein Ziehen zur Mitte. Durch die sehr Kompakten Abwehrreihen erhoffte man sich, sollte der Spieler in die Mitte Ziehen, dass ein weiterer Verteidiger gut in den Zweikampf kommen und man evtl. den Angreifer dann mit einem Mittelfeldspieler doppeln kann.


    Ist das tatsächlich eine Neuerung oder habe ich da einen Fehler in meiner Wahrnehmung? Passiert das schon länger oder ist das sogar Lehrmeinung? Lenkt man so Angreifer in die Mitte? Ich dachte das sieht anders aus.


    Sollte ich mich nicht komplett irren: Würdet ihr diese Art der Zweikampfführung mit in euer Training aufnehmen oder ist das dann eher was für Profis, die es mit Spielern zu tun haben die man, durch ihre Geschwindigkeit, wirklich anders nicht verteidigen kann.



    Danke schon mal für die Tips!:)

  • Ich hab diese Situationen so explizit gar nicht wahrgenommen, hab aber auch nicht wirklich darauf geachtet.

    Es ist durchaus so, dass es schon vor Jahren durchaus in Mode war schnelle Spieler in die Mitte statt nach außen zu lenken. Falls du dich erinnern kannst, war ja vor einigen Jahren das "tripeln" von Arjen Robben und Franck Ribery in den Medien präsent (besonders durch Borussia Dortmund). Das geht natürlich besser, wenn man nach innen lenkt.

    Mir fällt sponatn das 1:0 beim CL Finale 2013 ein, wo Pisczek(?) Ribery die Mitte offen lässt und (aufgrund schlechten Doppelns) das Tor entsteht.


    Bei diesem Zweikampfverhalten tritt also der individualtaktische Aspekt hinter den Gruppentaktischen zurück.


    Bei einem Mbappe bspw. macht ein solches Verhalten wahrscheinlich sogar noch mehr Sinn. Er ist zwar nochmal schneller als die zwei oben genannten, technisch aber schwächer.


    Außerdem kommt ja noch das Pressing als Aspekt. Es wird immer so getan, als ob niemand den Gegner ins Zentrum lenkt um so einen Ballgewinn näher am gegnerischen Tor zu provozieren. Dabei praktiziert mit dem FC Liverpool gerade ein sehr prominenter Vertreter diese Form des Verteidigens.


    Wenn ich jetzt den Gegner ins Zentrum lenken will, muss ich im Zweikampf natürlich auch die Mitte aufmachen.

  • Ich denke das der Gedanke dahingeht eher nicht in ein Laufduell verwickeln zu lassen das man dann eh nicht gewinen kann, eher in die mitte und auch den "schlechteren" Fuß (wenn es so was im Profi Bereich überhaupt noch gibt) lenken wo weniger Platz ist um ein hohes Tempo anzuschlagen.

    Gefahr sind natürlich auch das mehr Spieler für Doppelpässe usw. zur Verfügung stehen und somit hinter der Abwehr sich wieder auftun


    wenn ich mit zwei 6er Spiele oder im 5-3-2 wäre das sicher ein Option. Kommt aber auf die Spielanlage an. Im untern Amateurbereich würde ich eher einen zweiten Spieler im Raum abstellen der als Back-up fungiert.

  • Ich trainiere das nicht so und würde es so auch nicht handhaben.


    Aber klar, wenn ich im Zentrum 3 Innenverteidiger habe und die 6er nah ran schieben an die Kette, ist das Zentrum natürlich mega verdichtet.


    Möglicherweise hat das Abwehrteam dann 5 Spieler im Zentrum (3 IVs + 2 6er), der Gegner aber vielleicht nur den ST und den 10er (möglicherweise: ein 6er kommt kurz um sich dem Außenstürmer anzubieten, der andere 6er sichert ab und bietet die Rückpass-/Verlagerungsoption). Es gibt im Zentrum eine 5 vs. 2 vielleicht auch 5 vs. 3 Überzahl. Da kann man natürlich schon argumentieren, dass man dort in Überzahl größere Chancen sieht den Ball zu erobern und deshalb den Gegner dorthin lenken möchte und das 1 gegen 1 auf dem Flügel verhindern möchte.


    Den Ballgewinn im Zentrum, um schneller zum Tor zu kommen würde ich in den Hintergrund stellen, da wir hier von Zweikämpfen in der eigenen Hälfte reden oder?


