@Andre
Wer hat denn nach deiner Meinung in dieser Sache keine "Tomaten auf den Augen"?
Die Diskussion über die Talentbewertung zieht sich von der Kreisauswahl bis in die Nationalmannschaft!
Sichter sind Menschen, die entscheiden müssen. Deshalb stecken in ihren Entscheidungen immer auch Fehler! Dessen sind sie sich bewußt, weshalb mit jeder Sichtung Eltern und Trainer darauf aufmerksam gemacht werden, sich zu melden, falls sie den Eindruck haben, dass ein Kind bei dieser Sichtung nicht zur normalen Leistung gefunden hat.
Allerdings kann es sein, dass dieses Kind deshalb nicht zur "normalen Leistung" findet, weil an dieser Sichtung andere Talente teilnehmen, die deutlich stärker sind, wie die Mitspieler in der Heimatmannschaft.
Sehr viele Sichter eine gute Ausbildung und einige Jahre an Erfahrung den meisten Vereinstrainern voraus, weshalb sie mit ihren Entscheidungen häufig nicht so ganz daneben liegen. Dennoch können auch sie sich irren!
Ferner haben sich die Methoden zur Entscheidungsfindung in den vergangenen Jahren vielerorts ein wenig gewandelt. So wird nicht nur nach Positionstreue Fussball gespielt, sondern es werden u.a. Technikübungen zelebriert. Letzendlich soll für jeden Spielertyp etwas dabei sein.
Jedoch, da muß ich dir leider recht geben, reicht die Kürze der Zeit kaum aus, um sich ein umfassenderes Bild zu machen. Deshalb weisen die Sichter ausdrücklich darauf hin, dass man sich melden möge, falls man den Eindruck gewonnen habe, dass das Kind an diesem Tage nicht zu seiner normalen Leistung gefunden habe.
Nach der "Grobsichtung" erfolgt üblicherweise die "Feinsichtung", bei der die gesichteten Talente an ca. 3 Trainngseinheiten teilnehmen. Hier werden die Kinder in unterschiedlichen Situationen auf unterschiedlichen Positionen getestet. Ein erfahrener Kreis- oder DFB-Stützpunkttrainer erkennt hierbei rasch die Lieblingsposition. Ein besonderes Talent kann sich jedoch auch auf anderen Position gut in Szene setzen.
Eine große Schwierigkeit einer fairen Beurteilung liegt jedoch darin, die Talentanlagen von den jeweiligen Leistungen der Heimatvereinstrainer zu trennen. Denn die meisten Vereinstrainer legen bei Übungen und Spielformen besonderen Wert auf die offensiven Elemente. Hier bekommen seine Schützlinge besonders viele Tipps, während die Defensivspieler und erst recht die Torleute dabei das Nachsehen haben.
Leider gibt es auch (noch) in DFB-Training-Online zu wenig Übungen und Spielformen zur Schulung des Defensiv-Verhaltens. Dies liegt primär darin begründet, dass man einen offensiven und auf Ballbesitz orientierten Fussball präveriert. Torschießen als das Salz in der Suppe wird dem Toreverhindern vorgezogen. Solange wir jedoch genügend Keeper haben, die den Bockmist ihrer Vorderleute erfolgreich ausbügeln, werden wohl auch Defensivspieler über andere Wege zu verdienten Ehren kommen müssen. (Früher sind viele Talente als Angreifer angefangen und später im Mittelfeld oder in der Abwehr gelandet, wenn sie nicht schnell oder trickreich genug waren.)
Ich möchte deine Vermutung gar nicht abweisen. Aber wie sollte nach deiner Meinung eine Sichtung aussehen, wo Defensivspieler besser gewürdigt werden? Aber der Fehler liegt nicht nur bei den Auswahltrainern, sondern auch bei den Trainern im Heimatverein, weil sie dort die Offensive stärker fördern.
Moderne Trainer sollten deshalb konsequent an der Positionsrotation festhalten und auch im Trainnig dafür Sorge tragen, dass die Teammitglieder auf allen Positionen die kompetente Unterstützung erhalten. (Gerade bei Vatertrainern kommt es leider gehäuft vor, dass ihr Sohn die tragende Rolle im Angriff spielt, während der Rest Statistenrollen bekommt! Deshalb gibts kaum eine Sichtung, an der nicht die Kinder dieser Vatertrainer teilnehmen. So ist anzunehmen, dass gerade Vatertrainer häufig "Tomaten auf den Augen" haben, weil sie in ihrer Talent-Vorselektion falsche Methoden - Sympathiefaktoren - anwenden!)
Die beste Förderung kann das Kind erhalten, wenn Heimatverein und Auswahl gut zusammen wirken. Gelingt dies im besonderen Maße, so profitieren auch die anderen Spieler im Heimatverein davon, weil es dem Kind eigenverantwortlich erlaubt wird, das Erlernte im Team einzusetzen. Das ist leider nicht selbstverständlich! Denn selbst bei Trainern am "oberen Limit" kommt es vor, dass die Kinder irgendwann mit weinerliche Stimme zum Auswahltraner gehen und ihm sagen, dass das der Vereinstrainer (warum auch immer) nicht sehen will.
Fazit: Die Talenbeurteilung ist facettenreich und läßt sich nicht präzise mit "Tomaten auf den Augen" beschreiben. Wer Anderen Fehler vorwirft tut gut daran, sein eigenes Säckchen zu schnüren, wenn auch er zu denen gehört, die nur der Offensive ständig mit fachlichem Rat zur Seite stehen.