Ich muss beim mitlesen in diesem Thema immer an meine eigene Entwicklung als Fußballer denken.
Ich habe mit 5 Jahren angefangen und von Beginn an mit größter Leidenschaft Fußball gespielt. Ich war technisch sicher nie unter den stärksten Kindern und wurd so ab der F-Jugend konsequent in der Veteidigung eingesetzt. Das lief auch im Wechsel aufs Großfeld so weiter. Meine defensiven Fähigkeiten wurden hoch geschätzt, meine Aufgaben beschränkten sich auf reine Balleroberung und das Abliefern des Balles in die nächsten Reihe.
Ab der C-Jugend führten meine mangelnde Schnelligkeit und meine Kombination aus Laufstärke, Zweikampfstärke und guter Spielübersicht zu einer Versetzung auf die 6. Auch diese Rolle habe ich in meinem Selbstverständnis als defensiv denkender Spieler, sehr destruktiv gespielt. Dribblings habe ich bis zu dieser Zeit, glaube ich, wirklich nie ausgeführt. Das gehörte einfach nicht zu meinem Spiel, wurde nie trainiert und war auch einfach nicht gefordert. Wir hatten in unserem Verein einen sehr starken Jahrgang und haben C-und B-Jugend in der Bezirksliga immer oben mitgespielt, bzw. sind als Altjahrgang überlegen aufgestiegen.
In dieser technisch starken Mannschaft war ein offensives Eingreifen von mir nie gefordert. Ich war als Stammspieler in dieser Zeit immer gesetzt, galt jedoch immer eher als wertvoll nicht unbedingt als guter Fußballer.
Mit 16 Jahren habe ich einen Auslandsaufenthalt in Neuseeland gemacht und dort natürlich auch Fußball gespielt. Der Fußball war dort eher eine Randsportart, die Qualität dementsprechend geringer. Nach meinem ersten Spiel kam mein Trainer auf mich zu und fragte mich, warum ich mich nicht am Spiel beteilige. Ich sei mit Abstand der stärkste Fußballer auf dem Feld gewesen, seine Defensive habe noch nie so gut gestanden, er verstehe jedoch nicht warum ich meine Dynamik und mein Auge nur defensiv einsetze und warum ich selbst gegen erheblich unterlegene Spieler das Dribbling meide. Ich war im ersten Moment völlig entgeistert, so hatte ich noch nie gedacht und niemand hatte bisher so auf mein Spiel geschaut.
In den nächsten Trainigseinheiten forderte mich dieser Trainer ständig und vehement auf ins Dribbling zu gehen. Ich stellte völlig überrascht fest, dass ich diese Fähigkeit tatsächlich besaß. In diesem Jahr spielte ich plötzlich auf der 10 und hatte ca. 3 Torbeteiligungen pro Spiel. Ich entwickelte eine Freude an offensive Aktionen, genoss es auch im Ballbesitz gesucht zu werden und entwickelte eine neue Ruhe am Ball und erlente nach und nach eine offensive Denkweise. Das geringere Niveau gab mir sicher den Raum diese Entwicklung in Ruhe zu vollziehen.
Wieder zu Hause angekommen hatte sich mein Spiel vollkommen verändert. Plötzlich traute ich mir auf der 6 auch offensive Aktionen zu, spielte offensive Bälle und hatte schlicht gelernt auch offensiv zu denken. Ich stellte fest, dass ich auch auf Bezirksliga und später sogar auf Landesliganiveau in der Lage war, mir mit Dribblings Raum zu verschaffen und das meine Pässe auch auf diesem Niveau ankamen.
Natürlich war ich nicht plötzlich ein pfeischneller Dribbler oder ein Künstler am Ball, mein Spiel hatte einfach plötzlich eine neue Komponente hinzu gewonnen.
Mein Wert für meine Mannschaft war erheblich gewachsen.
Warum schreibe ich das alles hier, es ist ein flammendes Pladoyer dafür, die Jungs einfach alles ausprobieren zu lassen und sie nicht zu früh auf ihre offensichtlichen Stärken zu reduzieren. Ich war meine komplette Kindheit und meine halbe Jugend nur ein halber Fußballer. Ich war nur der defensive Abräumer und habe das schlicht nie hinterfragt, ich habe die kernigen Zweikämpfe, das körperliche Spiel und die Funktion des Sicherheitsnetzes der Mannschaft geliebt und nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass es im Sinne der Mannschaft sein könnte, dass ausgerechnet ich ins Dribbling gehe.
Natürlich war das damals noch eine andere Zeit, aber wir sehen auch heute noch spezialisierte F-Jugendliche. Wir sehen Kinder, denen Fähigkeiten abgesprochen werden und die Kinder glauben uns tendenziell erstmal alles.
Ich habe aus dieser Erfahrung meiner eigenen "Karriere" mitgenommen, dass jeder meiner Spieler einfach absolut alles ausprobieren darf.