    Ich kann mir daher schon vorstellen, dass man Top Individualisten lieber im Zentrum in Überzahl, statt Außen in Gleichzeit bespielen möchte. Unter den Gesichtspunkten ist es für mich aber eher ein individuelles Verhalten in einer gruppentaktischen Ausrichtung. Zumindest verstehe ich es so, dass der Außenverteidiger in einem blanken 1 vs. 1 (Konter o.ä.) nicht so verhalten würde. Das Verhalten wird so gewählt, wenn gewisse Dinge (geordneter Verbund + Überzahl im Zentrum) gegeben sind.

    Daher liegt für mich etwas vor, was ich nicht im klasssichen 1 vs. 1 in der D-Jugend oder so trainieren würde.


    Wie gesagt, für mich das Verhalten eines einzelnen Spielers, welches aber nur im Rahmen der Gruppentaktik so zu wählen ist. Daher würde ich kein Individualtaktiktraining in die Richtung machen, wenn wir nicht als Mannschaft nach dem entsprechendem Plan spielen

  • Ich hab diese Situationen so explizit gar nicht wahrgenommen, hab aber auch nicht wirklich darauf geachtet.

    Ja, hmm vielleicht war meine Wahrnehmung durch die Fernsehbilder wirklich etwas verzerrt (Ich hab noch nie so viel Fußball im Fernsehn auf einmal gesehen) und es wurden eigentlich nur klassische 1 gegen 1 am Flügel geführt. Ich werde diese Saison noch mal darauf achten. Ich meine aber, das dieses Verhalten eben nicht gegen inverse Flügelspieler (starker Fuß auf der Innenseite) wie z.B. Robben benutzt wurde.


    Effzeh : Ja in der eigenen Hälfte, sogar im ersten Drittel. Die Szenen die ich im Kopf habe sind direkte Duelle zwischen Außenverteidiger/Wingback und Flügelspieler, also in der letzten Abwehrreihe. Teilweise bei sortierter Staffelung, teilweise in Umschaltmomenten bei denen man als Verteidiger noch Überzahl hat.


    Ich werde nochmal schauen ob ich ein paar Szenen finde die ich hier auch posten kann, aber danke schon mal für den Input.

  • Den Ballgewinn im Zentrum, um schneller zum Tor zu kommen würde ich in den Hintergrund stellen, da wir hier von Zweikämpfen in der eigenen Hälfte reden oder?

    Völlig richtig


    Ich wollte es als zusätzlichen Aspekt trotzdem mit reinbringen, weil es hier ganz gut passt.


    Wie ich meine Überzahl erzeuge ist dabei mE eher zweitrangig. Ich kann das in nahezu jedem System machen.

    Allerdings würde ich behaupten, dass gerade eine 5er Kette dem Doppeln im Zentrum nicht dienlich ist. Ich denke es ist relativ klar, warum ich nicht mit AV+IV doppeln kann (Stichwort: fehlende Tiefenstaffelung). Wenn ich jetzt einen zusätzlichen IV habe, "opfere" ich einen Spieler weiter vorne, der potentiell Doppeln könnte.


    Der zusätzliche IV kann den AV besser absichern, ohne, dass die Box zu schwach besetzt ist (2IV+1AV). Dafür müsste der Außenverteidiger den Zweikampf aber wieder nach außen hin führen.


    Ja, hmm vielleicht war meine Wahrnehmung durch die Fernsehbilder wirklich etwas verzerrt (Ich hab noch nie so viel Fußball im Fernsehn auf einmal gesehen) und es wurden eigentlich nur klassische 1 gegen 1 am Flügel geführt. Ich werde diese Saison noch mal darauf achten. Ich meine aber, das dieses Verhalten eben nicht gegen inverse Flügelspieler (starker Fuß auf der Innenseite) wie z.B. Robben benutzt wurde

    Deswegen sind die zwei ja auch weltklasse Spieler gewesen und haben in ihren besten Jahren alles auseinander genommen. Das ist ja auch der Witz mit dem "jeder weiß was der macht". Wenn ich solchen Spielern den Flügel öffne sind sie eben auch gefährlich.

  • Es gab noch deutlichere Situationen, aber hier mal die Vorarbeit zum 4:1 im Spiel Croatien gegen Frankreich.

