Torwarttraining: Koordination trainieren

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  • Hab mir in den letzten Jahren bestimmt 100 Spiele von Frauenmannschaften auf Kreisebene angeschaut, naja als Trainer kein Ding. Mir fällt aber immer wieder auf, dass Torhüterinnen gerade bei hohen Bällen (langer hoher Ball der sich unter die Latte senkt) Probleme in ihrer Koordination offenbaren. Ich möchte fast sagen, dass knapp 3/4 dieser Bälle im Netz zappeln. Und ich meine keine Bälle die in die Ecken gehen, sondern wirklich mittig auf's Tor.


    Gerade die Koordination, Ball einschätzen, hochspringen, Arme ausfahren und Ball verarbeiten, scheint das größte Manko der Mädchen/Frauen zu sein. Mal abgesehen, dass die einzelnen Aktionen schon einige Schwierigkeiten bringen, aber die Kombination bringt teils wunderliche Bewegungsabfolgen zu Tage. Meine Torhüterin kann die einzelnen Aktionen z.B. recht gut, aber wenn alles zusammen kommt. Es sieht teilweise so aus wie in diesen japanischen Zeichentrickserien wenn die Figuren vor Freude hochspringen. Bei anderen sehe ich z.B. oft, dass die Hände erst hochgehen, wenn sie schon wieder auf dem Boden steht oder das Timing für den Absprung passt überhaupt nicht. Gern auch gesehen: Auf der Linien stehen bleiben, verzweifelt in die Luft gucken und den versuchen den Ball wie einen Luftballon wegzuschlagen.


    Ich suche also jetzt mal gezielt nach Übungen die genau auf diese Schwäche abzielen. Hunderte von solchen Bällen auf's Tor zu schlagen/werfen ist mir zu stupide. Ich hab es auch schon mal mit einem Ballpendel versucht. Klappt eigentlich recht gut um die richtige Technik zu trainieren. Geht es aber um das Einschätzen der Flugkurve oder das Timing des Absprungs, ist das Pendel recht bescheiden, da es sich ja nicht senkt wieder normal Ball.


    Also hat vielleicht jemand Ideen um solche Bälle bzw. Koordination derer Abwehr zu trainieren?

  • Hallo Teejay,


    bevor man sich Trainingsübungen überlegt, sollte man sich darüber klar werden, worin die besonderen Schwierigkeiten des Abwehrens hoher Bälle durch weibliche Keeper liegen. Bei den nachfolgenden Punkten:


    - einschätzen des Ball-Flugwinkels
    - Beinarbeit zum Ball
    - Koordination des Absprungs


    gibt es noch keinen geschlechtsspezifischen Unterschied.


    Schauen wir also weiter:
    - Geschwindigkeit
    - Körperlänge
    - Muskelkraft


    Da hab`n wir den Salat!
    Alles im Fussball ist ausschließlich auf Männerproportionen angepaßt. Nicht nur die Spielfeldgröße, auch die Tore! Denn während männliche Keeper kleinere Stellungsfehler bei hohen Bällen durch ihre Körperlänge und Muskelkraft meistens ausgleichen können, haben die Frauen mit ihrer durchschnittlich geringeren Körperlänge und der deutlich geringeren Sprungkraft nur dann Chancen, wenn sie ein präziseres Stellungsspiel erlernen.


    "Vorwärts orientierte Rückwärtsbewegung"
    Fast immer versucht Mann/Frau einen falsch eingeschätzten Ball durch schnelle Rückwärtsschritte zu erreichen. Kann man ja machen, wenn`s nur ein paar Schritte sind. Leider wird meist dabei auch der Oberkörper in die Rückwärtsbewegung eingebracht, statt sich in der Rückwärtsbewegung weiterhin vorwärts zu orientierten. Durch diese Schwerpunktverlagerung des Oberkörpers befindet Frau sich nicht mehr absprungbereit auf den Fussballen, wie in der vorwärts orientierten Vorwärtsbewegung, sondern mit der gesamten Fussfläche auf dem Boden. Wenn man mit ausgestrecktem Körper rückwärts zum Ball hochspringt, reicht die Körperspannung und Körperlänge nicht mehr aus, um noch an den Ball zu gelangen. Nur durch das Ausnutzen der gesamten Körperspannung, die bei der vorwärts orientierten Rückwärtsbewegung gegeben ist, kann der Ball vor dem Körper gefangen oder über dem Körper gefaustet bzw. gelenkt werden.
    Hört sich ziemlich kompliziert an, ist es aber nicht. Es ist lediglich darauf zu achten, das auch bei der Rückwärtsbewegung der Oberkörper immer leicht nach vorne gebeugt bleibt. Das muß man zunächst im "Trockentraining" üben, damit die Kooridination angepaßt wird.


