Spielsituationen simulieren in der E-Jugend?

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  • Hallo zusammen,


    seit langem als passiver Leser hier im Forum "aktiv". Ich bin 26 und im Sommer 14 habe ich ein alten Jahrgang F-Jugend, sprich mittlerweile E-Jugend Mannschaft übernommen. Ich habe die 2. Mannschaft des jungen Jahrgangs unter meinen Fittichen - sprich die etwas schwächeren Jungs. Habe auch vor ein paar Monaten die erste Vorstufe der "C-Lizenz" gemacht. Ich selbst habe von der Bambini bis zu den Senioren jede Mannschaft durchlaufen. Die Arbeit mit den Jungs macht einen riesen Spaß und auch mit den Eltern läuft alles super.


    Jetzt würde ich gerne eure Meinung oder vielleicht auch den einen oder anderen Tipp bekommen:
    Meine Jungs haben riesen Schwierigkeiten von hinten raus mal mehrere Pässe am Stück zu spielen. ( In BaWü darf der TW den Ball nicht aus der Hand nach vorne schießen, sondern nur wenn er auf dem Boden liegt).
    Ist es sinnvoll im Training mal wirklich diese Situation zu simulieren und so einen Lerneffekt bzw. sogar den ein oder anderen Laufweg einzustudieren?
    Taktik im jungen Jahrgang E-Jugend ist ja sehr umstritten und auch ich bin eher kein Fan davon. Aber in diesem Fall muss ich mir was einfallen lassen weil durch dieses Schwachpunkt kassieren wir immer wieder unnötige Tore...


    Einfach mal ausprobieren, oder hat jemand eine bessere Idee?

  • Das ist eine der wenigen Spielsituationen, die ich im Training auch öfter mal wiederhole und besonders erkläre. Bei uns dürfen die Torwarte den Ball aus der Hand abschlagen. Trotzdem kommt es immer wieder dazu, dass der Ball direkt beim Gegner landet und so doofe Gegentore fallen. Ich bin halt in den Trainingsspielen immer wieder zu unseren Torwart gegangen und habe ihm erklärt, dass er den ganzen 16er nutzen soll, also bis nach vorne geht. Dann ist der Ball schon mal aus dem Gefahrenbereich. Es gibt auch die Möglichkeit den Ball abzuwerfen usw. Finde ich schon sinnvoll daran zu arbeiten. Sind immer unnötige Gegentore, die man eigentlich leicht vermeiden kann, wenn die Kinder wissen wie sie es machen müssen.


  • Meine Jungs haben riesen Schwierigkeiten von hinten raus mal mehrere Pässe am Stück zu spielen. ( In BaWü darf der TW den Ball nicht aus der Hand nach vorne schießen, sondern nur wenn er auf dem Boden liegt).
    Ist es sinnvoll im Training mal wirklich diese Situation zu simulieren und so einen Lerneffekt bzw. sogar den ein oder anderen Laufweg einzustudieren?

    Es ist vollkommen normal, dass die Kinder in dem Alter keine Ballstaffeten spielen können. Die Regel, dass der TW den Ball nicht aus der Hand schlagen darf, gibt es bei uns (Thüringen) nicht, ich lege meinen Torwarten trotzdem nahe, den Ball zu rollen oder zu werfen.
    Laufwege in der E einzustudieren halte ich, sorry, für Blödsinn. Die Kinder machen es vielleicht, wenn du es lang genug übst, aber sie machen es nur weil du es von Ihnen verlangst, nicht weil sie es verstehen.
    Wie wahrscheinlich bei den meisten Mannschaften sah es bei meinen Mannschaften auch immer so aus, dass die meisten Mannschaften zustellen und die Abstöße sehr häufig vom Gegner erobert wurden.
    Ich gehe mit der Situation wie folgt um:
    1. Alle Spieler lernen mit der Innenseite über 5-6 Meter einen Pass halbwegs genau zu spielen, und damit auch die Kinder, die im Tor spielen.
    2. Alle Spieler lernen den Ball halbwegs vernünftig an- und mitzunehmen. Die etwas Weiteren drehen sich schon gut auf, sogar mit Gegner im Rücken.
    3. Allein der jeweilige Torwart entscheidet wann und zu wem er spielt, d.h. keine Vorgaben von außen.
    4. (bei dieser Stufe bin ich aktuell) Pass nur bei Blickkontakt, verbunden mit der Aufforderung durch den Torwart sich frei zu laufen und anspielbar zu sein.
    Da ich in diesem Altersbereich viel Wert auf 1vs1. Offensiv und Dribblingfähigkeit gelegt habe, sind fast alle Spieler in der Lage, einen Abstoß verarbeiten und nach vorn weiterleiten zu können. Und falls wir Gegentore aus Abstößen bekommen, dann verbuche ich das unter Lerneffekt. Der jeweilige Torhüter ärgert sich dann meist so stark darüber, dass er diesen Fehler nicht so schnell wieder begehen möchte.
    Nutze die rare Trainingszeit lieber, damit sich die Kinder am Ball verbessern, statt bestimmte Verhaltensweisen einzutrichtern.

