@Radagast
Du hast sehr viele Punkte angesprochen und auf manche kann man gar keine einfache Antwort geben
1. der Mädchen- und Frauenfussball steckt in den Kinderschuhen
Zunächst einmal gebe ich dir vollkommen recht, dass der Mädchenfussball in Deutschland noch in den Kinderschuhen steckt. Es ist noch gar nicht so lange her, da verbot der DFB den Frauenfussball. Zu dieser Zeit gab es längst Schülermannschaften, sodass hier eine Struktur im Trainer- und Spielerbereich wachsen konnte. Bis heute gibts keine Trainerlizenz,die sich dem Mädchen- und Frauenfussball widmet, allenfalls Kurzseminare. Das Fehlen dieses Angebots hat zur Folge, dass die Qualität der Trainer im Mädchen- und Frauenfussball kaum mit der im Jungen- und Männerfussball zu vergleichen ist. Selbst in den den 3 und 4. höchsten Frauenligen toben sich Trainer ohne Ausbilungsnachweis aus, weil man sonst keine findet. Natürlich findet man auch deshalb keine bessseren Trainer, weil die im Jungen- und Männerfussball eine bessere Anerkennung und finanzielle Honorierung erhalten. Bei fast jedem Kreisklassen-Dorfkick sind mehr Zuschauer als in der 2. Frauen-Bundesliga.
1.1. Unregelmäßige Teilnahme am Mädchen-Fussballspiel
Der Ursprung von unregelmäßiger Teilnahme bei Auswahlmaßnahmen liegt häufig im Vereinsbereich. Kommt der Mädchentrainer gar nicht, zu spät oder unvorbereitet, merken das die Mädchen rasch und passen sie diesem Verhalten an, indem sie ebenfalls den Fussball nicht mehr nur als Mannschaftssportart betrachten, sondern als zeitlich latente Abwechselung, wenn sonst gerade nichts läuft. Erscheinen die Auswahlspielerinnen anfangs noch regelmäßig zu den Fördermaßnahmen, so nimmt der Neuigkeitsfaktor rasch ab. Es ist auch nicht mehr "ihr Fussball", wenn die Freundinnen keine Notiz mehr davon nehmen. Gewöhnt man sich an die unregelmäßige Teilnahme, so setzt sich das im Frauenbereich fort und führt dort zu Trainerrücktritten und/oder Mannschaftsabmeldungen während der Saison.
1.2. Unterschiedliche Prioritäten
Bei U 13 Jungs gibts ein anderes Verhältnis von Schule und Fussball setzen wie die meisten Mädchen. Von Ausnahmen natürlich abgesehen. Diese Prioritäten werden nicht selten im Elternhaus oder Verein gesetzt, wo man einem Jungen sagt: wenn du fleissig trainierst kannst du später berühmt werden und viel Geld verdienen. Einem Mädchen wird hingegen gesagt: denk an Beruf und Familie, weil du mit Fussball kein Geld verdienen kannst. Ihr verwehrt man durch diese Maßstäbe das Recht auf eine für sie angemessene Freizeitgesaltung. Sie muß es nicht selten gegen den Willen von Erwachsenen durchsetzen.
2. Warum starke Mädchen in Jungenmannschaften kicken lassen
Die Frage, ob man das Niveau der Mädchenmannschaft verändert, wenn man ein besonders starkes Mädchen dort kicken läßt, ist ja durchaus berechtigt. Allerdings sollte man dabei das Interesse seines Trainers und des Talents trennen. Für den Trainer ist dieses Mädchen ein Erfolgsgarant, aber das Mäddchn verliert so langsam den Spaß, weil es sich kaum anstrengen muß. Auch findet es spätesstens nach dem 50. Tor kaum noch einen Grund zum Jubeln, weil es ihr einfach viel zu leicht gemacht wird. Es gibt einige, wenige Vereine, die bereits ab der E-Jugend talentierte Mädchen sichten, aber der C-Jugend in Jungenligen spielen. Der logistische Aufwand ist hoch und läßt sich mangels finanzieller Mittel nur durch ein hohes ehrenamtliches Engagement tragen.
3. Stiftung als Instrument zur Förderung des Mädchen- und Frauenfussballs
Wie gezeigt, fehlt es an Allem, weshalb man mit den bisherigen Mitteln einen sehr langen Atem haben muß, um die Situation zu verbessern. Manche Maßnahmen erscheinen nur auf den ersten Blick erfolgreich. So hat der DFB die Gründung von E-Juniorinnen-Teams gefördert. Wenn man jedoch keine Trainerausbildung dafür anbietet, dann sind die finanzellen Mittel dafür rasch verpufft. Aber was kratzt es die Deutsche Eiche, wenn sich irgend ein Schwein daran schubbert? Hauptsache man kann irgendwie die Beiträge der durch den demografischen Wandel wegbrechenden Jungenteams irgendwie durch mehr Mädchenteams kompensieren. Es gibt also die Konstellationen: Mädchenteams, aber keine Frauenteams und Frauenteams, aber keine durchgängigen Mädchenteams. Als Ausweg dafür bildeten sich FSG (Frauenspielgemeinschaften), denen es je nach Gönner mal besser und mal schlechter geht. Bei unseren Nachbarn in den Niederlanden entwickelte sich der Mädchen- und Frauenfussball noch viel später. So gab es zeitweilig sogar eine 1. Liga mit niederländischen und belgischen Teams. Allerdings entwickelte sich dort ein teilweise anderes Modell. Denn während hierzulande doch viele Mädchen- und Frauenteams am finanziellen Tropf den Jungen- und Männerfussballs hängen, entwickelte man dort Stiftungen, die unabhängig und eng am Bedarf des Mädchen- und Frauenfussballs agieren. Hier hat man erkannt, dass zwar auch die Mädchen und Frauen gerne Fussballspielen, aber ansonsten eigenständige Wege gesucht werden müssen. Man muß natürlich weiterhin beobachten und abwarten, ob es sich dort besser entwickelt. Aber die ersten Ansätze schauen nicht schlecht aus. Denn schon nach wenigen Jahren kicken die ersten niederländischen Talente in der 1. Frauen-Bundesliga mit. So kommt es nicht von ungefähr, das die Frauen des FC Twente die Bayern aus der Championsligue kickten und zur neuen Saison von einem deutschen Trainer trainiert werden.