Ein Nachteil des starken Fokus' auf Mannschaftstaktik ist übrigens, zumindest ist das bei uns so, dass die Spieler sehr viel, vielleicht zu viel nachdenken um sich ans Konzept zu halten, und dann aber kein Feuer da ist und keine individuellen Lösungen, wenn das Konzept nicht funktioniert. Da stehen dann bei einer geübten Spieleröffnung alle schön auf ihren Positionen bzw. machen Laufwege und wenn der Gegner aber so steht, dass die Variante nicht geht, dann wird entweder ewig gezögert, oder das einstudierte stur durchgezogen, obwohl es offensichtlich nicht klappen kann. Wir haben super Theoretiker, aber nicht immer so gute Praktiker (so auch Rückmeldungen von Stützpunkttrainern und Stützpunktkoordinator). Das ist etwas, wo wir gerade sehr damit beschäftigt sind, nach Jahren von viel Mannschaftstaktik entgegenzusteuern. Es war nie unsere Absicht, Spieler in ein Korsett zu pressen, allerdings ist kritisch betrachtet wohl genau das in einem gewissen Maße passiert. Das gilt es aus meiner Sicht zu beachten, wenn man, gerade in jüngeren Jahrgängen, viel mit Mannschaftstaktik macht.
Das Einstudieren von offensiven Spielzügen halte ich für nicht so gut. Erstens wird einiges an Zeit geopfert, die man besser anders nutzen kann und zweitens fehlt da dann auch die Kreativität/Spielintelligenz. Genauso, wie du selbst es bewertest.
Aber man kann ja aus einer grundsätzlichen Aufstellungsform und offensiven Spielidee heraus - sehr groß und breit machen - bestimmte grundsätzliche Dinge ansprechen, die immer noch viele verchiedene Optionen offen lassen.
Eines ist zB, dass man gerade auf den offensiven Positionen fluide und ohne Ball verschiedene Räume in hohem Tempo anläuft, um selbst "frei" zu werden, aber auch um einen Raum für andere Mitspieler zu öffnen.
Ich persönlich habe eigentlich nie Trainingszeit für Mannschaftstaktik geopfert.
Aber, ich habe in einem Wettkampf durchaus Sachen angesprochen.
Gerade beim Hallenspiel 4+1 kann man im Punkto Taktik (egal ob Individual- , Gruppen oder Mannschaftstaktik ) leicht und gut lehren und lernen. Dabei wird das Portfolie an Handlungsalternativen peu a peu größer und die SPieler können aus einem immer größer werdenen Fundus Lösungsmöglichkeiten auswählen.
@ Chris
bezüglich Pressing
Ich habe in der Halle schon öfter mal gezielte Pressingideen angesprochen, die die Kinder auch überwiegend gut umsetzten können. Sogar schon in der U11.
Zum Beispiel, dass wir den linken Verteidiger ein paar Meter frei lassen (oder den Bandenfernen zB, wenn nur eine Seite Bande), um so das Anspiel dahin zu provozieren. Dann wird dieser Spieler vom rechten Stürmer angelaufen, während der andere Stürmer den Rückweg zum Fänger anläuft, das schon beim Anspiel, nicht erst wenn der Verteidiger den Ball hat.
Dafür braucht es kein großes Training, das kann man in 1-2 minuten Ansprachen verdeutlichen und veranschaulichen und dann in 2-3 Turnieren haben das viele SPieler gut drauf.
Das kann man dann auch leicht aufs Feld mit erhöhter Spieleranzahl transponieren.
Ich bin der Meinung, dass sich im Punkt Taktik die Kompetenz der Trainer weit auseinander geht, die allermeisten in diesem Bereich nicht wirklich ausreichend Ahnung haben und das somit auch nicht vermitteln können. Da hilft dann auch kein Theoriebuch, wenn ich nicht in der Lage bin, Dinge auf dem Feld zu erkennen und gezielte Fragen der Kinder zu beantworten oder die richtigen Tipss (1-2 Sätze) zu geben.
(Ich erinnere mich zB an einen Videobeitreig hier im Forum, wo ein User unsere Meinung bezüglich bestimmter taktischer Fragen oder so wollte. War C- oder B-Jugend, keine Ahnung mehr, was genau. Da kamen zuerst einige Beiträge, die das Spiel - für mich eigenwillig interpretierten. Irgendwann kam dann @Chris und hat quasi genau das Gegenteil gesehen. KLar, dass war nur ein Viedeo, die Perspektive nicht optimal, etc. aber ich hatte auch alles eher wie Chris gesehen, und konnte vor allem quasi konträre Meinungen schwer verstehen. Und das dann unsiso alle so sahen zunächst.... )
Bei der Technik muss man auch den Hauptfehler (er)kennen, um gut und zielgerichtet verbessern zu können. (Beim Schießen ist es zB immer das Standbein hinter dem Ball. Der Oberkörper oder ähnliches sind immer nur Folgefehler, wenn man zu hoch schießt. )
Und auch im Thema Taktik muss ich die Dinge richtig sehen, um schnell, einfach, sinnvoll und zielgerichtet verbessern zu können.
