Beiträge von vangaalsnase

    Taktiker_95 für Deine erste Spielform (Sechseck) habe ich ein paar Ergänzungen/Anregungen:


    1. Nimm nur drei Spieler auf den Außen und mach' sie zu Neutralen. Dann stehen nicht so viele rum.


    2. Die äußeren/neutralen Spieler dürfen sich nicht untereinander anspielen.


    3. Über ein Rückpassverbot kann man sehr gut Vororientierung und das Spiel über den Dritten vermitteln. Spielt ein Spieler aus der Mitte auf einen der neutralen Außenspieler, darf dieser nicht zum selben Spieler zurückpassen (gilt umgekehrt genauso). Also muss er eine dritten Mitspieler finden. Dafür muss er sich bereits vor der Ballannahme so drehen, dass er diesen Spieler als Option nutzen kann. Gleichzeitig heißt das für die Spieler ohne Ball, sich sofort anzubieten und wiederum ihrerseits entsprechend zu einem dritten Spieler zu orientieren.



    Da Punkt Drei eine starke Einschränkung darstellt, muss man ihn natürlich behutsam einsetzen.

    Nehmen wir mal die Übung, dass man abwechselnd mit den beiden Füßen auf den Ball tippt.

    Ein Bambini im Alter von 5 oder 6 Jahren hat damit intensiv zu tun. Es gibt genug Kinder, die nicht automatisiert von einem aufs andere Bein hüpfen können. Ergo ist diese Übung eine im Sinne der Bewegungsschulung.

    Bei F-lingen kann man so was zur Beschäftigung nutzen, etwa in Umbauphasen.


    Für einen 12 Jährigen ist das wohl eher nix, das kann er dann auch im heimischen Kinderzimmer machen...

    Kann man doch alles spielerisch machen, ohne dass instruiert werden muss. Es geht in der frühen Kindheit darum, vielfältige Bewegungsmöglichkeiten anzubieten. Das muss nicht mal auf eine konkrete Sportart bezogen sein. Erst ab 8/9 Jahren sollte dann etwas spezialisierter vorgegangen werden. Aber auch da lehne ich Instruieren und isolierte Übungen ab.

    Dieser Satz wird mir aber zu oft als Ausrede benutzt. Bis vor wenigen Jahren hieß es im Großfeldbereich oft, man habe nicht das "Spielermaterial" um 4er-Kette zu spielen. Tatsächlich fehlte eher Trainermaterial, das sie vermitteln konnte.

    Absolute Zustimmung. Die Methodik, um technisch-taktische Inhalte zu vermitteln, mache ich nicht vom Spielermaterial abhängig. Ich passe lediglich den Verlauf meiner Inhalte an und variiere den Schwierigkeitsgrad oder die Komplexität.

    Wenn man sich so ein Fußballspiel anschaut, scheint es doch irgendwie logisch, dass die Fähigkeit, sein Bewegungsablauf der jeweiligen Situation anzupassen, eher erfolgsversprechend ist, als ein einzelnes Bewegungsmuster, was sich einschleifen lässt, zu perfektionieren.

    Vor allem wenn man bedenkt, dass Technik und Taktik untrennbar miteinander verknüpft sind:

    Ich würde sogar so weit gehen und gar keine isolierten Übungen machen sondern ausschließlich Spielformen. Ein Freund von mir hat das mal bei einer E-Jugend gemacht und der Lernfortschritt war enorm.


    Dazu sollte man mal eine Studie machen. Man vergleicht Trainingsgruppen, wobei eine nur in isolierten Übungen trainiert (samt Abschlussspiel), eine weitere trainiert ausschließlich in Spielformen (ohne Technikkorrektur) und eine dritte Gruppe trainiert überwiegend in Spielformen und nur vereinzelt in isolierten Übungen (ca. 15-20% der Trainingszeit). Man vergleicht dann in regelmäßigen zeitlichen Abständen die Lernfortschritte, indem man die Gruppen gegeneinander spielen lässt. Dabei sollten aber nicht nur die Ergebnisse im Vordergrund stehen, sondern technisch-taktische Verhaltensweisen.

