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Einzig bei Dani2 muss man sich entschuldigen, weil die von ihm gewünschte Diskussion in diesem thread eine vollkommen andere war.
Gar kein Problem, ich lese ja auch fleißig mit und versuche mir von anderen Auffassungen der Motivation ein Bild zu machen.
Um jedoch dem ganzen ein wenig zu widersprechen, was so mancher hier predigt und auch um das ursprüngliche Thema nicht ganz zu vergessen, will ich kurz von unserem Spiel gestern Abend erzählen.
Ein paar Hintergrundinfos: Wir (D-Juniorinnen) stehen derzeit nicht ganz so gut, aber auch nicht ganz so schlecht in der Tabelle da. Wir haben viele sehr junge Spielerinnen, ein Großteil der Mannschaft ist noch für die E-Jugend spielberechtigt. Auch deshalb bin ich keiner, der ständig Druck macht sondern sich lieber an Fortschritten festmacht, als an Ergebnissen. Am Freitagabend kam dann das erste Punktspiel, gleich gegen den Tabellenführer. Ich hatte mir ja, wie im ersten Post hier erklärt, vorgenommen, ein wenig Dampf zu machen. Ich hab mir dann einen Plan zusammengeschustert und ein paar unserer normalen Rituale gebrochen. Normalerweise treffen wir uns eine Dreiviertelstunde vor Spiebeginn, die meisten schon fertig umgezogen, blödeln noch ein bisschen rum, gehen dann die Aufstellung durch und gehen raus. Aufstellung heißt, ich schreibe drinnen an eine feste Taktiktafel, wer wo im 1-3-2 System spielt, damit jede die Formation immer und immer wieder vor Augen hat. Draußen wird warm gemacht, das heißt ein wenig gelaufen, danach 5 gegen 5 plus 1 auf Ballbesitz gespielt. Dann gehts auch schon los.
Nun diesmal haben wir uns eine Stunde vor dem Anpfiff getroffen, ich hab dann erst die Trikots ausgegeben. Dazu gabs Musik, haben die Mädchen sich selbst ausgesucht. Eine Dreiviertelstunde vor Anpfiff sind wir raus. Ein bisschen warmspielen zu dritt, dann kurz warmlaufen und schließlich wieder 5 gegen 5 plus 1. Diesmal habe ich dann alle in einen Kreis zusammengeholt und eine kurze Rede gehalten, etwa eine Minute lang. Ich habe vom letzten Spiel angefangen, sie daran erinnert wie blöd wir uns da angestellt haben. Dann erklärt, dass das ein halbes Jahr her ist, in dem wir den ganzen Winter durchtrainiert haben, zweimal die Woche ohne eine einzige Einheit ausfallen zu lassen. Dann voller Überzeugung erzählt, dass die Gegner den ganzen Winter lang nichts getan hätten, sondern ihren Allerwertesten schon zu Hause im warmen gehalten hätten. Das waren etwa 30-45 Sekunden, danach die Aufstellung schnell runter und einmal alle Hände in der Mitte zusammen, allerdings ohne blödes Rumgeschrei, sondern nur einmal alle nach oben, nach unten und dann raus aus dem Kreis und klatschen.
Das Ergebnis war aus meiner Sicht eines der besten Spiele, die wir bisher gemacht haben. Von der ersten Minute an Vollgas, sehr hohes Pressing (so wie immer), aber diesmal auch mit der richtigen Intensivität. Wir hatten Chancen ohne Ende, viel Ballbesitz, sind sogar zweimal alleine aufs Tor zugelaufen. Zur Halbzeit herrschte dann volle Euphorie, die Eltern waren begeistert und haben das leider auch gleich ihren Töchtern mitgeteilt. In der zweiten Hälfte wurde es dann etwas unkonzentrierter, die Gegner kamen öfter aus der eigenen Hälfte und dann wird es logischerweise gegen eine Verteidigerin fast immer gefährlich. Unsere Keeperin hat noch 1-2 Mal richtig gut gerettet, danach haben wir leider das 1:0 kassiert. Ich hatte dann kurz die Befürchtung, die Mannschaft würde jetzt zusammenklappen. Aber sie haben sich nochmal zusammengerissen und wir hatten am Ende sogar noch die ein oder andere Chance auf den Ausgleich, einmal wurden wir dann leider böse gefoult, einmal hat die gegnerische Torhüterin toll eingegriffen. Damit blieb es beim 0:1, aber ich war richtig stolz.
