Schwäche zeigen

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  • Hallo Kollegen,


    ich bin 23 und Trainer einer Mannschaft im Aufbaubereich, die den Nachwuchs einer Profimannschaft ausbildet. Nichtsdestotrotz möchte ich, vielleicht gegensätzlicher Vorurteile gegenüber Trainer aus dem NLZ, über folgendes Thema schreiben.


    Ein bekannter Trainer sagte im Interview, Trainer seien die einsamsten Menschen. Als Trainer verzichte ich in der Woche und v.a. am Wochenende auf viel Freizeit (mit Freunden).


    Gerade jetzt in der fußballfreien Zeit merkt man, dass es mich sehr bewegt, jetzt Zeit zu haben, während andere nicht können. UND gerade vor der fußballfreien Zeit erfolgt der Abschied. Unsere Saison war sehr intensiv und erfolgreich. Ich habe viele Spieler ins Herz geschlossen. Vor allem einen Jungen aus dem Nachbarort, den ich sehr oft mitgenommen habe und auch außerhalb des Fußballs z.B. im Schwimmbad gesehen habe. Auch einen weiteren Spieler konnte ich auf dem Weg einsammeln. Wir hatten viel Spaß und ich verstehe mich mit deren Eltern sehr gut, da ich außerhalb des Rasens Kumpeltyp bin - das schafft eine vertrauensvolle Beziehung.


    Vor dem Hintergrund schmerzt es in der fußballfreien Zeit sehr: die Mannschaft abzugeben, Freunde haben kaum Zeit, die Erinnerungen an die Saison und auch insbesondere die Tatsache, weniger Zeit mit dem Spieler und der Familie aus dem Nachbarort zu verbringen. Irgendwie habe ich das Gefühl, irgendwann sie aus den Augen zu verlieren und für sie nicht mehr bedeutend zu sein. Kinder sind in dem Fall sehr schnelllebig. Das Gefühl hatte ich auch bei der letzten Fahrt: nichts Besonderes besprochen. Ein Mannschaftsabschluss folgt noch.


    Das bewegt mich schon seit einigen Tagen. Kennt ihr das? Wie geht ihr damit um?


    Etwas rationaler: dürfen Trainer Schwäche zeigen? Darf man sich auf diese Verhältnisse einlassen?


    Der o.g. Trainer sagte im Interview, gerade im Profibereich spreche man nicht über dieses Thema. Es wird auch auf Fortbildung unterdrückt.


    Bin mittlerweile seit längerem Trainer - dachte Abschiede werden einfacher, aber irgendwie immer härter.


    Gruß
    Lars

  • Hallo Kickerlars,


    ich finde es normal, daß man als Trainer auch Emotionen (Abschieds-Schmerz) zeigen darf. Ich finde das sogar wichtig, da man dadurch authentischer und menschlicher wirkt/ist. Ich selber arbeite mit Mannschaften, mit denen wir regelmäßig gegen NLZ spielen und kenne daher die Problematik, die sich bei dir ergibt auch aus eigenen Erfahrungen heraus. Dennoch solltest du aufpassen, daß du die Jungs nicht zu nah an dich herankommen lässt und dich als Person angreifbar machst. Du musst der Mannschaft den Eindruck vermitteln, alle gleich zu behandeln, sonst könnte dir das dein Mannschaftsgefüge durcheinanderbringen. Ich musste diesen Sommer 2 Torhüter in die Aktivität hergeben, die ich seit 4 Jahren ausgebildet habe. Mir fiel der Abschied auch extrem schwer, da ich die Jungs auch in mein Herz geschlossen hatte. Allerdings freue ich mich auch schon auf die Spiele bei den Aktiven (ich werde dort immer wieder mal zuschauen), bei denen sie (hoffentlich) sehr gute Leistungen bringen werden und möglichst viel von dem (mit viel Geduld und Schweiß) Erlernten anwenden werden/können. Und glaube mir, die Nachwuchsspieler werden dich immer in Erinnerung behalten. Mir kommen bis heute noch Spieler/Torhüter immer wieder freudig entgegen, wenn ich sie mal bei einem ihrer Spiele beobachte bzw. zuschaue. Vergessen werden sie dich sehr wahrscheinlich nicht. Nur werdet ihr euch halt nicht mehr in so großer Regelmäßigkeit sehen. Das ist leider der Weg der Dinge, wenn man im Nachwuchsbereich arbeitet...


