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  • Hallo zusammen,


    der Titel mag ein wenig täuschen, geht aber in die richtige Richtung.
    Ich denke, man sieht mich nicht oft ratlos, in diesem Fall könnte es aber schnell so werden.


    Was ist passiert?


    Wir haben eine neue D1 aus 3 Teams gebildet. Die meisten kommen aus meinem alten Team, welches ich 4 Jahre trainierte. Ein paar 98er sind ebenfalls dazu gekommen. Einer dieser 98er wurde mir vorab unter der Hand als 'schwierig', weil schwer erziehbar 'verkauft'. Kein Problem, so dachte ich mir.
    Gestern lernte ich ihn dann kennen.


    Ich kann nur sagen: Ganz schön krass der junge Mann. Das Training war soweit ok und zum Abschluss mache ich mit meinen Jungs immer dasselbe Ritual: Entweder 8-Meterschießen oder 1 gg.1, wobei einer von beiden der Torwart ist.
    Der, der verschießt scheidet aus und muss, wenn er nicht Pfosten oder Latte getroffen hat, eine Runde um den Platz laufen. Es ist ne reine Spaßübung und die meisten haben in den Jahren gelernt, z.B. 8-Meter echt klasse zu schießen. Die Runde im Anschluss gehört dazu.


    Alle akzeptieren das nur eben nicht dieser Spieler.


    Auf die Frage warum er nicht laufen wolle, nachdem er verschossen hatte, kam die Antwort: "Ich weiß nicht".
    Ich : "Aber alle laufen. Warum du nicht"
    Er: "Weiß nicht"
    Das ging ein paarmal so hin und her. Andere Spieler fragten schon, warum dieser Spieler nicht laufen muss.


    Also hab ich ihn mir geschnappt, bin mit ihm 30 Meter weiter gegangen und hab versucht, mit ihm zu reden. Und genau an dieser Stelle wurde mir klar, wer mir da gegenüber sitzt. So etwas kenne ich nicht.
    Ich habe mit ihm gesprochen, versucht sein Vertrauen zu gewinnen. Ihm erklärt, dass ich mich freue, dass er nun bei mir ist, ich aber auch von ihm erwarte, dass er sich so verhält, wie alle anderen eben auch.
    Alles, was er sagte war: "Keine Ahnung oder ich weiß nicht".


    Ich denke, dass er es von zuhause (allein erziehende Mutter) vielleicht gar nicht kennt, Probleme zu besprechen. Er schaffte es, mich geschlagene 5 Minuten nicht einmal anzusehen. Puh, sowas kenne ich nicht und ich weiß echt nicht, was da auf mich zukommt und wieviel Extraaufmerksamkeit so ein Junge braucht.


    Vielleicht kommt das Problem im Text gar nicht richtig rüber und der eine oder andere fragt sich, warum ich sowas schreibe. Schließlich ist nichts passiert, niemand wurde beleidigt oder geschlagen.
    Es ist mehr meine Sorge, was daraus entstehen kann. Muss ich ihn besonders behandeln? Natürlich habe ich vor, immer wieder das Gespräch zu suchen. So habe ich mit meinen bisherigen Jungs immer gehalten und es hat funktioniert.
    Was, wenn das hier nicht so sein wird?

    Das einzige, was wirklich gerecht verteilt ist, ist die Intelligenz.
    Ich habe noch nie jemanden sagen hören, er hätte zu wenig davon.

  • Also letztendlich halte ich es so, dass ich natürlich auf jeden Spieler individuell anders einwirken muss, da jeder meiner Spieler eine andere Persönlichkeit hat. Manche Spieler brauchen da eben etwas mehr Aufmerksamkeit als andere und ich denke, solange dadurch niemand bevorzugt wird, muss das auch nicht immer gleich schlimm sein. Wichtig wird sein, wie du schon sagtest, sein Vertrauen zu gewinnen und ihn in die Mannschaft zu integrieren. Ganz klar muss er dann auch die Regeln, die ihr habt, akzeptieren, ansonsten funktioniert der Mannschaftssport Fußball nicht. Ich kann jetzt aus deinem Beitrag nicht entnehmen, wie intelligent oder lernwillig dein Spieler ist, aber vielleicht klappt es auch mit logischen Erklärungen, sodass er weiß, warum er dieses oder jenes tun soll. Demnach könnte er zumindest nicht mehr aus Unwissenheit mit "Ich weiß nicht" etc. antworten sondern nur noch aus Trotz oder Desinteresse.

  • Hola José,


    klar, Spieler sind verschieden und müssen unterschiedlich behandelt werden. Das verstehe ich und handhabe es auch so.