Und wenn - zumindest bis vor kurzem - selbst in der Bundesliga Trainer mit erheblichen Mängeln in der Taktik zu finden waren, unsere Frauennationaltrainerin in diesem Bereich gravierende Kompetenzmängel klar offenbart, dann gilt dies im Jugendbereich umso mehr.
Eine Anekdote will ich jetzt auch noch erzählen.
Ich habe vor einigen Jahren eine U11 übernommen, mit der ich in ein Sommer"trainingslager" gefahren bin. DEr Trainer, der die Mannschaft zuvor drei Jahre betreut hatte hat null, wirklich null Taktik vermittelt. Die Spieler hatten also selbst im Bereich Individualtaktik quasi null Vorkenntnisse. (Das wusste ich, da ich schon einmal ne Mannschaft von ihm übernommen hatte...)
Schwerpunkt im Trainingslager war, neben dem Kennenlernen, dass die Abläufe im Training klappen, so dass man dann die Trainingszeiot gut und effektiv nutzen kann. Dazu kam quasi als einziger wirklich inhaltlicher Schwerpunkt die Individualtaktik, vor allem defensiv. Das muss Spieler können.
Wir haben dann einige Spiele bestritten, ich bevorzuge ein System mit 3 Abwehrspielern, also entweder 3-2-1 oder 3-1-2 (E-Jugend), hauptsache 3er ABwehr, in der die AV die Breite herstellen. Mein Vorgänger ließ ausschließlich 2-3-1 spielen, mit einem überragenden Zentralen. Er hatte damit ergebnistechnisch viel erfolg, da in jungen Jahren quasi nur die Qualität des Zentralen entscheidend ist.
Wir spielten also mit Dreierkette und sagte den Spielern, das die AV bei Abstoss extrem breit (an der Seitenlinie)stehen, die drei offensiven hoch stehen sollen. Alle fünf können sich mit läufen in die freien Räume anbieten und den Ball fordern.
Der zentrale Abwehrmann soll nicht mittig stehen, sondern ein bißchen versetzt, damit er erstens eine offene STellung haben kann und zweitens nicht zu sehr im Passweg der Fängers steht (egal zu wem).
AUßerdem solle er - anders als alle anderen - nicht permanent mit einem Lauf in die Räume den Ball fordern, wenn er gedeckt wird, da sonst die ganze Mitte frei wird und, wenn der Fänger irgendeinen anspielt un dder Pass missglückt, der Gegner alleine auf unser Tor zuläuft.
Das war eigentlic alles, was ich mannschaftstaktisch angesprochen habe. Jeweils ein paar Minuten bei 2-3 Spielen, mehr war das nicht. Ich war auch nicht so naiv zu glauben, dass das perfekt klappen wird, tat es auch nicht. Gerade das "nicht-statische", nicht-alibimäßige Lösen vom Gegenspieler (in der U11 reicht ein ausfallschritt nicht mehr aus auf höherem Niveau) geht nicht von null auf gleich-
Das die Ausgangslage:
Am letzten Tag des Trainigslagers hatten wir noch ein Testspiel gegen ein gutes NLZ. Die Kinder waren körperlich und mental platt, der Platz sehr schmal, aber lang und der Rasen war eher Matsch. Wir kamen nicht ins Spiel und so entschied ich mich die beiden letzten Drittel im 2-3-1 zu spielen. Irgendwelche taktischen Anweisungen habe ich nicht gegeben, abgesehen von der Formation.
Da fragt mich einer der beiden Verteidiger:
Sollen wir jetzt breit stehen, aber dann ist ja die Mitte völlig frei. Wenn wir aber zental stehen, dann stehen wir zu dicht nebeneinander und alle anderen Passwege sind auch zu.!!!!
Mit solch einer berechtigten und präzisen Frage hatte ich null gerechnet. Aber natürlich muss ich seine Frage beantworten, oder? Das ist klar Mannschaftstaktik, aber alleine eine Formation ist ja schon mannschaftstaktik und selbst in der U9 macht wohl jeder eine Formation.
Ich habe dann in 2 Sätzen gesagt, dass sie ungefähr auf der STrafraumecke stehen sollten, damit sie sowohl selbst anspielbar sein können, als auch alle anderen Kriterien gut ermöglichen können.
Dieser Junge hatte (und hat) sicherlich unglaubliche Spielintelligenz, aber davon hatte ich in der Mannschaft 4-5 (von 9 Feldspielern). Auch 1-2mal das genaue Gegenteil, ohne Frage.
Solche Spieler erkennen schnell, wenn der Trainer keine wirkliche Taktikkompetenz hat und sich Woche für Woche quasi selbst widerspricht..
Muss gerade abbrechen, wie ich finde interessantes Thema.
Wie soll ich denn jetzt stehen.