Vielleicht sollte man sich mal ein paar Dinge vor Augen halten bevor man anfängt den Fußball, sich oder was weiß ich was zu überschätzen. Als Beispiel nehme ich mal die Verbandsliga in Bayern. Hat so hoch hier schon mal einer gespielt?
- Fußball in der Verbandsliga (also z. B. Landesliga Nord/Mitte/Süd in Bayern) ist sechstklassiger Sport. Was Kreisliga qualitativ bedeutet, kann sich jeder ausrechnen.
- Persönlich sehe ich nicht, wieso man bei 6. klassigem Sport über Talent oder Auswahl reden muss. Freilich - Auswahl ist der Begriff für die Besten; keine Frage und natürlich kann man es tun.
- "Die Besten" sind aber meist nur die - um ein geflügeltes Wort zu gebrauchen - "Einäugigen unter den Blinden" und aufgrund der Popularität von Fußball sind die "Blinden" enorm viel. Ich will damit niemanden diskriminieren - die meisten der "Blinden" spielen deutlich besser Fußball als ich. Ich versuche es objektiv zu sehen und - sicherlich provokant - rüber zu bringen.
- Von diesen "Besten" schaffen es die allerwenigsten wirklich bis ganz nach oben.
- Aus sportwissenschaftlicher Sicht dominieren bei technisch anspruchsvollen Sportarten auf niedrigem Niveau die Faktoren Kraft und Koordination völlig. Bei Kindern gilt das umso mehr. Das hat Letzelter et al. schon Anfang der 90er untersucht und geschrieben.
- Aus ähnlichen Untersuchungen gibt es interessante Aspekte zur Frage: "Was macht Talent eigentlich aus?". Umgangssprachlich hängt gerade bei Kindern viel damit zusammen, dass die "Talente" vom Körper und Kopf her weiter sind als ihre Altersgenossen. Daraus ergibt sich auch die psychologische/physiologische Möglichkeit bessere Technik zu erkenne, sie zu üben und sie umzusetzen, letzlich sich für sie unter Drucksituationen zu entscheiden. Von Hause aus mit besserer fußballerischer Gabe sind die meist auch nicht gesegnet. Das lässt sich auf so niedrigem Niveau gar nicht erkennen. Diese Kinder sind in der Regel meist sowieso in allen Sportarten ihren Altersgenossen überlegen.
- Echtes Talent im Kern des Wortes ist demnach auch nur im Spitzensport nötig. Natürlich gibt es Menschen die sind für eine bestimmte Sache recht talentfrei - andere wiederum bringen die Grundvoraussetzungen (meist Intellekt und Physiologie) mit um sich vieles zu erarbeiten. Das was wir als "Talent" in den untersten Ligen und im Kinderfußball bezeichnen gehört wohl allermeist zur letzteren Kateorie.
Also vor diesem Hintergrund kann man schon die Haltung einnehmen und sagen: "Nehmt es nicht so ernst im Kinderfußball, lasst sie spielen, überfordert sie nicht, bleibt altersgerecht. Wenn einer wirklich Talent hat, dann wird er seinen Weg machen." Ich finde diese Haltung legitim. Viele Wege führen nach Rom.
Auf der anderen Seite gilt im Sport das olympische Motto: Höher, weiter, schneller! Selbst Kinder wollen immer gewinnen. Allerdings sind - nebenbei gesagt - die meisten (wenn vernünftig erzogen) auch bessere Verlierer als die meisten Erwachsenen. Kurz traurig, nicht nachtragend. Weiter geht's.
Das DFB Konzept ist ganz klar ein Leistungssportkonzept - von ganz unten, von Anfang an. Altersgerechte Förderung bedeutet hier ganz klar: Das Maximum aus den Kindern zu holen ohne sie zu überfordern. Die Richtlinien des DFB sind von der Intension her der Rahmen dazu. Ob die gut oder schlecht sind mag ein anderer beurteilen.
Hier ist aber auch das Problem: Wann ist ein Kind überfordert? Wann ist es nicht mehr altersgerecht? Wie gehe ich damit um, wenn es in einer Mannschaft von besseren ist? Hier greift genau die differenzierte Förderung. Ohne differenzierte Förderung hin zur Leistung würde der Sport an sich ad absurdum geführt werden. Nochmal: Sport bedeutet im Kern höher, weiter schneller. In der modern Gesellschaft hat Sport natürlich auch andere Funktionen: Integration, soziale Kontakte/Kompetenz, Bewegung, Charakterschulung ... ich muss nicht weiter aufzählen - wir wissen das alle. Der Kern aber war, ist und wird immer sein: Citius, altius, fortius.
Ich persönlich stehe auf dem Standpunkt, wenn ein Trainer mit seiner Mannschaft nicht gewinnen will, dann ist er völlig fehl am Platze. Die Frage ist nur: Wie setzt er es um? Trainer im Jugendbereich sind m. E. gut beraten, wenn sie sich vor der Saison Gedanken machen, wie sie die Saison angehen wollen (und aufgrund der Kinder im Team evtl. auch müssen): "Spaß und Gewinnen ist nicht so wichtig" oder "Spaß und Gewinnen ist wichtig." Auch die Zusammenstellung der Mannschaft sollte vor diesem Hintergrund erfolgen. Ist die Mannschaft in diesem Punkt zu heterogen, gibt das bestimmt Ärger - den Spagat schafft keiner. Der Trainer der einen bestimmten Ansatz verfolgt ist gut beraten auch die Eier zu haben und zu sagen: Nein, diesen Spieler kann ich nicht integrieren.
Vereinsverantwortliche sind darüber hinaus gut beraten, wenn sie Strukturen schaffen, dass Spieler beider Kategorien im Verein Platz haben. Gerade bei den Dorfvereinen werden nämlich die Schwächeren diejenigen sein, die den Verein langfristig am Leben halten, auch mal ein Ehrenamt innehaben oder in der 1. Mannschaft spielen. Die Stärkeren und Leistungsbereiten gehen - angefangen spätestens im E-Bereich eh meist weg zu größeren Vereinen. Bei uns ist es so, dass von unserem Dorfverein dieses Jahr 3 E Spieler in den 7 km entfernten DFB Stützpunktverein wechseln; sie wurden gesichtet.
Gehen die "Guten" nicht weg, haben sie meist nen guten "Berater" (meist Eltern) denn die Chance das es sich um echte Talente handelt und nicht nur um einen in der Altersklasse physiologisch/intellektuell etwas weiter Entwickelten ist bei nahezu Null.
Letzters ("Beratung") und jetzt sind wir bei meinem letzten Posting, können vor allem auch solche leisten, die bereits selbst leistungsmäßig Sport getrieben haben mit dem Anspruch (relativ) hohe Leistungen zu erzielen. Solche die bei "Wettkämpfen" mit anderen guten und sehr guten Sportlern mal gesehen haben wo der Bartl den Most holt und was Leistung und Talent wirklich ist. Man wird dann gaaaaanz schnell auf den Boden der Tatsachen zurück geholt. Breitensport zählt da nicht. Wer nicht über längeren Zeitraum (Jahre) nen Sport so betrieben hat, dass er 10-14 oder mehr Trainingseinheiten pro Woche absolviert hat, der kann m.E. nicht ermessen was es heißt, in ein Förderungs- oder Talentprogramm integriert zu sein, denn das sind die Anforderungen dort. Man kucke sich nur mal den "Trainingsplan" von Fußballinternaten an.
Just my 5 Cents
Paul