Naja, bei offensichtlichen Fehlentscheidungen darf man schon was sagen. Du machst dich doch unglaubwürdig vor den Kindern, wenn du sagst der Schiri hat immer Recht und der so ungerecht pfeift.
Das verstehe ich nicht!
Das hat doch nichts mit Glaubwürdigkeit zu tun - außerdem: wer sagt denn, dass der Schiedsrichter IMMER recht hat?
Man sagt schon eher, dass die Entscheidungen des Schiedsrichters maßgeblich und unumstößlich sind. Dass auch er mal Fehler macht, sollte jedem klar sein.
Gestern habe ich zwei Jugend-Turniere gepfiffen (Futsal - D- und C-Jugend). Auch hier ist mir ständig aufgefallen, wie sehr Spieler sich dem Verhalten des Trainers anpassen. Die ruhigen und gelassenen (und auch erfolgreichen und sympathischen) Trainer haben auch eine ruhige und gelassene Mannschaft (keine Diskussionen, kein Ball weg schießen, keine Unsportlichkeiten). Die Trainer, die hingegen schon bei einem falschen Einschuss reklamieren und nach Entscheidungen Worte an den Schiedsrichter richten, haben auch Spieler in ihrer Mannschaft, die Bälle wegschießen und selbst bei jeder Kleinigkeit "EY SCHIRI" rufen. Diese Trainer waren komischerweise der Turnierleitung, den Schiedsrichtern und anderen Trainern unsympathisch und auch nicht besonders erfolgreich. Also eine Bitte an euch hier: Missbraucht nicht eure Vorbildfunktion!!!
Das kommt meiner Meinung nach durch den Profifußball, bei dem es tatsächlich um Millionen geht, und durch den Fußball, der sich für Profifußball hält (NLZ, überkreisliche Senioren- und Jugend-Ligen). Aujch dort gilt: Der Schiedsrichter hat nicht immer Recht, aber seine Entscheidungen (abgesehen VAR) sind unumstößlich. Hier wird aber bereits vorgelebt (von fußballinteressierten Eltern, Trainern, Funktionären, Spielern), dass Schiedsrichter schnell für Spielausgänge verantwortlich gemacht werden können.
Die Wahrnehmung und Bewertung von Schiedsrichterleistungen ist total verschoben... Beispiel:
Für viele gilt: Pfeift der Schiedsrichter knifflige Entscheidungen für uns, ist es ein guter Schiedsrichter. Pfeift er in unseren Augen gegen uns, ist es ein schlechter Schiedsrichter. Das führt zu kuriosen Situationen, in denen Trainer jede Entscheidung des Schiedsrichters mit "Gut Schiri" oder "Was pfeifst du da, Schiri?" bewerten und kommentieren.
Aber das ist für mich gar nicht die Definition einer Schiedsrichterleistung.
Viel wichtiger ist doch das korrekte Durchsetzen der Regeln, Kommunikation mit Spielern/Trainern, Autorität und die Körpersprache. Wenn das alles passt und ich die Regeln gut auslege, bin ich ein guter Schiedsrichter oder habe ein Spiel gut gepfiffen.
Als Trainer kann ich nicht einen Schiedsrichter beleidigen, weil er etwas falsch wahrgenommen hat. Aber es wird leider immer sofort eine böse Absicht unterstellt, weil der das ja gesehen haben muss und bestimmt absichtlich falsch bewertet.
So wurde gestern beim Turnier in einem Spiel ein Spieler gefoult. Der Trainer kam wutentbrannt zum Schiedsrichter gelaufen und sagte "Sag mal hast du sie noch alle??", weil dieser mit dem Pfiff gezögert hat, um Vorteil laufen zu lassen (grundsätzlich eine gute Entscheidung im Sinne des Spielflusses). Hat der Schiedsrichter gefoult? Nein, es wurde aber suggeriert, dass er Schuld am Foul war. Und anschließend fingen auch die Kinder immer mehr an zu meckern und kommentierten jede Entscheidung des Schiedsrichters, weil der sowieso schon durch den Trainer diskreditiert wurde. Anschließend kam der Trainer noch zur Turnierleitung und sagte mir, wir sollen mal auf unsere Schiedsrichter achten, weil die nur gegen seine Mannschaft pfeifen würde. C-Jugend-Landesligist aus dem näheren Umkreis - tolle Eigenwerbung!
In einem Spiel habe ich auf Seitenaus und Einkick entschieden. Da ruft ein Spieler "Ey, Schiri, wo war der im Aus?"... Ich habe die Uhr anhalten lassen, den Spieler zu mir gerufen und ihm genau gezeigt, wo und warum der Ball im Aus war und gesagt "Hier war der im Aus, das wolltest du doch wissen". Ich gebe zu, das hätte unterschwellig als Provokation aufgenommen werden können, der Spieler grinste aber und nahm es mit Humor.
Ein anderer Spieler rief bei JEDER Aktion, die im entferntesten ein Foul hätte sein können "EY SCHIRI". Ich habe dann nach einer Aktion bei der nächsten Unterbrechung die Uhr angehalten, bin zu ihm gegangen und habe gefragt, was er denn von mir möchte. Er wusste dann aber selbst nicht, was er sagen sollte und entschuldigte sich. Das zeigte mir eindeutig, dass der Spieler das nur rein gerufen hat, weil "man das alle so machen" oder weil der Trainer es auch macht. Denn Argumente dafür gab es ja offenbar keine.
Als Inhaber der B-Lizenz würde ich auch gerne mal Spielern und Trainern Ratschläge geben, weil auch ich lieber Spiele pfeife, in denen attraktiver Fußball gespielt wird. Aber als Schiedsrichter halte ich mich zurück, konzentriere mich auf meine Aufgaben und würde niemals auf die Idee kommen zu rufen "EY NUMMER 10, BIST DU BLIND ODER HAST DU DEN LINKS NICHT GESEHEN?". Oder "Trainer, was sind das eigentlich für taktische Vorgaben hier?". Vielleicht ist es an der Zeit, dies mal eigenmächtig als Pilotprojekt durchzuführen. Nur um mal zu sehen, wie der kritisierte Kritiker sich verhält.