    Ich habe, wenn wir draußen sind, 2 mal 90 Minuten pro Woche. Davon gehen 15 Minuten fürs Aufwärmen drauf, 30 Minuten fürs abschließende Spiel

    Das liest sich für mich so, als würde das Abschlussspiel bei Dir keinem Lernziel dienen. Auch das Abschlussspiel sollte doch als Maßnahme verstanden werden, die Spieler zu verbessern.

    Die Frage ist doch auch, was einen größeren positiven Einfluss auf die Entwicklung hat: Die reine Anzahl an Ballkontakten oder die Anzahl an Ballaktionen verbunden mit dem Treffen von Entscheidungen. Dies ist bei den meisten isolierten Übungen nicht gegeben.

    Da es darüber wahrscheinlich keine Studien (?) gibt und man sicherlich endlos diskutieren kann, muss diese Frage jeder für sich selbst beantworten und ist Teil der eigenen "Philosophie".

    Tatsächlich ist das seit der Jahrtausendwende wissenschaftlich sehr intensiv untersucht worden.


    Das isolierte Einschleifen von Techniken wird ja damit begründet, dass Novizen gegenüber Experten eine größere Varianz in ihrer Bewegungsausführung aufweisen. Und weil Bewegungsvariabilität als Gegensatz zur Stabilität verstanden wird, ist es somit unerwünscht. Daher sollen diese Varianzen möglichst bereinigt werden, da sich andernfalls die vermeintlichen Bewegungsfehler verfestigen würden.

    Zwar ist es richtig, dass sich die Abweichungen der Zielbewegung vor allem mit zunehmendem Spielerniveau verringern. Gleichzeitig steigen damit aber die Variationen in den Teilbewegungen der einzelnen Gelenke, um sich den situativen Anforderungen im Detail anzupassen. Das heißt also, dass die Ergebniskonstanz mit zunehmender Expertise größer wird, wobei aber die Bewegungskonstanz sinkt. Demnach ist Bewegungsvarianz kein Hindernis für Erfolgsstabilität, sondern die Grundvoraussetzung.

    Folgerichtig zeigte sich auch in Studien (siehe Wolfgang Schöllhorns Arbeiten zum differenziellen Lernansatz), dass Varianzen im Techniktraining nachweislich besser sind als das Einschleifen in isolierten Wiederholungen.


    Man hat neben Fußball noch etliche Sportarten analysiert. Eine davon war bspw. das Sportschießen, wo die Startsituation im Vergleich zum Fußball immer gleich ist. Und auch hier war es so, dass die Experten in ihrem Trefferbild stabiler waren. Aber ihre Teilbewegungen in der Schulter und dem Ellenbogen variierten stärker als bei den Novizen.


    Außerdem hat Klaus Roth zur Jahrtausendwende in seiner sogenannten „Spielmacherstudie“ Profispieler aus diversen Sportspielen, die als besonders kreativ und technisch beschlagen galten, über ihre Kindheit befragt. Darunter waren u.a. Mehmet Scholl sowie die Welthandballer Daniel Stephan und Magnus Wislander. Sie alle gaben an, das Spielen auf der Straße gelernt zu haben. Dabei haben sie aber nicht nur Fußball/Handball gespielt, sondern auch Hockey, Eishockey oder Basketball. Niemand war da, um ihre Bewegungen und technischen Ausführungen zu korrigieren. Sie haben dadurch eine große Bewegungserfahrung erworben und gelernt, situationsübergreifende Lösungen zu finden.

    Individualität und spielerische Klasse wird aber sicherlich mit dem schnellen Passpiel nicht entwickelt. Das ist eigentlich mittlerweile allgemeiner Konsens.

    Also wenn wir die individuellen Fähigkeiten eines Spielers bewerten, ignorieren wir einfach, ob er in der Lage ist, am Passspiel zu partizipieren?


    Ich denke, genau diese Auffassung ist ein ganz gravierendes Problem in der Ausbildung (unabhängig vom Alter). Es wird viel zu häufig nur darauf geachtet, ob ein Spieler dribbeln und/oder sich im Zweikampf durchsetzen kann. Ob aber ein Spieler eine gute Spielübersicht hat, gute Entscheidungen trifft und seine Mitspieler gut einbinden kann, sollte ebenso wichtig sein. Und das sind Eigenschaften, die sehr wohl Ausdruck spielerischer Klasse sind. Auch bei Kindern.

