Stefan67
Vielleicht habe ich mich etwas mißverständlich ausgedrückt. Die Kinder-Fussballregeln bezogen sich auf die Zeit des Straßenfussballs, die schon mehrere Jahrzehnte zurück liegt. Die DFB-Bolzplatzaktion liegt erst ca. 6 - 7 Jahre zurück. Zu Zeiten des Straßenfussballs gab es zur Freizeitgestaltung auch noch diese typischen Jugendheime mit Partykeller, normale Kneipen und natürlich die Disko. Manches gibt es heute so gar nicht mehr und anderes hat sich dahingehend verändert, als das der Jugendliche nicht mehr in der Rolle des Mitgestalters haben kann, sondern lediglich autonomer Konsument ist. Weil die Eventgastronomie so teuer geworden ist, wird heute "vorgeglüht" und manchmal am Rande eines Bolzplatzes. Heilige waren wir früher auch nicht, weshalb ich auch nicht auf die Idee käme, jede Dummheit von Jugendlichen an den Pranger zu stellen.
Nun möchte ich noch etwas zum Übergang vom Strassen- in den Vereinsfussball sagen, wie ich ihn in Erinnerung habe. Der Vereinsfussball begann in der Regel mit der C-Jugend. Zum Training und den Spielen in die Nachbargemeinden gings mit dem Fahrrad. Wenn`s weiter weg war, fuhr man mit dem "Bulli"! Trainer waren seinerzeit im Regelfall Schullehrer. Meist waren das "Frisch-Fromm-Fröhlich-Heinis", die keine Ahnung vom Fussball hatten. Hatte man aber Glück und der Trainer war ein fussballverrückter Lehrer, dann konnte man viel bei ihm lernen. Aufgrund bereits mehrjähriger Erfahrungen aus dem Straßenfussball bekamen diese Lehrer-Trainer recht gute Einzelspieler, denen sie das Spiel 11 gegen 11 vermitteln mußten. Manches gab es damals nicht. So gab es keine Winterpause. Auch kein Aufwärmprogramm im heutigen Sinne. Der Tabellenstand wurde lediglich dann erwähnt, wenn es unmittelbar um Auf- oder Abstieg ging. Ansonsten gab es lediglich Hinweise zum aktuellen Spielgegner. Sein Tricot nahm man mit nach Hause. Wenn`s löcherig war, mußte Mutter es halt stopfen. Tricot-Taschen, Aufwärm-T-Shirts waren ebenso wenig vorhanden wie Regen- und Trainingsanzüge. Das Tricot hatte man auch schon an, wenns zum Punktspiel ging, denn Umkleidekabinen mit Warmwasserduschen gab es seinerzeit noch nicht! Richtig stolz war man, als es in der A-Jugend ein Tricot mit Rückennummer gab. Da kam man sich schon fast vor wie die Profis im Fernsehen.
Wenn man das mit heute vergleicht, dann gibt es kaum noch Gemeinsamkeiten, außer das ab der C-Jugend auch schon 11 gegen 11 gespielt wird. Aus den Lehrer-Trainer sind Eltern-Trainer geworden. Die haben zwar meist mehr Fussballwissen, dafür fehlt ihnen häufig das Wissen über die Pädagogik. Von einer Talentförderung im heutigen Sinne war man seinerzeit weit entfernt, was sich allein schon aufgrund fehlender Mobiliät erklärt. Als ich meinem Vater sagte, das ein Trainer eines Regionalligavereins (war damals 2. höchste Klasse) mich gerne aufnehmen würde, lachte er mich aus und fragte: wie ich denn wohl zum Training und zu den Spielen kommen wollte. Das wäre ja viel zu weit weg. Damit war das Thema erledigt. Auch waren die Eltern seinerzeit viel zu beschäftigt, um uns bei den Punktspielen zuzuschauen. Da wurde auch nichts terminlich wegen Fussball verschoben. Denn das Vergnügen (Fussball) gab es erst, wenn die Arbeit zuhause ordentlich erledigt war. Mit 15 Jahren ging es dann in die A-Jugend, weil es keine B-Jugend gab. Da wurde dann nach dem Spiel mit den teilweise schon 18-jährigen in der Vereinsgaststätte Bier ohne Trainer aus Glasstiefeln getrunken. Wir Schüler brauchten allerdings nicht zu zahlen. Das machten die Lehrlinge. War man nicht schon vom Spiel kaputt, dann wurde einem von ein paar kräftigen Schlücken Bier schwindelig. So konnte die Heimfahrt mit dem Rad schon deshalb mal etwas länger als die Hinfahrt dauern. Zuhause angekommen hieß es dann tief Luftholen und anhalten, damit die Eltern die Fahne nicht rochen. Rauchen war allerdings verpöhnt. Wenn das der Lehrer-Trainer sah, dann gab es dermaßen Ärger und natürlich wurde man zunächst einmal von ihm nicht aufgestellt.
blauerstuhl
Es liegt aber ein Mißverständnis vor, das Kinder sich in der FPL nicht sportlich messen wollen! Es gibt aber unterschiedliche Interpretationen der Wahrnehmung von Fussball zwischen Kindern und Erwachsenen. Kinder erwerben im "Grundschul-Fussballalter" grundsätzliches Wissen und Verhaltensweisen, welches sie für ihr weiteres Leben prägt. Würde es nicht in zunehmenden Maße zu Ausschreitungen am Rande von Fussballspielen im Kinderfussball kommen, so hätte es die FPL nicht bedurft! Leider sind wir an diesem Punkt angekommen, das fast jeder, der schon ein paar Jahre dabei ist, Ausschreitungen von Eltern oder Trainern miterlebt hat, die er sich kein zweites mal wünscht! Wenn das schon so bei uns Erwachsenen ist, wie soll dann ein Kind solche Erfahrungen verarbeiten können? Die Fairplay-Liga für den Kinderfussball wird übrigens wissenschaftlich und pädagogisch betreut, weshalb jeweils eine Reflektion und Anpassung aufgrund der Erfahrungen stattfindet. Engagierte Trainer alleine wären sicherlich überfordert. Denn da hast du mit deiner Anmerkung recht! Was wissen wir denn schon, was Kinder wirklich wollen?
