let1612
Ich versuche es mal anders😉
Die Regel beim Fußball (stell dir jetzt erstmal Seniorenfußball vor) 'Ball im Seitenaus' ist ja erstmal relativ überschaubar und leicht verständlich. Auch die technisch/motorisch richtige Ausführung eines Einwurfs ist ja wohl wirklich kein Hexenwerk! Regeln bilden aber nur den formellen Rahmen. Die Mannschaften / der Spieler agiert innerhalb der Regeln und das nenne ich Spiel. Und aus den Regeln lassen sich für das Spiel Taktiken entwickeln, das Spiel besonders erfolgreich/erfolgsstabil zu meistern.
* Kurzer Exkurs: Im Fußball zielen viele Taktiken darauf ab, wie man die doch relativ großen Distanzen auf dem Feld überbrücken kann, um in aussichtsreiche Abschlusspositionen zu kommen. Einige Teams setzen eher auf kontrolliertes Kurzpassspiel, andere setzten eher auf lange Bälle. Auch Flugbälle zur Seitenverlagerung kommen zum Einsatz. Oft verpönt und vielleicht nicht sehr ansehnlich, ist das blinde nach vorne Bolzen der Bälle und dann vorne mal schauen, was zu holen ist. Überbegriff für diesen Exkurs nenne ich mal "Raumgewinn". *
Wenn ich mir die aktuelle Regel anschaue und ansehe, welche Auswirkungen der Ausball für das Spiel hat, habe ich das Gefühl, dass die Urväter des Fußballs sich bei 'Ball im Seitenaus' folgende Gedanken gemacht haben:
Ball ist im Aus und muss wieder auf's Feld zurück, damit das Spiel fortgesetzt werden kann.
Der Ball soll in dem Bereich wieder ins Spiel zurück, in dem er das Feld verlassen hat. Durch die Vorgabe "Ball mit beiden Händen über den Kopf werfen" (Füße auf dem Boden ignoriere ich jetzt mal), wird in gewisser Hinsicht auch der Wirkungskreis eines Einwurfs begrenzt und das braucht nicht mehr zusätzlich durch eine maximale Wurfdistanz oder ähnliches eingeschränkt werden (Kontrolle durch Schiri wäre eh schwierig). Einhändige Wurftechniken würden mit Sicherheit wesentlich größere Distanzen ermöglichen (Stichwort: Raumgewinn) und sind deshalb untersagt. Die aktuelle Spielfortsetzung bei Ball im Seitenaus hat somit doch nur sehr lokale Auswirkungen. Auch um einen Abstand des Gegenspielers brauche ich mir in der Praxis nur sehr selten Gedanken machen, da der Ball ja grundsätzlich erstmal über den Kopf herumstehender Gegner geworfen werden kann. Dadurch ist die Spielfortsetzung erstmal doch relativ schnell und da muss kaum etwas zurückgepfiffen werden. Wie gerne stellt sich doch bei einem Freistoß nochmal ein Gegenspieler "aus versehen" vor den Ball und verhindert eine schnelle Spielfortsetzung. Quasi eine Art taktisches Foul. Sowas ist beim Einwurf kaum möglich.
Ball im Seitenaus ist einfach vorkommender Teil des Spiels und die Spielfortsetzung soll keinen überproportional großen Einfluss auf das Spiel haben. Die Spielfortsetzung durch das andere Team soll keine Strafe sein und das andere Team bei der Spielfortsetzung überproportional bevorteilen. Die Situation ist in der Spielpraxis erstmal relativ neutral. Die Mannschaft, die den Ball ins Aus geschossen hat, muss damit leben, dass die andere Mannschaft den Ball bekommt und das Spiel von der Seitenlinie aus fortsetzen darf. Desto geschickter die einwerfende Mannschaft in der Situation agiert, desto höher sind ihre Chancen den Ball zu behaupten. Ein glasklarer Ausgang der Situation ist aber nicht vorhersehbar (also welches Team anschließend den Ball behauptet). Ein Ausball ist somit nicht gleich Ballbesitzwechsel. Durch das Recht den Ball einwerfen zu dürfen bekommt das andere Team jedoch die Chance, den Spielfortgang nach ihren Gunsten zu beeinflussen.
Fazit Einwurf aus taktischer Sicht: Einwurf-Regel hat eher lokale Auswirkungen auf das Spielgeschehen. Einwurf ist kein Mittel für Raumgewinn und Ergebnis des Einwurfs nicht zwangsläufig ein Wechsel hin zu einem kontrollierten Ballbesitz des einwerfenden Teams.