  • Bei uns dürfen die Torwarte den Ball aus der Hand abschlagen. Trotzdem kommt es immer wieder dazu, dass der Ball direkt beim Gegner landet und so doofe Gegentore fallen.

    Das verwundert mich überhaupt nicht. Ab wann sind denn Spieler in der Lage halbhohe oder hohe Bälle sicher anzunehmen? Nach meinen Erfahrungen in der G nicht, in der F bis auf wenige Ausnahmen auch nicht. Bestenfalls in der E können das mehrere Spieler pro Team.
    Abschläge landen so überwiegend beim Gegner. Ich könnte dies gestern beim Spiel einer u12 wieder beobachten. Der (dicke) Torwart klopfte 8 von 10 Abschlägen über die Mittellinie, die anderen beiden direkt halbhoch zum Gegner. Die Abstöße waren noch schlimmer, die durfte der noch dickere und noch größere Verteidiger übernehmen, während der Torwart auf der Linie klebte.
    Dieses Verhalten hat meiner Meinung seinen Ursprung in den jungen Jahrgängen, wenn dort die Torhüter für Ihre "tollen" Abschläge gefeiert werden.

  • Meine Jungs haben riesen Schwierigkeiten von hinten raus mal mehrere Pässe am Stück zu spielen.


    Ist es sinnvoll im Training mal wirklich diese Situation zu simulieren und so einen Lerneffekt bzw. sogar den ein oder anderen Laufweg einzustudieren?

    Ich würde das anders herum angehen.
    Warum haben Deine Jungs diese Probleme?
    Einfacher Tipp zur Ursachenanalyse: https://de.wikipedia.org/wiki/5-Why-Methode
    Mit dieser einfachen Methode gehst Du der Ursache auf den Grund. Dabei kann einiges rauskommen: Passtechnik, Ballmitnahme, geschlossene Spielstellung, Lösen vom Gegner fehlt, Kopfgeschwindigkeit, Ball unter Druck behaupten usw... Wahrscheinlich auch mehrere dieser Punkte. Dein gruppentaktisches Problem hat in dieser Alters- und Leistungsgruppe mit hoher Wahrscheinlichkeit eine individualtaktische und/oder technische Ursache.
    Wenn Du in diesen Punkten weitergekommen bist, kannst Du mit kleinen Spielformen (2:2, 3:3, 4:4 und zur Einführung entsprechende Überzahlformen) das Thema Spielintelligenz angehen. Ziel ist es, keine Lauf- oder Passwege einzustudieren, sondern ihnen das Werkzeug an die Hand zu geben, sie selbst zu finden.

  • Ich kann @Follkao nur beipflichten: Ziel muss es sein, dass die Kinder lernen, diese generelle Situation, also diejenige als Passgeber wie auch als Passnehmer, besser zu meistern. Bei meiner jungen E-Jugend sehe ich, dass das für viele Kids noch eine große Herausforderung darstellt. Sie sind es als allererstes überhaupt nicht gewohnt, die Situation aus der Sicht des jeweils anderen Spielers zu sehen. Hinzu kommen dann noch weitere Aspekte wie:

