Sozialverhalten trainieren?

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  • Hi liebe Kollegen,
    es gibt bei mir einen Spieler, 7 Jahre alt, eigentlich ein super netter, anständiger Junge. Aber auf dem Platz wird er zur Diva, und zwar extrem! Er schreit wenn etwas nicht klappt, er regt sich tierisch auf wenn er gefoult wird. Wenn er ausgewechselt wird oder nach dem Spiel und wir gewinnen nicht ist alles Sch... und er hat keine Lust mehr auf Fussball, 2 Minuten später ist alles wieder normal. Was kann man machen das er sein Adrenalin unter Kontrolle bekommt? Er ist dadurch zwar sehr präsent auf dem Platz und ein sehr starker Spieler, möchte gerne das er dieses Adrenalin lernt in sein Spiel einzubauen, nicht nur in Aggressionen. Wie könnte ich ihm das beibringen?

  • Nicht einfach.. Ich stecke in einer ähnlichen Situation, bei unseren 2006ern gibt es auch einige Spieler, die zu ehrgeizig und dadurch eben schnell verbissen sind. Sowas stellt man nicht von heute auf morgen ab, das eigentlich ja begrüßenswerte Engagement in konstruktive Bahnen zu lenken bedarf, so denke ich, eines langen Prozesses und viel Geduld. Ich gehe davon aus, dass in solchen Fällen steter Tropfen am besten den Stein höhlt, es ist also wichtig, dass du da zwar praktisch permanent dran bleibst, aber andererseits das Thema dabei auch nicht zu oft in den Vordergrund holst. Dein eigenes Verhalten in den kritischen Situationen ist auf Dauer am wichtigsten. Und selbst, wenn er erst sieben oder acht Jahre alt ist, du kannst und musst diesem Jungen zwar freundlich, aber deutlich sagen, dass es, um deine Punkte aufzugreifen:

    • überhaupt nicht tragisch ist, wenn etwas nicht klappt -- das ist völlig normal, wenn man etwas Neues ausprobiert. Da soll man vielmehr aber dran bleiben, denn nur durch Übung wird man etwas, das man noch nicht kann, beherrschen. Und das gilt natürlich auch für seine Mitspieler.
    • Es passiert nun mal, dass man mal einen Tritt abbekommt, das sollte ja im Normalfall auch keine Absicht des anderen Spielers sein. Wenn doch, dann musst du natürlich etwas dagegen tun, absichtlich unfairem Spiel gegenüber würde ich eine Nulltoleranzlinie fahren. Und wenn er arg zu viel abbekommt, weil seine Kameraden sich motorisch deutlich zu ungeschickt anstellen, dann würde ich das auch mal thematisieren: wann fahre ich den Fuß aus (nur, wenn ich den Ball treffen kann), wann ist es ein Foul (wenn ich die Beine des Gegenspieler treffe), und wann fahre ich eben noch nicht den Fuß aus (Ball ist nicht frei). Man sieht bei F-Junioren tatsächlich sehr häufig, dass sie mit den Beinen da unten herumstochern, während sie den Oberkörper weg halten, eben weil sie einerseits Angst davor haben im Gesicht etwas abzubekommen und sich andererseits dessen nicht bewusst sind, dass sie da unten gerade den anderen Spieler treten. Mache dazu doch einfach mal 1:1-Spielformen und erkläre ihnen im Zuge dessen, wann und wie man da geschickt verteidigt. Um den Bogen zurück zu deinem speziellen Spieler zu bekommen: er fühlt sich dadurch, dass du dieses Thema aufgreifst, von dir ernst genommen.
    • Wenn er sich aufregt, wenn er ausgewechselt wird, dann mache ihm deutlich, dass du solche Wutausbrüche nicht akzeptierst. Er ist Teil der Mannschaft, jeder spielt und jeder wird ausgewechselt, basta. Wenn er länger auf dem Platz bleibt, muss ein anderer länger draußen bleiben, wie fände er das denn an dessen Stelle? Hilfreich dürfte es dabei sein, wenn du bei deinen Wechseln nach Regeln vorgehst, auf die sich die Kids verlassen können. Ich hatte nie Unruhe bei den Wechselvorgängen, wenn ich nicht zu viele Kinder dabei hatte, so dass jeder Spieler wusste, dass er höchstens zehn Minuten am Stück an der Seitenlinie würde verbringen müssen. Sollte dein spzieller Spieler sich übrigens als beratungsresistent erweisen, so würde ich vielleicht zunächst damit drohen, ihn beim Wiedereinwechseln einmal zu übergehen, und das dann, wenn es nicht hilft, tatsächlich auch mal demonstrativ zu machen, also einen Spieler, der erst nach ihm raus kam, vor ihm wieder einzuwechseln -- am besten einen Kumpel von ihm, damit er möglichst wenig Groll diesem Spieler gegenüber aufbaut. Tatsächlich würde ich wahrscheinlich so verfahren, dass ich diesen Spieler erst wieder rein bringe, das dem Spezialfall dann direkt mitteile, dass eigentlich er dran gewesen wäre, weil er sich aber so aufgeregt hat, er jetzt, wie angekündigt, erst später wieder auf den Platz kommt. Dann ein, zwei Minuten warten, bis er das begriffen hat, und ihn dann zum Wiedereinwechseln holen und ihm sagen, dass er diesmal nur kurz hat darauf warten müssen, um wieder rein zu kommen, das ist die Warnung dafür, dass es dir ernst ist, beim nächsten mal bleibt er länger draußen. Und dann anlächeln, ihm sagen, dass du ihm nicht böse bist, er das nur beherzigen und sich merken soll, und jetzt soll er zeigen was er kann, und los gehts.