    Bei mir ist die fussballfreie Zeit jetzt wieder vorbei. Und ich habe aber diese Zeit genossen, da nicht von Terminen usw meinen Tages-/Wochenablauf bestimmt haben, sondern ich einfach in den Tag leben konnte. Außerdem brauchte ich auch diese Pause unbedingt, da wir (wie ich bereits geschrieben hatte) sehr intensiv trainieren (4-5 mal in der Woche) und an den Wochenenden bei Auswärtsspielen häufig 12 Stunden unterwegs sind. Aufgrund dessen hab ich die Sommerpause wirklich genossen...


    Ich finde es okay, wenn du persönliche Verhältnisse zu den Spielern aufbaust. Aber (wie bereits oben geschrieben) lass sie nicht zu nah an dich heran. Das kann unter Umständen deine eigenen Entscheidungen zu sehr beeinflussen bzw auch Unruhe in die Mannschaft bringen. Dennoch solltest du als Trainer eine Vertrauensperson sein, der die Spieler auch mal ihren privaten Kummer anvertrauen können. Weil jede Art von Kummer, Sorge, Ärger... beeinflußt die Leistung und wenn du auch solche Dinge weißt, dann erklärt sich manche Leistungs-Schwankung von ganz alleine. Und gerade im Jugendalter spielen sehr viele Faktoren eine Rolle für Leistungs-Anstieg bzw. Leistungs-Abfall. Behalte ruhig den Weg bei, zu den Jungs ein persönliches Verhältnis zu haben, das kann sich nämlich auch sehr positiv auf die Mannschaftsleistung auswirken. Wichtig ist nur die Gleichbehandlung der einzelnen Spieler, so daß sich keiner vernachlässigt fühlt.


    Ich hoffe, ich konnte dir mit meiner Antwort etwas weiterhelfen.


    LG BMW

  • Ein bekannter Trainer sagte im Interview, Trainer seien die einsamsten Menschen.

    Ich denke, was er damit für den Profibereich sagen will, kann man auf den Jugendbereich nicht übertragen.


    Aber zu Deiner Problematik:
    Du schreibst, Du bist 23. Es wird Dir nicht nur im Fußball sondern auch in anderen Lebensbereichen begegnen, dass Du eine Zeit lang eng mit Menschen zu tun hast, mit denen Du Dich vielleicht gut verstehst. Dann trennen sich die Wege (z.B. wegen Jobwechsel) und der Kontakt wird vielleicht loser oder reißt sogar ganz ab. Wenn ich zu all meinen bisherigen Kollegen der letzten Jahrzehnte den Kontakt halten wollte, könnte ich nichts anderes mehr tun. :S Insofern muss man da auch loslassen können.
    Bezogen auf den Fußball: Ja, ich kenne das auch, dass mir eine Mannschaft oder bestimmte Spieler und Eltern mit ihrer Art ans Herz gewachsen sind. Ich kenne es aber auch, dass ich eine Mannschaft abgegeben habe und es mich nicht weiter berührt hat...
    Ich weiß nicht, wie lange Du im Trainergeschäft bist - aber mit der Zeit lernst Du auch hier das Loslassen. Für mich ist die fußballfreie Zeit immer wichtig zum Runterkommen. Spätestens nach zwei Wochen freue ich mich dann auf die neue Mannschaft. Wenn man -so wie offensichtlich bei Dir- jede Saison eine neue Mannschaft hat, hat man doch die Möglichkeit, jedes Jahr neue Spieler/neue Familien kennenzulernen. Das finde ich riesig spannend und macht die Vorfreude aus.
    So lange man im Fußball unterwegs ist, trifft man sich immer wieder.


