Ralf
Ich möchte diese Diskussion gerne öffentlich führen, weil ich glaube, dass sie sehr viele Menschen hier im Forum und vielleicht in anschließenden Diskussionen vor Ort interessiert! Ich hoffe, du verstehst das?
Zu deinen Aussagen möchte ich ein Beispiel anführen, welches ich erst vor ein paar Wochen miterleben durfte. Auf einem Sichtungsturnier wurde den Spielern, Eltern und Trainern erklärt, dass es keine Schiedsrichter gibt. Die Kinder sollen das alles allein regeln. Nur dann, wenn sie sich nicht einigen können, wird der Sichter gemeinsam mit ihnen eine Entscheidung treffen, damit das Spiel schnellstmöglich fortgesetzt werden kann.
Zunächst klappte es auch ganz gut. Ein paar Trainern und Eltern konnte man noch mit einigen Worten begreiflich machen, dass die Kinder das alles schon sehr gut hinbekommen und auch fair miteinander umgehen. Auch die Kinder schienen Spaß daran zu haben und diese Verantwortung partnerschaftlich gerne zu übernehmen.
Dann aber gab es eine Szene, in der ein Spieler im Strafraum umgegrätscht wurde. Statt nun jedoch die Kinder entscheiden zu lassen, rief der Trainer der einen Mannschaft "das war doch nichts" und der der anderen Mannschaft "das war ein klares Foul" hinein. Weil sich nun die Kinder nicht mehr trauten, alleine zu entscheiden, griff der Sichter ein. Er die Spieler zusich, die an diesem Zweikampf beteiligt waren und fragte beide, wie sie dies bewerten würden. Der Spieler, der ziemlich rüde in den Zweikampf gegangen war, meinte ohne zögern: "ich habe gefoult"! Das sagte er so laut, dass es alle hören konnten. Also nahm der Sichter den Ball und legte ihn für den fälligen Strafstoß zurecht. Nun aber wurden die Spieler, gegen die auf Strafstoß entschieden worden war, von ihrem Trainer und ihren Eltern aufgefordert, sich vor den Ball zu stellen, damit nur ein Freistoß stattfinden könnte. Die Kinder aber weigerten sich, was Folgen haben sollte. Fortan wurde der eingreifende Sichter als schlechter Schiedsrichter beschimpft! Auch das Kind, was sich getraut hatte, sein Foul zuzugeben wurde beschimpft, weil es nicht an seine Mannschaft gedacht habe und deshalb den Sieg aufs Spiel gesetzt hätte. Böse Absichten wurden dem Gegner unterstellt, bei angeblichen Aus einfach weitergespielt zu haben. Überhaupt bestehe die gegnerische Mannschaft nur aus unfairen, feigen Spielern! Na ja, usw. und so fort ... Das Spiel beruhigte sich ein wenig, als der Gegner per Distanzschuß das zweite Tor erzielte. Dafür zündete sich der Trainer des unterlegenen Teams eine Zigarette nach der Anderen an und man konnte am gelegentlichen Schnaufen seine innere Erregtheit erkennen, die er hin und wieder durch Bemerkungen "laßt euch doch nichts gefallen" u.ä. hinausbrüllte.
Nebenbei sei noch erwähnt, dass es dem Sichter aufgrund der aufgekommenen Hektik nahezu unmöglich, die Leistungen der total verängstigten Kinder bewerten zu können. Doch wie wäre das Spiel weitergegangen, wenn er nicht eingegriffen hätte? Wären die Kinder ganz und gar zum Spielball von aufgestauten Agressionen der Erwachsenen geworden?
Es fehlt in diesen Mannschaften nicht nur die fussballerische Kompetenz, sondern auch die soziale Kompetenz für eine Konflikterkennung und -steuerung! Dies läßt sich nicht allein dadurch regeln, in dem man den Schiedsrichter abschafft, weil dann der Konflikt eben auch ohne Schiedsrichter ausgetragen wird. (Wer hätte schon in die Rolle des Kindes, das ehrlich war und das Foul zugab, sein wollen, wenn es unmittelbar danach für seine Ehrlichkeit von Eltern und Trainer abgestraft wird?)
Im unteren Jugendbereich mag die Regel deeskalierend wirken, die Streß gewinnen zu müssen, wenn man ohne Tabellen spielt. Aber ab dem mittleren Jugendbereich "knallt" es, egal ob mit oder ohne Schiedsrichter gespielt wird, weil Eltern und Trainer über den Verantwortungsbereich ihrer Spieler (zu fairem Umgang miteinander) auch hinweg entscheiden wollen, um auf dem "grünen Rasen" ihre Frustrationsbewältigung zu betreiben!
Zwar sind Kinder noch in ihren Charakteren formbar, wenn sie jedoch über einen längeren Zeitraum von den Erwachsenen negative Vorbilder finden, wird es immer schwieriger, ihnen den Wert eines Individuums zu vermitteln! Denn auf den weit entfernten Nebenplätzen großer Vereine ist Fussball zu einer Ersatzreligiion und einer Droge geworden, bei denen die Teams wie Kampfhähne in die Arenen geschickt werden und "ohne Rücksicht auf Verluste" zu kämpfen haben. Der Gegner wird nicht nur besiegt, er muß vernichtet werden. Je aussichtsloser das Ansinnen (Tabellenstand, je radikaler die Maßnahmen gegen besser spielende Teams. Das Erlernen von Eigenverantwortung ist für die Kinder gut! Aber man läßt sie nicht und will sie das auch nicht machen lassen, weil sie den Fussball für ihre Frustbewältigung brauchen und hier "Stellvertreterkriege" führen können!
Um die sportliche wie geistige Elite kümmert man sich in diesem Lande sehr viel. Wer aber bemüht sich um die, bei denen es keine "Lorbeeren" zu ernten gibt?
Wenn man Besserung will, dann muß man sich zunächst mit dem "Hans" beschäftigen, damit es auch "Hänschen" lernt! Man muß nicht nur für den unteren, sondern für den gesamten Jugendbereich Regelungen und Lösungen finden. Das geht m.E. nur durch Überzeugungsarbeit bei den Vereinen, damit ein geignetes Regelwerk für einen friedlichen Fussball für Alle geschaffen wird.
Es genügt auch nicht allein, darüber zu reden, weil dabei sowieso immer die Anderen die Hauptschuld an einer Eskalation tragen, sondern es sollte gehandelt werden. Das kann zunächst zwecks Sensibilisierung durch Fortbildungsseminare in Mannschaftsführung und Elterncoaching gehen. Das sollte jedoch dauerhaft in einen Regelkatalog fixiert werden, bei denen Vereine im Extremfall sogar ihre Teilnahme an Meisterschaften verlieren können, wenn sie sich durch schlechtes Benehmen als unwürdig für einen fairen Sport erwiesen haben.