    Um die Koordination der vorwärts orientierte Rückwärtsbewegung zu trainierten kann man zunächst mit kleinen Hürden, die die Keeperin vor dem Absprung zum hohen Ball zunächst vorwärts, dann rückwärts überspringen muß, üben. Später werden dann nur noch Hütchen als Markierung verwendet und zum Schluß wird lediglich das Startkommando für die vorwärts orientierte Rückwärtsbewegung gegeben. Wichtig für den TW-Trainer ist, das er der Torhüterin genügend Zeit läßt und auf die einzelnen Bewegungsabläufe achtet und dort ggf. korrigierend eingreift.


    "Fangen, fausten, lenken im Sprint seitlich nach hinten"
    Was soll aber Frau machen, wenn der Ball seitlich hoch unterschätzt wird? Versucht sie während der vorwärts orientierten Rückwärtsbewegung auch noch seitliche Steps einzubauen, wird entweder die Zeit nicht reichen oder aber der Sprung nicht hoch genug erfolgen. Hier gibts nur noch eine Möglichkeit: Im Spurt zum Punkt rennen, wo der Ball die Torlinie überschreiten würde, während die Augen weiterhin den Ball fixieren. Je nach dem wieviel Zeit bleibt, kann sich der Keeper zum Stemmschritt ansetzen, sich in den Ball hineindrehen und beidhändig fangen oder lenken. Bleibt weniger Zeit, so springt der Keeper in der Vorwärtsbewegung auf dem Fussballen ab und faustet mit dem ballnahen Arm das Leder übers Tor.


    Die Nachfolgende Übung stammt aus dem Handball, weil dort diese Situation wesentlich häufiger vorkommt. Dazu nimmt der TW-Trainer frontal auf der 5-er Linie Position ein und hält den Ball mit ausgestreckten Armen weit vor sich. Auf "Hepp-rechts/links Kommando" sprintet nun der Keeper aus dem Tor zum Ball, tippt darauf, wendet scharf und sprintet in die vereinbarte Ecke, um je nach Ballschärfe und Höhe zu Fangen, Fausten oder zu Lenken. Der TW-Trainer sollte auf folgende Punkte achten:
    - die Torfrau darf nach der Wende keinen Bogen laufen, sondern muß scharf drehen (beim Bogenlauf gerät sie in Rücklage, was vermieden werden soll)
    - Koordination (erste Priorität ist so schnell wie möglich zum Zielpunkt zu sprinten, dann erst erfolgt die Entscheidung zum Fangen, Fausten, Lenken)


    "Fangen, Fausten, Lenken bei längeren Bällen"
    Jeder kennt diese Situationen! Zunächst wird der Keeper seitlich herausgelockt, weil ein Torschuß aus dem Halbfeld droht, dann aber entscheidet sich der gegnerische Schütze für eine Flanke auf den zweiten Pfosten. Wieder muß sich der Keeper blitzschnell entscheiden, wie er am besten zum Ball kommt. Entscheidet er sich für die vorwärts orientierte Rückwärtsbewegung, wird der Laufweg von 10 m oder meistens zu lang sein, wenn die Flanke scharf hineingeschlagen wurde. Also bleibt dem Keeper gar nichts anderes übrig, als auch hier blitzschnell zu wenden und seinen Körperunterteil in Richtung des 2. Pfostens zu bewegen, während die Schultern und Kopf gedreht sind, damit die Augen den Ball weiterhin beobachten können.