    Und Nein! Stärken im Passspiel und Dribbling schließen sich nicht gegenseitig aus.

    Ist halt perfekt, um die Grundlagen des Gegenpressings zu vermitteln. Hier kann man auch sehr schön hervorheben, dass die Überzahl am Ball bei eigenem Ballbesitz prädestiniert ist, um sogleich ins Gegenpressing zu gehen.


    Ich würde zudem die Spieler nicht in die Ecken stellen, sondern auf die Linien. Dadurch hat man 180° und nicht nur 90°, um zu spielen. Außerdem kann man so das Mindset für Rautenstaffellungen sensibilisieren (ich weiß, dass ein Quadrat eine Raute ist, aber Ihr wisst hoffentlich, was ich meine). Auf diese Weise ist auch erstmal nach Ballverlust nicht der komplette Raum in die andere Zone frei.

    "Das Spielsystem richte ich dann erst aus wenn ich mal meine Grundordnung habe." - Wie soll das funktionieren? Wie gestaltest du denn dein Training, wenn du kein Spielsystem hast?

    Dann verstehe ich nicht so ganz Dein Anliegen. So wie du dich mit der Materie auseinandergesetzt hast, müsste dir ja klar sein, dass es in diesem Fall keine eierlegende Wollmilchsau gibt. Ich würde bspw. stets ein 4-3-3 einem 4-4-2 vorziehen. Aber wenn man sich Barca im 4-3-3 gegen Atleticos 4-4-2 anschaut, sieht die Sache schon ganz anders aus.


    Ich kann Dir ansonsten Fußball durch Fußball ans Herz legen. Darin werden einige Grundformationen samt einiger Vor- und Nachteile aufgezeigt. Steht aber alles im Kontext mit Spielstrategien.

    Ich bin kein Freund davon, sich zu sehr nach den Spielern zu richten. Ich bin der Ansicht, dass man jedem Spieler jeden Stil vermitteln kann. Aber natürlich sollte man die Eigenheiten eines jeden Einzelnen berücksichtigen, um ihn möglichst passend einzubinden. Aber meinen grundlegenden Spielstil mache ich nicht vom Spielermaterial abhängig.


    Ich glaube, es würde Dir mehr bringen, wenn du Dir eine Taktiktafel schnappst und Magnete hin und her schiebst, bis du für Dich ein paar Schlüsse ziehen kannst. Stelle bspw. einem 4-4-2 ein 4-3-3 gegenüber und gucke, wo jeweils Lücken sind und welche Folgen das unter bestimmten Voraussetzungen haben könnte. Etwas anderes wirst du in den Büchern, die du suchst, auch nicht finden.

    Geh weniger auf Grundordnungen ein (das sind nur Telefonnummern), sondern befasse Dich zunächst mit Prinzipien. Was willst du spielen lassen?

    - Höhe des Pressings

    - wo soll Ball erobert werden (Flügel oder Zentrum)?

    - schnelles Umschalten nach Ballgewinn oder längere Ballbesitzphasen?

    - Kurzpassspiel durchs Zentrum oder Flügel-/Flankenfokus?

    etc.


    Daraus lässt sich ja erst ableiten, was du tatsächlich vermitteln willst und darauf richtest du das Training aus. Wenn du bspw. einen Kurzpassstil verfolgen möchtest, wäre ein 4-4-2 eher unpassend, weil die Verbindungen suboptimal sind (zu wenige Dreiecke, schlechte Winkel zueinander). Bei Dreierkettenformationen und dem 4-Raute-2 hast du nur einfach besetzte Flügel, dafür aber ein sehr stark besetztes Zentrum. Das bedeutet, dass man den Gegner leichter auf die Flügel lenken kann, aber natürlich auch bei eigenem Ballbesitz einen engeren Raum bespielen muss. Das bedeutet wiederum, dass die Raumaufteilung ganz anders vermittelt wird.


