ich glaube, viele Trainer haben schon das Gefühl mit nur 5 Feldspieler zu spielen, wenn sie die schwächeren einwechseln und häufig ist es ja auch so. Wenn man einen Fred hat, steht der auch noch im Weg rum oder greift sogar die Mitspieler aktiv an weil er auch mal an den Ball will. Da muss man dann wohl einfach durch. Da sehe ich eigentlich keine Alternative. Ich würde ihn vorne links in den Sturm stellen. Augen zu und durch.
So löse ich das meistens auch. Nach meinen Beobachtungen ergeben sich zwei Entwicklungen. Entweder das Kind entwickelt sich einigermaßen und spielt zumindest so weit mit, dass es die anderen nicht behindert oder es entwickelt sich nicht, wird von den anderen Kindern gemieden (fußballerisch), bekommt nie einen Ball und verliert irgendwann die Lust.
Ich hatte im vergangenen Jahr auch so einen Kandidaten. Er hatte im Bambini-Alter mal ein paar Monate mittrainiert, war dann aber vom damaligen Trainer mangels Talent vergrault worden. Der Junge ist relativ sensibel und hat die laute Ansprache damals nicht gut gefunden.
Nun kam er im letzten Jahr zu mir zum Training. Ein Freund fragte, ob er mittrainieren dürfe. Durfte er. Für mich war es natürlich nicht einfach, ihn zu intergrieren. Die meisten Jungs spielen seit 3-4 Jahren zusammen. Für ihn war alles neu. Jede Standartübung musste ausführlich, meist mehrfach, erklärt werden. Nach zwei Trainings fragte er, wann er denn endlich mitspielen dürfe. Ich sagte ihm, er müsse erst mal in den Verein eintreten und dann bräuchte er einen Pass. Vorher sollte er aber erst einmal regelmäßig zum Training kommen (jeder Pass kostet Geld und wir haben im Verein einige Karteileichen, für die ein Pass beschafft wurde, die aber nie gespielt haben). Er kam dann ziemlich regelmäßig zum Training. Körperlich war er dabei anwesend. Wenn er eine Übung nicht verstand und das kam häufig vor, blödelte er aber lieber umher, als nochmal nachzufragen. Ich ging dazu über, bei der jeder Übung zu fragen, ob er es verstanden hat. In der Regel nicht. Und die Übungen waren weder kompliziert, noch verwendete ich komplizierte Begriffe. Der Junge ist an sich nicht dumm, nur hat er aus meiner Sicht überhaupt keinen Bezug zum Sport im Allegemeinen und zum Fußball im Speziellen. Ich frage bei neuen Kindern immer, ob sie manchmal im TV Spiele sehen. Machte er natürlich nicht.
Nach ein paar Wochen bekam er dann seinen Spielerpass. Und es folgte die Frage, wann er denn ein Trikot bekommt. Beim nächsten Spiel sagte ich. Das nächste Spiel gab es nur nie. Weil er entweder kurz vorher krank wurde oder am Spieltag etwas anderes vor hatte. Dabei waren auch solche wichtigen Termine wie eine Wanderung mit seinen Eltern. Die Trainingsbeteiligung lies auch deutlich nach.
Bei einem Hallenturnier tauchte er dann tatsächlich auf, bekam sein Trikot, ich setzte ihn aber nicht ein. Ich erklärte ihm, dass die Kinder spielen, die regelmäßig trainieren. Es war zudem das einzige Turnier, wo ich nach Leistung aufgestellt habe (wurde vorher kommuniziert).
Nach dem Turnier hörte ich von anderen Spielern, dass er unzufrieden war, weil er nicht gespielt habe. Ich hatte gehofft, dass in ihm so etwas wie Ehrgeiz erwacht war. Zumindest defensiv waren bei ihm so ein paar Ansätze erkennbar, die etwas Hoffnung in mir aufkommen lies. Vom Niveau her war er etwa mit dem Durchschnitt unsere jüngeren F-Junioren vergleichbar.
Nach dem Hallenturnier ging jedoch seine Trainingsbeteiligung noch weiter zurück. Vor Turnieren, die er spielen sollte, kamen regelmäßig absagen. Nach und nach sagte er aber nicht mal mehr ab. Er kam einfach nicht mehr. Auf Nachfrage vor Spielen, war er entweder immer krank oder eben anderweitig beschäftigt. Den Eltern war es wohl ganz recht, weil sie ihn dann nicht umher fahren mussten.
Ein Mitspieler sagte mir dann, er habe ihm in der Schule erzählt, dass er keine Lust mehr habe. Zu mir gab es weder von ihm, noch von seinen Eltern eine Aussage. Der Mitgliedsbeitrag ist bis heute nicht bezahlt.
Habe ich mich nun dem Jungen gegenüber fair verhalten? Ich denke ja. Ich wurde ihm gegenüber nie laut. Er hätte auch seine Spielzeit bekommen, wäre er da gewesen. Bei dem einen Turnier stand für mich an erster Stelle, meine Stärksten auch mal zu belohnen. Ich habe zwei richtig gute Jungs, die immer wie blöd für das Team ackern und auch die Schwächeren mit durchziehen. Das wurde von den Kindern und Eltern, die schon länger dabei sind, auch so akzeptiert.
Die fehlende Motivation und Konzentration des Jungen beim Training lag sicher zum Teil auch mit an einer Art Überforderung. Ehrlich gesagt war mir im Training wichtiger, meine Durchschnittskicker weiterzubringen, als mich intensiver um den Jungen zu kümmern. So bekam er teilweise Einzelaufgaben, trainierte aber überwiegend schon mit der Gruppe. Die Spieler versuchten ihn schon zu integrieren, merkten aber natürlich, dass ein Anspiel auf ihn fast gleichbedeutend mit einem Ballverlust war.
Die Option, ihn in eine andere Mannschaft zu schieben, bestand nur theoretisch. Der Trainer dort hätte ihn aufgrund seiner Fähigkeiten nicht nehmen wollen bzw. hätte er ihn nicht eingesetzt. Ein Training bei den F-Junioren hätte er definitiv nicht mitgemacht.
So endete das Kapitel Fußball für den Jungen.