Schon bei geringem Feedback läßt sich ein gewisser Querschnitt im Denken für die Torwartposition feststellen. Das sind die einen, die meinen, man solle am besten die Dicken, Dummen, Langsamen oder Faulen ins Tor stellen, damit sie die anderen Talente nicht beim Fussballspielen stören. Dann hat man auch gleich 2 Fliegen mit einer Klappe geschlagen, weil die Ungeeigneten dann so schnell wie möglich wieder mit dem Fussball aufhören.
Dann gibts die Gruppe der Leute, die meinen, es müsse ein Guter im Kasten stehen, damit der Gegner nicht zu viele Chancen verwerten kann. Aber extra Torwarttraining bekommt er nicht. Erstens hat man keine Zeit dazu und zweitens ist die Mannschaft viel wichrtiger.
Schließlich gibts noch die Gruppe der "Rotatoren", die meinen, das jeder auf jeder Position spielen soll. Als Beleg für die Richtigkeit ihrer Theorie führt man gerne den DFB-Satz an, wonach ein Torwart um Gottes Willen nicht zu früh ein Torwart sein darf, weil sonst seine gesamten Feldspielerkarriere ruiniert sei.
Wie ihr aus meinem Nick entnehmen könnt, beschäftige ich mich mit Torleuten. Um meine Meinung dazu besser verstehen zu können, fange ich nicht von der untersten Stufe der Leiter, sondern von der Obersten an.
1. Seniorenbereich
Es werden hier Torleute gebraucht, die beidfüssig, mit einer umfangreichen Technik und gutem taktischen Verständnis ausgebildet sind. Hinzu kommt eine gute Körpersprache und Präsenz, mit der sie ihr Team bestmöglich unterstützen, in dem sie Abwehr und Mittelfeld dirigieren. Je nach dem, ob der Keeper im Breiten-, Leistungs- oder Profibereich aktiv ist, paßt sich das Können am Grat des Umsetzungspotentials des Anforderungskatalogs an.
2. Oberer Juniorenbereich
Neben der weiteren Verfeinerung von Torwarttechniken, Sammlung von weiteren Spielerfahrungen in unterschiedlichsten Situationen spielt hier die Bildung der notwendigen Physis und Psyche eine elementare Rolle. In den meisten Fällen findet hier die letzendliche Trennung für Aufgaben im Leistungs- und Breitensport ab. Ein Gutteil der Leistungssportler kehrt aber hier auch schon in den Breitensport zurück. Das muß nicht immer am sportlichen Können liegen, häufig sind es die beruflichen Wünsche (Ausbildung, Studium), die nicht mehr mit dem Fussball harmonieren.
3. Mittlerer Juniorenbereich
Hier geht es ins "Eingemachte", denn hier braucht der Keeper ein umfangreiches, abwechselungsreiches und altersgerecht systematisch aufgebautes Training, um seine persönlichen Fähigkeiten und Eigenschaften bestmöglich auszubilden.
4. Unterer Juniorenbereich
Das ist die "Schnupperphase", in der alles ausprobiert werden soll. Mal darf jeder dort spielen, wozu er gerade Bock hat und mal sagt der Trainer, wer auf die gerade beliebteste Position im Team spielen kann. Es sollte jedoch niemand, der eine Position absolut nicht einnehmen will, gezwungen werden.
Gesamter Jugendzeitraum:
Der gesamte Jugendzeitraum dient zur vollständigen Ausbildung der Spieler auf allen Positionen, wovon durchaus bestimmte Positionen intensiver und andere weniger intensiv geschult werden können. Das vom DFB immer wieder gern angeführte Negativargument, man dürfe einen Torwart nicht zu früh auf seine Funktion fixieren ,rührt vor allem daraus, das der DFB für alle anderen Feldspielerfunktionen umfangreiches Ausbildungsknow-How zur Verfügung stellen kann, nur nicht für den Torspieler! Und wenn man denn "nichts" hat, dann soll eben der Torwart die Mannschaft und die Mannschaft den Torwart trainieren. So klebt denn so mancher Trainer an der Theorie, wenn denn der Keeper genügend Bälle aufs Tor geschossen bekommt, dann wird er es schon lernen. Wie es der Keeper macht, spielt keine Rolle. Hauptsache der Ball geht nicht ins Tor! Das sich bei diesen Keepern über ihr autodidaktisches Lernen mit wenig oder gar keiner Trainerunterstützung sehr viel Falsches automatisisiert, wird zumindest vom DFB billigend inkauf genommen. Denn auch in seinem Nachwuchsförderkonzept sind keine speziell ausgebildeten Torwarttrainer auf den Stützpunkten vorgesehen. Hier liegt die alleinige Kompetenz bei den Leistungs- und Profivereinen, die längst erkannt haben, das der Torwart ein Speziallist ist und deshalb auch eine spezielle Ausbildung braucht. Beim Streit um die Frage, ab wann sie denn beginnen sollte, hat sich die Erfahrung breit gemacht, das bis einschließlich der E-Jugend jeder, der Bock hat, auch ins Tor gehen soll. Für alle Interessierten gibts dann 1 x wöchentlich im Rahmen des normalen Trainings auch Torwartübungen. Ab der D-Jugend werden verstärkt die gefördert, die neben ihrem Interesse auch Talent (besonders gut ausgeprägte Beweglichkeit, rasche Auffassungsgabe, Mut) besitzen. Ab der C-Jugend gibt je nach Leistungsstufe 1, 2 oder 3 mal wöchentliches Training. Ab der B-Jugend erfolgt auch Einzeltraining, die um die individuellen Fähigkeiten angepaßt werden. Der A-Jugend-Bereich ist dann schon ein Übergangsbereich, in der bestimmte Fähigkeiten, die im Seniorenbereich gebraucht werden, auch vorausgesetzt, aber noch weiter vertieft werden.
Was richtig oder falsch ist, kann man nicht generell sagen. Es orientiert sich immer an der speziellen Situation in der Mannschaft und im Verein. Deshalb sollte mein Beitrag auch lediglich ein Anregung sein, die Gedanken über die TW-Position ein wenig zu vertiefen und althergebrachte Theorien ruhig mal auf den "persönlichen Prüfstand" zu stellen.