    Die meisten Bücher, die sich mit Grundformationen befassen, ignorieren diese strategischen Aspekte leider und befassen sich nur abstrakt mit den numerischen Verteilungen der Spieler auf dem Feld. Aber ein 3-5-2 ist eben nicht gleich ein 3-5-2.


    Um aber deine Frage zu beantworten: Wenn du nach dem Schlagwort "Spielsysteme" suchst, werden Dir mehrere Bücher zu diesem Thema angezeigt. Würde ich aber mit der gebotenen Vorsicht lesen.

    Man kann langsame Muskelfasern nicht in schnelle umwandeln, aber schnelle in langsame. Indem man schnelle Spieler unspezifisches und isoliertes Ausdauertraining machen lässt, erreicht man, dass sie langsamer werden. In der dänischen ersten Liga bspw. gibt es daher auch mehr Spielern mit langsamen Muskelfasern als im dänischen Bevölkerungsdurchschnitt.

    Da der DFB für die Braunschweiger Konzeptionierung sein höchstes Gütesiegel vergeben hat, ist es im Prinzip ein Einverständnis. Ob das nun tatsächlich dem DFB-Konzept entspricht, ist in diesem Fall eher zweitrangig. Der DFB bewertet die NLZ und vergibt entsprechende Prädikate (oder wie auch immer man das nennt). Wenn er 3 Sterne vergibt, und das NLZ solch desolate Ergebnisse einfährt, muss man sich auch auf Seiten des DFB fragen, wie das passieren konnte. Stattdessen heißt es nun nach dem Ausscheiden der N11 in Russland, man müsse wieder mehr auf die individuelle Ausbildung gehen. Ich kann nur hoffen, dass man sich da nicht zu sehr an Braunschweig orientiert.


    Der Aufbau - erst Individual-, dann Gruppen-, dann Mannschaftstaktik - ist ziemlich problematisch, weil der Fußball dort von hinten aufgebaut wird. Es gibt dabei einen sehr starken 1-gegen-1-Fokus. Dadurch werden die Kinder aber in isolierte Übungen gepackt. Und wenn sie danach in der Gruppe oder Mannschaft spielen sollen, haben sie in der Regel Probleme mit dem Transfer. Bei mir entsteht da immer der Eindruck, als würde man den Kindern nicht zutrauen, dass sie das Spiel erlernen könnten, wenn man sie gleich mit Spielformen konfrontiert. Dabei zeigt gerade die deutsche Fußballgeschichte, dass das sehr wohl der Fall ist: die Generation um Beckenbauer bestand überwiegend aus Straßenfußballern. Die sind in ihrer Kindheit über die Dörfer gefahren und haben ständig gezockt. Spielerisch gilt diese Generation noch immer als die stärkste des DFB. Danach fing man an, Kinder systematisch in Vereinen zu trainieren und instruieren. Die Folge davon war der Rumpelfußball der 1980er und 90er Jahre, der seinen traurigen Höhepunkt in der EURO 2000 fand.


    Indem man das Spiel in so kleine Teile zerlegt, dass man zuerst Individualtaktik vermittelt, geht der Spielsinn verloren. Auch die erlernten Techniken brechen unter dem spielnahen Gegnerdruck zusammen. Studien, die sich mit der Kreativitäts- und Bewegungsentwicklung in Sportspielen beschäftigen, zeigen eindeutig, dass man Kinder in vielen unterschiedlichen Spielformen und Sportarten frei agieren lassen soll. Die finden schon passende Lösungen.


    Zu deinem letzten Absatz:

    Das Ziel muss es sein, einen klaren Spielstil vorzugeben und zu vermitteln, in dessen Rahmen die Spieler die bestmöglich Entwicklung durchlaufen können. Im Idealfall führt das zu erfolgreichen Mannschaftsergebnissen bei gleichzeitiger Nominierung einiger Spieler für Auswahlmannschaften.


    Das ist jetzt natürlich stark idealisiert.

    Vielleicht ein bisschen off-Topic. Ich habe hier nicht alle Kommentare gelesen, sondern möchte zum Thema "Taktiktraining" generell ein paar Gedanken äußern.


