Übertriebener Ehrgeiz

  • Hallo Leute,


    mein Sohn wird im Mai 6 Jahre alt und spielt dann seit ca. 1,5 Jahre Fussball im Verein. Eigentlich läuft alles bestens bei ihm, lediglich sein übertriebener Ehrgeiz macht mir langsam zu schaffen. Manchmal sind es Niederlagen, Gegentore oder bsplws Situationen bei denen ihm ein Mitspieler den Torabschluss wegnimmt, die bei ihm richtige Wutanfälle auslösen. Er schmeißt sich dann auf den Boden und heult rum. Er lässt sich dann auch bestimmt 10-15 min lang nicht beruhigen. Solche „Anfälle“ sind bisher noch bei keinen Turnieren augetreten. Meist wenn er mit Kumpels oder gegen mich kickt, kommt es häufig vor, dass er ausrastet, wenns nicht läuft. Auch im Training ist es schon vorgekommen. Einige meinten dann sogar, dass dies gut für ihn sei, weil er äußerst ehrgeizig zu sein scheint.

    Anfangs dachte ich, das wird mit dem älter werden besser, jedoch scheint es immer schlimmer zu werden. Habt ihr mir Tipps oder Tricks, wie ich ihn dazu bringe, dass Verlieren auch zum Sport gehört?

  • Du beschreibst das typische Verhalten von erfolgsverwöhnten, ehrgeizigen G-Jugendlichen. Ich habe das so in sehr unterschiedlichen Ausprägungen mittlerweile recht häufig beobachtet und mir einen recht gelassenen Umgang damit angewöhnt.

    "Hast du dir weh getan? Nein? Gut, dann setz dich an den Rand bis es wieder geht." Ende der Unterhaltung, liegt das Kind mitten im Feld oder der Übung, trage ich es an den Rand und trainiere weiter.

    Ehrgeizige Kinder sind dann schneller wieder auf dem Feld als du gucken kannst, Aufmerksamkeit und gutes Zureden bringen da absolut nichts. Auch andere Kinder weise ich an die Situation zu ignorieren.

    Was gibt es auch zu bereden? Niemand hat sich falsch verhalten etc. Das Kind muss einfach erkennen (nicht beigebracht bekommen) das solche Situationen zum Fußball gehören und das man heulend nicht kicken kann.

    Beim Kick mit Freunden oder Papa, würde ich ihn fragen ob er weiterspielen will. Tobt er dann weiter, würde ich ihn notfalls nach Hause tragen. Ich weiß, daß ist hart aber es geht hier um Selbsterkenntnis.

    Die Situation ist ganz normal und die muss er aushalten, tut er das nicht kann er nicht spielen.

    An sich sehe ich das ganze übrigens gar nicht so dramatisch, ich halte es für einen normalen Lernprozess. Ich würde dem ganzen außerhalb dieser Situationen absolut keinen Raum geben.


    Ich glaube übrigens nicht das er sich so in einem Spiel/Turnier verhält. Die Konsequenz vom Feld zu müssen ist einfach zu schmerzhaft für diese Jungs.


    Mal ganz allgemein gefragt. Kennt dein Kind Niederlagen (Brettspiele etc) und wie geht er damit um?

  • Ein wichtiger Faktor ist die Emotionsregulation. Diese ist im Vorschulalter zunehmend intrapsychisch geprägt. Das heißt, dass sie ihre Emotionen mit sich selber ausmachen und auch selber kontrollieren können, es zumindest versuchen. Sie sind nicht mehr so stark auf soziale Unterstützung angewiesen. Das heißt auch, dass sie selber erkennen müssen, dass ihre Emotionen nicht richtig sind und sie sie kontrollieren müssen.


    Ein weiterer zentraler Faktor ist die soziale Kompetenz. Soziale Kompetenz wird definiert als jene Lösungen, bei denen die eigenen Bedürfnisse und die Bedürfnisse anderer in Einklang sind. Soziale Kompetenz hängt elementar mit der eigenen Persönlichkeit zusammen. Für die positive Gestaltung einer Interaktion ist vieles notwendig: eine gefestigte Wahrnehmung, ein Grundverständnis von Moral (was ist richtig, was ist falsch?) und ein umfangreiches Verhaltensrepertoire (wie die oben beschriebene Emotionsregulation).

    Folgende Kernkompetenzen müssen zusammen erarbeitet und etabliert werden: die emotionale Sozialkompetenz (eigene Gefühle wahrnehmen und damit umgehen können), Perspektivübernahme und Empathie (Gefühle anderer wahrnehmen und diese im eigenen Handeln berücksichtigen), Kommunikationsfähigkeit (Fähigkeit mit anderen über eigene Gefühle und Bedürfnisse zu kommunizieren), Impulskontrolle (der bestmögliche Umgang mit negativen Gefühlen), Problemlöseverhalten (großer Erfahrungsschatz und Ideenvielfalt um Probleme zu lösen), Entspannung (Wissen und Anwendung diverser Entspannungstechniken), Prosoziales Verhalten (Erarbeiten und Festigen von Verhaltensweisen, das Entschärfen kritische Situationen, Umgang mit Kritik, Ausüben von Kritik ohne zu verletzen), Selbstwertsteigerung (das Selbstvertrauen und die Haltung sich gegenüber stärken), Übernahme von Verantwortung (für das eigene Handeln), sozioemotionale Erfahrungen (Streit erleben und erfahren können, warten, teilen und verzichten lernen). Mit dieser ellenlangen Auflistung wollte ich darstellen, wie komplex so ein Verhalten sein kann und das nur du wissen kannst, wo dein Kind noch dran arbeiten muss und was er bereits gut kann.

