Schwarmintelligenz im Team

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  • open-minded


    Ja, "blaue Mauer" kenne ich. Viele Trainer möchten gerne etwas machen, wissen aber nicht was und haben Berührungsängste. Die beiden machen einen guten Job und zeigen unerfahrenen TW-Trainern und Keepern die ersten Schritte.


    Weil du gerade die "verdeckte Sicht" ansprichst. Dabei kommt es nicht nur auf gute Reflexe an, sondern auch auf möglichst oft gute Sicht. Der Unterschied zwischen Handball und Fussball ist in solchen Situationen marginal. Denn auch der Handballkeeper braucht als den Abwurfpunkt (Distanz, Höhe, Winkel). Weil seine Abwehrspieler jeweils einen Teil der Torfläche blocken können, konzentriert er sich jeweils nur auf die freie Torfläche. Beim Fussball ist das sehr ähnlich. Aufgrund des größeren Raumes vor dem Tor macht der moderne Keeper sogar kleine Seitsteps, sobald ihm die Sicht durch einen Spieler versperrt ist. Auch stellt der moderne Keeper seine Mauer bei Standards anders. So wird keine Mauer mehr außerhalb des 16-er gestellt. Denn bei einem ruhenden Ball kann der Schuß sehr viel besser parriert werden, wenn der Torwart sich mittig positioniert und freie Sicht hat. Bei einer Mauer außerhalb des 16-er kann der Schütze aufgrund des flachen Schußwinkels mit hohem Druck plaziert schießen. Die Wahrscheinlichkeit des Torerfolgs ist deshalb auch größer, weil der Keeper den Ball erst sieht, sobald der Ball die Mauer passiert hat. HInzu kommt, dass er aufgrund seiner ungünstigeren, nicht mittigen Position ggf. noch zur entgegengesetzten Torseite sprinten bzw. hechten muß! Bei einer Mauer innerhalb des 16-er ist das anders. Da ist der Winkel der Flugbahn des Balles ganz anders und die tatsächlich abzudeckte Torfläche für einen Spannstoß sehr viel besser. Hin und wieder sieht man moderne Keeper, die beim gegnerischen Standard ihre Abwehr nicht bis zum eigenen 16-er, sondern auf ca. 22 m (Höhe der Kette bei Defensivpressing) positionieren. Diese Distanz zum Tor hat sich für die Verteidigung von beweglichen Bällen als sehr günstig erwiesen und bietet auch bei Standards weniger Abstimmungsprobleme zwischen Abwehr und Torwart.


    Das Beispiel des Torwartspiels eignet sich für die Beschaffung (SI) von Wissen deshalb sehr gut, weil sich hier in den letzten 10 Jahren sehr viel getan hat. Man kann dies am unterschiedlichen Ausbildungsstand der Keeper ablesen. Das Ende der Fahnenstange ist noch längst nicht erreicht. Man stelle sich nur mal einen Torwart vor, der genau so präzise und schnell einen Ball verarbeiten kann und deshalb ein vollwärtiger Abwehrspieler wäre. Denn noch gibt es Teams wie Dortmund, die die Vorteile des Gegenpressings sogar dazu ausnutzen, um gezielt Fehlpässe mit sofortiger Rückeroberung trainieren. Denn sie wissen, der gegnerische Abwehrspieler wird es nicht wagen, im oder am eigenen 5-er einen Pass zum einzig freistehenden Mitspieler, dem Torwart zu spielen! Denn der kann in aller Regel den Ball nicht so gut und so schnell annehmen. Auch sein Paßspiel ist unter Gegnerdruck nicht so zuverlässig. Bei den Jugendkeepern wird deshalb sehr viel mit 2 Bällen gleichzeitig in der Fussarbeit trainiert. Sonst besteht die Gefahr, dass das Versäumte beim Torwart später kaum noch aufzuholen ist.


    Vielleicht ist ein Grund dafür, das wir in Deutschland seit Jahrzehnten Weltklassekeeper haben darin begründet, dass nicht alle Wege und Ziele in den Lizenz-Ausbildungen vorgegeben sind? Dadurch bleibt mehr Raum zum Experimentieren! Um beim Beispiel des weiten Abwurfs zu bleiben: wenn man das falsche Ziel (hier einen Ball direkt ins gegnerische Tor werfen) hat, dann nützen alle Wege nicht für eine Optimierung. Hätte man das Ziel: (der präzise weite Abwurf als Kontermittel) anders definiert, so wären auch die Erfolgschancen besser gewesen. Gerade bei der Ausbildung von Torleuten ist noch so viel Potenzial vorhanden, was Kreativität verlangt. Da liegt noch so viel in der Schublade, was ausprobiert werden will! Man ist erst einen Schritt in die Richtung gegangen, dass man vom ermüdenden Wiederholen als Möglichkeit zur Qualitätsverbesserung wegkommt und mehr in Richtung der Situationserkennung und vor allen Dingen des darauf angepaßten Stellungsspiels ankommt. Es ist schon von Vorteil, wenn man schon da ist, wo der Ball hinkommt, als wenn man nur auf dem Weg dorthin unterwegs ist und allerlei eigene wie gegnerische Spieler im Wege stehen. Richtigen Druck auf den Ball auszuüben, das bedarf einer agierenden, nicht einer reagierdenden Sichtweise. Das bedarf auch ein Umdenken der klassischen TW-Trainer!


    Damit wären wir wieder beim Anfangspunkt der SI-Diskussion angelangt! Es ist schwierig zu sagen, wie viel davon bewußt und wie viel zufällig beobachtetes Optimierungspotenzial ist. Eines ist nur klar, je mehr man sich damit beschäftigt und je mehr Spaß dabei entsteht, umso wahrscheinlicher ist es, dass dabei etwas Gutes heraus kommen kann. Dabei ist es wichtig, dass immer mehr als nur eine Person diese Reise ins Ungewisse antritt und das dabei gegenseitiges Vertrauen (weil das Meiste schiefgehen kann) eine gute Basis ist. Druck im klassischen Sinne hat dabei gar nichts verloren! Es stört und hemmt allerhöchstens, weil man dabei das Gefühl bekommt, man müsse (statt man kann und darf) unbedingt etwas verbessern!