15 Jahre Jugendfußball aus der Papasicht

  • Alles fängt mit Fußball im Vorstadtverein einer westdeutschen Großstadt (U15, 17, 19 und 1. Herren damals Bezirk- bzw. Kreisliga) an. Vatertrainer (nicht ich!), der die Mannschaft die ganzen Jahre betreut. Trainer mit abwechselungsreichem, recht ausgefeiltem Trainingsplan (Schwerpunktsetzung für einzelne Wochen, Angriffs- Abwehrkonzepte, immer mit Ball etc.). Aber auch typische Jugendfussballprobleme (die mir oft erst im Nachhinein bewusst wurden): ziemlich “Joystick-iges” In-Game Coaching, keine Positionsrotation, Spielzeit stark vom “Können” ( nach Trainerauffassung) abhängig. Dennoch (oder deswegen?) sehr erfolgreich, wenn man Titel in diesem Alter als Maßstab verwenden will (vielfacher Hallen- Feldmeister und Pokalsieger). Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, Trainer war kein erfolgsbessessener Schreitrainer, aber zielstrebig.


    Das Kernteam blieb die ganzen Jahre zusammen, von 12 Spielern wurden 7 in die DFB Kreisauswahl aufgenommen. Glückliche Fügung oder Folge der Ausbildung? Zusammenhalt der Eltern und Spieler sehr gut, war eine recht unbeschwerte Zeit.


    Mein Sohn war in der U11/12 Zeit körperlich deutlich voraus (trotz jüngerer Jahrgang) und ein echtes Energiebündel. Bekam Angebote von 2 NLZ, hat er abgelehnt (1x zu weit entfernt, 1x zwar in der gleichen Stadt, Verein & Spieler waren ihm von zahlreichen sportlichen Duellen der Vergangenheit unsympathisch). Das war seine ureigene Entscheidung, die wir mitgetragen haben (ich persönlich habe ihm zum Gang in das NLZ in der gleichen Stadt geraten, zu meiner Ansicht zu NLZ inzwischen s.u. Und in Teil 2.).


    Einschub:

    Von den 15 Kickern der DFB Auswahl (2011) sind aktuell nach der A-Jugend in Ihrem ersten Herrenjahr folgende Spielklassen für 13 Spieler nach zu verfolgen: 4 in der Regionalliga (3/4 dieser Spieler haben U13-19 überwiegend in NLZ gespielt, die Mannschaften sind alle 2. Mannschaften eines Bundesligisten), 2 in der OL (beide auch überwiegend in NLZ gespielt von U13-19), 3 in der Bezirksliga (bei 1 Spieler ist dies die 2. Mannschaft einer RL Mannschaft), 2 haben aufgehört zu kicken und was aus meinem Sohn geworden ist folgt in einem weiteren Teil.


    Von den 15 Kickern, die zu diesem Zeitpunkt in der U13 des NLZ in der Heimatstadt waren, habe ich mit Stand jetzt ff. Werdegang rekonstruieren können (Stand 08/18 Herrenmannschaften):


    6 Spieler Regionalliga (4x davon 2. Mannschaft eines BL); 3x OL, 2xBZL, 1x aufgehört mit Fußball, 3x Spieler auf Transfermarkt.de nicht mehr auffindbar. Insgesamt sind durchgehend von der U12 bis in die U19 zwei Spieler bei diesem NLZ geblieben, 2 weitere haben in einem anderen NLZ bis zur U19 durchgehend NLZ gespielt. Regionalliga ist (bislang) die hoechste Spielklasse dieser kleinen Auswahl von ambitionierten und frühzeitig geförderten Spielern.


    Mehr in Teil 2.


  • Teil 2 (coming of age)

    Zur U13 erfolgte der 1. Vereinswechsel zur 1.D Jugend eines ambitionierten Vereins in unserer Stadt. 1. Herren, A- und B-Jugend alle RL. Wie damals (und auch heute ja noch manchmal üblich) mehrfache Massenprobetrainings mit jeweils 20 Kindern. Co-Trainer super nett mit A-Schein, Haupttrainer C-Schein eher der rustikale Typ. Die letztlich gecastete Mannschaft hatte noch 3 oder 4 Spieler des eigenen jüngeren Jahrgangs, alle anderen 12 kamen von anderen Vereinen der Umgebung.

