In was für einer Welt, leben wir eigentlich? Als
Nachwuchstrainer einer Mannschaft kommt man sich phasenweise vor wie ein Mitarbeiter eines
landwirtschaftlichen Betriebes für Fohlenaufzucht.
Wir leben in einer Welt, in der Loyalität nicht nur vom
Duktus her wie ein Fremdwort erscheint. Dankbarkeit, Moral und Ehre klingen wie
Begriffe aus einer längst vergangenen Zeit. Verantwortung zu tragen, für den
Nebenmann oder auch die eigenen Gruppe ist wie ein Relikt, über das man
lediglich noch bei Wikileaks nachlesen kann.
Da hat man Spieler in seinem Team, die Mails an den Trainer schreiben, in denen sie versichern,
wie sehr sie am Verein hängen, wie stark ihr Bedürfnis ist, für diese eine,
nämlich die eigene Mannschaft, aufs Feld zu laufen und das sie sich „in dieser
Saison richtig reinhängen wollen“ und sogar nach eigenem Ermessen die Kapitänsbinde verdient
hätten.
Es gibt Jungs, die kommen mit Ihren Eltern zum Trainer und
beteuern wie gerne sie weiter für diesen ihren Verein Fußball spielten, jedoch
erstmal den schulischen Anforderungen gerecht werden müssten und deshalb den
Verein schweren Herzens vorübergehend verlassen würden. Verabschieden tun sie
sich dann mit den Lippenbekenntnissen, sobald es in der Schule wieder besser
laufe, werden sie wieder für Ihren Lieblingsverein Fußball spielen. Vati steht
daneben, und nickt energisch, wie zur Bekräftigung der Worte seines Filius’. 14
Tage später kommt dann eine Passanforderung eines Berliner Fußballvereins, für
genau diesen, schulisch so stark beanspruchten Spieler.
Andere wiederum verabschieden sich aus der Mannschaft, weil
sie in ein fernes Internat gehen wollen um sich dort bei der Polizei ausbilden
zu lassen. Kein Vierteljahr später spielt genau diese Pappnase für einen
benachbarten Sportverein, und sieht sich mit einer mitgebrachten Bierflasche in
der Hand, ein Spiel der 1.Herren an.
Ein Trainergespann bezahlt den Mitgliedsbeitrag für einen
Spieler, von dem man weiß, dass es zu Hause in finanzieller Hinsicht nicht
sonderlich rosig aussieht.
Der Verein stellt Spielerkleidung und einen Vereinsbus zur
Verfügung damit einige aus der Mannschaft zum Finale eines Schulturniers quer
und standesgemäß durch Deutschland fahren können. Dank dafür? Weder für das
Eine, noch für das Andere!
Das jungen Menschen manchmal der Blick für einen geraden und
klaren Weg abhanden kommt, ist
sicher nicht unnormal. Das sie sich manchmal für eine ungewöhnliche
Richtungsänderung entscheiden, sicherlich auch nicht. Dies’ dürfte uns, „den
mit allen Wassern gewaschenen, sogenannten Erwachsenen“, sicherlich noch, aus
eigenem Erleben in bester Erinnerung sein.
Doch gerade die eingangs bereits erwähnten Begriffe, kommen
immer mehr abhanden, und doch sind sie für eine erfolgreiche Mannschaftsbildung
und ein schönes Vereinsleben Grundvoraussetzungen.
Das Sportler aus den verschiedensten Gründen einen Verein
verlassen, ist schon allein der Sache geschuldet, dass das Leben ja schließlich
aus Veränderung besteht. Doch kommt es stets auf das „WIE“ an. Jeder
Nachwuchstrainer auf dieser Welt, hat Visionen, die er versucht mit seiner
Mannschaft umzusetzen. Und jedem Trainer auf dieser Welt sind alle Mitglieder
seines Teams ans Herz gewachsen. Sie stehen in Ihrer Freizeit bei Wind und
Wetter auf dem Platz, organisieren Spiele und Highlights, und bekommen dafür
als Dank lediglich die Freude am gemeinsamen Erfolg. Stellt dieser sich nicht
ein, ist es an Ihnen, die Enttäuschung aus den Köpfen zu bekommen, und den
Spass und die Freude zurück zu holen.
Die Gründe für diese moralische Einstellung einiger Kinder
und Jugendlicher sind sicherlich nicht einfach zu finden, jedoch wahrscheinlich
in der immer weiter fortschreitenden Vereinsamung zu suchen. Schuld sind stets die anderen, egal
ob die Mathearbeit verhauen wurde, die Freundin nun jemand anderen liebt oder
ein Fußballspiel verloren geht. Kritik wird als unzumutbare Gängelung
empfunden, Disziplin ist ein Begriff, der für all die Anderen gelten sollte,
denn man selber benimmt sich ja stets den Regeln des gesellschaftlichen und
sportlichen Miteinanders entsprechend, und auch die Fähigkeit zur Selbstkritik
ist irgendwo zwischen Commodore 64 und Playstation abhanden gekommen.
Ich frage mich oft, ob auch ich damals genauso wenig
teamfähig war, wie es mir nun bei
der heutigen Spielergeneration vorkommt. Auch bei ehrlichster
Selbsteinschätzung weiß ich genau, das für mich stets der Fußball und die
Mannschaft in der Prioritätenliste
ganz oben stand. Ausreden wie man sie sich heute manchmal anhören muss, gab es
bei mir persönlich mit Sicherheit nie, auch wenn sich in der Betrachtung der
eigenen Vergangenheit manches verklärt darstellen dürfte.
