Vorab: ich stimme dir vollkommen zu! Aber ich habe noch ein paar Ergänzungen dazu, die vermutlich auch deine Sichtweise abdecken.
Kroos ist/wurde bspw. bei Real von Leuten wie Casemiro und Varane+Ramos abgedeckt. Der kann/konnte sich ruhigen Gewissens auf das Spiel nach vorne konzentrieren, ohne großartig nach hinten arbeiten zu müssen.
Das gleiche gilt auch beim FC Bayern: Natürlich ist der 41-Tore-Mann Lewandowski dort das Maß aller Dinge. Jeder Spieler trägt seinen Teil in dem Konstrukt zum Erfolg bei, aber am Ende steht dort Lewandowski und macht seine Tore. Der Spieler fehlt in der Nationalmannschaft.
Auch beim FC Bayern: Alaba, Davies und Hernandez beackern dort abwechselnd in den letzten Jahren die linke Seite. Deutschland hat nicht die Möglichkeiten, einen solchen Spieler aus dem Hut zu zaubern oder auf dem Transfermarkt zu kaufen.
Im Verein kann mit dem entsprechenden Geld ein Spieler geholt werden, der genau passt und der auch die nötige Qualität hat. Müller und Lewandowski sind klasse und harmonieren super. Müller und Werner sind auch beide klasse, aber harmonieren sie auch? Als Manager würde ich vermutlich nicht beide in meine Mannschaft holen. Aber diese Auswahlmöglichkeit hat der DFB nicht.
Ein weiteres ganz wesentliches Problem bei den deutschen Angriffen war, dass oft 4-5 Spieler auf einer Linie und dabei auf Höhe der gegnerischen Abwehrlinie standen. So lässt sich nur schwer in den Strafraum kombinieren und nach Ballverlusten sind diese Spieler dann auch nur noch bedingt fähig, rechtzeitig wieder nach hinten zu kommen. Diese Staffelungsprobleme sind ebenso schädlich für das Kombinations- und Angriffsspiel wie für die Konterabsicherung. Mit so vielen Spielern auf einer Linie bleiben letztlich fast nur noch Flanken. Wenn es der Gegner dann schafft, dass diese von Ginter reingebracht werden, wie es die Ungarn gemacht haben, ist das wenig aussichtsreich.
Das ist ein Muster, welches ich in der Kreisliga und im Amateurfußball immer wieder sehe, wenn Mannschaften nicht allzu viel Plan vom Erspielen von Torchancen haben. Am besten heben noch drei den Arm und wollen den Ball in den Raum haben. Angekommen ist da noch nie ein Pass.
Es ist eigentlich auch relativ intelligent, sich gegen Deutschland hinten reinzustellen, die Verteidiger (vorzugsweise Ginter und Rüdiger) mit ins Offensivspiel zu zwingen und dann bei Ballgewinn gnadenlos umzuschalten und den Gegner zu überfallen. Die meisten deutschen Gegentore sind nun mal kurze Zeit nach (dummen) Ballverlusten gegen eine ungeordnete Defensive gefallen.
Gestern hieß es auch wieder von Experten (bspw. Ballack und Bobic bei Magenta TV), man müsse die Ausbildung stärker individualisieren und Persönlichkeiten ausbilden; was auch immer letzteres heißen soll... Das Problem dabei ist: das höre ich schon seit über 15 Jahren. Und seit mindestens genauso langer Zeit macht man eigentlich nichts anderes.
Auch hier frage ich mich, was das überhaupt bedeuten soll. Thomas Müller ist wahrscheinlich für viele Experten eine Persönlichkeit, weil er auf und neben dem Platz durch seine Art hervorsticht. Auch Robin Gosens wird von vielen durch seine Sprüche und seine Einstellung als tolle Persönlichkeit beschrien. Gosens übrigens ohne U-Länderspiel, Müller komplett unter dem Radar und mit 15 U-Länderspielen in 6 Jahren (nicht mal beim 2009er EM-Titel dabei gewesen). Da frage ich mich: Persönlichkeiten ausbilden, aber die Persönlichkeiten haben beim DFB in der Jugend nie eine wirkliche Chance gehabt?
Es geht da teilweise nicht mehr um einen Mannschaftssport. Wir bilden Spieler in erster Linie anhand des 1-gegen-1 aus und wundern uns dann, wenn diese nicht wissen, wie sie sich in Räumen verhalten sollen, in denen mehr als ein Gegenspieler steht. Und wie gesagt: ein mannschaftlich geschlossenes Kombinationsspiel kann so natürlich auch nicht adäquat vermittelt werden. Stattdessen macht man sich abhängig von Einzelaktionen.
Ich halte es für richtig, Spieler individuell zu fördern und sich auf ihre Eigenarten einzustellen. Aber das muss immer in einem mannschaftlichen Kontext stattfinden. Wie kann ich Spieler ausbilden und einbinden, sodass ihre Stärken der Mannschaft dienen und ihre Schwächen von der Mannschaft kompensiert werden?
Das ist mir bei meiner Hospitation im Stützpunkt auch aufgefallen. Nur Individualtaktik, 1 gegen 1, Dribbling und Passspiel. Einerseits verständlich: die Spieler spielen in Vereinen, in deren tägliche Arbeit der Stützpunkt nicht reinfuschen sollte. Taktische Konzepte vermitteln macht der Verein und nicht der Stützpunkttrainer. Der Vereinstrainer hat andere Vorstellungen als der STP-Trainer, sodass man den Jungs auch nichts "falsches" beibringen möchte. Gleichzeitig ist das 1 gegen 1 gegen vermeintlich bessere Gegenspieler im Stützpunkt mit Sicherheit effektiver als gegen die Kumpels im Verein, die vermeintlich schwächer sind. Und man schreibt sich ja auch auf die Fahne, dass man die Spieler individuell verbessern möchte.
Dennoch ist das für mich nicht der Weg, eine Elite-Förderung durchzuführen. Slalom durch Hütchen dribbeln und Passpiel im Viereck können die Jungs auch im Garten oder im Techniktraining in jedem Verein machen. Dafür muss man nicht zum Stützpunkt. Vielmehr fände ich es interessant, wenn der Stützpunkt auch taktische Grundlagen vermittelt, ohne die Deutungshoheit zu beanspruchen. Ich würde von einer Elite-Förderung erwarten, dass Spieler dort unterschiedliche Spielsysteme (damit meine ich zum Beispiel Dreier- oder Viererkette) ohne Wertung lernen. Dass sie auch in der Gruppentaktik lernen, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten sollten. Natürlich kommt da wieder das Problem, dass im Verein dann die drei anderen Spieler der Viererkette dieses Wissen nicht haben und man wieder bei 0 anfängt.
Aber wie gesagt: Für Slalom-Parcours und Passspiel muss man nicht zum Stützpunkt.

- wer will das denn sehen? Interessiert doch keinen -
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