Zu autoritär? Zu locker?

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  • Hallo zusammen,


    ein Ereignis im gestrigen Training bringt mich ins Grübeln.


    Meine G-Jugend (gemischter Jahrgang) läuft m.M.n gut. 30 gemeldete Kinder und in der Spitze 25 Trainingsteilnehmer. Spricht all in all für meine Arbeit.....

    Im Hintergrund (Eltern) gibt es leider etwas Gelästere, weil in meinem Training zu viele Quatschmacher dabei sind. Ich hätte schon längst einen Aufnahmestopp machen müssen und es wäre unmöglich den Kindern so etwas beizubringen. Außerdem gehe ich viel zu locker mit diesen Quatschmachern um.


    Mein Standpunkt ist:

    Keine Kinder anschreien, die Übungen so auswählen, dass alle Kinder mit ihrem Ball in action sind (versch. Fangspiele, durcheinander dribbeln mit kleinen Aufgaben, Feuer-Wasser-Sturm, Dribbel-wettrennen und funino Spiele.

    Ich sage eher "Solange nicht mitgemacht wird können verlieren wir Zeit zum 3gg3 am Schluss". Wenn einer nach zweimal Aufforderung immernoch nicht bei der Station ist lasse ich ihn auch mal einfach links liegen und bin ihm nicht böse. Sondern konzentriere mich auf die anderen. Ich finde Kinder in dem Alter brauchen auch Raum zum Quatsch machen. Und solange sich nicht die Köpfe kaputtgetreten werden, lasse ich sie auch einfach mal raufen.

    Lange Erklärungen, Technikkorrektur, taktische Dinge finde ich sind ohnehin in der G-Jugend Fehl am Platz. Kinder sollen sich auspowern und frei spielen und zu verschiedenen Bewegungsformen angeleitet werden.


    Standpunkt mancher Eltern:

    Wir sind nicht im Kindergarten sondern im Fußballtraining. Kinder sollen was lernen und gehorchen.


    Gestriges Ereignis:

    Ich habe ein Kinder in der Mannschaft mit Aggressionsproblemen. Emotionaler Charakter, Mama gestorben, Papa alleinerziehend.

    Gestern wie so häufig von ihm ein überharter Zweikampfgeführt. Es eskaliert zum Streit und dieser Jung will schlagen. Das Feld wurde von meinem Co-Trainer betreut.

    Co-Trainer wird laut packt den aggressiven am Arm, zieht ihn zum Mitspieler, verweist sehr stark auf die Regeln und fordert ihn auf sich zu entschuldigen.

    Das gleiche hat er mal bei einem andern "Quatschmacherkind" gemacht.


    Er ist jemand, der bei den Eltern sehr gut ankommen möchte.

    Hat mir danach auch gleich gesagt, dass eine anwesende Mutter ihn für diese Aktion gelobt hat.

    Ich hätte in dieser Situation den aggressiven zu Seite genommen und ihn tröstend beruhigt und in sanften Ton gesagt "das ist nicht in Ordnung mein Freund".


    Meine Überlegung ist, dass in dieser Situation etwas lauteres, schärferes und autoritäreres Auftreten seitens Trainer vll. doch nicht so schlecht ist und ich da mir eine Scheibe von abschneiden könnte.


    Was meint ihr?

    Meiner Linie komplett treu bleiben?

    Mehr Boss sein und schärfer Gehorsam, Regeln etc. einfordern?


    Sehr interessantes Spannungsfeld.

  • Das ist hier tatsächlich schwierig. Ich finde du machst das ganz gut mir der ruhigen Art, allerdings bei Problemen wie schlagen würde ich einen schärferen Ton einschlagen.


    Ruhig und mit Verständnis ist gut wenn einer mal Quatsch macht. In dem Alter auch völlig normal. Aber Agressionen sind ein No-Go, auch wenn das Kind eine schwere Zeit hat mit der Privaten situation, ist Aggression nie eine lösung und sollte m.M.n. auch Schärfer angegangen werden.


    Allerdings sollte man nie Reagieren um anderen zu gefallen. Es muss der Situation entsprechend sein.

    Qualität im Detail. Geduld im Prozess

  • In der G-Jugend und im ersten F-Jugend-Jahr braucht man mMn eigentlich keine Trainer sondern Spielleiter bzw eher ausgebildete Pädagogen mit sehr viel Geduld.

    Da müssen die Kinder spielerisch an den Fussball und die geltenden Regeln herangeführt werden.

    Da kannst du den Quatsch, das Plappern und die Ablenkungen gar nicht komplett abstellen.


    Bei Aggressionen bin ich wie Spalli der Meinung dass das sofort und auch deutlich unterbunden werden muss.

    Am Arm packen und das Kind durch die Gegend ziehen sollte nicht sein. Aber ein strengeres und deutlicheres Eingreifen als "das ist nicht in Ordnung mein Freund" darf dann schon sein.


    Aber im Prinzip sehe ich deine Art und Herangehensweise in der Altersklasse als richtig.

  • Ich finde, du bist auf einem guten Weg. Deine Trainingsgruppe ist sehr groß aber im Umgang mit Kindern gibts in meinen Augen nichtsl zu meckern.


    Wenn man sich mit der Entwicklung von Kindern, Erziehung und Gehirnentwicklung befasst, dann stolpert man über das 3-Gehirne-Modell. Vereinfacht gesagt gibt's das Reptiliengehirn, das limbische Gehirn und der Neokortex.


    Das Reptiliengehirn ist das "älteste" und der schnellste Teil des Gehirns. Hier werden instinktive Funktionen zum Überleben gesteuert. Wenn alls ok ist ist auch das Reptiliengehirn im Ruhemodus. Wenn nicht, dann wird das logische denken blockiert, es bleiben: Flucht, Kampf oder Totstellen. Menschen agieren hier impulsiv, ohne Planung.

