Ich würde sagen, die gedrehte Körperhaltung (wir gehen jetzt von vorneherein von leicht gedreht aus, und nicht das sich der Verteidiger auf eine Aktion des Stürmers erst dreht), zusammen mit dem Geschwindigkeit aufnehmen, begleiten etc erleichtert dem Verteidiger den Zweikampf. Für mich ist aber im Zweikampf, wenn der Angreifer aufgedreht ist und bereits mit Tempo dribbeln kann, der Spieler im Ballbesitz immer im Vorteil, da er die entscheidenden Aktionen bestimmen und ausführen kann. Der Verteidiger kann durchs Lenken seine Position verbessern, prinzipiell ist er aber für mich im Nachteil da er reagieren muss (hierbei immer davon ausgehend der Angreifer ist technisch und individualtaktisch gut ausgebildet).
Wenn du sagst, dass der Verteidiger aufgrund der Tatsache, dass er reagieren muss im Nachteil ist, pauschalisiere ich diese Aussage und sage, dass die Mannschaft ohne Ballbesitz immer im Nachteil ist. Bezogen auf diese Verallgemeinerung geht mir das dann zu weit, denn klar ist, dass auch wen der Angreifer mit Ball agieren kann, so wird der Verteidiger zum einen in der Regel durch einen Mitspieler in der Tiefe abgesichert, oder hat einen Torwart hinter sich, der es dem Angreifer zusätzlich schwer macht – so sehe ich also, dass man es auch dem Angreifer als Nachteil auslegen kann, den er muss nach einer erfolgreichen 1 gegen 1 Situation ggf. eine weitere gewinnen und/oder den Torwart auch noch überspielen! Dies zu erörtern wird aber denke ich in Haarspalterei enden, soll also hiermit nur ein Denkanstoß sein.
Wichtig ist für mich auch, dass du schreibst der Text stehe unter der Überschrift "frontales" 1v1. Daher würde ich hier davon ausgehen das nicht der Zweikampf auf dem Flügel, sondern der im Zentrum vor dem Tor gemeint ist. Hier würde der Satz dann auch wieder mehr Sinn machen. Gerade hier ist der Verteidiger für mich in deutlich schlechterer Position da er durch das Lenken meist nur den Winkel für den Schützen verkleinern, oder ihn auf seinen schwachen Fuß lenken kann. Wenn der Angreifer im Zentrum mit Tempo ins 1v1 gehen kann, sollte nach meinem Dafürhalten der Torabschluss deutlich häufiger zu sehen sein als ein Ballgewinn des Verteidigers. Also gerade im Zentrum würde ich schon sagen, das der Verteigiger prinzipiell im Nachteil ist, aber auch hier versucht diesen durch seitliche Stellung, Geschwindigkeit mitnehmen, lenken zu verkleinern.
Da stellt sich mir die Frage, wie du darauf kommst, das ein frontales 1 gegen 1 zwingend im Zentrum zustande kommen muss. Ich sehe 1 gegen 1 Situationen auch auf dem Flügel – so zum Beispiel beim Hinterlaufen (wenngleich da meist das Abspiel auf den Hinterlaufenden fokusiert ist). Als krasses Beispiel ist hier Arjen Robben zu nennen, der auf dem Flügel oft die 1 gegen 1 Situationen sucht und hierbei handelt es sich um nichts anderes als frontale 1 gegen 1 Situationen.
Unabhängig davon ist ein frontales 1 gegen 1 auch im Zentrum nach meiner Spielauffassung nicht zwingend ein Nachteil, da in der Regel immer mindestens ein Mitspieler im Rücken sichert und die normale Zuordnung im Abwehrdreieck von zwei sichernden Spielern in der Tiefe ausgeht. Mal angenommen der Verteidiger wird nicht abgesichert, steht gut ausgebildet wie er ist, leicht seitlich zum Gegenspieler und bietet ihm den Durchbruch auf der Seite an, die tendenziell weiter weg vom Tor ist, so verkürzt er nicht nur den Winkel, sondern kann ohne aktiv anzugreifen Vorteile für die eigene Mannschaft erspielen. Dazu kommt der Vorteil, dass er weiß, wohin der gegnerische Spieler will – zum Tor! Also wird er wohl versuchen an mir vorbei zu gehen und mit diesem Wissen fällt es mir deutlich leichter auf die Aktionen des Angreifers zu reagieren. Es reicht ja meist schon aus, die Fußspitze an den Ball zu bekommen und somit das Tempo aus dem Angriff zu nehmen, bis die Ordnung in der eigenen Mannschaft wieder hergestellt ist.
Von den einzelnen Fähigkeiten hängt es natürlich immer ab. Ich würde auch sagen, wir sehen gerade im Jugendbereich und unteren Amateurbereich deutlich mehr gelungene Abwehraktionen weil die Angreifer oft offensiv sehr schlecht individualtaktisch ausgebildet sind. Ich würde aber behaupten, dass wenn der Angreifer im gleichen Maße individualtaktisch ausgebildet ist wie der Verteidiger, wobei ich denke das Verteidiger deutlich einfacher zu trainieren ist (Gab da mal nen schönen Satz, erinnerre mich leider nicht mehr von wem, aber in etwa: "Man braucht 10 Jahre um einen guten Angreifer auszubilden. Um aus einem solchen guten Angreifer einen Verteidiger zu machen vielleicht 3 Monate), der Angreifer prinzipiell im Vorteil ist.
msg Tirus
Das mag sein, führt aber von der Frage tendenziell eher weg – es ist natürlich schwer in 1 gegen 1 Situationen einen cleveren Verteidiger zu überspielen, die individualtaktische Ausbildung sollte also auch immer ein wichtiger Bestandteil sein.
Danke aufjedenfall für deine gute Antwort zu diesem Thema!
Grüße
Zodiak