    Zu meiner Frage nach Eurer Auffassung vom Taktikbegriff: Häufig liest man (damit meine jetzt gar nicht dieses Forum), "Taktik darf in Altersklasse XY keine Rolle spielen!" oder "Die Taktik verdrängt/unterdrückt die Individualität" etc. Manchmal wird sogar soweit gegangen, dass man nur die Defensive mit Taktik gleichsetzt: „Das Spiel (0:0) ist sehr von Taktik geprägt.“ All diese Aussagen gehen von einem sehr engen Taktikbegriff aus, der wenig mit der tatsächlichen Bedeutung zu tun hat.


    Bei der Taktik handelt es sich um alle organisierten Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, die Spielziele situationsorientiert zu erreichen. Die Situationsorientierung bezieht sich auf die durch den Gegner beeinflussten Umstände von Raum- und Zeitdruck während des Spiels. Die taktische Fähigkeit ist also die Qualität, in der jeweiligen Situation die richtige Handlung vorzunehmen bzw. eine angemessene Entscheidung zu treffen. Taktik ist demnach unabhängig vom Spielmoment in erster Linie das Spielverständnis des Spielers: Wann gehe ich ins Dribbling, wann spiele ich einen Pass, wohin spiele ich ihn? Dieses Verständnis muss stets in Wechselwirkung mit anderen Spielern (in welche Räume beweg ich mich, um für meine Mitspieler anspielbar zu sein oder mit ihnen den Raum zu verengen?) und schließlich im Rahmen der gesamten Mannschaft (wie Verschieben wir als Verbund und wie Staffeln wir uns, um konstruktiv aufzubauen?) betrachtet werden.

    Das heißt also, jede einzelne Entscheidung, die ein Spieler auf dem Platz trifft, ist schon taktischer Natur. Und darum geht es doch in der Ausbildung. Die Spieler sollen lernen, für jede Situation möglichst eine adäquate Entscheidung zu treffen (Taktik) und diese dann auch bestmöglich auszuführen (Technik). Das zeigt die Untrennbarkeit von Technik und Taktik.


    Welche Lösung die Beste ist, kann man in den seltensten Fällen festlegen. Darum müssen wir den Spielern auch immer die Gelegenheit geben, EIGENE Erfahrungen zu sammeln. Denn manchmal kommen Spieler auf Lösungen, an die wir Trainer gar nicht gedacht haben. Und vielleicht ist diese Lösung auch besser als diejenige, an die wir dachten. Darum ist das beste Taktiktraining dasjenige, in welchem die Spieler mit spielnahen Situationen konfrontiert werden (Spielformen). Taktiktraining heißt also nicht, dass man die Spieler auf feste Positionen stellt und ihnen klare Anweisungen gibt. Und Taktik heißt erst recht nicht, dass man die Spieler den eigenen Strafraum zumauern lässt.


    Und ich widerspreche der Herangehensweise des DFB, man solle erst Individualtaktik trainieren, dann erst Gruppentaktik usw. Darin liegt für mich eine Fehlvorstellung über den Fußball selbst. Individualtaktik kann eigentlich nur das 1-gegen-1 sein. Passen ist schon per se keine Individualtechnik, da man dafür mindestens zwei Spieler braucht. Und selbst ein 1-gegen-1 hat wenig mit dem tatsächlichen Spiel zu tun. Denn Zweikämpfe sind doch niemals isoliert. Denn der Verteidiger muss im Spiel doch stets damit rechnen, dass der herannahende Dribbler einen Pass spielt. Es reicht also nicht, das Dribbling zu verteidigen, weil da noch unzählige andere Dinge nebenbei passieren. Wenn man sich auch mal Dribblings von Iniesta ansieht, erkennt man, wie er die Situationsdynamik ausnutzt, indem er das Tempo variiert oder den Körper nur leicht dreht, um einen Pass anzutäuschen. Wie will man sowas in 1-gegen-1-Übungen simulieren?


    Fußball ist und bleibt ein Mannschaftsspiel. Das bedeutet, dass die Spieler verstehen müssen, wie sie als Kollektiv funktionieren können. Erst in diesem Rahmen kann man dafür sorgen, dass sich die Spieler individuell entfalten. Umgekehrt vorzugehen – also erst Dribbling, allgemeine Ballverarbeitung etc. zu trainieren und dann das Ganze ins mannschaftliche Gefüge einzubauen – dürfte zu einigen Problemen führen.