    Wenn man sich das kindliche Gehirn wie ein Gebäude vorstellt, ist hier der Keller.


    Im limbischen System sind Emotionen, Erinnerungen und soziales Verhalten abgelegt, die Fähigkeit mit anderen in Kontakt zu treten, Bindung aufzubauen. Hier findet lernen statt. Es werden Belohnungen verarbeitet oder Frustration. Hier ist das Erdgeschoss.


    Der Neokortex kann abstrakt und logisch denken, kann Empathie, Kreativität, bewusste Entscheidungen, Liebe, Problemlösungen und Anpassungefähigkeit. Es ist groß und mächtig aber relativ langsam. Hier wäre also das Obersgeschoss.

    Blöd nur, dass beim Menschen das Haus erst mit ca 25 Jahren wirklich fertig ist. Das OG ist bei Kindern noch im Bau. Schon da aber noch nicht ganz fertig.

    (Und in der Pubertät bricht gefühlt manchmal das Treppenhaus zusammen)


    Nun muss man eigentlich nur noch wissen, dass man zwar von der einen auf die andere Etage gehen kann, man aber nicht durchs Haus brüllt.



    Jetzt haste also einen Spieler, der im Keller tobt und seinen Mitspieler attackieren will. Instinktiv, schnell, ungeplant.

    Natürlich muss man diese Situation sofort unterbinden und das Kind ins Erdgeschoss bringen. Im Keller kannst du es nicht erreichen. Wenn du dort auf ihn einschimpfst, wird es weiter im Keller bleiben und weiter kämpfen.

    Es ist viel schlauer, es ins EG zu bringen, es beruhigen, Bindung herstellen und eine Aussicht auf Belohnung definieren. "Hauen und Schubsen sind verboten. Du entschuldigst dich jetzt und dann darfst du wieder mitmachen". Im Keller verpuffen diese Worte. Reflex ist vielleicht: 'da greift man mal ordentlich durch' und verbannt das Kind vom Spiel. Nur: Lernen kann das Kind im Keller nicht, also wird sich das Verhalten wiederholen.


    Was zur Wahrheit gehört: viele Menschen wissen nichts von diesen Mechanismen. Und manche haben es gehört, finden es aber "neumodischen Kram" und tönen: "es hat uns auch nichts geschadet".


    Und so labern alle land auf land ab zig mal entnervt das gleiche an die Kinder und Jugendliche hin und wundern sich, dass alles an den Lütten abprallt.


    Aber wenn Verbindung da ist und Interesse, dann entsteht ein Sog, der alle mitzieht.

    Mit den Besten zu siegen kann jeder. Du musst es mit allen können!

  • Ein Kind am Arm zu packen - wenn nicht die Gesundheit des gegenübers bedroht ist - das ist btw verboten.

    Deshalb kann man das als Pädagoge schon gar nicht machen - und das ist ein Trainer dieser Altersklasse, ob er es will oder nicht.


    Dass Kinder gehorchen müssen, das ist auch so ein Nonsens. Bedeutet das, dass ein Kind einfach nur das machen soll, was ihm andere sagen? Dann wird es wertgeschätzt, andernfalls nicht?

    Was würden Erwachsene dazu sagen, wenn das bei ihnen gelten würde, von Ehepartner und Chef.



    Autorität erlangt man auch nicht mit vielen Anschreien oä, das ist ein rudimentärer Trugschluß. Aber einen einfachen Katalog, wie man das gut hinbekommt, den kann ich so einfach hier nicht skizzieren.


    Grundsätzlich finde ich deine Herangehensweise für dieses Alter gut, an der echten Autorität kannst du über die Zeit basteln, dann wird manches noch besser.


    Problematisch finde ich aber, dass du und dein Co nicht die selbe Linie nach außen fahrt. Individualität hin oder her.

    Das werden die Kinder auspielen und vor allem die Eltern.

    Das wird dauerhaft zu einem Flächenbrand werden, nicht könnte, sondern wird - falls du das Team nicht spätestens im Sommer abgeben willst.

    Da solltet ihtr euch nochmal zusammensetzten, einen gemeinsamen Plan besprechen, ein halbwegs kongruentes Vorgehen in solchen Situationen erarbeiten.

    Und dabei sollte niemand den Eltern gefallen wollen. Es geht um die Kinder.

    Ich würde da dann auch eher früher als später einzelnen Eltern sagen, dass sie sich gerne anderweitig nach einem Verein umsehen können, wenn sie mit der von mir vereinbarten Vorgehensweise nicht zufrieden sind. Freundlich, persönlich, 4 Augengespräch mit Termin, aber klar und unmissverständlich.


    Edit:

    Ein Tip für die Praxis:

    Das Training immer mit einer intensiven Bewegung für alle beginnen, damit die erste Energie und der erste Bewegungsdrang gestillt wird. Intensive Fangspiele bzw. bei der Anzahl mehrere nebeneinander, oä. auf jeden Fall etws, wo alle stetige Belastung haben, nicht die Hälfte noch viel rumstehen kann.

    "Wenn zwei Menschen immer der gleichen Meinung sind, dann ist einer von ihnen überflüssig." Winston Churchill

  • Naja, Kinder anschreien ist das ein, aber Schutzbefohlene am Arm packen, schleifen etc das kann auch ganz schnell nach hinten losgehen. Wir sprechen ja hier von G-Jugendlichen.


    Bleib deiner Linie treu, schxx auf die Eltern und hab Spaß. Ansonsten mach einen Elternabend !


    Vergleich das ganze mit der Kita oder Schule, da werden die schwierigen Kinder auch nicht einfach rausgeschmissen !