    Zum Trainieren bietet sich ein Markierungshütchen an, welches auf den Eckpunkt an der 5 m Linie deponiert wird. Der TW-Trainer nimmt Position am Eckpunkt der 16 m Strafraumgrenze ein. Auf "Hepp" sprintet der Keeper zum Hütchen, wendet blitzschnell und sprintet zum zweiten Pfosten. Sobald der Wendepunkt erreicht ist, wirft der TW-Trainer den Ball hoch in Richtung zweiten Pfosten (aber bitte noch nicht auf den 2. Pfosten, um Verletzungsrisiko zu minimieren). Zunächst sollte die Richtung, der Bogen und Balldruck vom TW-Trainer so gewählt werden, das der Keeper genügend Zeit hat, um sich nach dem Stemmschritt in den Ball zu drehen und am höchsten Punkt sauber zu fangen. Erst nach dieser Grundform sollte man den Balldruck erhöhen, um andere Varianten (einarmiges Fausten oder Lenken bei weiteren Distanzen) trainieren.


    Ganz wichtig ist auf die saubere Durchführung und genügend Pausen zu achten. Denn haben "Kopf" und "Körper" an Konzentration und Kraft zu sehr nachgelassen, drohen Verletzungen (Umknicken, Zerrungen, ect.) Weil es insbesondere bei der zuletzt beschriebenen Übung zum Sprints geht, sollte sichergestellt sein, das sich die Keeperin/nen vorher ausreichend aufgewärmt haben! Auch hier gilt: lieber weniger Wiederholungen, aber dafür auf die korrekte Durchführung achten!


    Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung möchte ich noch Anmerken, das diese Übungen regelmäßig wiederholt werden sollten. Sonst besteht die Gefahr, das eure Keeper wieder rückwärts auf "platten Füssen" unterwegs sind und sich hinterher maßlos über haltbare, hohe Bälle ärgern!

  • Ich vermute mal, dass das daran liegt, dass die Torfrauen noch nicht so lange im Tor stehen. Gerade in den untern Ligen im fraufußball spielen die meisten Spielerinnen noch nicht seit der Kindheit Fußball und die Torhüterinnen stehen erst seit kurzer Zeit im Tor. Da sind dann alle Techniken nicht so wirklich gut, denke ich mal. Das Über-die-Latte-lenken ist ein sehr schwerer Bewegungsablauf, daher sieht man dass an dieser Technik wohl am Meisten. Ich glaube, dass es extrem schwer ist, das noch nachträglich zu lernen .


    Ich habe gerade auch damit zu kämpfen, ich war fast ein Jahr verletzt und stehe nun wieder im Tor, alle Techniken funktionieren wieder gut, nur die hohen Bälle unter die Latte sind das Problem, ich springe nur noch normal hoch, also lande ich wieder auf den Füßen und komme somit nicht so hoch.



    Hier mal ein Video:
    http://www.youtube.com/watch?v=A6owqbFiDT8
    Bei 0:55 lenkt Manuel Neuer einen Ball über die Latte. So sollte der Bewegungsablauf eigentlich sein.


    Motto: Gib niemals auf!
    Alter: 15

  • olli77hajnal
    Die fehlenden Erfahrungen spielen sicherlich auch eine Rolle, wenn wir schon bei den Ursachen dieser Defizite sind. Weil der Torwart während eines normalen Spiels ca. 15 - 20 Ballkontakte mit Torrisiko zum üben bekommt, haben die Feldspieler viel mehr Möglichkeiten Fehler zu korrigieren. Deshalb braucht der Keeper in der Regel eine 1 - 2 Jahre längere Ausbildungszeit.


    Die von Teejay beschriebene Koordinationsprobleme treten aber selbst bei einer Reihe von Regionalliga-Keeperinnen auf, während bei den Herren ab der Bezirksliga kaum noch Schwächen vorhanden sind. Dies liegt m.E. auch daran, das Mädchen- und Frauen häufig gar kein spezielles TW-Training bekommen. Und wenn überhaupt, dann können sich die Vereine keine teuren TW-Trainer leisten, sondern müssen mit engagierten TW-Trainer-Laien vorlieb nehmen!


    Weil es reichlich Unterschiede (Training, Analyse, Feedback) zwischen den Herren- und Frauenkeepern gibt, haben es selbst gestandene TW-Trainer schwer, sich auf die jeweiligen Unterschiede rasch einstellen zu können. Reine Mädchen- und Frauen-TW-Trainer zählen zu den Exoten!