Nun zum Punkt: Der Gegner hat mit einem 2-2-2 gespielt und viel Wert darauf gelegt, dass die Kinder vorne bzw. hinten bleiben (immer wieder reingerufen). Mein Kind hat sich eigentlich schlau verhalten, indem es erkannt hat, dass er hinten bleiben muss, um die Defensive zu stabilisieren. Er hat aber eigentlich einen Libero gespielt. Zudem hat er viele Situationen mit Rausbolzen statt spielerisch gelöst (obwohl er das eigentlich könnte). Er hat das Gegenteil vom modernen Fussball und das Gegenteil vom ballorientierten Verteidigen gespielt. Wie schon erwähnt, alles aus freien Stücken, null Anweisungen von uns.
Ich würde gar nicht sagen, dass er das Gegenteil des modernen Fußballs praktiziert hat. Schließlich ist ja einer der Vorteile des ballorientierten Verteidigens, dass der Libero nicht der einzige ist, der Überzahl in Ballnähe herstellen kann. Im Buch 'Modernes Verteidigen' von Ralf Peters wird die Brücke zum Spiel mit Libero dadurch gebaut, dass er sagt, im modernen Fußball sei jeder Spieler Libero. Die Spielweise des Liberos steht weniger im Gegensatz zum modernen Fußball als die der Manndecker.
Die Situation, die du beschreibst, bleibt schwierig zu lösen, ich sehe das bei uns (älterer E-Jahrgang) ja auch oft, dass man auf Teams trifft, die einen oder zwei Spieler vorne stehen lassen und deren Namen man nach spätestens drei Minuten kennt, weil die Trainer, wenn ihre Mannschaft in Ballbesitz kommt, sofort reinrufen, ihre Spieler sollten den Ball schnell zu besagten Stürmern spielen..
Da es kein Abseits gibt, hat deine Mannschaft eigentlich gar keine andere Wahl, als jemanden zur Absicherung hinten zu lassen. Eigentlich reicht einer gegen zwei Spitzen dabei auch nicht aus, sogar gegen einen Stürmer braucht der absichernde Spieler Unterstützung durch schnell zurück eilende Mitspieler, da er nicht so konsequent angreifen kann, weil für ihn niemand mehr absichert. Das führt jetzt zu weit für die Kinder, ich möchte damit nur sagen, dass dein Spieler sich doch vollständig richtig verhalten hat. Als du den Rest des Teams darauf aufmerksam machtest, dass er es alleine gegen mehrere Gegner nicht immer schaffen kann, kamen sie offenbar besser mit zurück und der Gegner sah kein Land mehr. Passt doch.
Ich versuche, meinen (deutlich älteren) Spielern zu vermitteln, dass die Spieler der Defensivreihe auch bei Ballbesitz unserer Mannschaft auf die gegnerischen Stürmer achten müssen, zumindest die Spieler, die den Angriff gerade nicht mit tragen. Bevor sie dann auch nach vorne stürzen, sollen sie quasi gucken, ob es da nicht vielleicht schon voll genug ist, sie dafür aber zur Absicherung gebraucht werden. Dazu weise ich sie wohlgemerkt nicht an, das höchste der Gefühle ist dann, dass ich von außen, wo ich ja auch die größere Übersicht habe, mal darauf hinweise, dass hinter ihnen noch zwei Gegner stehen. Dann geht es mir noch darum, ihnen zu vermitteln, dass sie in einer solchen Situation dann nicht diese Spieler decken müssen, aber sie sollten stets wissen, wo sie sind und in der Lage dazu sein, sie anzugreifen. Und ich wünsche mir, dass die Rolle der absichernden Spieler immer schön wandert, so dass jeder damit mal dran ist.
Wie kann ich jetzt verhindern, dass sich diese - eigentlich unerwünschte Spielweise - zur Gewohnheit wird? Wenn ich ihn mit nach vorne geschickt hätte, hätte ich das freie Spiel unterbunden, in seine Spielewelt eingegriffen und natürlich - gegen den Willen des Kindes - auch den Sieg riskiert (der muss ja denken, ich bin ballaballa). Wir mussten uns ja zwangsläufig der Positionszwangsjacke des Gegner beugen (Abseits gibt es ja noch nicht).
Aber es klingt doch so, als sei gerade die zweite Halbzeit gut gelaufen. Wie gesagt, ich finde gar nicht, dass die Spielweise deines Spielers falsch war. Dass er in mutmaßlicher Unterzahl dann bei seinen Aktionen auch eher auf Nummer sicher ging, ist doch auch gut nachvollziehbar. Wenn du dem entgegenwirken möchtest, kannst du ja Übungsformen verwenden, in denen die Verteidiger für eine Anschlussaktion nach Balleroberung belohnt werden -- z.B. Dribbling durch ein Hütchentor, Pass zum weiter vorne postierten Spieler, etc -- , so lernen sie diese Option kennen. Ansonsten, würde ich sagen, ist dieser eine Spieler vom Spielverständnis her vielleicht sogar ein Stück weiter als die anderen. Damit er sich nicht an die Rolle des Ausputzers gewöhnt, würde ich ihn auch nach vorne stellen, d.h. in meiner Situation mit der 3-3 in die vordere Reihe. Ich habe noch nicht kapiert, wie sich deine Kids zu Beginn des Spiels aufstellen, wenn es es vollkommen selbstständig machen, sind deine Eingriffsmöglichkeiten natürlich sehr begrenzt, dann müsstest du dir etwas anderes überlegen. Da es in der Halbzeit mit dem Erklären ganz gut geklappt zu haben scheint, wäre das ja vielleicht auch ein Ansatz.
Aber was ist in Zukunft?
Was erzähle ich dem Jungen, der hinten geblieben ist und nur im Sinne der Mannschaft gehandelt hat, aber eigentlich antiquiert gespielt hat?
Hier würde mich mal interessieren, wieso du seine Spielweise für antiquiert hältst, ehrlich, und wie das die anderen hier sehen. Ich bin da nämlich, wie oben geschildert, anderer Ansicht. Übrigens haben wir hier noch gar nicht über den Torspieler gesprochen, der natürlich auch eine wichtige Rolle hat und viel stärker mitspielen sollte als dies früher der Fall war. Daher animiere ich unsere Torleute auch dazu, weit aus ihrem Kasten heraus zu kommen, wenn wir in Ballbesitz sind. Aber gegen gegnerische Stürmer, die sonst frei wären, kann ein Torhüter natürlich nicht absichern, daher spielt er im Zusammenhang der von dir genannten Situation eine untergeordnete Rolle.