Als Vertreter eines Vereins, der pro Saison rund 20-25 neue Spieler aufnimmt und auch teilweise aktiv diese Spieler anfragt, vertrete ich naturgemäß eine etwas andere Ansicht.
Was bitte ist falsch daran, wenn ich irgendeinen Spieler frage, ob er sich vorstellen kann, bei uns zu spielen? Klar ist: Man macht keine Versprechungen wie Stammplätze und spielt dem Spieler gegenüber mit offenen Karten, was seine Chancen betrifft. Es gibt auch keine "Goodies", wie eine Playstation, ein Fahrrad oder bezahlte Fußballschuhe (hab ich alles schon mal irgendwo gehört...).
Wir spielen etwas höherklassig, wir bieten in der Regel ein besseres Training an als im kleineren Verein und vor allem ist das Niveau im Training untereinander erheblich fordernder, weil die Mitspieler einfach besser sind. Ich mache nun seit über 13 Jahren Jugendarbeit, und kann fest behaupten: Den größten Leistungssprung machen Kinder, wenn sie das erste Jahr höherklassig spielen. Es ist einfach Wahnsinn, welche Fortschritte in Bezug auf Spieltempo, Handlungsschnelligkeit und Zweikampfhärte da innerhalb eines Jahres zu beobachten sind.
Nun kann man natürlich sagen, dass wir doch einfach abwarten sollen, dass die Spieler zu uns kommen sollen. Das passiert auch. Ca. 50 % bis 2/3 der Spieler kommen zu uns, ohne dass wir sie angesprochen hätten. Den anderen Teil sprechen wir aktiv an. Warum? Ganz einfach: viele Jungs oder ihre Eltern wissen gar nicht oder glauben gar nicht, dass sie in der Lage sind, höherklassig zu spielen. Die trauen sich das einfach nicht zu und freuen sich in der Regel, wenn wir sie ansprechen. Dann gibt es auch wieder anderen, denen die Trainingshäufigkeit zu hoch ist, die sich in ihrer Mannschaft einfach zu wohl fühlen, die es sich doch nicht zutrauen, die belabert werden ("da sitzt du doch eh nur auf der Bank") oder die Schlichtweg "nur kicken" wollen. Die kommen dann eben nicht.
Wir sind hier in der Gegend dafür bei anderen Vereinen auch nicht gerade beliebt (auch wenn ich da in den letzten Jahren versucht habe, ein wenig zu kitten), haben aber bei vielen Eltern einen guten Ruf. Aber wir sind im Rhein-Main-Gebiet, da gibt es ca. 10-15 solche Vereine wie unseren. Im Kreis sind wir mit der Jugendarbeit klar führend. Ich kann diese Abneigung uns gegenüber nicht rational verstehen: Wäre es nicht unserer Verein, dann wäre es ein anderer, in den solche motivierten Kinder wechseln. Verschwinden wir morgen von der Bildfläche, wird ein anderer Verein hier im Kreis unsere Position übernehmen und die Möglichkeit bieten, höherklassig zu spielen.
Meiner Meinung nach machen viele Spieler und Trainer den Fehler, die Spieler als ihr "Eigentum" anzusehen. Die Spieler spielen jetzt bei euch/uns - das heißt aber nicht, dass ihr/wir sie nun für alle Zeit gepachtet haben.
Warum sprechen auch wir meist die Spieler/Eltern direkt an und gehen nicht über den Verein? Die Reaktion der Trainer/Jugendleiter ist oft einfach nur unsachlich, ich hab's probiert..
Ich kann's ein Stück verstehen, denn ich war früher auch so. Mittlerweile sehe ich das anders. Vor zwei Jahren bekam mein Stammtorwart ein Angebot eines Bundesligisten. Es gab lange Gespräche, da wir uns gut verstanden. In jedem Gespräch habe ich ihm gesagt, dass ich ihm vor ein bis zwei Jahren (also in der C-Jugend) noch abgeraten hätte, da es zu früh gewesen wäre, aber wenn er jetzt in der B-Jugend diese Chance erhält, solle er es machen. Der Torwarttrainer des Bundesligisten hat mich dann angerufen und mich gefragt, was ich von meinem Torwart halten würde, ob er das Zeug dazu hat usw. Ich habe ihm klar die Stärken und Schwächen des Torwarts gesagt, woraufhin er meinte, dass er das ähnlich sehe, und riet ihm, den Torwart zu nehmen. Daraufhin war er etwas baff, da er meinte, dass ihm das auch selten untergekommen wäre, dass man so vernünftig mit abgebenden Vereinen reden könne. UMGEKEHRT ist mir das leider noch nicht wiederfahren - ich hab noch nie einen Jugendleiter oder Trainer kennengelernt, ihm vom Interesse unsererseits an einem Spieler erzählt und dann die Reaktion bekommen, dass dem Spieler geraten wird, zu uns zu wechseln. Von mir kriegen die Spieler mittlerweile die ehrliche Meinung, was ich für ihre Entwicklung für am besten halte - auch wenn es ein Wechsel weg von uns ist!