    Ich habe auch vor, Kooperationsspiele ins Training einzubauen, weil wir leider ein paar Spieler haben, die in puncto Teamgeist noch Nachholbedarf haben..


    Gute Erfahrung habe ich übrigens auch damit gemacht, selbst mal mit zu spielen, um den Kids auch als Spieler als Vorbild dienen zu können. Wichtig dabei ist natürlich auch, dass man sich selbst eher zurück nimmt als sich in den Vordergrund zu spielen. Und man sollte dann natürlich das bestmögliche Beispiel für fairen Umgang, positives Engagement, gegenseitige Unterstützung und Anfeuerung, gelassenen Umgang mit kniffligen Situationen, Fehlern, Fehlentscheidungen und Gegentoren, etc. sein.

    "Be yourself; everybody else is already taken." (Oscar Wilde)

  • Sowas stellt man nicht von heute auf morgen ab, das eigentlich ja begrüßenswerte Engagement in konstruktive Bahnen zu lenken bedarf, so denke ich, eines langen Prozesses und viel Geduld


    tobn


    aus deinem, aus meiner Sicht, sehr guten Beiträg wären sicherlich einige Sätze besonders hervorzuheben.


    Möchte mich aber aber auf den für mich wichtigsten Hinweis beschränken. Geduld, ohne die wird es nicht gehen.



    Ich vermisse jedoch einen wichtigen Hinweis, der in einem solchen Fall immer beachtet werden sollte:


    Verhält sich das Kind nur beim Fussball so, oder ist sein Verhalten auch an anderer Stelle (z.B. Schule, beim freien Spielen
    mit Kunpels, im Elternhaus) gegeben.


    Dies sollte man unbedingt erkunden, da es die Vorgehensweise mit einem solchen Kind schon wesentlich beeinflussen kann.


    Solches Verhalten (Wutausbrüche) kann man nämlich nicht punktuell (beim Fussball) verbessern, sondern nur in seiner
    Gesamtheit beeinflussen.


    Aus eigener Erfahrung weiss ich jedoch, dass sich die Mühe lohnt. Selbst in extremsten Fällen kann gegensätzliches Verhalten erreicht werden. Dann ist aber eine Zusammenarbeit mit Elternhaus und auch Schule (wenn dort auch auffällig) erforderlich.


    aber ohne die dann von dir angesprochen Geduld, also Zeit, wird es nicht gehen.

  • Danke für die Ergänzung, guenter. Ja, ein respekt- und vertrauensvoller Informationsaustausch mit den Eltern ist da sicher angeraten. Ich würde wahrscheinlich von mir aus mal die Eltern auf meine Beobachtungen ansprechen. Dabei muss man unbedingt Fingerspitzengefühl haben und betonen, dass man das Kind sehr schätzt und überhaupt nichts gegen es hat, dass man aber halt gewisse Verhaltensweisen -- diese zwar konkret, aber nicht zu drastisch benennen, und es bei wenigen Beispielen belassen -- fest gestellt hat, die so im Mannschaftssport nicht gehen und dem Kind selbst sicher eher Schwierigkeiten bereiten. Wichtig: es muss deutlich werden, dass man ihrem Kind helfen möchte. Es soll nicht ausgezählt und schon gar nicht ausgeschlossen werden. Und um andere Kinder geht es übrigens auch überhaupt nicht, man sollte sich tunlichst nicht auf diese Schiene bringen lassen.


    Was ich noch vergaß: Solche Erziehungsgeschichten funktionieren nur dann gut und nachhaltig, wenn ein Vertrauensverhältnis zwischen Spielern und Trainer besteht, noch besser, wenn sich dieses auch auf die Eltern erstreckt. Als erstes muss man sich als Trainer also das Vertrauen seiner Spieler erarbeiten.

    "Be yourself; everybody else is already taken." (Oscar Wilde)

  • @Mensch tobn,


    wenn wir uns weiter so ergänzen, können wir gleich gemeinsam eine Beratungsstelle für schwierige Fälle und Erziehungsfragen
    hier aufmachen.. :D


    wobei das Wort Erziehung bei mir des öfteren so einen faden Beigeschmack hat.
    mit fällt aber kein so richtig passender Begriff für die Hilfestellung zum besseren sozialen Verhalten ein.


