Ich kann nicht nachvollziehen, warum Löw auf einmal so ein schwacher Trainer ist. Es müsste rein logisch dann eher so sein, dass er noch nie ein guter Trainer war. Wenn er ein guter Trainer war - davon gehen wir aus (er ist ja Weltmeister geworden), dann liegt es an was anderem, was er nicht beeinflussen kann. Dann sollte aber auch einfach Schluss sein.
Ich muss dich hier leider nochmal zitieren und nachfragen, weil mir das ein wenig so leicht gedacht vorkommt:
Löw ist auf einmal ein schwacher Trainer, weil die Mannschaft (übrigens mit anderem Personal und total verändert) nicht an den WM-Erfolg 2014 anknüpfen kann?
Er ist ein guter Trainer, weil er Weltmeister geworden ist? Wäre er nicht Weltmeister geworden, wäre er ein schwacher Trainer? Trainer, die nicht Weltmeister geworden sind, sind schwache Trainer? Dann gibt es ja nur einen überschaubaren Kreis von "guten Trainern"...
Also diese Sichtweise ist mir nach wie vor zu populistisch!
Ich behaupte, dass es äußere Einflüsse im Fußball gibt, die sich einfach geändert haben. Vor 10 bis 15 Jahren hieß es dann mal "es gibt keine Kleinen mehr im Weltfußball". Der Fußball ist internationaler geworden und die Infrastruktur hat sich geändert.
Beispiel Schweiz: 1994 spielten bei der WM noch 18 Spieler in der eigenen Liga (dazu vier in Deutschland), waren es 2010 nur 7 Spieler, die noch in der schwächeren eigenen Liga kickten. 2018 ist es nurnoch einer gewesen. Es gibt einen großen Block aus der Bundesliga und viele Top-Spieler, die in England, Frankreich und Italien spielen. 2010 waren es außerdem eher Mittelfeldclubs, inzwischen die Top-4 der jeweiligen Ligen.
Ist die Schweiz (übrigens Halbfinalist der vergangenen Nations League und vor Corona lange Zeit Top-10 der Weltrangliste) immernoch die kleine Nation, die man (wie in den 90ern und 00ern) im Vorbeigehen schlägt?
Nein, die Schweiz ist in Europa eine Top-10-Nation, an der sich auch andere Länder die Zähne ausgebissen haben. Da müssen bei einem 3:3 nicht die Alarmglocken läuten, wenn man eine Leistung bewertet.
Wir Deutschen schalten aber mit dem Selbstverständnis das Länderspiel, dass wir tolle Einzelspieler haben (was sicherlich stimmt) und damit doch jeden Gegner schlagen müssen. Nunja, so einfach ist es aber nicht mehr. Vorgestern hat die Ukraine, die wir mit Mühe besiegt haben, die Spanier geschlagen. Wenn vielleicht auch unverdient, aber das zeigt, dass man auch gegen diesen Gegner verlieren kann - wir haben allerdings gewonnen.
Das gleiche erleben wir doch in der Bundesliga: konnte man vor 15 Jahren noch die Tabellenplätze zu 70% voraussagen, gibt es inzwischen jährlich Überraschungen wie Freiburg, Köln oder Augsburg in der Europa League. Klar beißen sich z.B. die Schalker und Hamburger in den Arsch und fragen sich: wie können diese "kleinen" Vereine das schaffen?
Für mich eine einfache Antwort: Die Spitze ist einfach zusammengerückt. Durch die Ausbildung heutzutage spielen in der Bundesliga eben nicht mehr nur 30% top-ausgebildete Spieler bei den Top-5, sondern 100% top-ausgebildete Spieler bei allen Teams. Und dann können auch die Hoffenheimer deutlich gegen den CL-Sieger gewinnen, weil ihre Spieler die gleiche Ausbildung genossen haben, wie die Spieler des FC Bayern. Jahrelang NLZ, immer gegen die besten Nachwuchsspieler. Vor 10 bis 15 Jahren gab es wirklich noch Bundesliga-Spieler die ihre ersten Profi-Schritte in der Landesliga gemacht haben oder bis 17 im Dorf gespielt haben. Heute sind diese eine große Ausnahme.
Und ich behaupte, dass ein Großteil der Bewertung falsch auf die Trainer zurückgeht: Es gibt nirgendwo ein Selbstverständnis, dass man jeden Gegner schlagen kann, weil man gute Spieler hat. Aber hier wird dann die Schuld beim Trainer gesucht: Entweder ist er immer schon der falsche oder er ist der falsche geworden - Hauptsache er ist Schuld. Aber meiner Meinung ändern sich eben auch äußere Einflüsse, für die ein Trainer nichts kann.
Dazu kommt noch, dass plötzlich jeder ein Experte ist und jeder überall seine Meinung zu abgeben kann. Früher hieß es immer "lass den Loddar mal labern, der hat als Trainer nichts auf die Reihe bekommen". Heute gibt es 1500 Facebook-Posts unter seinen Sky-Interviews, die ihm voll zustimmen und den Tenor "Löw muss weg" singen. Da wird so eine Anti-Stimmung viel leichter aufgebaut und durchgedrückt als vor 15 Jahren.
Das ganze gehört leider auch zum heutigen Zeitgeist: Jeder ist für alles Experte und selbst der Typ, der jeden zweiten Sonntag mit einer Kiste Bier zum Kreisliga-Spiel kommt, weiß mehr über den Fußball, als ein ausgebildeter Fußballlehrer. Noch nie vor einer Mannschaft gestanden und Angriffspressing erklärt, aber Hauptsache genau wissen, welche Spieler nominiert werden müssen, damit es endlich wieder läuft. Und das auch möglichst laut und unsachlich. Aber fünf andere hören das und meinen "Ja, wenn der das sagt"... Ihr glaubt gar nicht, wie sehr euch das beeinflusst, ohne eure eigene Bewertung der Situation runterspielen zu wollen.
Ich für meinen Teil bin überhaupt kein Freund von Trainerentlassungen und weigere mich deshalb, das ständig als erste Option zu sehen. Kritik an der Spielweise der Nationalmannschaft, Trainerentscheidungen und dem DFB sind gerechtfertigt, aber können nicht eine Entlassung des Trainers als Lösung haben.
Denn eine Entlassung von Löw zaubert uns nicht plötzlich 6 weitere Weltklasse-Spieler in den Kader. Und sie wird auch nicht dafür sorgen, dass der DFB seine organisatorischen Langzeit-Pläne über den Haufen wirft und das heißt auch nicht, dass zwingend alle Trainerentscheidungen besser werden. Denn auch andere Trainer treffen mal 50/50-Entscheidungen.