90 % der Kinder, die zu uns wechseln, kriegen erzählt, dass es schlecht für sie ist und sie keine Chance haben, wir krassen Leistungsdruck ausüben usw. Komischerweise fühlen sich aber ca. 80-90 % der Neuzugänge bei uns sehr wohl und spielen. Natürlich gibt es auch den Teil, der es nicht "schafft" oder sich schlicht nicht wohl fühlt und dann im Winter oder Sommer eben geht.
Ich will noch eine zweite Geschichte erzählen: Mit der C-Jugend spielen wir in der höchsten Spielklasse. Im Sommer sind von Verein X, der erstmals seit dieser Saison mit seiner C-Jugend höher als Kreisliga spielt, zwei Spieler zu uns gewechselt. Das gab ein riesiges Theater mit Ablöseforderungen, Sperrandrohungen usw. Letztendlich und nach viel gutem Zureden haben wir die Spieler dann für 500 € bekommen. Mittlerweile trainiert dort einer der absoluten "Highlight-Trainer" des Kreises. Ein umtriebiger Typ, der schon bei zwei anderen Vereinen rausgeflogen ist und bei uns mehrfach umsonst angefragt hat, Mannschaften zu trainieren. Er kennt einen Jungjahrgang unserer C-Jugend und hat dem sehr leistungsstarken Jungen einen Floh ins Ohr gesetzt, wie gut er doch sei, dass er bei uns als junger Jahrgang in der C-Jugend Hessenliga Stamm spielen müsse (was er noch nicht packt, obwohl er riesiges Potenzial hat), und dass er dann doch jetzt im Winter eben zu Verein X kommen soll, das wäre zwar eine Klasse tiefer, aber er wäre Stamm, kriegt ein Bahnticket bezahlt usw. Der Trainer ist wie gesagt ein Highlight, vermittelt pausenlos Spieler im Kreis herum und sieht sich als "Macher" und "Player-Agent", während jeder normale Mensch ihn für bekloppt hält. Ich habe eine Abneigung gegen diesen Typ. Ich habe eine absolute Abneigung, mit welcher Vehemenz hier einer unser Spieler (der nicht besonders helle ist, und seine Eltern auch nicht) belabert und abgeworben wurde, in dieser Form haben wir noch nie einen Spieler abgeworben. Im Winter hätte ich ihn problemlos für sechs Monate sperren können. Ich hätte jeden Betrag als Ablöse verlangen können. Was hab ich davon, außer Ärger mit dem anderen Verein und nen Jungen, der sechs Monate nicht kickt? Verein X hat uns im Sommer 250 € pro Spieler abgenommen, das Telefonat des nun sehr kleinlauten Jugendleiters von X, der ja jetzt was von UNS wollte, war nach 15 Minuten beendet, der Junge wechselt für 200 € an Verein X und alle sind (relativ) glücklich... Meiner Meinung nach macht der Junge einen großen Fehler (Verein X spielt nur in der C-Jugend höherklassig und da gegen den Abstieg, wird es aber wohl packen), und uns wird er sehr fehlen. Aber er ist nicht mein Eigentum.
Wieder mal viel Text, aber ich denke, es ist wichtig, auch mal die "andere" Seite zu kennen.
EDIT: Ich hab noch was wichtiges vergessen: Ich bin absolut gegen jede Ablösesummen. Zwei Wechselfristen im Sommer und Winter, und wer wechseln will, soll gehen können. Im Sommer ohne die Möglichkeit zu sperren, im Winter nur mit Zustimmung (damit nicht gemeldete Mannschaften auseinanderbrechen). Wozu führt diese Ablöseregelung? Wir gehen mittlerweile auch dazu über, die Spieler immer jünger "abzuwerben"/zu uns zu ziehen, da wir sonst immer mehr Geld zahlen müssten. Wir sichten nun also auch schon langsam in der E-Jugend und D2-Jugend, da die Spieler dort noch ablösefrei sind...