Ich gehe mit vielem, was du sagst, mit, Steini. Ich denke schon auch, dass die Trainer fachlich kompetent sind und für die in ihren Mannschaften versammelten, talentierten Spieler sicherlich ein sehr ansprechendes Training gestalten können. Wenn da Spieler hingehen, die auch zu (verschiedenen) NLZ hätten gehen können, und wenn sie sogar die Kader so klein halten, wie sie es tun, dann ist es klar, dass hier eine erlesene Zahl an Top-Spielern der Umgebung versammelt ist. Diese würde man, so vermute ich, mit den meisten Trainingseinheiten von Training Online (also dem DFB-Angebot) langweilen.. Da kann man dann auch in der E-Jugend die taktischen Themen der 6+1-Taktik-DVDs oder Online-Abo-Videos der Münchner Fußballschule machen, das kriegen die Spieler hin und man schadet ihnen nicht.
Grundsätzlich habe ich gegen ein solches Angebot auch nichts einzuwenden. Ich frage mich aber, wie es in den Verein eingebettet ist, was der Rest des Vereins davon hält. Denn ich vermute, dass ein solches Projekt eigentlich dazu führen muss, dass da zwei Säulen parallel laufen: einmal die Leistungsschiene mit den gescouteten Spielern und den hohen Spielklassen, daneben die 'eigentlichen' Vereinsmannschaften mit den Spielern aus dem Ort und ggf. den unmittelbaren Nachbarorten. Meiner Einschätzung nach steht man vor einer riesigen Herausforderung, wenn man sich in einer solchen Situation nicht vom Breitensport abwendet und nur noch die Leistungssäule beibehält, nämlich der, mindestens eine friedliche Koexistenz beider Bereiche hin zu bekommen -- eigentlich wünscht man sich ja wahrscheinlich schon eher eine gemeinsame Identität und ein harmonisches und kooperatives Miteinander.
Als Hintergrundwissen wäre für mich noch sehr wichtig, wie diese Jungs gescoutet wurden und der Umgang mit dem abgebenden Verein. [...] Wenn da alles klar und transparent abgelaufen ist, finde ich das in Ordnung. Das aber können nur Beteiligte aus den abgebenden Vereinen oder die Eltern der Kinder beurteilen. Nichtsdestotrotz kann ich verstehen, wenn aus diesen Vereinen dann Kritik kommt und das muss dann nicht immer Neid und Missgunst sein.
Mich würde das auch interessieren. Ich muss auch zugeben, dass mich solche Jubelberichte ein wenig ärgern, weil sie, wie ich meine, ein falsches Bild erzeugen und bei den unbedarften Lesern, zu denen ja vor allem viele fußballinteressierte und -begeisterte Eltern kleiner Fußballer gehören, falsche Vorstellungen verursachen. Natürlich sind qualifizierte und engagierte Trainer eine gute Sache, die allen Vereinen gut zu Gesicht stünden. Aber die Trainer, um die es hier geht, haben ja selbst Ambitionen, sie sind ja nicht mit der Kreisklasse zufrieden und sie sind, das behaupte ich mal, auch nicht an dem Typus Spieler interessiert, für den hier der Begriff "Dicker Paule" heran gezogen wird. Das kann ich verstehen, ich denke, es macht den allermeisten Fußballtrainern, die ja selbst auch vom Schönen Spiel begeistert sind, mehr Spaß, eine überdurchschnittlich talentierte, begeisterte und engagierte Truppe zu trainieren als die übliche Feld-, Wald- und Wiesenmannschaft. Die Leistungsmannschaften des VfL Vichttal lassen sich mit NLZ-Mannschaften gleichsetzen. Und es ist sicherlich auch möglich, weitere solcher Teams aufzubauen, ich halte das nicht mal für ganz so schwer, wenn man die dazu notwendigen Finanzmittel hat. Hier in der Rhein-Main-Region ließen sich sicher noch zwei, vielleicht auch drei LZ-ähnliche Gebilde eröffnen, die es dann mit den Nachwuchsmannschaften von Eintracht Frankfurt, FSV Frankfurt, SV Darmstadt 98 und SV Wehen Wiesbaden aufnehmen könnten. Den JFC Frankfurt habe ich ja schon genannt, er geht schon in diese RIchtung. Außerdem gibt es noch den Eintracht-Partner TSG Wieseck bei Gießen, der im dortigen Raum eine große Anziehungskraft ausübt. Als ich dort mal zu einer Lizenzverlängerungsfortbildung war, klagten in der Runde nach der Praxiseinheit einige Trainer aus dem Kreis über die Abwerbepraxis eben dieses Vereins, die ich selbst aber überhaupt nicht kenne und daher auch in keiner Weise beurteilen kann.
Ich kenne hier auch zwei Ex-Profis, die private Fußballschulen betreiben, bei denen es mich nicht wundern würde, wenn sie so etwas anstreben würden, wie es beim VfL Vichttal gemacht wird. Der eine ist aktuell Trainer der U19 eines Bundesligavereins und damit sicherlich voll ausgelastet, der andere hatte vor inzwischen einem knappen Jahr Probleme mit dem Verein, bei dem er damals als Jugendtrainer und/oder -koordinator (oder so ähnlich) war, man hat sich getrennt und er ist jetzt ein paar Kilometer weiter bei einem, wie es aussieht, recht kleinen Verein gelandet, der unter der Dominanz des benachbarten Vereins leidet, wo er aber "etwas Neues" aufbauen möchte.
