Nachfolgend ein paar Daten der Talentförderung, die unter http://www.fvm.de/tagungsberichte.html nachzulesen sind
- das Durchschnittsalter zum Wechsel in ein Nachwuchsleistungszentrum betrug 14,82 Jahr
- aus dem 22-köpfigen Nationalmannschaftsteam wechselten 6 aus dem F/E-Jugendbereich, 9 in der D/C-Jugendspanne und 8 ab B-Jugend und älter in einen Bundesligaclub
- nur etwa die Hälfte nahm an Fördermaßnahmen des DFB-Stützpunktkonzepts teil
hier noch ein paar Zahlen:
- Manuell Neuer kam bereits zur U 6 zu Schalke 04 (war sein Heimatverein), wurde zunächst aber für zu leicht befunden und immer wieder in untere Jahrgangsmannschaften zurück geschickt
- Mario Gomez schoß bis zur U 17 bei Ulm die Tore und wechselte dann zu den jungen Wilden des VFB Stuttgart
- Mesut Özil wechselte zur U 18 von RW Essen nach Schalke 04 und Stefan Kiesling im gleichen Alter von Bamberg nach Nürnberg
- Cacau getraute sich in der U 21 von Türk Gücü München zu den Amateuren des 1. FC Nürnberg
- Arne Friedrich und Miro Klose feierten bis zur U 22 lieber mit den Kumpels bei Verl bzw. SC Blaubach die Siege ab
- Jörg Butt glaubte erst ab der U 24 an seine Torwartfähigkeiten und wechselte von Oldenburg zum HSV
Über kaum etwas wird mehr gestritten als über Talente und deren zukünftiges Potential. Je nach Interessensgruppe glauben die einen daran, das ausschließlich in ihrem Verein die bestmögliche Förderung möglich wäre, andere widerum meinen mit den begleitenden Landes- und Bundesfördermaßnahmen das geeignete Mittel gefunden zu haben. Die dritte Gruppe glaubt, mit einem effektiven Scoutingsystem die Talente handverlesen zu können.
Diese deutsche Talentbeurteilungen hören sich für den Außenstehenden so an, als sei am Ende immer alles gut, beziehungsweise: wenn es noch nicht gut ist, ist es auch noch nicht am Ende!
Vergessen dabei wird, das der Start in den Fussball zunächst eher aus einer Zufälligkeit heraus stammt. Genauso gut hätte das Kind zum Handball, Tischtennis oder Judo angemeldet werden können. Als weitere Zufälligkeit bestimmt die Wohnortnähe zum Verein die weitere Entwicklung im unteren Jugendbereich. Auch das Sichtungsraster der DFB-Stützpunkte hat so grobe Maschen. Denn wer sich nicht meldet, sich nicht traut, wird auch nicht berücksichtigt!
Auch die Scouts sind nur dort anzutreffen, wo bereits eine Leistungsverdichtung stattgefunden hat. Das Talentpotential auf dem "flachen Lande" wird unberücksichtigt gelassen, weil dort die Straßen so schlecht geteert sind! Schließlich werden in den Leistungsbereichen Talente, für die die Zeit noch nicht reif ist, verheizt, weil man schon zu früh zu viel von ihnen verlangt!
Jeder sucht die Stecknadel im Heuhaufen! Ein Erfolgsrezept hat aber niemand. Gerade der späte Wechsel von über einem Drittel der Nationalspieler in den Profibereich im und nach dem B-Jugend-Bereich müßte zu denken geben, das man auch mit noch so viel Fördermaßnahmen den Reifeprozeß von Talenten nicht maßgeblich verändert kann.
Wer also glaubt, aufgrund seiner Fussballkünste irgendwann von alleine entdeckt zu werden, der kann wie beschrieben, einem Irrtum zum Opfer fallen! Allerdings besteht deshalb kein Grund zur Hektik, das Talent in Ruhe und seinem sozialen Umfeld des Amateurvereins einige Jahre reifen zu lassen, um dann, wenn es an der Zeit ist, den Wechsel in einen Profiverein zu wagen.
Leider gibt es kaum fundierte Aussagen über den Frauen-Profibereich. Meine Erfahrungen sind jedoch mit denen der Jungen-Altersgruppierungen überhaupt nicht zu vergleichen. Schon allein der Start ist anders. Entweder kicken die Mädchen in den ersten Jahren bei den Jungen oder fangen über den Schulfussball bzw. über Freundinnen mit dem Fussball an. Während sich bei den Jungen die fussballerischen Fähigkeiten langsamer entwickeln gibt es bei den Mädchen in der Pubertätsphase eine rasante Leistungsentwicklung. So ist es nicht verwunderlich, das bereits B-Juniorinnen mancherorts zu Leistungsträgerinnen mutieren. In Testspielen zeigen sich leistungsorientierte B-Juniorinnen den Oberliga- und Regionalliga-Frauenteams teilweise als überlegen, aber zumindest ebenbürtig. Aber genauso, wie die Leistungsentwicklung früher beginnt, endet sich auch einige Jahre eher. Denn Frauen über 30 findet man kaum im Profi- oder Leistungsbereich.
Speziell auf die Torleute bezogen heißt das, das Mädchen zwischen 13 - 15 Jahren höheres Leistungspotential besitzen als ihre gleichaltrigen Jungen. Sie könnten bei entsprechender Trainingsförderung, ihre Frauenteams verstärken, ohne von einem "Verheizen" zu sprechen. Bei den Feldspielerinnen gibt es diese Situation jedoch nur im abgeschwächtem Maße. Dennoch lohnt es sich für die Verbände und dem DFB, sich mit der Thematik der etwas anderen Leistungsentwicklung intensiver zu beschäftigen, um angemessenere Rahmenbedingungen zu schaffen.