Würde man im Fußball (jetzt erstmal das Großfeld vor Augen) mit Einkick nach Futsal-Regeln spielen:
Ich muss dazu sagen, dass ich überhaupt keinerlei Futsal-Erfahrung habe. Ich habe mir aus deinem Link die Einkick-Regel durchgelesen und bei Youtube mal in zwei Videos reingeklickt. Was mir direkt auffiel (kann jedoch nicht sagen, ob das repräsentativ für die meisten Futsal-Spiele ist): Laut Regelwerk müssen die Gegner 5 Meter Abstand halten. Alleine diese Vorgabe würde dazu führen, dass ein Einkick faktisch verlässlich einem Ballbesitzwechsel gleich kommt. Ich kann den Ball beim Einkick kontrolliert einspielen und ein Mitspieler könnte sich direkt in offener Stellung neben mich stellen und den Ball von mir erhalten. Selbst, wenn kein Gegner in der Nähe wäre, ist sowas beim Einwurf unmöglich. Der Spieler in offener Stellung könnte den Ball wesentlich kontrollierter und nahezu ungefährdet (Gegner knapp 5 Meter entfernt) aus der Situation herauspassen oder auch direkt einen kontrollierten, langen Ball (egal in welche Spielrichtung) spielen. Dadurch würde man jede Distanzbeschränkung des direkten Einkicks aushebeln (Motto: Der Einkick darf nur flach eingepasst werden).
Fazit Einkick aus taktischer Sicht:
Einkick-Regel hat globale Auswirkungen auf das Spielgeschehen. Einkick ist ein hochwertiges Mittel zum Raumgewinn und ein nahezu verlässlicher Ballbesitzwechsel (also einkickende Team startet vom Einkick weg quasi direkt in den kontrollierten Ballbesitz).
Ich kann mich natürlich gewaltig irren, aber das sind meine Gedanken dazu.
In meinen Augen reduzierst du den Unterschied zwischen Einwurf und Einkick nahezu ausschließlich auf die motorische Ausführung. Und sagst dann, Einkick ist doch motorisch einfacher, lass uns das doch machen.
Ob Einwurf oder Einkick ist mir aus motorischer und auch persönlicher Sicht (Emotional, Einwurf hat seine Tradition und daran darf nicht gerüttelt werden) völlig egal. Ich habe da viel mehr die Konsequenzen vor Augen, die so eine Änderung für das gesamte Spielgeschen mitsich bringen würde. Weil klar ist doch: Warum sollten Teams, die taktisch beim Thema Raumgewinn in jeder Situation auf lange Bälle setzen (TW-Abschlag, Balleroberung in der Defensive und dann lang Holz, Freistöße in der eigenen Hälfte usw.), bei einem Einkick taktisch anders handeln? Heute werfen sie den Ball vielleicht ungeplant nach vorne (das was du bemängelst - die Teams suchen dadurch Sicherheit und bestenfalls minimalen Raumgewinn), aber die Auswirkungen auf das Spiel sind doch sehr lokal. Durch einen Einkick (zumindest nach dem Regelwerk so wie oben von mir beschrieben), würde sich die gesamte Spieldynamik verändern. Ein viel zu hoher Preis wie ich finde, wenn deine Motivation/Intention eigentlich nur war, die motorische Ausführung der Spielfortsetzung bei "Ball im Seitenaus" etwas zu vereinfachen.
Wenn es hier "nur" um den Einwurf im Kifu ginge, hätte ich es dabei belassen und nicht nochmal geantwortet. Aber ich habe das Gefühl, dass du teilweise wahrlos Situationen aus dem Spiel heraus greifst und deren Ausführung ändern möchtest. Motto z.B.: Im Futsal wird XY ja auch gemacht. Wieso nicht auch im Fußball? Ich habe wirklich das Gefühl, dass du die taktischen Konsequenzen entweder kaum oder nur sehr blauäugig bewertest und es ausschließlich auf die motorische Ausführung herunter brichst. Es wird immer Trainer/Spieler geben, die die Regeln auch ins gefühlt eher negative/unattaktive ausreizen, ohne dabei jedoch letztendlich gegen die Regeln zu verstoßen. Ich denke, sowas gehört einfach zum Spiel dazu. Völlig egal, um welches Spiel es geht.
Das hier soll das nochmal unterstreichen:
würde ich die Futsalregeln (einpassen) nehmen. Die funktionieren außer in Deutschland überall in der Welt
Und im Beach Soccer darf man einwerfen oder einkicken.
Warum nehmen sie denn dann nicht beim Beach Soccer auch Futsal-Regeln? Oder beim Futsal zusätzlich einfach noch einwerfen? Rein motorisch "funktionieren" die natürlich überall, aber solche Regeln sind doch nicht losgelöst vom restlichen Regelwerk des Spiels (Torgröße, Spielfeldgröße, Spieleranzahl, Spieldauer, Platzbeschaffenheit/Untergrund, Ballgröße und Typ usw. usw.). Und solche Regeln müssen doch im Gesamtkontext der Sportart funktionieren und Sinn machen. Könntest ja auch sagen, dass im Beach Soccer ohne Abseits gespielt wird, warum nicht auch im Fußball. Würde bestimmt viele strittige Entscheidungen ersparen, wenn man auf Abseits verzichtet. Oder, dass alle Ballsportarten, die mit dem Fuß bespielt werden, ab jetzt mit ein und demselben Ball gespielt werden. Senkt bestimmt die Produktionskosten und die Fußgröße ist im Futsal ja wohl nicht nennenswert anders als beim Beach Soccer oder Fußball. Sollen doch einfach alle mit demselben Ball spielen.