Ich kenne auch hautnah ein Beispiel, wie der Traum vom höherklassigen Spiel dazu führen kann, dass ein Verein die Eigengewächse samt und sonders verlieren kann, weil sie, wenn sie als für die Leistungsmannschaft entweder nicht gut genug befunden werden oder mit ihrem Schicksal in einer schlecht betreuten und mehr oder weniger ignorierten, teilweise sogar nur tolerierten Auffangmannschaft unzufrieden sind.
Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn man höherklassig spielen möchte. Man sollte sich aber bewusst sein, was dazu erforderlich ist, wen man mit nehmen kann und wer auf der Strecke bleiben muss bzw. keine Unterstützung liefern kann und deshalb unerwünschter Ballast ist. Und das sollte man dann auch so ehrlich sagen, von mir aus in bestem Marketing-Sprech, aber die Info muss da sein.
Ich hatte mich im ersten Posting bezüglich einer Bewertung dieses Projektes gänzlich zurück gehalten und bleibe auch dabei, diesen konkreten Fall nur aus nächster Nähe beurteilen zu können.
Korrekt, das sehe ich auch so. Um ein Projekt, ein NLZ, was auch immer beurteilen zu können, braucht man genügend eigene Erfahrung und recht viele Infos. Ich erinnere mich noch an die Beschreibungen der NLZ des BVB, von Gladbach, dem SC Freiburg und ..., der vierte Verein fällt mir jetzt leider nicht mehr ein, in der ft Junior. Ich fand die Beiträge recht interessant, aber viel zu kurz, um mir eine Meinung bilden zu können.
Schwierig ist an Projekten ( auch außerhalb des Fußballs ) das man als Involvierter auch überziehen kann oder sich von schnellen Erfolgen blenden bzw. sich bei Stagnation oder Misserfolgen beeinflussen lässt. Wenn sie schlau sind, lassen sie einen möglichst Neutralen diesen Prozess begleiten und hören auf ihn, wenn er Kritikpunkte hat.
Das wäre in der Tat sehr positiv und würde für Nachhaltigkeit sorgen. Was ich oben vergaß: diese Trainer und auch einen solchen Koordinator muss man, bei den Qualifikationen die sie haben und bei dem Engagement, das man sich wünscht, natürlich auch bezahlen. Ich weiß nicht, ob diese Jobs in Teilzeit möglich sind, ich weiß auch nicht, in welcher Größenordnung da so die Stundenlöhne anzusetzen sind. Aber es dürfte eine ganz andere Größenordnung sein als diejenige der typischen Vereine, in denen ja sämtliche Arbeit für lau oder eine sehr überschaubare Aufwandsentschädigung läuft.
Und vor allem ( und das hat mich am ersten Artikel so gestört ) das sie die Eltern entsprechend informieren und während der gesamten Zeit auch hier am Ball bleiben, dass es um eine optimale Ausbildung und nicht um eine spätere Fußballkarriere geht.
Das werden sie sicher auch tun, die Eltern werden dennoch träumen und unheimlich stolz auf ihre Kinder sein, nicht selten leider so stolz, dass man sich um ihre Entwicklung wird gewisse Sorgen machen müssen (s. hierzu z.B. diesen Artikel). Kurze Anekdote: unser Sohn wurde in seinem ersten D-Jugendjahr, nachdem er ein Ferien-Camp der Eintracht-Frankfurt-Fußballschule besucht hatte, dort zum (bezahlten) Fördertraining eingeladen. Es war während des Camps schon darauf hingewiesen worden, dass die Trainer ein paar Spieler darauf ansprechen würden, daraufhin strebten er und ein Kumpel von ihm das dann an und es hat auch geklappt. Also wollte er gerne hin gehen, haben wir auch gemacht. Nach einem halben Jahr hat er es wieder sein lassen, es hat ihn nicht genug angesprochen, obwohl ich es, im Gegensatz zum Papa seines Kumpels, durchaus nicht schlecht fand, vielleicht von den Trainern aus ein bisschen zu wenig engagiert. Witzig fand ich dann aber ein paar der anderen Eltern, die diesen Fördertrainings beigewohnt haben, die dann jede Aktion ihres Sprösslings genau beobachteten und hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Trainer einzuschätzen versuchten, die also unheimlich darauf erpicht waren, dass ihr Kind über dieses Fördertraining zum JFC oder zur Eintracht kommt. Die Infos der Fußballschule waren dabei auch wirklich minimal, ich bilde mir ein, halbwegs einschätzen zu können, wie viel (oder eben eher wenig) da zu erwarten war. Aber viele Eltern kennen sich halt nicht so aus und sind eher unbedarft, kennen nur Nationalmannschaft und Champions League und lernen die Realität des Fußballs erst mit ihren Kindern kennen. Dazu noch der heutige Leistungswahn und die äußerst schnellebige und oft nur sehr vordergründige Presse, und es kommt ein Gemisch heraus, das mir nicht sonderlich appetitlich erscheint..
Ich schweife aber wieder vom VfL Vichttal ab, entschuldigt bitte.
(Fortsetzung folgt)