    Die Schulung sozialer Kompetenzen sollte also mindestens folgende Inhalte umfassen: das Kennenlernen der Gefühle, die Perspektivübernahme anderer, die Kenntnis von allgemeingültigen Kommunikations- und Verhaltensregeln, der Ausbau kognitiver Bereiche, Strategien, um mit Situationen umzugehen.


    Ich möchte das jetzt nicht pathologisieren, aber man kann sich natürlich auch mal Strategien im Umgang mit aggressiv-oppositionellen Verhalten auseinandersetzen. Diese Kinder scheinen häufig unkontrolliert, rücksichtslos und egoistisch. Häufig entsteht Aggressivität aus einer Hilfslosigkeit in der Situation oder dient der Durchsetzung der eigenen Wünsche oder Bedürfnisse. Erfolgserlebnisse führen dabei zu einer falschen Lernerfahrung. Deshalb ist es wichtig, dass das Verhalten von deinem Sohn nicht belohnt, sondern konsequent sanktioniert wird. In dem Alter ist eine super Möglichkeit des einfachen Ignorierens.

    Es muss also versucht werden, die Frustrationstoleranz des Kindes zu steigern. Es muss lernen, mit negativen Gefühlen adäquat umzugehen. Bei einer niedrigen Frustrationstoleranz reicht ein kleiner Vorfall und das Kind explodiert.

    Das Theoretische hört sich ja schön an und ist bestimmt in vielen Punkten auch nachvollziehbar, aber welche Möglichkeit hat man nun konkret als das soziale Umfeld? Nun es müssen vor allem klare Regeln aufgestellt werden, an denen sich das Kind orientieren kann. Eine weitere Möglichkeit (das ist schon wirklich eine höhere Stufe, weiß nicht ob die unbedingt nötig ist) ist ein Verstärkersystem. Dabei schließt man einen Deal ab, der möglichst positiv formuliert sein soll. „Jedes Mal, wenn du … schaffst, bekommst du einen Punkt.“ „Hast du … Punkte, dann gehen wir zusammen …“. Ist das gewünschte Verhalten erreicht, dann löst man das Verstärkersystem langsam auf und ersetzt es durch verbales Loben.


    Eine andere Idee wäre die Aufstellung von Kommunikationsregeln. Die sind vor allem für dich wichtig. Dazu gehört sowas wie Ich-Botschaften statt Du-Botschaften, Vorwürfe vermeiden, so oft wie möglich loben, über die eigenen Gefühle und die des Kindes sprechen, schreien und schimpfen, durch Mimik und Gestik die Wertschätzung signalisieren, Zeit zum Reden nehmen.

    Aber keine Sorge, er ist noch ein junges Kind. Du hast das Problem erkannt und willst diesem aktiv begegnen. Und das wird klappen, da du dich damit auseinandersetzt und so was mit deinem Kind zusammen erarbeiten kannst.

  • Mal ganz allgemein gefragt. Kennt dein Kind Niederlagen (Brettspiele etc) und wie geht er damit um?

    Bei Karten- oder Brettspielen reagiert er genauso, sobald man ihn nicht mehr gewinnen lässt. Wir brechen dann immer sofort ab und räumen auf, was ihn noch wütender macht.

    Das Ignorieren habe ich des öfteren angewandt. Auch heute, als ich beim 1 vs. 1 im Flur den 3:14 Anschlusstreffer erzielen konnte ^^. Konsequent nicht darauf reagiert als es losging mit „das zählt nicht!“ „es steht immer noch 20:0 für mich“ usw. bis er sich wieder auf dem Boden gewälzt hat. Ging dann bestimmt 20min. so bis er sich von allein eingekriegt hat. Dieses Verhalten habe bisher noch bei keinem anderen Kind gesehen, was mich eben so stutzig macht.

  • Bei Karten- oder Brettspielen reagiert er genauso, sobald man ihn nicht mehr gewinnen lässt. Wir brechen dann immer sofort ab und räumen auf, was ihn noch wütender macht.

    Das Ignorieren habe ich des öfteren angewandt. Auch heute, als ich beim 1 vs. 1 im Flur den 3:14 Anschlusstreffer erzielen konnte ^^.

    Warum lässt Du ihn gewinnen?

  • haha, mein Großer war auch so ein Kandidat. Sei dir gewiss, es gibt diese Kinder!

    Beim Anschlusstreffer zum 3:5 im Abschlussspiel lief meiner wutheulend übern Platz. Er wollte dann nicht mal runter aber so in Rage? Auch schwierig. Wenn er das Abschlussspiel verloren hatte, war der restliche Abend gelaufen.

