Um mal das mit dem Selbstverständnis klarzustellen, weil das verkürzt ausgedrückt war und daher für etwas Verwirrung gesorgt hat: mit Selbstverständnis meine ich natürlich nicht, dass jeder Bankdirektor werden will. Ich hoffe doch, dass die meisten Leute eher einen ehrenwerten Beruf anstreben...was ich meinte: es gibt zwar Teile der Gesellschaft, in denen sich das Rollenverständnis geändert hat, aber weitgehend ist es doch nach wie vor, dass eine Frau zwar arbeiten darf und soll, ein Mann aber arbeiten muss um gesellschaftliches Ansehen zu genießen. Das gilt umso mehr in einem eher konservativen Umfeld, das u.a. bei vielen Menschen mit Migrationshintergrund vorherrschen dürfte. Wenn ich jetzt gleichzeitig schlechte Bildungschancen habe und aber die Vorstellung, dass ich als Mann, um was zu taugen, so viel verdienen muss, dass ich eine Familie gut davon ernähren kann, dann wird das in dem Moment zum Problem für mein Selbstbild, in dem es in der Wirtschaft nur in sehr geringem Maße Tätigkeiten gibt, die für mich erreichbar sind und dementsprechend gut bezahlt werden. Diese Art Jobs sind in den letzten Jahrzehnten immer mehr weggefallen. Auf individueller Ebene hilft nur Bildung, im Konkurrenzkampf mit Anderen; gesellschaftlich ist das aber dann strukturell ein Problem, darüber will ich mich aber jetzt hier nicht auslassen, da kommen wir dann wirklich zu weit vom Thema ab.
Damit sind wir also bei der Bildung. Was ist - immer, aber besonders in Deutschland - die beste Voraussetzung dafür, reich zu werden? Reiche Eltern haben. Was ist - immer, aber besonders in Deutschland - die beste Voraussetzung dafür, eine gute Bildung zu haben? Gebildete Eltern zu haben. Das ist so und lässt sich auch nicht komplett verändern (es sei denn man würde mit ganz radikalen Methoden ran gehen, die aber nicht gewollt sind, auch von mir nicht). Die Kenntnis dieser Tatsache verbietet aber meines Erachtens Aussagen wie "wer sich bilden will, der kann sich ja bilden". Ja, ab einem gewissen Alter, ab dem man jemanden selbst verantwortlich machen kann. Dann ist aber schon wahnsinnig viel passiert. Meine Nichte wächst mit einem Vater auf, der Chef in einem Mittelstandunternehmen ist, einer Mutter, die Juristin ist, Großeltern die Lehrer waren und Tante und Onkel, die auch Lehrer sind. Was die außerschulisch an in Deutschland geschätzter Bildung mitbekommt schon in den ersten Lebensjahren, das kann ein Kind aus einer Arbeiterfamilie mit Migrationshintergrund, in der in Deutschland geschätzte Bildung nicht in dem Maße vorhanden ist, im Normalfall gar nicht aufholen (auch ohne Migrationshintergrund ist es schwer genug, wobei da kulturell weniger aufzuholen ist dann). Aus dieser Tatsache ergibt sich dann durchaus eine gesellschaftliche Verantwortung, meines Erachtens, diese Unterschiede abzumildern, etwa indem sich das Schulsystem nicht ganz so sehr auf das Elternhaus verlässt. Diese Verantwortung lässt sich humanistisch begründen, aber durchaus auch ganz utilitaristisch - wem ich genug Chancen biete, der fühlt sich eher in der Gesellschaft wohl und der haut mir mit geringerer Wahrscheinlichkeit auf dem Fußballplatz eine auf die Schnauze, weil ihm hier alles auf den Sack geht, weil er keine Chancen sieht.
Diese generellen Überlegungen sind unabhängig davon, ob Einzelne gebotene Möglichkeiten dann nicht nutzen. Es schreibt ja niemand hier in dem Forum, der alle seine Möglichkeiten nutzt, denn das tut niemand.
Warum ich mich so sehr auf Menschen mit Migrationshintergrund beziehe: es ist denke ich im Fußball sehr einfach, Vorurteile gegen Ausländer zu entwickeln. Deswegen ist es wichtig, das zu diskutieren und sich klar zu machen, dass es mitnichten um irgendwelche genetischen Dispositionen geht, sondern dass es letztlich um soziale Lagen geht. Etwas, was mittlerweile wieder in einem gewissen Maße diskutiert wird, aber doch lange Zeit und immer noch nicht die Rolle spielt in Diskussionen, die ihm eigentlich zukommen sollte, nämlich die entscheidende.
Nichtsdestotrotz bleibt es auf individueller Ebene natürlich dabei, dass Fehlverhalten Konsequenzen haben muss. Da sehe ich es im Fußball auch durchaus so, dass zwar Resozialisierung auch hier bei Vergehen ein grundsätzliches Anliegen sein sollte. Nur, da es ja hier nur um einen Bereich der Gesellschaft geht, sehe ich die Grenzen da etwas enger als gesamtgesellschaftlich und es ist durchaus legitim, Leute, die sich nicht unter Kontrolle haben, irgendwann dann auch konsequent rauszuschmeißen. Dabei ist es dann im Verein wichtig, Soziales vor sportlichen Erfolg zu stellen und unter den Vereinen, sich solidarisch zu verhalten.