    Hernandez (21) gewinnt ein Duell gegen Mandzukic (17) und sieht sich Vrsaljko (2) gegenüber. Dieser Antizipiert sofort den Sprint in die Tiefe und gibt durch seine Positionierung und Körperstellung das Zentrum frei.


    Hier beim ZDF gut zu sehen.


    Das ist in dieser Situation vermutlich ein Fehler der direkt zum Gegentor geführt hat, aber diese Art der Zweikampfführung trat, besonders gegen Frankreich, immer wieder auf.

    Obwohl ich mir tatsächlich bei der Szene nicht so sicher bin, andere Winkel lassen die Situation schon "normaler" erscheinen

  • Ich finde die erhöhte Hintertorperspektive ganz gut. Wenn ich mir die innere Linie zum Tor vorstelle, dann steht Vrsaljko schon deutlich rechts von dieser.


    Aber ich würde die Entstehung des Tores nicht auf Vrsaljkos Defensivverhalten reduzieren. Kroatien steht einfach offen wie ein Scheunentor. Mandzukic ist zu früh am Boden, Brozovic kommt zu spät zum Doppeln (was übrigens für deine nach innen lenken These spricht)...der Sechserraum ist nicht besetzt, Vida sticht zu passiv heraus.


    Das Zentrum zu verteidigen ist hier eigentlich deutlich einfacher. Wenn Hernandez Vrsaljko überlaufen kann, kommt es im Sechzehner zu einer Gleichzahl Situation (->Lovren müsste Hernandez stellen).


    Es ist vielleicht auch eine Frage von Spiel zu Spiel. Bei Kroatiens 4-1-4-1 gibt es einen Sechser, zwei Achter im Zentrum + potentiell den Flügel zum Doppeln (und in deiner Szene lungert ja Mandzukic auch noch auf der rechten Seite rum). Das ist, finde ich, nicht deutlich riskanter als den Außenverteidiger an der Auslinie in ein 1gg1 zu schicken.

  • Schön das es Trainer gibt, die hier anscheinend Wissen haben und das Thema Ballablaufen.... taktisch Verteidigen im 1:1 nicht so stiefmütterlich ignorieren, um so gefühlt 30ig Prozent der Leistungsmöglichkeit des Teams im Keller liegen zu lassen!


    Da das Grundthema... das taktische Verteidigen im 1:1 offensiv vielfach unbekannt ist, wird man hier in der Tiefe nicht mitdiskutieren können.


    Das sollte endlich Anreiz sein, sich das Wissen anzueignen

  • Gerne...

    https://www.dfb.de/trainer/d-j…en-aller-info-abende-634/


    dort Broschüre 7 (ab D Jugend/Frontales 1:1 defensiv) ... viel später/erst dann Wenn Ersteres sitzt.. 8....hin zur Kette/zum Verschieben/Verteidigen im Raum.... was beim Stürmer beginnt.


    In Abgrenzung dazu auch Broschüre 29 (Angreifer im Nacken).

  • Was wir hier sehen:
    Änderungen in der Mannschaftstaktik können auch die Individualtaktik grundlegend verändern.
    Das verdeutlicht, wie wichtig es ist, in jüngeren Jahrgängen einen gut gefüllten individualtaktischen Bauchladen zu vermitteln, aus dem man sich dann auf dem Großfeld bedienen kann.

  • Die Info-Abende sind i.d.R. für das Altersklasse der DFB-Stützpunkte gedacht, also D- und C-Jugend.


    ist das für alle Altersstufen aufbauend?

    Wobei man anmerken muss das einige der Einheiten auch in den Stützpunkten mehrfach durchgeführt werden bis sie vorzeigbar sind. Also vor den Infoabenden bereits mehrfach durchlaufen wurden.


    Für den Normalverein heißt das, dass es mehrere Einheiten füllt und auch viele Herrenteams durchaus vor (oft unbekannte) Aufgaben stellt. Einschränkung ist einzig das es bisher (meines Wissens / hab noch nicht alle abgearbeitet) nur bis zur Gruppentaktik geht (z.B. Verteidigen zu zweit).


    Gruß

    Torsten

    "Im KiFu gillt: Nicht das Training ist die Vorbereitung auf das Spiel, sondern das Spiel ist die Fortführung des Trainings."

