Hallo zusammen,
lese schon sehr lange in diesem Forum mit, habe mich aber stets zurück halten können zu antworten. Der Hauptgrund dafür ist, dass ich einer von den Trainern bin, die ihr am liebsten auf den Mond schissen würdet. Ein Narzist? Ganz bestimmt. Erfolgsorientiert? Auf jeden Fall. Entgegen den Vorgaben oder Empfehlungen des DFB? Ja, ich entscheide ganz alleine was und wie ich mein Training, Spiel und Umgang mit Spielern, Eltern und Verein gestalte. Ich wäre aber kein Narzist, wenn ich für meine Art, meinen Job und meinen Erfolg kein Lob und Anerkennung bekommen würde. Natürlich gibt es von Seiten einzelner Eltern auch mal Kritik, weil ihr Sohn weniger Spielzeit bekommen hat als Andere, aber damit kann ich als Narzist gut leben. Am Ende eines Turnieres oder einer Meisterschaft, wenn die gesamte Mannschaft den Pokal in Händen hält, ist das alles wieder vergessen.
Bin ich jetzt wirklich so schädlich für den Sport oder die Jugend?
Das Frage ich mich schon seit Anfang an, aber spätestens, seit dem ich dieses Forum kenne. Seltsamer Weise sehe ich, egal bei welchem Spiel ich zuschaue, oder gegen wen wir auch immer spielen nur Narzisten. Naja, vielleicht nicht nur, die die es nicht sind, stehen aber meistens sehr weit unten in der Tabelle. Vielleicht irre ich mich, aber meistens habe ich das Gefühl, dass sie es nicht sind, weil es dem Ideal entspricht, sondern weil sie aufgrund der schlechten Ergebnisse schon aufgegeben haben.
Leben wir nicht in einer erfolgsorientierten Welt? Fängt das streben nach Erfolg nicht schon in frühester Jugend an? Vielleicht ist das nicht das, was man seinen Kindern wünscht, aber wer nicht mitmacht wird immer den Kürzeren ziehen. Warum sollte man den Fußball da raus nehmen? Warum gerade den Fußball? Nur weil es der am meisten betriebene Sport der Welt ist?
Warum soll es bei diesem Sport keine Elite geben? Deshalb sollen und werden die Anderen ja nicht aufhören Ball zu spielen. Darum gibt es viele Spielklassen, von der Hobbymannschaft bis hin zur Weltmeistermannschaft.
Wie viele Themen hier immer wieder in Leitsätzen enden. Das Eine ist gut, das Andere schlecht. Was früher mal gut war, ist nach heutigem Wissen schlecht und jeder Trainer, der es anders macht ist der Teufel. Meine Trainingsmethoden sind anders als es im Lehrbuch steht. Meine Aufstellungen entsprechen keinem festen System, sondern richten sich nach dem individuellen Spielvermögen meiner Spieler. Ich versuche nicht, einem Torjäger Defensivverhalten beizubringen oder einem 10er irgendwelche Laufwege oder Zwänge zu verpassen.
Sind Trainer, die immer alles nach dem gängigen Leitfaden machen nicht total berechenbar? Sind sie nicht sogar langweilig? Warum soll ein Trainer nicht auch mal mutig genug sein und etwas entgegen dem "so macht man das" zu machen?
Ich glaube viele haben einfach auch nur Angst damit zu scheitern und können am Ende immer sagen, dass es an ihnen nicht gelegen hat, da sie ja nach Lehrbuch vorgegangen sind. Muß also am Potenzial der Mannschaft gelegen haben. Wenn ich aber scheitere, dann bin einzig und alleine ich daran schuld, dann stehen alle da und sagen, dass es wohl an meinen nicht artgerechten Methoden liegt.
Ich interpretiere Fußball sicher anders, als es die meisten hier tun, oder sich wagen zu schreiben. Wenn ich hier zu vielen Themen meine Ansichten schreiben würde, dann würde ich sicher nach kürzester Zeit ein Schreibverbot bekommen. Aber die Realität ist eine Andere. Wenn ich jede Mannschaft trainieren würde, die mir angeboten wird, dann müßte ich am Tag 10 Stunden auf dem Platz stehen und mich am Wochenende teilen.
Bin ich ein Narzist? Ja, ganz bestimmt. Bin ich erfolgreich damit? Auf jeden Fall. Kann ich damit leben? Bestens. Schade ich damit dem Fußball oder den Spielern? Ich denke und hoffe, dass ich es nicht tue. Sollten die Verantwortlichen anderer Meinung sein, überlasse ich die Aufgabe gerne jemand Anderem und ziehe mich zurück.
Gruß Alex