    Das hätte mir gleich zu denken geben sollen, die Missachtung des eigenen Nachwuchses mit ständigem Nachbesetzen von Positionen oder ganzen Mannschaftsteilen durch von anderswo herangeholte Spielern ist m.E. eines der deutlichsten Zeichen für eine über ehrgeizige und schlecht geführte Jugendfussballabteilung. Aus der damaligen Mannschaft ist inzwischen exakt 1 Spieler bis in die 1. Herrenmannschaft “hochgekommen”. Diese schlechte Quote (leider sind derartige Quoten als Kennzahl ja entweder den Vereinen selbst nicht bekannt oder sie werden nicht öffentlich gemacht) lag auch nicht an der fehlenden fußballerischen Fähigkeit der Jungs. 4 Spieler sind jetzt in der RL gelandet 3 weitere in der OL.

    Die Saison war sportlich ein Erfolg, was es zu gewinnen gab, wurde gewonnen (Pokal, Feld, Halle). Abseits des Feldes war es nicht so harmonisch. Streit um Einsatzzeiten, Positionen, die teils von den Eltern mit Verve vorgebracht wurden. Unzufriedenheit mit der tatsächlich einfallslosen Trainingsplanung (in der Schule nennt man es Schwellenpädagogik), häufig als Höhepunkt mit 30 min “Abschlussspiel” unter enthusiastischer Beteiligung des Trainers nach einigen lockeren Schussübungen.

    Ende vom Lied, die Mannschaft löst sich auf, 5 Spieler gehen in verschiedene NLZ. Was insofern schade war, als die Kinder sich untereinander gut verstanden haben. Der Verein war trotz vielfacher Rückmeldung aber überfordert, ein Konzept (und einen engagierteren Trainer) auch für den anstehenden Übergang aufs Großfeld anzubieten.

    Wo ging es hier für meinen Sohn weiter?

    In diesem Alter von 12-15 hatte er eine “Wachstumsdelle”. Auf seiner Position als IV ( er wollte nie etwas anders spielen), fehlten im in dieser Zeit etwas die Kilo und Zentimeter, um sich durchgehend durchsetzen zu können. Er ging daher für die nächsten 2 Jahre zu seinem ursprünglichen Verein zurück, wo er alle ehemaligen Mitspieler wiedertraf (er war tatsächlich der einzige in den vielen Jahren, der den Verein verlassen hatte, bzw. sollte). In der C-Jugend spielte der Verein inzwischen auch in der 2. höchsten Jugendliga (also LL). Trainer war richtig “old school” (ist nicht böse gemeint, aber sehr originell oder innovativ war es leider nicht), ein ehemaliger Zweitligaspieler, im Training ganz viel Laufen ohne Ball, Schußübungen mit langen Schlangen zum Anstehen, viel Betonung auf Intensität und Zeikampfführung und sehr wenig taktischer Hilfe für die Besetzung des neuen Großfeldes. Die Zeit war für meinen Sohn trotzdem ok, er hat viel Spielzeit gehabt und hat sich nachwievor prima mit den anderen Spielern verstanden. Logistisch war es auch prima, 5 Minuten mit dem Fahrrad zum Training sind nur schlecht zu toppen.


    Mache hier mal Schluss, Teil 3 folgt

  • Teil 3 Erwachsen werden.

    Am Ende der C-Jugend überwog dann doch die Unzufriedenheit über die fußballerisch, taktische Entwicklung unter dem Trainer. Hinten kompakt stehen, nach vorne hoch und weit, macht über die Jahre auch nur begrenzt Spaß. Mein Sohn war auch wieder weiter gewachsen (damals schon fast 180cm) und hatte auch etwas von meiner Geschwindigkeit (ich war Leichtathlet, also eher Fußball fern) geerbt. Die hartnäckigsten Angebote für einen Vereinswechsel kamen von einem neu gegründeten JfV aus der Umgebung. 1. Herren RL, A-Jugend RL, B-Jugend VBL. Trainer mit A-Lizenzen (hatten wir das nicht schon mal?). Positiv aber: sehr umtriebiger Jugendkoordinator, gute Durchlässigkeit von einem Jahrgang zum nächsten (d.h. Übernahme praktisch aller Spieler in die nächst ältere Mannschaft).