    - (Quelle: unbekannt)

    "Der Grund, warum wir Fußball gucken, ist keine Zahl und kein Ergebnis, sondern ein Erlebnis."

    - (Quelle: paderball.com)

  • Für den Normalverein heißt das, dass es mehrere Einheiten füllt und auch viele Herrenteams durchaus vor (oft unbekannte) Aufgaben stellt.


    Dass es oft auch in B-, A-Jugend und sogar Senioren Teams die Spieler noch vor teils unbekannte Aufgaben stellt ist richtig, ist aber darauf zurückzuführen, dass die Trainer, die diese Spieler in der D-/C-Jugend trainiert haben keinen so guten Job diesbezüglich gemacht haben!


    Generell ist das D-/C-Jugend Inhalt, die Frage wenn man eine ältere Mannschaft hat: Können die Spieler diese Inhalte, ja oder nein? Entsprechend nachholen bzw. darauf aufbauend dann das Gruppen-/Mannschaftstaktische Verhalten aufbauen.


    Der DFB gibt Leitlinien, was in welcher Altersklasse geschult werden sollte. Das Problem ist immer, wenn Inhalte in der D- und C-Jugend nicht gemacht wurden, kann der B-Jugendtrainer nicht einfach bei den Inhalten für B-Jugendliche lt. DFB einsteigen, sondern muss irgendwie die Inhalte der D-/C-Jugend nachholen und den B-Jugendinhalt auch noch reinbekommen, tolle Aufgabe :rolleyes:

    Also nicht einfach nur den Inhalt lt. DFB blind übernehmen, sondern schauen, welche Leistungsstände deine Spieler erreicht haben und dann beim nächsten Schritt einsteigen

  • Effzeh anderes habe ich nicht beschrieben! Der Aussage das es für D-/C- Junioren entworfen ist habe ich nirgends widersprochen.


    Ob man es nun in eine A-/B-/Herren- Mannschaft zum Aufarbeiten von Defiziten, oder zur Wiederholung der Grundlagen verwendet bleibt jedem selbst überlassen.


    Gruß

    Torsten

    "Im KiFu gillt: Nicht das Training ist die Vorbereitung auf das Spiel, sondern das Spiel ist die Fortführung des Trainings."

    - (Quelle: unbekannt)

    "Der Grund, warum wir Fußball gucken, ist keine Zahl und kein Ergebnis, sondern ein Erlebnis."

    - (Quelle: paderball.com)

  • Aber ich würde die Entstehung des Tores nicht auf Vrsaljkos Defensivverhalten reduzieren. Kroatien steht einfach offen wie ein Scheunentor. Mandzukic ist zu früh am Boden, Brozovic kommt zu spät zum Doppeln (was übrigens für deine nach innen lenken These spricht)...der Sechserraum ist nicht besetzt, Vida sticht zu passiv heraus.


    Ja das war blöd formuliert. Ich wollte lediglich sagen, dass evtl. nicht die optimalen Entscheidungen getroffen wurden. Aus welcher Sicht meinst du rechts von der Innereren Linie? (Ich kann mir den Clip gerade nicht angucken.)


    Das Problem ist halt, dass man sich nur noch einzelne Szenen angucken kann und die, bei denen der Verteidiger den Ball gewinnt, sind natürlich keine Highlights. :-P



  • Das Problem ist immer, wenn Inhalte in der D- und C-Jugend nicht gemacht wurden, kann der B-Jugendtrainer nicht einfach bei den Inhalten für B-Jugendliche lt. DFB einsteigen, sondern muss irgendwie die Inhalte der D-/C-Jugend nachholen und den B-Jugendinhalt auch noch reinbekommen, tolle Aufgabe

    so geht's mir gerade... habe am WE eine 0:13 klatsche gegen eine sehr Spielstarke U13 bekommen und da haben sich Abgründe aufgetan.

    Also nicht einfach nur den Inhalt lt. DFB blind übernehmen, sondern schauen, welche Leistungsstände deine Spieler erreicht haben und dann beim nächsten Schritt einsteigen

    mache ich nicht deswegen ja auch die Frage ob das ganze Altersmäßig aufbaut..

    . Man könnte tatsächlich bei mir rauslesen, dass ich dir irgendwie auch widersprechen wollte, das war nicht der Fall

    habe es eher als Erweiterung gesehen