@Grätsche
Im wörtlichen Sinne hast du mit der Beschreibung des/der Libero/Libera sicher recht. Seine Bedeutung als letzter Feldspieler ging jedoch mit der Einführung des Abseits ein wenig verloren. Seine Hauptaufgabe, das Ablaufen langer Flanken wurde auf den Torwart übertragen.
Man würde das ballorientierte Spiel falsch interpretieren, wenn man es rein statisch betrachtet, in dem einzelne Spieler in ihrer Gruppe auf einer Linie reagieren, sobald der Ball in ihre Nähe gelangt. Auch im ballorientierten Spiel bilden sich häufig genug Pärchen. Allerdings ist die Interpretation wo welche Räume besetzt oder freigelassen werden unterschiedlich und in Taktik bzw. Spielphilosophie gebündelt.
Darüber hinaus gibt es eine Reihe von weiteren Elementen des Fussballs, die vom gegner- in die ballorientierte Taktik übernommen wurden. Vieles aus gutem Grund, manches jedoch auch, ohne es weiter zu hinterfragen. (Hatte letztens mal eine Diskussion über die Funktion von TW-Handschuhen. Dort halten sich nach wie vor die Gerüchte, dass man durch das Polster an der Innenseite bzw. durch das Nässen den Ball besser festhalten könnte. Das ist natürlich Unfug. Nur durch die richtige Technik fangen die Hände (nicht die Handschuhe) den Ball. Und Nässen braucht man die Handschuhe auch nicht oder macht jemand seine Autoreifen im Sommer nass, damit sie besser haften?)
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Die "Kette" läßt sich bei Frauenteams sehr viel leichter trainieren als bei den Männern. Das mag sicher einige Gründe haben, wie:
- Männer fangen meist früher an mit dem Fussball, weshalb sie das "gegnerorientierte Spiel" bereits tief verinnerlicht haben und sich schwer tun, etwas Neues zu erlernen
- das Fussballspiel der Männer ist deutlich schneller, dynamischer und beinhaltet in der Regel mehr Zweikämpfe, während bei den Frauen mehr Zeit für Lauf- und Paßwege nach gewünschter Taktik bleibt
Schon nach 1 - 2 Monaten lassen sich bei einer Frauenmannscharft deutliche, taktische Fortschritte erkennen. Allerdings stagnieren die Fortschritte gegenüber den Männerteams auch früher. Denn wo mehr Zeit zur Verfügung steht, da besteht auch die größere Gefahr, dass einzelne, ballferne Spieler gelegentlich auf "Zuschauermodus" umschalten, in der sich nicht mehr Akteure, sondern einen Beobachterstatus einnehmen. Man kann das leicht testen, indem man bei einer Spielform die Provokationsregel ausgibt: wer länger als 1 Sekunde steht, erstarrt auf Trainerkommando als Salzsäule und muß solange dort verharren, bis die aktuelle Ballaktion abgeschlossen ist. Selbst, wenn sich alle Spielerinnen nach ca. 4 - 5 "Salzsäulen-Aktionen nunmehr permanent bewegen, wird man die ballfernen Spielerinnen, die ihre Position nicht zum Ball hin verschieben, weiterhin beobachten können. Erst im Profibereich, wo mit deutlich mehr Eigenmotivation gespielt wird, kann man diesen Effekt kaum noch beobachten.
Ich habe die Kette mit Libera gibt es im Frauen-Leistungsfussball überall dort beobachtet, wo es den Trainern an umfangreichen Wissen im ballorientierten Spielsystem gefehlt hat. Denn wer kann es sich erlauben, eine Spielerin fast komplett aus dem Spiel zu nehmen? Und wie soll die Keeperin dabei lernen, sich von der Torlinien- zur Torraumspielerin weiter zu entwickeln?
Diese Trainer leben von dem Erfolg, immer das ihren Mädels zu sagen, was sie gerne hören wollen. Dabei nehmen sie billigend inkauf, dass sich das Team sportlich weniger weiterentwickelt. Denn wer gelobt werden will, der sollte sich auch mal Korrekturhinweise anhören! Sonst lügt man sich selbst nur in die Tasche und versteht gar nicht, warum die Gegner immer wieder die Schwächen rasch herausfinden.
@teenay
Deine Beobachtung, dass Frauen lieber nach vorn rennen als zurück kann durchaus bestätigt werden. Es gibt zwar auch einige Akteure, die bei Ballverlust sofort nachsetzen, aber die Meisten sehen den Ballverlust eher als "himmelschreihende Ungerechtigkeit" an, gegen die man sowieso nichts machen kann, weshalb man sofort stehen bleibt. Auch ein Angriffs- oder Mittelfeldpressing läßt sich häufig nur über einen kurzen Moment erzielen. Hat man den zweiten Paß nicht erlaufen können, gibt man auf und macht nur widerwillig durch Traineraufforderung weiter.
Der Frauenfussball ist bei genauerer Betrachtung in vielen Dingen anders als im Männerbereich. Deshalb sollte man ihn auch nicht miteinander vergleichen. Insbesondere bei der Suche nach weiteren Optimierungsmöglichkeiten helfen Modelle aus dem Männerbereich meist wenig! Die individuellen Fähigkeiten mit den Wünschen in einer stark emotional geprägten Umgebung zu verbinden, das ist eine eigene und ganz besondere Herausforderung. Sie anhand von Siegen oder Niederlagen beschreiben zu wollen, würde nicht annähernd den Kern des Frauenfussballs beschreiben.