    Ist eigendlich auch eines meiner Lieblingsthemen im Fussball, da die Einflussnahme auf vernünftiges Verhalten der jungen fussballer
    für mich im Breitensport die gleiche Bedeutung hatte wie die Vermittlung einer guten Technik.


    Ich sehe darin auch einen Grund, warum relativ viele der von mir betreuten Jungs längerfristig beim Fussball blieben. Aber auch nur Vermutung.

  • 1) " Begleiter im (nicht fussballspezifischen) Entwicklungsprozess des Kindes/ Jugendlicher" ist eventuell ein ganz passender Begriff.


    2) ich bin da 100% bei dir.
    Ich sehe meine Aufgabe auch genauso.
    Als Trainer habe ich - ob man es nun will oder nicht - auch einen Erziehungsauftrag. (Wieder das blöde Wort)
    Das kann man gar nicht umgehen.


    Dabei hat man als Trainer ganz andere Möglichkeiten als die Eltern.
    Gemeinsam bekommt man da vieles hin. Zumindest dann, webmaster nicht erst in der U13 oder gar später damit anfängt.
    ( zu mir kamen auch schon Eltern und meinten: "kannst du ihm das mal sagen, auf dich hört er diesbezüglich besser."
    Und das kam aus einem Elternhaus, wo die Erziehung gut lief. Aber spätestens in der pubertierenden Phase rebellieren ja die Jugendlichen ein wenig gegen das Elternhaus. Das ist völlig normal bei der Entwicklung eines Menschen. Da hat man dann in einer anderen Gruppe, vor allem beim Hobby und als Trainer oft einen anderen Einfluss auf den Heranwachsenden.
    Wie gesagt, dem kann Trainer auch gar nicht entziehen.


    3) tobn Beitrage und guenters Ergänzungen sind lesenswert.

    "Wenn zwei Menschen immer der gleichen Meinung sind, dann ist einer von ihnen überflüssig." Winston Churchill

  • Aber spätestens in der pubertierenden Phase rebellieren ja die Jugendlichen ein wenig gegen das Elternhaus. Das ist völlig normal bei der Entwicklung eines Menschen. Da hat man dann in einer anderen Gruppe, vor allem beim Hobby und als Trainer oft einen anderen Einfluss auf den Heranwachsenden.


    wichtiges Unterscheidungsmerkmal.


    Stimme dir absolut zu, dass gerade in der Pupertätsphase der Trainer stark einwirken kann, gerade weil er eine ganz andere
    Position begleitet, wie das Elternhaus. insbesonders wenn in der Vergangenheit ein gewisses Vertrauen aufgebaut werden konnte.


    Ganz anders jedoch, wenn gewisses Verhalten vor der Pupertätszeit gegeben ist, und sich gewisses Verhalten schon in der
    Kindheit eingestellt hat. Hier hat die Erziehungshilfe gezeigt, dass es ohne die Mitwirkung des Elternhauses kaum möglich sein wird,
    grundsätzliche Veränderungen zu erreichen, es sei den das Kind wird gänzlich dem Einflussbereich des Elternhauses entzogen
    /d.h. Fremdunterbringung)


    Ich habe jetzt von grundsätzlichem Fehlerhalten von Kindern gesprochen, nicht davon, was mancher Trainer schon als Problemfall sieht, die mit einfachen Konsequenzen aus dem Weg zu räumen sind.


    Das lässt sich aber relativ leicht feststellen.

  • Er schreit wenn etwas nicht klappt, er regt sich tierisch auf wenn er gefoult wird. Wenn er ausgewechselt wird oder nach dem Spiel und wir gewinnen nicht ist alles Sch... und er hat keine Lust mehr auf Fussball, 2 Minuten später ist alles wieder normal

    moin,


    wer lange genug trainer ist, hat wohl immer mal wieder so einen spielertyp in seinen reihen. ich bin immer sehr gut damit gefahren zum einen ganz klare ansagen zu machen und vor allem auch konsequent zu sein.
    auch auswechseln kann man üben! ich habe diese spieler immer bei den ersten ansätzen solcher "divenhaftigkeit" vom platz genommen und sie notfalls auch erstmal kurz 'ausbocken' lassen. dann den jungen nochmal zur seite nehmen, ihm in aller ruhe erklären was du von ihm willst und erwartest, und wenn er sich wieder beruhigt hat, zurück auf den platz (bei uns ist es bis einschliesslich a-jugend möglich aus und wieder einzuwechseln). so ein verhalten ändert sich nicht von heute auf morgen, aber mit geduld bekommt man solche jungs in den griff und wenn sie im berech der c-jugend angekommen sind, sind sie tolle mannschaftsspieler :)



    gruss

  • DSV


    stimme dir zu, es kann doch oft so einfach sein.


    Verständnis aufbringen, trotzdem klare Ansage und Konsequenz, und dann Geduld haben.


    Nicht immer, aber fast immer funktioniert es.