Aussagen zur mentalen Verfassung und ob die Spieler es mehr wollten als der Gegner, finde ich immer fragwürdig. Es ist einerseits nicht mess- oder belegbar und zeugt allzu oft davon, dass inhaltliche Probleme nicht erkannt werden.
Über das individuelle Niveau der Spieler brauchen wir wohl nicht diskutieren. Da finde ich die Verweise auf die Erfolge in der Champions League durchaus sinnvoll. Es gab kaum einen Spieler in der gestrigen Startelf, der nicht wenigstens mal im Finale der CL stand. Und diese Spieler sind in ihren Vereinen keine Bankwärmer. Es geht aber darum, welche Spieler, welche Eigenheiten haben. Wo liegen die Stärken, wo sind die Schwächen. Und da gilt es, eine passende Ausrichtung zu finden. Kroos ist/wurde bspw. bei Real von Leuten wie Casemiro und Varane+Ramos abgedeckt. Der kann/konnte sich ruhigen Gewissens auf das Spiel nach vorne konzentrieren, ohne großartig nach hinten arbeiten zu müssen. In der N11 ist er der tiefste ZM und häufiger mit Abwehraufgaben betraut. Allein diese Nutzung von Kroos entspricht schon nicht dem, was er eigentlich kennt und bevorzugt. Und das war auch bei anderen Spielern der Fall.
Ein weiteres ganz wesentliches Problem bei den deutschen Angriffen war, dass oft 4-5 Spieler auf einer Linie und dabei auf Höhe der gegnerischen Abwehrlinie standen. So lässt sich nur schwer in den Strafraum kombinieren und nach Ballverlusten sind diese Spieler dann auch nur noch bedingt fähig, rechtzeitig wieder nach hinten zu kommen. Diese Staffelungsprobleme sind ebenso schädlich für das Kombinations- und Angriffsspiel wie für die Konterabsicherung. Mit so vielen Spielern auf einer Linie bleiben letztlich fast nur noch Flanken. Wenn es der Gegner dann schafft, dass diese von Ginter reingebracht werden, wie es die Ungarn gemacht haben, ist das wenig aussichtsreich.
Obwohl ich eigentlich lange ein Befürworter Löws war, sehe ich die Probleme für die Art und Weise des Ausscheidens bei den vergangenen beiden Turnieren in erster Linie auf der Trainerposition.
Ich würde nun hinsichtlich der A-Nationalmannschaft kurz- und mittelfristig nicht in Panik verfallen, weil sich das alles unter Flick plötzlich zum Besseren ändern kann. Das Spielerniveau ist mehr als ausreichend, um große Titel zu gewinnen. Dennoch halte ich es unbedingt für angebracht, dass wir die Trainerausbildung überarbeiten, um so auch die Nachwuchsförderung zu verbessern. Dass die vergangenen drei CL-Triumphe von dt. Trainern errungen wurden, sollte uns nicht täuschen. Zumindest Tuchel und Klopp machen nach eigener Aussage vieles anders, als es der DFB lehrt. Der RAE ist in Dtl. leider noch immer sehr präsent und ein Indiz dafür, dass die Nachwuchsförderung zu stark auf konditionelle Aspekte ausgerichtet ist. Wir haben viele schnelle Pressing- und Umschaltmonster, aber im Positions- und Kombinationsspiel hakt es zum Teil gewaltig. Wenn die Gegner tief stehen, wird es dann schwierig. Leider spielen diese Dinge in der Trainerausbildung eine erbärmlich geringe Rolle. Die Lehrinhalte des DFB zum Spielaufbau und Angriffsspiel sind im Vergleich zum Pressing arg oberflächlich und leider zu Ablauffokussiert. Wenn man da mal über strategisch-taktische Prinzipien des Positionsspiels sprechen möchte, wird es dünn.
Darüber hinaus werden Talente bei uns zum Teil weniger gefördert als viel eher ausgetauscht. Wenn ein Nachwuchsspieler ein schlechtes Jahr hat, ist er so gut wie weg vom Fenster. Das ist fatal. Vielleicht hat er im nächsten Jahr schon wieder einen enormen Entwicklungsschub und startet durch. Dahingehend müssen Trainer sensibilisiert werden und es müssen Grundlagen geschaffen werden, dass der Erfolg bis zum U17-Bereich nur eine untergeordnete Rolle spielt. Schon die Schweizer haben festgestellt, dass Ergebnisse im jungen Nachwuchsbereich (bis 15 Jahre) keine Rückschlüsse darüber zulassen, wie die zukünftige Entwicklung ablaufen wird. Warum selektieren wir dann schon im Kindesalter und setzen so Spieler und Trainer sehr früh unter Druck? Da ist es doch nur folgerichtig, dass es zu so etwas wie dem RAE kommt.
Gestern hieß es auch wieder von Experten (bspw. Ballack und Bobic bei Magenta TV), man müsse die Ausbildung stärker individualisieren und Persönlichkeiten ausbilden; was auch immer letzteres heißen soll... Das Problem dabei ist: das höre ich schon seit über 15 Jahren. Und seit mindestens genauso langer Zeit macht man eigentlich nichts anderes. Und so sind natürlich auch die DFB-Stützpunkte ausgerichtet. Es geht da teilweise nicht mehr um einen Mannschaftssport. Wir bilden Spieler in erster Linie anhand des 1-gegen-1 aus und wundern uns dann, wenn diese nicht wissen, wie sie sich in Räumen verhalten sollen, in denen mehr als ein Gegenspieler steht. Und wie gesagt: ein mannschaftlich geschlossenes Kombinationsspiel kann so natürlich auch nicht adäquat vermittelt werden. Stattdessen macht man sich abhängig von Einzelaktionen.
Ich halte es für richtig, Spieler individuell zu fördern und sich auf ihre Eigenarten einzustellen. Aber das muss immer in einem mannschaftlichen Kontext stattfinden. Wie kann ich Spieler ausbilden und einbinden, sodass ihre Stärken der Mannschaft dienen und ihre Schwächen von der Mannschaft kompensiert werden?