    Aber noch etwas zu Deiner speziellen Situation im NLZ: Ich würde als Trainer dort vermutlich mehr Distanz zu Spielern und Eltern wollen als es in einem anderen Verein wäre. Ein NLZ wird immer wieder Spielern klarmachen müssen, dass die Zeit im NLZ vorbei ist. Da sollte man nicht von Sympathie geleitet werden.

  • @kicerlars


    Schwäche zu zeigen, darin liegt eigentlich die wahre Charakterstärke eines Menschen.


    Auch deshalb versuche ich mal, deine Gedanken aufzugreifen und vielleicht ein wenig zu sortieren.


    1. Emothionen eines Profitrainers
    Diese Arbeit kannst du mit der eines Top-Managers vergleichen, von dem heute hier und morgen da Top-Leistungen abverlangt werden. Weil er seinem Beruf hinterher reist, gibt es für die Familie wenig und Fraunde so gut wie gar keine Zeit. Denn selbst, wenn er zwischenzeitlich mal arbeitslos sein sollte, muß er pausenlos weiterhin rackern, um ein neues Engagement zu finden. Ein Privatleben im üblichen Sinne hat er erst dann, wenn seine Zeit gekommen ist, Abschied vom hektischen Alltag zu nehmen.


    2. Emothionen eines Nachwuchstrainers der Proficlubs
    Auch hier spiegeln sich verschiedene Erwartungen wieder. Der Verein, der entweder das Ziel anstrebt, jedes Jahr um die Deutsche Jugendmeisterschaft mitspielen zu wollen oder aber die Quote der Spieler, die es in den Profifussball geschafft haben. Die Eltern und Spieler, die eine bestmögliche und über den gesamten Jugendzeitraum laufende Ausbildung verlangen.


    Wenn du als Trainer oder Nachwuchstrainer höchsten Ansprüchen genügen willst, dann kommst du dir nicht selten vor, wie der Fleischklops beim Hamburger. Es gibt Druck von Oben und von Unten, den du jedoch jeweils in Erfolg für den Geschmack Aller umwandeln sollst.


    Emotionen kann sich dabei scheinbar nur der Traier leisten, der über einen längeren Zeitraum auf der Erfolgswelle badet. Wer sich im Haifischbecken junger, ehrgeiziger und erfolgshungriger Trainer zu lange auf seinen Lorbeeren ausruht, der ist schnell weg vom Fenster.


    In der Öffentlichkeit werden fast immer nur die Sonnenseiten dargestellt. Die tägliche, knüppelharte Arbeit läßt sich jedoch manchmal nur deshalb ertragen, weil es dafür einen Haufen (Schmerzens-)geld gibt! Sicherlich mag irgendwann auch der Ruhm hinzukommen. Pep brachte es auf den für viele verständnislosen Punkt, dass er nur deshalb so hart arbeitet, um von allen Menschen geliebt zu werden. Wenn man jedoch nicht aufpasst, dann gelangt man schnell in eine Spirale, die zum "Burnout" führt, in der man sich nicht mehr allein helfen kann. Wenn du dann keine starken Partner an deiner Seite hast, dann vierlierst du dich! Thomas Tuchel, Ralf Rangnick, um nur Einige zu nennen, haben die Notbremse gezogen.


    Sie haben Charakterstärke gezeigt, in dem sie ihrer Umwelt gezeigt haben, dass sie ganz normale Menschen mit ganz normalen Gefühlen und Bedürfnissen sind!


    Bewahre also insbesondere in Grenzsituationen dein Gesicht, damit du beim täglichen Blick in den Spiegel noch erkennen kann, was dahinter für ein toller Mensch steckt!