    Das war schon ein Running Gag. "tja, das wars mit dem ruhigen Abend, dein Sohn liegt zurück". haha, sehr lustig... Not!


    Wir haben ihm zu Hause eigentlich nur gesagt, dass er sofort zu einem deutlich schwächeren Spieler wird, wenn er heult oder tobt aber das natürlich Verlieren auch dazu gehört.

    Ich habe ihm dann ganz gerne von meinen Niederlagen erzählt. Dass ich mich manchmal total geärgert hatte, wenn ich das Gefühl hatte, dass sich die anderen nicht so reinhängen. Aber dass ich auch nie mehr machen konnte, als mein bestes zu geben. Und dann muss man gucken was dabei raus kommt. Meist konnte er dann auch verbalisieren, was ihn genau auf die Palme bringt: "immer muss ich mit den schlechten spielen."

    Ich hatte mal bunte Becher genommen... drei grüne für die besten, vier blaue für die mittleren, fünf rote für die schwächeren. Und er solle doch bitte zwei faire Teams zusammenstellen. Hat er gemacht: "die grünen, das sind x, y und ich. Gegen den ganzen Rest. Die sind dann mehr und das ist dann fair". Da hatte ich dann erstmal auserzählt. Dass jedes Team sechs Spieler haben sollte, hatte ich zuvor nicht gefordert. =)


    Ich würde dir empfehlen, viele sehr kurze Spiele mit ihm zu spielen, wo man permanent gewinnt oder verliert. Mäxchen (Würfeln), Mau Mau, Quartett.

    Auch cool und super zum Rechnen üben ist folgendes Spiel: man hat nur einen Würfel und würfelt mehrfach hintereinander bis man z.b. 50 Punkte hat. Man addiert einfach die Würfe. Und dann gibts zwei Regeln:

    1. man kann jederzeit seinen Zwischenstand einloggen und gibt den Würfel an den nächsten Mitspieler ab. Wenn man wieder dran ist, würfelt man dann ab dem Zwischenstand weiter.

    2. würfelt man eine 6 sind die Punkte futsch und der Spielzug sofort beendet. (die eingeloggten bleiben bestehen.)

    Ich kenne kein Spiel, bei dem man öfter Misserfolge hat.


    Hast du im Training einen Co? Dann würde ich versuchen deinen Sohn so oft es eben geht in die Obhut des Cos zu geben. Dann hat er einen Trainer zum reiben und landet nicht in der Vater/Kind-Rolle.


    Mit 7 war der Spuk beim Sohn dann übrigens von einem auf den anderen Tag vorbei. Dann kam übrigens noch die "ich motze meine Mitspieler an"-Phase, die aber recht kurz war. Inzwischen ist er 10 und ein soziales Wesen, auch aufm Platz! =) Bald kommt die Pubertät, ich freue mich schon :saint:

  • Bewusst gewinnen lassen mach ich nicht. Ich mein, werft ihr euch gegen einen 5-jährigen voll in Zweikampf als obs euer letzter wäre :D? Bei Kartenspielen wie UNO z.B. lass ich ihn eher anfangs mal gewinnen, dass er einen Vorsprung hat, ansonsten brauchst gar nicht anfangen zu spielen.


    Im Training gibt es sogar 2 Co‘s. Meist steh ich aber an der Seitenlinie, sodass er dann auf mich zurennt und in mich rein heult.

    Nächstes Jahr soll ich dann sogar selber Co-Trainer werden. Dann wird es vermutlich noch schlimmer?

  • Es muss also versucht werden, die Frustrationstoleranz des Kindes zu steigern. Es muss lernen, mit negativen Gefühlen adäquat umzugehen. Bei einer niedrigen Frustrationstoleranz reicht ein kleiner Vorfall und das Kind explodiert.

    leviedelstein toller Post. Ich habe mir mal erlaubt den -Kernsatz- rausnehmen. Das ist für mich das wichtigste.

    Bei Kindern sehe ich es so. Ich lasse meinen Sohn nicht extra gewinnen, steuere das aber. Dadurch lernt er ja, das er nicht immer gewinnt, sondern sich durch anstrengung verbessert, also etwas dafür tun muß um zu gewinnen und erfolgserlebnisse zu generieren. das verlieren fällt eben in den bereich frustrationstoleranz und die konstruktive Art damit umzugehen. auch mit dem gefühl -schwächer- zu sein als andere. Das ist elementar für die Verbesserung der eigenen Fähigkeit.

    Mein Sohn läßt mich mittlerweile beim Kopfballjonglieren z.b. auch nicht mehr gewinnen. Das ist für mich auch frustrierend;)... habe mich aber schon verbessert (auf niedrigstem Niveau).

    Kindern Gegenbeispiele zu schaffen und eigenes(oder das anderer Kinder) Frustrationsverhalten und konstruktives Umgehen damit zu zeigen ist auch wichtig. Dann kommen Sie ins -vergleichen-, und führt im besten fall zur eigenen Verhaltensänderung

    Bei einem Fußballspiel verkompliziert sich allerdings alles durch die Anwesenheit der gegnerischen Mannschaft (J.P.Satre)