Nabend,
Das ist eine gute Argumentation pro Rotation. Nur wer sich in die Lage der anderen versetzen kann, vermag ihre Aktionsradien zu antizipieren. Das hört sich taktisch hochgestochen an, sorgt aber spielerisch bei freier Rotation (auch während der Spiele, nicht nur von Spiel zu Spiel) für höhere Eigendynamik aller Akteure im Teamplay, dh Flexibilität und Agilität im Kopf wird stimuliert - und darauf kommt es an, wenn nicht nur blindes Tempo, sondern angemessenes Timing den Erfolg per Selbstkontrolle steuern lassen soll. Ohnedies (dh jeder ruht nicht nur in sich selbst, sondern per Antizipation seiner Aktivität in jedem Mitspieler) bliebe Tempo eher ein modisch beliebter Fetisch, der in der Summe dann oft nur auf Hektik (als Hauptfehlerquelle) hinausläuft.
Ich hatte diese Woche zwei prägende Erlebnisse, die mir dieses Tatsache nochmal deutlich vor Augen geführt haben.
Südpokalfinale bei uns in der Stadt, ältere F-Jugend Jahrgang. Für die Kinder wohl das Highlight der Saison. Ich habe den Stürmer der zurück liegenden Mannschaft beobachtet. Trifft seit der Bambini nach Belieben, bringt alles mit, physisch stark, tolle Schusstechnik, technisch gut, großes Kämpferherz, sehr präsent. Aber an diesem Tag lief es nicht. Er schaffte es nicht das Spiel zu lesen, die richtigen Schlüsse zu ziehen, sich passend frei zu laufen oder Mitspieler einzusetzen. Er konnte seinen defensiven Kollegen nicht helfen, wirkte zunehmend hilflos, überhastet, egoistischer und gefrustet. Für mich fehlten ihm Erfahrungswerte im Defensiv- und Aufbauspiel. Er konnte sich nicht in seine Kollegen hineinversetzen.
Abends habe ich selbst gespielt, Hobbytruppe, links hinten, vor mir offensiv ein "Neuer", 15 Jahre, spielt im Verein, technisch und koordinativ top, guten Schuss, sehr schnell, eigentlich ein toller Außenspieler. Er hat aber unglaublich viele falsche Entscheidungen getroffen. Zum einen hatte der überhaupt kein defensives Verständnis (Räume zustellen, Deckungsschatten herstellen, Gegner decken), war defensiv eigentlich nur brauchbar, wenn der Gegenspieler "zufällig" auf ihn zulief. Eigentlich ließ er mich auf der Seite komplett alleine, obwohl es ihm an Willen nicht fehlte. Zum anderen wusste er im Offensivspiel nicht mit meinen Schwächen (langsam, technisch schwach) umzugehen. Er hätte diese mit seinem Können relativ leicht kompensieren können, erwartete aber stattdessen Dinge von mir, die ich nicht leisten konnte, so dass auch hier das Zusammenspiel überschaubar war. Ich habe ihn dann in der Halbzeit gefragt und er hat mir gesagt, dass er seine ganze Jugend vorne links spielt. Mit Rotation wären diese taktischen Schwächen nicht passiert. Da bin ich ganz sicher. Trotz der großen individuellen Klasse war sein Wert für die Mannschaft überschaubar.
Deswegen denke ich, dass die Rotation nicht nur die individuellen Eigenschaften eines Spielers stärkt, sondern vor allem seine taktischen und sein Spielverständnis.
Gruß, Christoph