Chris
Ein Torwart benötigt im wesentlichen Erfahrungen, um die unterschiedlichsten Situationen richtig lesen und aus seinem Erfahrungsschatz die jeweils bestmöglichen Antworten finden zu können. Es ändert sich im Laufe der Zeit immer nur ein kleiner Teil des Fussball. Der Torwart braucht aber für die Gesamtheit der Situationen einen Erfahrungsschatz.
Sicherlich steht am Anfang einer Neuerung immer der Zufall auch Pate. Weil Manuel Neuer, um ein Beispiel des modernen Torwarts zu nenen, zufällig einen Nachwuchs-Torwarttrainer bei Schalke fand, der seine besondere Gabe des zielgenauen Weitwurfs für nutzbringend hielt, dürfen wir uns heute bei jedem Spiel daran erfreuen. Eine besondere Effektivität erhielt die Verbesserung des Offensivspiels aber erst Jahre später, als er sich mit Frank Rost um die Position des Stammkeepers bei Schalke stritt und Mirco Slomka als unbedarfter neuer Chefcoach ein glückliches Händchen bewies.
Oliver Kahn wurde unlängst gefragt, warum es zu seiner Zeit niemand gegeben habe, der wie ein Manuel Neuer die Bälle so weit und präzise werfen kann. Kahn`s Antwort dazu ist aus heutiger Sicht nicht überraschend. So habe es dieses Wurftraining schon damals gegeben. Ziel sei es jedoch gewesen, ins gegnerische, leereTor zu zielen! Das sei aber so gut wie nie gelungen.
Durch Analyse der weltweit erfolgreichsten Vereins- und Nationalmannschaften war klar geworden, das die Erhöhung der Passfrequenz ein wirksames Angriffsmittel gegen das gegnerische Verschieben zum Ball ist. Gibt es bei einer durchschnittlichen BuLi-Mannschaft 350 - 400 erfolgreiche Pässe, so sind es bei den Top-Teams weit über 700 pro Spiel. Bei der Suche nach neuen Passvarianten ist natürlich die Zielführung besonders wichtig. D.h. je kürzer die Zeit vom ersten Pass bis zum Torabschluß, je erfolgversprechender ist er. Denn die meisten Tore werden erzielt, wenn die gegnerische Abwehr noch in Unordnung ist. Wenn also ein Keeper mit der schnelleren Angriffseinleitung durch einen präzisen, besonders weiten Wurf den Gegner überraschen kann, so ist der Torerfolg wahrscheinlich.
Den modernen Torwart zeichnet aber noch mehr aus, als die Verbesserung der offensiven Fähigkeiten. Auch bei den defensiven Möglichkeiten hat es Veränderungen gegeben. Auch beim modernen Keeper gibt es das dynamische Verschieben zum Ball als vorbereitende Phase für die erfolgreiche Torabwehr. Während sich der klassische Torwart ruhig und beobachtend zwischen den Pfosten verhält, paßt der moderne Keeper permanent seine Position an das gegnerische Spiel an.
Schließlich sind die Koordinationsabläufe zu nennen. Diese sind beim klassischen Keeper diagonal zur Torlinie, während der moderne Keeper aus der Bewegung heraus "gegen den Ball arbeitet" und durch bestmögliche Torflächenverkleinerung frühere, unhaltbare Bälle noch erreicht. Schon im Nachwuchsbereich wurde beim modernen Keeper auf die beidbeinige Ausbildung geachtet, damit der Keeper zu beiden Seiten hin gleichgute Reaktionszeiten und präzises Abwehrtechnik zeigt.
Wie man aber gestern beim Spiel der Bayern aus München gegen SSC Neapel sehen konnte, hat unser Nationatorwart im defensiven Stellungsspiel noch Potential, wobei ihm ein Wiese und Weidenfäller noch etwas voraus sind. Markenzeichen von jungen Torleuten ist aber aufgrund fehlender Erfahrungen eine Leistungsschwankung, deren Ursache nicht immer einfach zu deuten ist.
Wenn es aber in der Gesamtheit aller nutzbaren Torwartfähigkeiten einen Gleichstand zwischen einem jungen und einem erfahrenen Torwart gibt, wird man bei der Entscheidung letzendlich auf den Jüngeren zurückgreifen, weil dessen Zukunftspotential noch nicht ausgereizt ist.
Bei der Betrachtung: Erfahrung gegen Moderne habe ich bewußt das Mantra weggelassen, denn das darf es bei der empirischen Betrachtung einer immer in der Entwicklung befindlichen Sportart nicht geben. Es ist immer ein Trend, der erst im Nachhinein eine Deutung zuläßt!