Hallo Günter,
ich kann deine Erfahrungen nachvollziehen und habe eine passende Anekdote aus meiner noch spärlichen Erfahrung, die genau in die gleiche Richtung geht.
Wir haben das in der gesamten Bambini und zu Beginn der F auch eher wie Trainer B gehandhabt. Wenn wir Spiele verloren haben, dann weil der Gegner galliger war, mehr mit lange Bällen und Rausdreschen gespielt hat. Spielerisch-technisch habe ich uns immer mindestens gleichwertig gesehen. Unter dem perspektivischen Aspekt haben wir das aber immer akzeptiert.
Dann kam ein im Herbst 2012 ein neuer Spieler in unsere Mannschaft, aus einer anderen Stad umgezogen, war in seiner alten Mannschaft einer der wenigen Fußballverrückten, oft unterfordert und mangels starker Mitspieler vielleicht auch etwas unzufrieden, körperlich sehr robust, spielt viel in der Freizeit, hat einen älteren Bruder.
Er spielt enorm präsent, geht dahin wo`s weh tut. Er spielt auch schon mal einen Befreiungsschlag oder eine Kerze, wenn`s nicht anders geht. Er geht oft alleine, ohne wirklich egoistisch zu sein. Er zieht auch schon mal ab, ohne blind rumzudreschen.
Interessanterweise integrierte er sich problemlos in unsere Team, wir befruchteten uns praktisch gegenseitig. Er fühlt sich bei uns laut Aussage seiner Opas sauwohl. Viele Jungs schauten sich bei ihm etwas ab, die Mischung zwischen Kampf und Schönheit stimmt seitdem, spielerische und körperliche Aspekte halten sich besser die Waage, genauso wie die Balance zwischen Kurzpass und langer Bälle. Nachteile kann ich keine ausmachen.
Unsere Jungs spielen noch immer einen schönen Ball, sind kreativ, versuchen Spielsituationen sauber zu lösen, verkrampfen nicht oder spielen blind-doofen Fussball. Die Ergebnisse stimmen außerdem, wir schlagen jetzt die Mannschaften, die uns in der Bambini noch den Schneid abgekauft haben, ohne das wir unser Spiel dafür leugnen müssen. Wir sind einfach unberechenbarer und vielseitiger geworden, reagieren flexibler auf neue Spielsituationen.
Auch ich habe durch den Jungen etwas gelernt. Guter Fussball ist mehr als Technik, Taktik und Fitness. Viele beim modernen Fussball eher verpönte Aspekte gehören auch zum Spiel und es kann nicht schaden, wenn schon Kinder diese kennenlernen und einsetzen. Man darf sich als Trainer nicht zu stark an einer vermeindlich idealen Philosophie klammern, sondern sollte möglichst offen für alle Aspekte des Spiels sein, auch die eher Unattraktiven...
Gruß, Christoph
Edit: Ich gebe zu, dass drei Jahre Bambini und F-Jugend nicht deine Frage nach der Langfristigkeit beantworten können, fand meine Geschichte aber trotzdem zum Thema passend und wollte sie einfach loswerden 