    Aber ein Junge von 12 jahren, der einen so gar nicht öffnet, sowas hatte ich noch nicht und ich mach mir seit gestern abend zig Gedanken, wie ich an ihn rankomme.
    Gleichzeitig weiß ich schon jetzt, dass er keinen Sonderstatus genießen darf, weil ich befürchte, dass sowas das Mannschaftsgefüge durcheinander bringen würde.

    Das einzige, was wirklich gerecht verteilt ist, ist die Intelligenz.
    Ich habe noch nie jemanden sagen hören, er hätte zu wenig davon.

  • Hallo Tom


    da sich dieser Junge schon bei anderen Trainern schwierig verhalten hat, kann das Problem mit sicherheit icht bei dir liegen.


    ich würde zuerst mal das Gespräch mit der Mutter suchen, evtl. falls die Möglichkeit besteht, mit seinem Lehrer sprechen.


    Ich vermute ganz stark, dass dieser Junge bisher keine klar dauerhafte Konsequenz für sein Verhalten erfahren hat (Ich spreche aus Erfahrung)


    Ist das der Fall, dann kannst du ihm helfen.


    kündige ihm klare Konsequenzen, bei Nichteinhalten von Regeln an, und halte die dann aber konsequent ein. du musst da selbst dir gegenüber hart bleiben.


    anfangs wird er dich austesten, wenn er aber feststellt, dass er diese Konsequenzen zu seinem Nachteil werden, wird er sich ändern,
    wenn nicht ist er eh ein Fall für den Kinderpsychologen.


    Wichtig ist, dass du zwar konsequent bist, aber ihn immer wieder offen aufnehmen musst. Besprich die situation aber unbedingt mit deinen anderen spielern.
    Ich würde dir gern mehr dazu sagen, darf das aber nicht im öffentlichen Forum, da wir Kinder vom Jugendamt aus betreuen.


    Günter

  • Danke, Günter, so werd ich's machen.


    Heute denke ich, dass ich erstmal hätte warten sollen, wie sich der 'Fall' entwickelt, bevor ich hier ein Posting einstelle und nach eurer Meinung frage.
    Schliesslich ist nichts passiert bislang, außer, dass ich extrem perplex war und bin, ob des Verhaltens dieses Jungen.


    Ich werd die Sache mal beobachten und, wenn nötig, mit der Mutter sprechen.

    Das einzige, was wirklich gerecht verteilt ist, ist die Intelligenz.
    Ich habe noch nie jemanden sagen hören, er hätte zu wenig davon.

  • Mahlzeit Tom,


    so "erziehungsresistente" Kids habe ich auch. Bei manchen liegt es wohl daran, dass sie kaum 'Autoritätserfahrung' haben und ihnen viel durchgehen gelassen wurde. Es wird woanders oft mit Dingen gedroht, die dann nicht konsequent durchgehalten werden. Wenn ich bei mir merke, einer stellt sich in der von dir beschriebenen Art quer, fahre ich ganz gut damit, das ich ihm eine Wahl stelle. Z.B. "Wenn du keine Runde laufen willst, ok---dann machst du halt 25 Liegestütze, oder mußt 10x jonglieren... " oder ähnliches---je nachdem, wo die Schwächen der Jungs liegen. (wenn sie ganz bockig sind, kann man das noch erweitern, in dem man sagt, wenn du das nicht schaffst, läust du noch 'ne halbe Rund zusätzlich ;) ). Der Knackpunkt bei dieser Sache scheint zu sein, das sie wählen können und sich so wohl etwas 'ernster genommen' fühlen, wenn sie etwas selbst entscheiden. Manche sagen auch gleich "oh nö, schaff ich sowieso nicht-da laufe ich lieber".


    Ist zwar immer recht typenabhängig, aber in den meisten Fällen ist die Vorgehensweise praktikabel. Wenn die Andern beginnen sollten rumzumosern, gibst du ihnen einfach die gleiche Wahlmöglichkeit.


    Gruß

  • Ich vermute mal, der Junge ist aufgrund seiner alleinerziehhenden Mutter einfach nicht gewohnt, dass er etwas machen muss. Wenn er zu hause sagt "mach ich nicht", dann muss er es nicht machen. Formuliere im klar und freundlich, dass er um den Platz laufen soll, wenn er das nicht tut, dann sage ihm, dass es alle Spieler tun und er das auch machen MUSS. Du musst es ihm sozusagen befehlen, ihm eine eindeutige Ansage machen, die man nicht falsch verstehen kann.


    Motto: Gib niemals auf!
    Alter: 15

  • an DSV



    aus Erfahrung sage ich dir, wählen ist der falsche Weg, es geht hier einfach. darum, dass er lernen muss die Vorgaben zu machen


    an Olli


    bei dir staune ich nur, bist du wriklich erst13, ich kann es fast nicht glauben. auf deinen Rat sollten hier viele hören.


