Liebe Trainerkollegen,
als ich die Thread-Überschrift las, dachte ich zunächst: nein nicht schon wieder die Glorifizierung der guten alten Zeit und die Verteufelung der Moderne. Dann aber entwickelte sich die Diskussion in eine Richtung, in der es um das vermeintliche Überwinden von Vorurteilen (Stammspieler = guter Spieler, Ersatzspieler = schlechter Spieler) ging, wobei festgestellt wurde, das es heute kaum besser ist als früher.
Das Jammern darüber, das sind wir uns hoffentlich einig, nützt nichts, man muß es versuchen besser zu machen! Wenn du diesen Beweis antreten kannst, werden deshalb längst noch nicht alle zuhören, aber die Zahl der Zweifler wird wachsen, denn der denkende Mensch ändert seine Meinung (manchmal)!
Aber selbst dann, wenn der Geist willig ist, ist doch das Fleisch meistens schwach! Ist es doch so bequem, bei seinen (Vor-)urteilen zu bleiben und nur die Besten spielen zu lassen! Wenn dann doch nicht immer der Neid wäre, das der Gegner noch mehr von dieser Sorte hat!
"Schleppi", das was du da ansprichst, geht ganz tief in den Kern menschlichen Zusammenlebens in unserer Gesellschaft. Denn da werden Menschen nach willkürlichen Kriterien für gut und weniger gut befunden und klassifiziert. Sie werden entweder als Helden gefeiert oder als Deppen gemobbt! Dazwischen gibt es kaum noch etwas. Allenfalls bietet die Anonymität einen gewissen Schutz!
Dieses Problem vermag der Fussball allein nicht zu lösen. Aber er kann einen Beitrag dazu leisten!
Was wäre, wenn man entdecken würde, das es das Talent gar nicht gibt, weil es das Untalent nicht gibt? Was wäre, wenn man herausfinden würde, das es Quatisch ist eine Mannschaft nach Stamm- und Auswechselspieler aufzuteilen, weil dadurch sich die Guten nicht wirklich besser entwickeln, weil sie von den Schlechten nicht ausreichend gefordert werden und die Schlechten nicht besser werden, weil sie kaum spielen dürfen?
Müßte man dann nicht anfangen, den Fussball als Form der zwischenmenschlichen Beziehungen neu zu erfinden?
Ich gebe zu, es ist etwas zuviel Theorie, weshalb ich gern zur Praxis kommen möchte. Vor nicht allzulanger Zeit hatte ich mich über den Unsinn der "goldenen Lehrjahre" aufgeregt, denn jeder einigermaßen gescheite Mensch weit, das man ein Leben lang lernt. Wenn es nur bestimmte Zeiträume gäbe, in denen man besonders gut lernt, müßte man sofort die Hochschulausbildung in den Kindergarten verlegen und alle Professoren über 30 in den Vorruhestand schicken.
In einem Projekt, was ich derzeit betreue, wird Wissen (B-Junioren) nachgeholt. Diese Jungs haben mehrheitlich im Sommer in der untersten Kreisklasse gespielt. Jetzt sind sie durch einen Zufall in die Bezirksliga aufgestiegen und zu aller Überraschung sogar Herbstmeister geworden! Warum ist nicht so einfach zu erklären. Vielleicht, weil sie die Leichtigkeit des Spiels aus der untersten Kreisklasse mitgenommen haben? Vielleicht, weil auch sie nun endlich zeigen dürfen, das sie guten Fussball spielen können, wenn man sie läßt? Sie Lassen heißt Impulse zu geben, damit aus dem Spaß am Fussball auch Spaß an der eigenen Leistung wird. Vielleicht sind es auch die anderen Rahmenbedingungen? Denn Stars in der Mannschaft gibt es genausowenig wie Bankdrücker. Natürlich gibt es schon die ersten Anfragen aus höherklassigen Vereinen! Aber niemand möchte wechseln! Warum wohl?
Bei einem weiteren Projekt bin ich in die Frühphase der sogenannten Talentförderung gegangen. Auch hier gibt es ja die Unterscheidung zwischen den Talenten und den Ausnahmetalenten. Hier steuere ich seit einem halben Jahr das Training so, das jeder auf seine Kosten kommt. D.h. wir machen gemeinsam lustige Fussballgeschichten und lassen alles Kreative zu. Nicht nur der Trainer, auch die Kinder dürfen ihre Ideen einbringen, die wir dann gleich ausprobieren und ggf. soweit verändern, bis es klappt. Weil die Kinder beim Training so viel lachen, findet die Talent-Ausbildung der Kinder nebenbei beim Fussballspielen statt. Es gibt also nicht das "Pflichtprogramm" sondern nur die "Kür"! Für mich als Trainer gibt es dabei kein schöneres Kompliment, wenn die Trainingsgruppe noch einen 10-minütigen Nachschlag möchte.
Was das ganze Theater soll, fragt ihr euch? In einer völlig entspannte Athmospäre (des Lachens) läßt es sich viel leichter lernen. Kinder sind von Natur aus neugierig! Es ist nahezu zwangsläufig, das sich aus diesem Spaß heraus ein sportlicher Erfolg gründet. Mit Leistungsdruck kann man kurzfristige Erfolge erzielen. Sie sorgen jedoch früher oder später für einen Burn Out.
Mit diesen beiden Projekten möchte ich keine Standards widerlegen, jedoch zeigen, das es auch andere Wege gibt, die vielleicht lohnenswerter, weil kindgerechter sind. Die KiFu-Initiative von Ralf Klohr hat gezeigt, man muß etwas machen, statt nur über miserable Zustände zu jammern.
Es soll mir keiner kommen und sagen, er allein könnte gar nichts machen. Jeder kann es, wenn er nur will!