    • Unzureichende Technik, wodurch sowohl die Zielgenauigkeit, die Dosierung der Passschärfe und auch die Flugbahn deutlichen Schwankungen unterliegen.
    • Viele Kinder halten sich noch im Deckungsschatten von Gegenspielern auf.
    • Sie erkennen selten freie Räume, in denen die anspielbar wären.
    • Sie bleiben stehen und schauen ihrem Pass hinterher, anstatt sich sofort wieder nach der Ballabgabe dorthin zu bewegen, wo sie wieder anspielbar wären.
    • Sie warten auf den ihnen zugespielten Ball, ohne sich umzusehen, ob sich ein Gegenspieler nähert.
    • Wenn sie den Ball zugespielt haben wollen, bleiben sie stehen, anstatt den Ball in der Bewegung zu fordern.
    • Bei der Ballabgabe sind sie typischerweise eine bis zwei Sekunden zu spät, weil sie mit der Passbewegung erst in dem Moment beginnen, in dem der Pass gespielt gehörte.
    • Sie laufen sich höchstens im Trab frei, anstatt nach einer Auftaktbewegung blitzartig in die andere Richtung zu starten -- das hängt aber natürlich mit dem vorgenannten Punkt zusammen.


    Es ist ein langfristiges Ziel, all diese Defizite abzustellen. Man kann und sollte nicht versuchen, das alles innerhalb kurzer Zeit beheben zu wollen. Stattdessen bedient man sich Trainingsinhalten, die auf diese Aspekte eingehen. Und mit der Zeit entwickeln sich die Kinder. Die Leistung des Trainers liegt nun darin, die geeigneten Übungs- und Spielformen zu bestimmen, und diese dann möglichst effektiv einzusetzen.


    Wir haben in letzter Zeit ganz gute Erfahrungen mit Spielformen gemacht, die das Passen, die Ballan- und -mitnahme und das Freilaufen begünstigen. So haben wir z.B. 2+2 gegen 2 auf Ballhalten gespielt. Nachdem das zunächst noch recht schlecht lief, die Spieler nach ihrem Pass stehen blieben, die Passgeber gerne auch versuchten, die Verteidiger auszutricksen und gar nicht erst abzuspielen, wurde es mit der Zeit und unter unserem Coaching immer besser. Es gibt zwar immer noch viel Luft nach oben, aber es sieht auf jeden Fall viel besser aus als noch vor ein paar Wochen. Im letzten Training vor den Herbstferien habe ich sie auch folgende Spielform durchführen lassen: Zwei Teams, jedes mit einem Torhüter spielen gegeneinander. Ein Team kann aber nur mit einem Tor in Führung liegen. Erzielt also ein Team einen Treffer und geht damit in Führung, so zählen weiteren Treffer nicht mehr, bis die andere Mannschaft ihrerseits einen Treffer erzielt und damit ausgleicht. Die in Führung liegende Mannschaft agiert also geschickt, wenn sie versucht, den Ball in den eigenen Reihen zu halten. Ein paar Kinder hatten diese Regel zwar vergessen, bis das erste Tor fiel, und für alle war sie sehr ungewohnt, aber nach ein paar Unterbrechungen und zielgerichteten Fragen, die zumeist in die Richtung gingen, wo die Mitspieler des ballführenden Spielers hin laufen sollten und wie sie sich verteilen sollten, sah man bei einigen Kids durchaus Fortschritte. Ich bilde mir sogar ein, dass man im darauf folgenden Spiel die Folgen dieser Inhalte sah, denn die Kids ließen den Ball viel mehr und besser laufen als bisher. Leider gab es dabei aber noch eine große Zahl an Fehlpässen, die dann auch zu recht vielen Gegentoren führten. Aber von der Spielanlage her haben mich die Kids durchaus beeindruckt. In meiner Ansprache und in meinem Coaching hatte ich das passbasierte Zusammenspiel nämlich nicht einmal vorgeschlagen -- außer einem Spieler, der sonst halt gerne am eigenen Strafraum losdribbelt und erst damit aufhört, wenn er am anderen Tor ankommt oder vom Ball getrennt wird, und den ich, weil außer ihm alle stärkeren Spieler schon in den Ferien waren, als "Sechser" habe spielen lassen. Da es nicht seinen Gewohnheiten entspricht, sprach ich vor dem Spiel über die Rolle seiner Position und dass er da eher Ballverteiler und Spiellenker ist als der Dribbler und Torschütze. Gerade zu Beginn des Spiels hat er es auch gut gemacht, dann verfiel er aber in sein gewohntes Muster. Alte Gewohnheiten lassen sich nunmal nur schwer ablegen..

    "Be yourself; everybody else is already taken." (Oscar Wilde)