Man hört Geschichten von
eingerissenen Ohrläppchen, abgebrochenen Fingernägeln, und auch Schmerzen am
ganzen Körper, sowie von dicken Hälsen. Man erfährt, das man kein Fußball
spielen kann, weil 2 Knochen aneinander reiben, oder hanebüchene Erzählungen
über Besuche bei einer längst vergessenen, aber doch verwandten Tante, und
auch, das man von einem Tag auf den anderen plötzlich mehrseitige Abhandlungen
über geschichtliche Ereignisse ausarbeiten muss.
Manche Spieler kommen einen Tag zu spät zum Spiel, andere
einen Monat zu früh, obwohl die Termine stets auf der Homepage veröffentlich
werden, und daher bekannt sein dürften.
Die Pausenverpflegung mancher Spieler besteht, insbesondere
bei Hallenturnieren, aus Pommes frites mit Currywurst und Übergewicht wird von
den Erziehungsberechtigten mit chronischen Krankheiten erklärt, was ich jedoch hier
auch nicht in Frage stellen möchte. Wenn man dann nachfragt, was es denn zu
Hause so zu Essen gäbe, oder was man als Pausenbrot mit in die Schule bekommt,
relativieren sich diese Erklärungen meist aber sehr schnell. Gute Leistungen
und Wohlverhalten, ob in der Schule oder zu Hause, werden mit Fast Food oder
gerne auch mit elektronischen Gesellschaftsspielen für eine Person, belohnt.
Schulsportstunden
entwickeln sich langsam aber sicher zu Survivaltrainingseinheiten einer Legion für Elitekämpfer. Es
vergeht kaum eine Woche, in der sich nicht einer meiner Spieler abmeldet, das
er beim Schulsport vom Barren gefallen wäre, vom Seil abrutschte, gegen das
Pferd gerannt ist, oder beim Kugelstoßen aus dem Ring geschleudert wurde.
Komischerweise erwischt es dabei immer die gleichen Pappnasen. Jeglicher
begleitender Kommentar erübrigt sich hierbei wohl....
Sport zu treiben ist etwas ganz Wunderbares, Sport in und
mit einer Mannschaft zu treiben, etwas unvergleichliches, etwas grandioses.
Jedes Mitglied einer Mannschaft ist genauso wichtig, wie ein anderes. Kein
Teamspieler kann alleine, ohne die Mannschaft, ein Spiel gewinnen. Jeder ist
auf den anderen angewiesen, jeder muss für den Nebenmann einstehen. Und jeder Spieler
eines Teams hat auch mal einen schlechten Tag, an dem alles nicht so klappt wie
man es sich gerne wünschen würde. Eine Mannschaft kann stets nur so gut sein,
wie das schwächste Glied der Gruppe. Jedes Mitglied eines Teams trägt die
gleiche Verantwortung für den anderen. In den einschlägigen Internet Foren kann
man bestimmte User ignorieren oder für sein Profil sperren lassen. Dies ist bei
einem Mannschaftssport nicht möglich. Da kann man dann nur selber wegrennen.
Ist ja auch einfacher, als selbst die Initiative zu ergreifen, um etwas
verbessern zu wollen.
Ein Trainer, Übungsleiter oder Betreuer ist dafür verantwortlich, die verschiedenen
Kräfte, die in einer Mannschaft vor herrschen in vernünftige Bahnen zu lenken,
das nach außen drängende Chaos im Zaum zu halten. Von einem Trainer oder
Betreuer kann der Rest des Teams erwarten, das er stets zu Spielen und
Trainingseinheiten eilt, um die Mannschaft zu führen. Ein guter Trainer wird
alle Spieler eines Teams gleich behandeln, egal ob dieser gut oder schlecht
spielen kann, ob er dick oder dünn ist, ob er richtig laufen kann oder keine
Rolle vorwärts ausführen kann. Ein guter Trainer hat stets das Wohl der
Mannschaft als Ziel im Auge und wird seine Mannschaft nie im Stich lassen egal
wie es läuft. Abhauen, Wegrennen, Aufgeben wird einem guten Trainer niemals
einfallen. Das sind Begriffe für Feiglinge, für Menschen denen die Moral, Ehre
und Loyalität abhanden gekommen sind, oder gänzlich unbekannt.
Dieser Nachschlag auf die Ereignisse der letzten Woche
sollte nicht als Rundumschlag gegen das Schlechte der heutige Zeit betrachtet
werden, aber doch zum Nachdenken über die eigenen Wertevorstellungen dienen. Wer
sich zum Überdenken seines, vielleicht vorschnellen, Handeln ’s und Tun’ s
angesprochen fühlen sollte, für den ist die Tür bei uns stets offen.
Es gibt ja trotz allem noch sehr, sehr viele Mitglieder des Vereins, auch in der Mannschaft der B Junioren,
denen das Herz grün und weiss blutet, beim Training und beim Spiel. Auf diese
Jungs sind wir stolz wie Bolle, wir sehen wie sie sich weiterentwickeln, auf
dem Platz und auch im Leben. Für diese Jungs werden gute Trainer und Betreuer
weiterhin „ihr letztes Hemd“ geben.
Wäre das Fremdschämen nicht schon erfunden, dann ich würde
dieses Wort wahrscheinlich aber jetzt kreieren. Schwanzeinzieher, Schönwetterfußbaler,
Feiglinge, Kumpels im Stichlasser, Sprücheklopfer, Mannschaftsverräter und auch
Umherspringer, sowie Menschen die auf einem Ponyhof leben wollen, sind Typen, für die ich mich schäme.