Die Stimmung war danach gar nicht so geknickt, wie ich es eigentlich erwartet hatte. Die Eltern waren stolz (dann auch zum richtigen Zeitpunkt), die etwas Älteren aus der Mannschaft haben erkannt, dass das ein tolles Spiel von uns war und die Jüngeren etwas aufgebaut. Nach ein bisschen Musik sind sie dann alle geschlossen aus der Kabine und heim.
Dementsprechend hätte ich jetzt dank einer ordentlichen Pre-Match-Motivation ein gutes Spiel ausgelöst. Und das ohne mich während des Spiels groß einzumischen. Abgesehen von einige kleineren Korrekturen (Mittelfeld höher, tiefer), Standards und Spieleröffnung sowie Auswechslungen habe ich nicht viel getan, sondern einfach beobachtet und spielen gelassen. Jedoch, das ist mir auch klar, wird das beim nächsten Mal nicht mehr so funktionieren, ich habe praktisch mein Pulver verschossen.
Jetzt frage ich mich aber, zu der Theorie von Fussballbaron: Glaubst du, ich würde das gleiche erreichen, würde ich deine Methode anwenden? Das sind E/D-Juniorinnen, die sicherlich viel Spaß am Fußball haben und gerne kommen. Aber sich selbst motivieren? Würde ich bezweifeln, dafür fehlt ihnen der Ehrgeiz zu sehr. Vielleicht ist das bei Jungen anders.
Zitat von Brechstange
Ich denke eher, dass in den Breitensportteams der Anteil an "Resilienztalenten" höher ist. Vielleicht ist das Thema gerade deshalb auch für die Leistungssportvereine interessant. Warum? Weil die "Hochveranlagten" viel weniger Gelegenheiten haben, Resilienz zu entwickeln. Der Hochveranlagte macht ja ständig nur positive Erfahrungen. Der mittelmässig Begabte hingegen lernt früh den Misserfolg kennen ... und mancher wird vielleicht erst dadurch richtig angestachelt (Während Andere den Kopf in den Sand stecken). TW-Trainer spricht ja mit Recht die vielen Beispiele von Spielern an, die nach dem ersten Rückschlag nie mehr zurückkommen.
Besonders im Breitensport gibt es für mich zwei Möglichkeiten bei ständigem Misserfolg: a) die Mannschaft fällt auseinander b) die Mannschaft nimmt sich selbstironisch und das Fußballspielen wird irgendwann zur Farce. Ich denke, du brauchst um dann eine Resilienz zu entwickeln, auch die nötigen Voraussetzungen aus Erziehung und ganz früher Kindheit. Allerdings, das muss ich auch zugeben, habe ich auch noch nie in einer "richtig schlechten" Mannschaft gespielt, ich stand am Ende einer Saison noch nie in der unteren Tabellenhälfte, sondern hatte immer das Glück, hervorragende Mitspieler an meiner Seite zu haben. Jedoch beobachte ich die beiden Punkte oben bei Mannschaften von Bekannten.
Beispiele: Die Mannschaft meiner Freundin ist seit diesem Jahr in der Damenwelt angekommen, einige sind noch zu jung dafür und dementsprechend schaut es auch aus. Sie sind momentan die Schießbude der Liga, nacheinander haben immer mehr aufgehört, bis die Mannschaft schließlich zur Rückrunde ins Kleinfeld gegangen ist. Auf der anderen Seite unsere eigene vierte Herrenmannschaft, gegen die wir ab und zu mal ein Testspiel im Training austragen. Die haben einen riesigen Kader, eine hohe Trainingsbeteiligung und trainieren zum Teil 2 bis 2,5 Stunden am Abend. Wie effektiv das Training ist, sei mal dahingestellt. Aber die meisten spielen eben schon ewig in der B-Klasse, es geht nichts voran, immer eher nach unten. Das Ergebnis ist zwar ein lustiger Haufen, die sicher viel Spaß haben, aber auch Spiel für Spiel verliert. Da wird schon mal vor dem Spiel nur über die Kneipe nach dem Spiel geredet, weil man "ja ohnehin verliert."