    Ein extremes Negativbeispiel für diese Herangehensweise ist Eintracht Braunschweig. Die haben ihr Nachwuchskonzept so gestaltet, dass das Individualtraining nach und nach das Mannschaftstraining verdrängte. Das Individuum wurde quasi über das Kollektiv gestellt. Dafür hat das NLZ vom DFB 3 Sterne (Höchstwert) bekommen. In der vergangenen Saison ist dann nicht nur die Männermannschaft aus der 2. BuLi abgestiegen, sondern auch die U17 und U19 aus ihren jeweiligen Bundesligen. So etwas passiert eben, wenn man vielleicht als Einzelspieler eine Situation lösen kann, aber auf der mannschaftlichen Ebene fehlen die kollektiven Ansätze. Und dass man seitens des DFB eine so hohe Bewertung bekommen hat, zeigt leider, dass man auch beim DFB nicht über jeden Zweifel erhaben ist, wenn es um die Konzeptionierung bestimmter Ausbildungsmodelle geht.


    Klar; das Braunschweigbeispiel ist in einem höheren Altersbereich anzusiedeln und in diesem Forum dominiert der Kinderfußball. Aber die Prinzipien sind dennoch die Gleichen. Gebt Spielern die Möglichkeit, sich individuell zu entfalten. Lasst sie Erfahrungen sammeln und sich ausprobieren. Aber tut das im Rahmen des Kollektivs. Ich weiß nicht, ob ich das hier schon mal erzählt habe: Ein Kumpel von mir trainierte mal eine U9. Da war ein Spieler bei, der richtig gut zocken konnte (Finten, Tricks… das volle Programm). Der Rest war unterer Durchschnitt. Anfangs hat Minimessi alle nass gemacht. Mein Kumpel hat nur Spielformen genutzt und keine Anweisungen gegeben. Nach und nach fingen die anderen Jungs an, Minimessi nachzumachen. Zunächst hatten sie Probleme. Gar nicht mal was die technische Ausführung betraf. Sie mussten aber erst einmal ein Gefühl dafür entwickeln, in welchen Situationen, sie welche Aktion nutzen (Timing, Richtung usw. mussten selbstorganisiert justiert werden). Das klappte nach drei Trainings schon sehr gut. Das hätten sie so aber wohl nicht geschafft, wenn man das ohne einen situativen Bezug im 1-gegen-1 trainiert hätte.


    Ein anderer Effekt war, dass die Jungs mit zunehmender Dauer nicht mehr einzeln gegen Minimessi spielten, sondern ihn doppelten oder trippelten (ist das ein Wort?). Daraus folgte wiederum, dass Minimessi sich Lösungen einfallen lassen musste, um nicht in den Unterzahlsituationen den Ball zu verlieren. Also wählte er situativ passend das Abspiel.

    Ohne dass mein Kumpel auch nur ein Wort sagen musste, fanden diese jungen Spieler eigenständig Lösungen und probierten sich aus. Alles in einem spielnahen Rahmen im gruppen- und gesamtmannschaftlichen Bereich.


    Wenn ich also die Kritik höre, die Nachwuchsausbildung in Deutschland sei zu taktisch und wir hätten deswegen zu wenige Individualisten, kann ich nur den Kopf schütteln. Wenn man „Taktiktraining“ im Sinne der tatsächlichen Bedeutung machen würde, wäre jeder Trainingsansatz ganzheitlich und wir würden ganz im Sinn eines Horst Wein trainieren.


    Ich sage nicht, dass man kein Individualtraining machen soll oder dass dies schlecht sei. Aber wie das in der Praxis umgesetzt wird, ist leider zu oft falsch konzeptioniert. Das Individuum muss im Fußball immer im mannschaftlichen Kontext gesehen werden. Andernfalls haben wir 10 Individualisten auf dem Platz, die nicht in der Lage sind, gemeinsam als Team Lösungen zu erspielen.