Orientierung für heterogene U17 Mädels/

  • Mir fällt oft auf, dass es bei einigen an der Übersicht und Orientierung auf dem Platz fehlt. Ich mach schon viele Freilaufspiele etc. Aber mir fehlt ein wenig das erkennen von Räumen die genutzt werden können oder der sichere Pass zum Mitspieler neben an und nicht den Mitspieler im Deckungsschatten nach vorne. Nutzen der freien Räume zu einem zum Anspielen und zweitens sich in die freien Räume zu bewegen, dabei auch lösen vom Gegner( nicht nur im Radius von einem Meter).

  • Hallo Talker1980 . Ein spannendes Thema und für mich eine der zentralen Fähigkeiten einer guten FußballerIn. Orientierungsfähigkeit wird ja auch immer als eine der Koordinationsfähigkeiten genannt, wenn man dem Modell von Hirtz folgt. Jedoch müssen die Koordinationsfähigkeiten immer zusammen gesehen werden, eine isolierte Betrachtung bringt nichts, denn sie beeinflussen sich gegenseitig. Was will ich damit zunächst sagen? Dass du kein spezifisches Training nur für die Orientierungsfähigkeit machen solltest. Auch das Trainieren der (zum Beispiel) Kopplungsfähigkeit wird sich in der Orientierungsfähigkeit zeigen.

    Aber schauen wir uns das ganze Thema doch mal genauer an, ich werde auch Literatur zitieren und empfehlen.


    Zunächst muss man sagen, dass du mit der Altersstufe 13-16 eine gute Zeit erwischt hast, um an der (übergeordneten) Fähigkeit der Orientierung zu arbeiten. So sagen viele Sportwissenschaftler, dass diese Altersperiode die sensible Phase für die Orientierungsfähigkeit darstellt (vgl. Martin et al. 1999). Die Orientierungsfähigkeit beschreibt dabei die Wahrnehmung von sich und anderen im Raum. Wichtig ist aber dann vor allem, was aus dieser Wahrnehmung gemacht wird. Die Wahrnehmung muss zu einer Handlung werden. Dabei wird oft auf das Modell des 5fachen Blickes (also Ball, Gegenspieler, Mitspieler, Tor, freier Raum) hingewiesen (vgl. Weineck, Memmert, Uhring: S. 23). Für diesen 5fachen Blick ist also die Wahrnehmung entscheidend, die Wahrnehmung im Sport wird von Gavriyski als 80% vom visuellen System abhängig bezeichnet (vgl. Gralla 2007: S. 1).


    Das visuelle System lässt sich grob in zwei Funktionsweisen aufteilen: das foveale und das extrafoveale Sehen. Foveal beschreibt dabei das fokussierte Sehen, also das Objekt das wir genau anvisieren (wie ich diesen Text während ich ihn schreibe). Extrafoveal beschreibt das "Blickwinkel"-Sehen, also alles was wir nicht direkt fokussieren, aber trotzdem sehen können (wie meine Flasche neben mir). Im Fußball könnte man es so umschreiben: Foveal ist die Ballkontrolle während wir dribbeln, wir fokussieren also den Ball (jaja optimal wäre es, beim Dribbeln nicht auf den Ball zuschauen). Extrafoveal ist das z.B. Beobachten des Mitspielers und seiner Bewegung. Ich denke, du merkst, worauf ich hinaus will. Für dein Anliegen ist das extrafoveale Sehen, nennen wir es ab jetzt peripheres Sehen, von größerer Bedeutung. Zusätzlich kommt noch die Synchronopsie, das simultane Wahrnehmen meherer Reize (vgl. Tidow 1993: S. 30). Außerdem ist die distributive Aufmerksamkeit, die geteilte Aufmerksamkeit (vgl. Gralla 2007: S. 39) wichtig für diesen Prozess.