    Tom, willst du zu dieser Thematik mehr wissen, dann erfrage bei Uwe meine Mail-Adresse, ich kann hier nicht ins Detail gehen.


    Günter

  • Hallo Tom,


    ich habe lange überlegt, ob ich antworten soll - bin eigentlich eher stiller Beobachter hier (was im Sinne der Gemeinschaft auch nicht korrekt ist, aber da habe ich immer noch große innere Schweinehunde). Aber ich hatte heute im Training ein Erlebnis, das exakt Deinen Erfahrungen gleicht, also seis drum.


    Was ich hier heraushöre ist, dass da ein Kind mit ganz massiven Problemen in Deiner Mannschaft ist. Es kam ja schon raus, dass die Mutter alleinerziehend ist. Einige Kommentare, dass hier wahrscheinlich die konsequente Erziehung fehlt, Regeln, etc. gab es auch schon.
    Mach Dir bitte eines klar: Du hast vermutlich ein Kind in Deiner Mannschaft, welches in einer Phase seines Lebens, in dem sich das Urvertrauen eines Menschen bildet, eine tiefgreifende Störung erfahren hat.Wo sich kleine Kinder an der Geborgenheit des Elternhauses orientieren ist hier etwas auseinander gebrochen. Andere Kinder erleben in dieser Zeit eine vertrauenseinflößende Umgebung, die ihnen vermittelt, als sie selbst in der Welt akzeptiert zu sein, dieser Junge hat dort wohl - bildlich gesprochen - in der Wüste gestanden und muss überhaupt erst mal um sein Selbstverständnis kämpfen: wer bin ich, dass mein Eltern auseinander gehen, warum ist mein Papa nicht mehr dabei, etc.
    Das verursacht tiefgreifende Störungen und dann auch Verhaltensweisen, die wir als außenstehende nicht mehr nachvollziehen können: totale Verweigerung gegen jedes Gespräch, schon fast manische Selbstvorwürfen, etc. - da kommst Du dann auch in solchen Situationen überhaupt nicht mehr an das Kind ran und das kann Dich dann auch wahnsinnig machen, wenn Du es zu verstehen versuchts. In dem Moment ist da m.E. nichts mehr mit Verstehen, das gibt es für mich nur noch das Bild des Kindes, das mit der ganzen Kraft seines Willens eine Mauer um sich aufbaut (Pink Floyd lässt grüßen).
    Bitte verstehe mich nicht falsch, nicht jedes Kind aus Trennungsfamilien ist so "belastet", aber es kann je nach Zeitpunkt und auch Umstände mehr oder weniger gravierend ausfallen - vor allem, wenn es in einer prägenden Phase des Kindes passiert und dann ein vollkommen überforderter Elternteil alleine da steht.
    Was weißt Du über die Umstände: hat das Kind noch Kontakt zu seinem Vater, ist das Verhältnis zwischen Mutter und Vater im Sinne des Kindes OK oder spielen sie sich ggf. gegeneinander aus?


    Meine ganz persönlichen Tipps - ich habe nicht viele, stehe ja selber vor dem Probem:


    1) GANZ WICHTIG: Kenne Deine Grenzen! Du hast den Job übernommen, eine Kinderfußballmannschat zu Trainieren und ich sage besser zu Betreuen. Damit musst Du natürlich auf die Einzelheiten deiner Eigensinnigen, Wehleidigen, Motivierenden, Phlepmatischen, etc. eingehen, daran arbeiten die Stärken herauszuarbeiten, etc. ABER: Du bist kein ausgebildeter Pädagoge bzw. Psychotherapeut und darfst Dir auf keinen Fall zumuten, die Probleme des Kindes im Rahmen Deines Mannschaftstrainings zu lösen!
    2) und achte bitte auch darauf, wie Du als MANN da ankommst: wie gesagt, alleinerziehende Mutter, die Vaterrolle fehlt evtl. vollkommen (obwohl ich das so natürlich nicht beurteilen kann): grenze Dich als Trainer bitte ganz deutlich ab: Du tröstest Ihn (und die anderen Kinder) z.B. bei Niederlagen als Trainer uns sonst NIX - alles andere ist Highway to hell!
    3) Du willst die Mannschaft bilden und jedes einzelne Kind fördern. Du hast vermutlich in Deiner Mannschaft Eigensinnige, Wehleidige, Motivierende, Phlegmatische, etc. Auf jeden gehts Du so oder so ein. Aber Dein Engagement für das "besondere" Kind darf sich nicht von dem für andere Kinder unterscheiden - damit treibst Du den Jungen nur die Isolaton.