    Die nächsten 4 Jahre kann man recht kurz zusammenfassen:

    Von Jahr zu Jahr verbesserte Taktikschulungen, auf Position und Spieler zugeschnittene Videos, Einzeltrainings und Gruppentraining. Athletiktrainer, regelmäßige Fortschrittsgespräche mit den Spielern (nicht den Eltern, die wurden am Anfang des Jahres einmal kurz über die Pläne für die Saison informiert, sonst waren immer die Spieler die Ansprechpartner der Verantwortlichen).

    In der A-Jugend war er 2 Jahre Stammspieler in der RL und Kapitän. Ist inzwischen 196 cm und hat knapp 90 Kilo. Dabei flott unterwegs und mit guter Spielübersicht (sagt der Papa, manchmal auch der Trainer :)


    Inzwischen Abitur gemacht und das Angebot des Vereins für die Übernahme in die RL-Mannschaft der 1.Herren abgelehnt. Warum?


    Er hat sich in die USA aufgemacht und spielt dort in einem College mit einem Fussballstipendium.

    Das ist auch der Grund für meine kurze (?) Chronologie der letzten Jahre. Gestern ist er abgeflogen, Habe in meiner “Verzweiflung” gleich noch eine Dauerkarte für den eigentlich nicht sehr geliebten lokalen BL Klub gekauft (ganz ohne Live Fußball gehts dann doch nicht).


    An Euch Trainer:

    Danke für Eure Zeit, Euer Engagement & Eure Liebe zum Fußball, die das Hobby für all die kickenden Jungs erst möglich macht. Meine 5 Cent: Versucht immer alle & wirklich alle in der Mannschaft mitzunehmen ohne jemanden auszugrenzen. Die glücklichste Zeit für die Jungs war in meiner Wahrnehmung nicht vom sportlichen Erfolg, sondern der Harmonie im Team und zwischen Team, Eltern und Betreuern bestimmt (besonders natürlich bei den Jüngeren).


    An Euch Eltern:

    Nein Euer Junge wird kein BL-Spieler werden (ist zwar wahrscheinlicher als im Lotto zu gewinnen aber nicht viel). Also entspannt Euch, genießt die Zeit mit den Kindern, die Spiele, die kleinen und auch manchmal größeren Dramen und Triumphe.

    Wenn überhaupt (und Leistungs-orientierter Fußball, d.h. in meinen Augen RL ab U15 aufwärts, in Frage kommt), Vereinswechsel in der Regel erst ab U15 (von speziellen Situationen abgesehen). Seid klug in der Wahl des Klubs, nicht immer ist dabei die Höhe der Spielklasse die beste Entscheidungsgrundlage. Der 3., 4. oder gar 5. Klub ist nicht automatisch besser als der vorige.


    An die Vereinsverantwortlichen:

    Gibt den Trainern die bestmöglichen Bedingungen, schafft im Leistungs-orientierten Bereich ein Konzept mit möglichst enger Vernetzung der Trainer, holt Euch die jungen gut ausgebildeten Trainer (schaut auch mal in den Sport-Unis vorbei).


    In diesem Sinne, weiter gutes Spiel.


    PS Falls Interesse werde ich gelegentlich vom College Fußball in den USA berichten

  • Top, sehr interessant, bin auch auf die weiteren Erfahrungen des Juniors gespannt!

    Und ich fände auch interessant, wie die Zeit U15-U19 so ablief. Sehe bei uns vermehrt, dass die Jungs Talent haben, aber aufgrund verschiedener Sachen (Freundin, Bierchen, Ausbildung, noch mehr Party etc.) hier nicht mehr so gut durchlaufen wie bei deinem Sohnemann. Blieb Fußball immer die Leidenschaft Nr. 1?

  • An Euch Eltern:

    Nein Euer Junge wird kein BL-Spieler werden (ist zwar wahrscheinlicher als im Lotto zu gewinnen aber nicht viel). Also entspannt Euch, genießt die Zeit mit den Kindern, die Spiele, die kleinen und auch manchmal größeren Dramen und Triumphe.

    Sehr schön, das versuche ich meinen Spielereltern auch immer zu erklären...