    Doch was bedeutet mein Gerede jetzt für dein Training oder eher dein Trainingsziel (bessere Orientierung deiner Mädchen = bessere Entscheidungen)? Nun, erstens sollten alle Koordinationsfähigkeiten eingeübt werden, wie oben schon mal beschrieben. Doch dabei reicht es nicht, das Übungsspiel extrem einfach zugestalten-Fußball ist zu komplex (denk an den 5fachen Blick). Es gibt unterschiedliche Druckbedingungen (vgl. Neumaier 1999: S. 113), die auf eine FußballerIn einwirken: Präzision, Zeit, Komplexität, Situation und Belastung. Nur in Übungen, die unterschiedliche Druckdimensionen bieten, können sich die Mädchen (und auch die Jungs in anderen Fällen) wirklich weiterentwickeln. Stupides Freilaufen bringt also nichts, da es nichts mit der echten Situation auf dem Platz zu tun hat. Für mich war es wichtig zu lernen, dass man sich beim Lernen eine Art von Programm aneignet. Dieses Programm kann man bei mehrfacher (da reichen nicht dreimal) Wiederholung immer automatischer ablaufen lassen (vgl. Meinel und Schabel 2007: S. 38). Es reicht jedoch nicht, nur ein einziges Programm zu können. Man muss viele Variationsmöglichkeiten haben, die zu den unterschiedlichen Situationen (Druckbedingungen) passen. Deine Mädchen stecken in so einer Entwicklung, bei dir ist sie wahrscheinlich schon deutlich weiter, weshalb du dich fragst "warum spielt sie jetzt den Pass, während Anna die deutlich bessere Entscheidung gewesen wäre?" Du kannst durch deine Erfahrung intuitiv auf Programme zurückgreifen, die Handlungsoptionen abscannen und dann eine (vermeintlich) richtige Entscheidung treffen. Das müssen die Mädchen noch lernen.


    Deshalb würde ich dir empfehlen, möglichst viele solcher Situationen im Training zu provozieren, wo die Mädchen unterschiedliche Handlungsoptionen haben. Denk dabei an die unterschiedlichen Druckdimensionen (es müssen nicht alle gleichzeitig realisiert sein). Und vor allem musst du akzeptieren, dass die Mädchen auch durch Versuch-und-Irrtum lernen und es beim nächsten Mal besser machen. Deine Aufgabe ist es, ihnen die Möglichkeit zu geben, unterschiedliche Entscheidungen zu treffen. Dadurch haben sie die Chance, verschiedenes auszuprobieren und das Beste herauszufinden.


    Literaturempfehlungen:

    Volker Gralla (2007): Peripheres Sehen im Sport-Möglichkeiten und Grenzen dargestellt am Beispiel der synchronoptischen Wahrnehmung" (über Google zu finden).

    Stefanie Pietsch (2012): "Der Zusammenhang zwischen sportlicher Aktivität und visuell-räumlicher Fähigkeiten" (auch über Google).

  • Deshalb würde ich dir empfehlen, möglichst viele solcher Situationen im Training zu provozieren, wo die Mädchen unterschiedliche Handlungsoptionen haben. Denk dabei an die unterschiedlichen Druckdimensionen (es müssen nicht alle gleichzeitig realisiert sein). Und vor allem musst du akzeptieren, dass die Mädchen auch durch Versuch-und-Irrtum lernen und es beim nächsten Mal besser machen. Deine Aufgabe ist es, ihnen die Möglichkeit zu geben, unterschiedliche Entscheidungen zu treffen. Dadurch haben sie die Chance, verschiedenes auszuprobieren und das Beste herauszufinden.

    Das provozieren solcher Situationen ist der Knackpunkt. Versuche es oft bei Abschlussspielen, in der jeweiligen Situation zu unterbrechen und zu fragen "warum hast du das so gemacht, gab es evtl. noch andere Optionen?" z.B.. Nur sind das meist immer nur 20 Minuten der Trainingszeit. Mir fehlen da die Ansätze zum provozieren.

  • Das halte ich aber für einen guten Ansatz, aber da kommen dann halt die typischen Probleme wie Zeit etc. hinzu. Außerdem ist damit nicht unbedingt gegeben, dass die Mädchen auch wirklich verstehen, was sie tun sollen. Klar, du zeigst ihnen dann nach der Situation Optionen auf, aber ob sie sich das für das nächste mal merken? Das ist ziemlich schwierig zu sagen. Ich denke das wichtigste ist die Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, dass man selber die Situation adäquat gelöst hat. Man kann als TrainerIn viel erzählen, aber die SpielerInnen müssen merken, dass das Gesagte auch einen Sinn hat und ihnen zum Erfolg verhilft.


    Ich denke man muss unterschiedliche Provokationen versuchen, im Spiel, aber auch in isolierten Übungen. So könnte man in einem Spiel die Regel einführen, dass man mindestens 3 Ballkontakte haben muss. Klar, das erhöht den Gegnerdruck, aber damit kann man vielleicht unterbinden, dass sie den Ball unüberlegt zur erstbesten Option spielen.