    Also, wie auf die besondere Situation und den Jungen eingehen?
    Versuche mal, mit der Mutter zu reden: geht er gerne in das Training, erzählt er was davon, lässt er daheim anklingen, dass er eh zu schlecht ist, etc.
    Ich denke, ein wesentlicher Schlüssel ist, dem Kind auch über die Bezugsperson (=Mutter) zu vermitteln, dass er in der Mannschaft akzeptiert ist.
    Darüber hinaus habe in Training und Spiel ein Auge auf ihn - bestärke ihn ehrlich (so, dass er es fühlt, wenn Du es ehrlich meinst) auch für kleine Dinge: ein guter Schuss, eine gute Explosion nach einer Finte, einfach die Kleinigkeiten, die Kinder allgemein aber vorbelastet insbesondere brauchen - aber immer nur ehrlich!


    Ich weiss, das war jetzt keine gute Hilfe im Sinne einer Handlungsanleitung aber vielleicht hilft es Dir ein wenig.
    Das zeigt auf jeden Fall, dass wir gerade als Kinderfussballtrainer uns viel mehr Gedanken um die Kinder an sich machen müssen und nicht einfach nur die optimale Ausbildung oder was auch immer im Kopf haben sollten.


    Gruß,
    Sebi


    P.S.: das möchte ich noch anmerken: und auch wenn der Junge wie o.g. "ein Fall für den Kinderpsychologen" ist, dann ist er immer noch ein Kind, das seine normale Umgebung braucht, um sich zu entwickeln, und da gehört seine Fussballmanschaft dazu.

    Einmal editiert, zuletzt von Sebi ()

  • .S.: das möchte ich noch anmerken: und auch wenn der Junge wie o.g. "ein Fall für den Kinderpsychologen" ist, dann ist er immer noch ein Kind, das seine normale Umgebung braucht, um sich zu entwickeln, und da gehört seine Fussballmanschaft dazu


    Hallo Sebi


    ein sehr gutes Statement, aber wie du schon schreibst, wir Trainer sind keine ausgebildeten Psychologen.
    Aus Erfahrung weiss ich, dass der Kinderpsychologe die Probleme nicht allein löst, aber eine grosse Hilfe ist, dass der Junge sich in seinem Umfeld,
    und dazu gehört in diesem Fall die Mannschaft (da geb ich dir vollkommen recht) besser zurechtfinden kann.


    das Hauptproblem liegt doch darin, das wir die Ursache für das Verhalten von Kindern nicht kennen.
    Ist es Trennungsschmerz, falsche Erziehung oder gar Genetik, wir können nur Vermutungen anstellen, und da liegen wir ganz schön schnell auf der falschen Seite.


    Bei dem ein oder anderen Kind konnte ich als Trainer nur dadurch helfen, dass ich intensiver Gespräche mit Eltern (wenn sie dafür offen waren ) und auch Lehrer
    geführt habe. Ich musste da meine Denkweise und Verhalten manchmal um 180 grad drehen.
    Hin und wieder stösst man aber an seine Grenzen.
    Und dann bin ich der Meinung, dass die Mannschaft vor der Einzelperson steht. d.H. letzendliche Konsequenz: rauswerfen. (Motto 15 sind mehr als 1)


    Günter


    Günter

  • Aber Dein Engagement für das "besondere" Kind darf sich nicht von dem für andere Kinder unterscheiden - damit treibst Du den Jungen nur die Isolaton.

    Guter Punkt, Sebi. So sehe ich es auch. Keine Extrawurst für niemanden. Nicht, dass sowas nicht manchmal hilfreich wäre, aber vor der Mannschaft steht derjenige dann ganz schön blöd da.


    Das, was Du als Ursache beschreibst, mag schon hinkommen. Im Endeffekt zählt aber das 'Jetzt'.
    Der Junge ist willkommen. Das ist ganz wichtig. Er bekommt Führung, Anleitung und Zeit zur Gewöhnung.


    Der Rest sollte dann irgendwann von ihm kommen.

    Das einzige, was wirklich gerecht verteilt ist, ist die Intelligenz.
    Ich habe noch nie jemanden sagen hören, er hätte zu wenig davon.

  • Tom, willst du zu dieser Thematik mehr wissen, dann erfrage bei Uwe meine Mail-Adresse, ich kann hier nicht ins Detail gehen.

    Gute Idee, Günter. Darauf würde ich gern später zurückkommen.
    Erstmal versuche ich es nach meinem 'Gusto'. Muss nicht heißen, dass es klappt. Wenn doch, schön, wenn nicht komme ich gerne auf deine nettes Angebot zurück.
    Gruß
    Tom

    Das einzige, was wirklich gerecht verteilt ist, ist die Intelligenz.
    Ich habe noch nie jemanden sagen hören, er hätte zu wenig davon.