Talente zu sichten bedeutet in erster Linie auf eigene Erfahrungen zu bauen. Deshalb wählen der DFB und die NLZ vornehmlich ehemalige erfolgreiche Spieler mit anschließender Trainerausbildung im Leistungsbereich aus. Auch beruht es auf den Erfahrungsschatz, möglichst früh die besten Talente herauszufiltern, denn der Ausbildungsweg ist lang und kann steinig sein. Erfahrungen jedoch auf den Prüfstand zu stellen und mit neueren Erkenntnissen abzugleichen, fällt dann besonders schwer, wenn es nicht wie beim Fussball rational, sondern in erster Linie emotional begriffen wird!
Aber, was macht es so schwer, das Talentpotential zu entdecken? Das Geburtsdatum allein kann es nicht sein! Selbst bei den geistig erworbenen Fähigkeiten sind die im ersten Halbjahr geborenen Kindern den später Geborenen im Vorteil, weil sie in der Regel 1 Jahr früher eingeschult und deshalb früher geistig gefördert werden. Doch spätestens nach Schule und Ausbildung gibt es keinen Unterschied mehr zu den später Geborenen! Auch hieraus ergibt sich, dass ein indirekt am Geburtsdatum orientiertes Selektionsverfahren wenig Aufschlüsse über den Werdegang eines Talents gibt. Ohnehin wären Merkmale wie Endgröße oder die Bildungsreife einfacher herauszufinden. Dazu braucht man im Regelfall nur die Daten der Eltern des Talents anzuschauen, denn von denen das Kind wahrscheinlich nicht sehr viel abweichen.(Zur Intelligenz im Fussball wußte Hans Meyer während seiner Zeit als Trainer von Mönchen-Gladbach zu bemerken: Wenn meine Spieler nicht so gut Fussballspielen könnten, dann müßte wohl die Hälfte von ihnen unter Brücken schlafen!)
Nun ist es Praxis, dass die Nachwuchsleistungstrainer häufig nur bestimmte Jahrgänge in ihrer Entwicklung beobachten, weil die Ausbildung danach von anderen Trainern übernommen wird. Es besteht hierbei die Gefahr, das sie ihren Fokus zu sehr auf den für sie relevanten Ausbildungszeitraum setzen und deshalb vornehmlich nach Talentmerkmalen forschen, die für sie wichtig sind! Nicht mehr ist aus dem RAE-Effekt heraus zu lesen.
Das Problem ist vielmehr, das vom Istzustand ausgehend eine Prognose erstellt wird. Im Istzustand finden sich jedoch auch die Unterschiede der Ausbildung durch die jeweiligen Heimat-Vereinstrainer wieder, die hierbei gar nicht vollständig herausgefiltert werden können. D.h. das Talent mit schlechtem Heimattrainer hat schlechtere Chancen als das mit besseren. So ist es auch zu erklären, warum aus einigen Vereinen mehr Talente und von anderen so gut wie nie Talente aufgenommen werden.
Ein untrügliches Talentmerkmal besteht darin, das es sehr viel schneller lernt als Andere. Wenn man daraus resultiert, das Lernen immer auch mit einer Lernzeit verbunden ist, dann kann man Talentmerkmale am besten dadurch bestätigt sehen, das aus einem Talent-Messzeitpunkt ein Messzeitraum wird. Ein Messzeitraum hat auch den Vorteil, das während dieser Zeit andere Eignungsfaktoren, wie z.B. eine hohe Eigenmotivation geprüft werden, bevor der Weg in ein über Jahre dauerndes Ausbildungsprogramm gestartet wird. Der Messzeitraum, man könnte auch Probezeit sagen, gibt so beiden Seiten (Talent und Ausbilder) die Möglichkeit, die gegenseitigen Erwartungen zu überprüfen.
Auf dem Stützpunkten wird beim jüngeren Jahrgang nach 3 Trainingseinheiten selektiert. Das ist natürlich viel zu kurz, wenn es gilt jedes einzelne Talent zu intensiv prüfen, denn es ist noch zu einem guten Teil durch die im Heimatverein erworbenene Fähigkeiten geprägt. Aber aufgrund der derzeitigen Rahmenbedingungen ist nicht mehr drin, sonst bräuche man Stützpunkttrainer, die entweder hauptberuflich tätig sind oder nur noch einen Halbtagsjob nebenbei haben. Die NLZ sind da schon etwas besser ausgestattet, weil sich dort insgesamt mehr Trainer um die Talente kümmern können! Doch ist es nicht gerade die Intensität, mit der große Talente ihr Hobby ausleben möchten und braucht es dann nicht auch die intensive Unterstützung durch geeignete Trainer, um die veranlagten Merkmale bestmöglich zu fördern? Geht es nicht hierbei vielmehr um handverlesene Talente, statt um die Verwaltung von etwas besseren Spielern? Und im weiteren ist zu prüfen, wie man mit Leistungsschankungen, die während des Jugendzeitraums normal sind, umgeht?
Fragen, auf die das heutige Elite-Fördersystem nur unzureichende Antworten gibt! Es stecken zwar gute Ansätze drin, aber es ist noch nicht überall aus seinen Alibifunktionen herausgewachsen. Ein Alibi ist nach wie vor in meinen Augen, das man so tut, als würde man sich für den Nachwuchs interessieren, aber in Wirklichkeit interessiert man sich nur für am Limit angekommenen besten erwachsenen Spieler. Das ist in den Vereinen so, wo die 1. Mannschaft als das Aushängeschild betrachtet wird. Das ist beim DFB nicht sehr viel anders!
Doch Entwicklungsprozesse bedürfen nicht nur eines aufsgereiften Systems, sondern auch einer gewissen Ruhe und Kontinuität.
Leider wird nicht in Ruhe nach den zu fördernden Talenten selektiert, was sich im RAE-Effekt belegen läßt. Auch gibt es kein für den gesamten Jugendzeitraum entwickeltes Konzept. Leider gibt es auch kein für den gesamten Jugendzeitraum entwickeltes Konzept. Dies läßt sich zum einen an der hohen Fluktuation im Jugendleistungsbereich ablesen und zum anderen aus Scouting, welches ein immer größeres Gebiet abdeckt!
Wer immer sich als Nachfolger von Matthias Sammer verantwortlich zeichnet, sollte sich ans Nachwuchsförderkonzept machen. In der derzeitigen Fassung stellt es ein für Kinder, Eltern und Trainern kaum nachvollziehbares System mit vielen Ungereimtheiten dar und es geht im Kern auch um eine Fördergerechtigkeit, denn wenn lt. DFB jedes Talent eine Chance zur Förderung haben soll, dann darf damit nicht allein die flächendeckende Fördermöglichkeit gemeint sein, sondern es muß nach geeigneteren Merkmalen selektiert und gefördert werden!