    Wichtig ist für mich wie gesagt die visuelle Komponente und dabei vor allem der Schulterblick. Die Mädchen müssen am besten vor dem Anspiel oder mindestens im Moment des Anspiels ihre Umgebung bereits abscannen. Ich bau dafür mal eine isolierte Übung auf und häng dir das Bild hier an.


    Am wichtigsten ist einfach das Ausprobieren von verschiedenen Trainingsübungen, in denen die Mädchen unter unterschiedlichen Bedingungen merken, was klappt und was nicht.


    Übungserklärung:


    Blau steht mit dem Rücken zum Tor zentral und wird von Pink schräg angespielt. Im Moment des Anspieles soll sie mit dem Schulterblick zur Spielerin in Schwarz schauen, die entweder ein rotes oder ein grünes Hütchen hochhält. Grün heißt für die Spielerin in Blau das 1 gegen 1 gegen Rot mit Torabschluss. Grün heißt Aufdrehen und Pass raus auf Schwarz, die dann eine Flanke bringt.

  • leviedelstein


    Ich würde versuchen den visuellen Reiz fußballspezifischer zu gestalten. Im Spiel werden nunmal keine verschiedenfarbigen Hütchen hochgehalten. Diese Übung ist eventuell als Koordinationsübung im Aufwärmen sinnvoll, um die Spieler für den Schwerpunkt zu sensibilisieren. Eine Automatisierung des Umblickverhaltens ist dabei allerdings nicht zu erwarten, da das Verhalten zu weit weg vom eigentlichen Spiel ist.


    Ich habe den Eindruck, dass die Vororientierung oftmals zu eindimesnsional betrachtet wird und ist zu sehr auf den Moment kurz vor der Ballannahme gerichtet. Dieser sehr kurze Zeitpunkt ist eigentlich ziemlich ungeeignet um das Spielgeschehen in seiner Gesamtheit wahrzunehmen. Hier können höchtens noch Kleinigkeiten (wie z.B. ein herausrückender Verteidiger/Stürmer) wahrgenommen werden. Wichtiger ist es, dass der Spieler, auch wenn der Ball weit entfernt ist, das Spielfeld mit einer hohen Frequenz scannt. So kann entwickelt er ein "Gefühl" für die in diesem Moment zur Verfügung stehenden Zeit und Raum.


    Herr Kegel zeigt in seiner ersten Übung

    ein sehr gelungenes Beispiel, wie Orientierung in einen taktischen Schwerpunkt (hier: Gegenpressing) sinnvoll eingebettet werden kann.

  • Ja Constantin super Beitrag. Ich trainiere am liebsten auch alles fußballspezifisch und nahezu keine isolierten Übungen. Aber als Grundlagenbildung im Sinne von "ich muss unterschiedliche Bereiche visuell abscannen" kann man so eine Übung schon mal einbauen. Dann sollte man aber möglichst schnell wie von dir beschrieben fußballspezifisch werden. Dieses Argument von wegen "im Spiel werden nunmal keine verschiedenfarbige Hütchen hochgehalten" erinnert mich stark an sowas wie "im normalen Spiel gibt es keine Slalomstangen." Ich finde, das Spiel ist der beste Lehrer, aber das sollte nicht heißen, dass man Basisübungen zum Erlernen von Grundtechniken oder Grundorientierungen nicht auch mit spielfremden Materialen machen kann. Aber da trainiert wohl jeder anders.


    Spannendes Video, hatte ich auch mal gesehen, aber schon wieder vergessen. Danke dafür.

  • Dieses Argument von wegen "im Spiel werden nunmal keine verschiedenfarbige Hütchen hochgehalten" erinnert mich stark an sowas wie "im normalen Spiel gibt es keine Slalomstangen." Ich finde, das Spiel ist der beste Lehrer, aber das sollte nicht heißen, dass man Basisübungen zum Erlernen von Grundtechniken oder Grundorientierungen nicht auch mit spielfremden Materialen machen kann. Aber da trainiert wohl jeder anders.

    Absolut richtig. Auch ich arbeite nicht ausschließlich in Spielformen. Es geht hier wohl eher darum welchen methodischen Weg ich für dieses Trainingsziel wählen möchte. Es führen wie immer viele Wege nach Rom. Mit meinem - zugegeben recht plakativen Einwand - wollte ich nur darauf aufmerksam machen, dass Orientierung in seiner Idealform aus mehr besteht als nur einem Schulterblick.