Liebe Trainerfreunde
Ich habe lange mit mir gerungen, ob meine langjährigen Beobachtungen lediglich subjektive Eindrücke sind oder doch einen größeren Teil der Realität widerspiegeln. Nunmehr habe ich mich dazu entschlossen, meine Beobachtungen über den "zweiten Fussball-Bildungsweg" zu beschreiben.
Längst hat man im Schulwesen erkannt, dass es auch Spätentwickler gibt, für die man einen "zweiten Bildungsweg" eingerichtet hat. Warum nicht auch für Fussballer? Haben es nicht die "Fußballbildungswege eines Miroslav Klose und Anderen verdient, auch einmal beleuchtet zu werden?
Doch möchte ich nicht gleich mit den "Assen" unter den Profis beginnen, sondern zu den Anfängen im Jugendbereich zurückblicken. Da wäre als erstes die flächendeckende Sichtung der Talente zu nennen. Bei den 1 - 2 sehr guten Talenten (nenen wir sie Typ A) eines Jahrgangs wird man sich rasch einig! Aber was ist mit dem großen Rest (Typ B), die sich nur marginal unterscheiden? Ist es da nahezu egal, wie man sich entscheidet oder gilt es zu beachten, dass wir derzeit nur einen Bildungsweg haben? Denn welcher Trainer, welche Eltern interessieren sich für den für sie fernen Weg des "ersten Bildungswegs im Fussball"?
Da wäre zunächst einmal Talente zu nennen, die eigentlich nicht ausgewählt worden wären, aber in die Förderung hineingerutscht sind, weil Andere verzichtet haben. Aufgrund der deutlich höheren Qualität der sportlichen und mentalen Förderung konnten nach 1 Jahr mehrere dieser Talente, die normalerweise nicht gefördert worden wären, fast ans Niveau der Toptalente herangeführt werden. Die Erklärung dafür ist recht simpel: dem Einen fliegt fast alles aufgrund seiner Talentanlagen zu, der Andere trainiert sich die Fähigkeiten dank guter Unterstützung mühsam an. Während der eine das Traininng manchmal langweilig empfindet, sieht man dem Anderen seine Mühsal an. Doch insgesamt überwiegt die Freude bei beiden Typen.
Blicken wir nun von der Basisförderung in die Verbandsförderung. Beim Typ A schnalzen die Verbandstrainer mit der Zunge und überschütten sie mit Lob. Beim Typ B wird kurz hingeschaut und der Stempel "nicht weiter förderungwürdig" verpaßt! Weil aber Typ A plötzlich Unlust zeigt, rebellisch wird, sich dies auf schwankende Beteiligung und Leistungen auswirken, kommt Typ B wieder ins Spiel. Zunächst nur als Ersatz überrascht er die Experten nach und nach mit einen besonders hohen Maß an zuverlässigen, abrufbaren Leistungen. Schließlich verdrängt ein Teil des Typs B den ohnehin schon kleinen Teil von Typ A! Weil aber Typ A nur den "ersten Fussball-Bildungsweg" kennengelernt hat, ist er wie ein Boxer, der einmal entscheident K.O. gegangen ist. Er traut sich nicht wieder in den Ring! Beim Typ B hat sich so manches ereignet, aber nicht konnte ihn aus der Bahn werfen!
Nun wird von einer breiten Trainermasse behauptet, es gäbe diesen zweiten Fussball-Bildungsweg nicht! Deshalb möchte ich gerne vom Typ B berichten, der nie einen Stützpunkt sah! Der Weg dieser jungen Fussballer geht über den Dorfverein, in der nahezu alles auf "Sparflamme" läuft. Die Welt ringsherum existiert nahezu nicht! Es wird Fussball gespielt, weil immer schon Fussball gespielt wurde und das auch ewig so sein soll. Dann aber gehen die Jahrgangszahlen zurück und man kann nicht mehr in jedem Jugendbereich eine eigene Mannschaft stellen. Zunächst versucht man diese Spieler in höheren Jugendklassen unterzubringen. Gelingt dies nicht, so werden sie übers Gastspielrecht mal für eine Saison an den größeren Nachbarverein "ausgeliehen"! Weil sich dieser Spieler immer auch dafür entscheidet, seinen Spaß mit Mannschaftskameraden zu teilen, die er vorher vielleicht nur über die Schule kennt, denkt er mit der Zeit anders über sein Hobby. Es beginnt ihm, ohne Abhängigkeit von Mannschaftskameraden Spaß zu machen und aufgrund der rasch wechselnden Trainer-Philosophien ist er sehr flexibel geworden. Er hat nunmehr bereits den Status des Typs B erreicht. Als nun aufgrund des demografischen Wandels über die Bildung einer Jugendspielgemeinschaft mittelfristig auf die sinkenden Spielerzahlen reagiert wird, können sich die zusammengeschlossenen Vereine bessere Trainer leisten. Gemeinsam mit den anderen Spielern des Typs B können diese besser ausgebildeten Trainer das bereits vorhandene, aber bislang noch nicht abgerufene Potenzial binnen kurzer Zeit hervorbringen, sodass binnen einer Saison 3 - 4 Ligen übersprüngen werden können.
Jedoch ist es beim Typ B genauso wie beim Typ A: Nicht alle, die können, wollen auch! Deshalb sollte man unabhängig vom Potenzial den Willen des Kinders akzeptieren und respektieren.
Motivation dieses Textes war unter anderen auch der Irrglaube, junge Menschen würden früh selektiert und wären danach chancenlos! Es gibt im Leben täglich neue Chancen! Man muß nur etwas Mut haben, die richtigen Chancen zu ergreifen!
