paulwurf_mauli
Die Geschichte liegt schon viele Jahre zurück! Ich kann mich an einen übergewichtigen Spieler erinnern, der schon aufgrund seiner Beleibtheit von den Klassenkameraden nicht beliebt war. Sein Vater hat ihn zu mir geschickt, damit sich der Junge ein bißchen bewegt. Weil Papa selbst Fussballer gewesen war, sollte es eben diese Sportart sein. Natürlich hat der Junge gewußt, das die Anderen das alles viel besser können. Ich habe ihn trotzdem genauso behandelt wie alle anderen. Also weder mit Samthandschuhen angefasst, noch mit besonders kritisiert.
Weil es mir zu langweilig ist, immer das Gleiche zu machen, hatte ich mir eine Übung aus Volleyball und Fussballtennis ausgedacht. Hierfür wurden 2 Matten in die Hallenmitte aneinander gestellt. Es wurde 2 Teams gebildet. Ziel war es, den Ball über die Matte prellen, fausten, lenken oder Schießen. Der "dicke Paul" hatte war etwas größer als die Anderen und besaß (was vorher nie aufgefallen ist) prima Reflexe, denn es konnte ja niemand durch die Matte hindurch schauen. Einen Punkt bekam das Team, wenn der Gegner den Ball mehr als 1 x an seiner Seite auftrumpfen ließ oder der Gegner den Ball außerhalb Feldes beförderte. Ziel dieser Übung war die Veresserung der Handlungsschnelligkeit (rechtzeitig die richtige Flugbahn des Balles berechnen, sich dort zu platzieren, Körper unmittelbar vor der Ballattacke in Ballance bringen, usw.)
Als der "dicke Paul" nun die ersten Bälle aus dem Stand prima erwischte, wurde er von seinem Team und natürlich für den Erfolg auch von mir gelobt. Am Funkeln der Augen und den Gesichtsgrimassen deutete ich, dass es ihm diese Übung sichtlich Spaß machte. Weil den Jungs diese Übung allgemein sehr viel Spaß machte, habe wir sie später auch als "1 : 1 Variante" mit kleineren Feldern spielen lassen. Zwar gewann der "dicke Paul" nicht jedes Match, aber er war für seine Verhältnisse sehr erfolgreich und hatte aber einen Riesenspaß dabei. So fand zunehmend Anerkennung bei seinen Mannschaftskameraden. Auch war mir nicht entgangen, das ihn seine Eltern zu den ersten Trainingseinheiten brachten, später fuhr er die Strecke mit dem Fahrrad. Wie mir seine Eltern später berichteten, hatte der Junge während der Hallensaison knapp 15 kg abgenommen und sie hätten nach dem Training stets einen erschöpften, aber total zufriedenen Jungen gehabt. Natürlich ist aus dem "dicken Paul" kein Spieler für die 1. Mannschaft geworden. Deshalb steht auch kein Name auf seinem Bayern München Trainings-T-Shirt. Er hat jedoch seinen Platz in der Hobby-Fussballgemeinschaft gefunden und ist kein Außenseiter mehr. Auch dieses Ziel (Plan B) kann lohnend sein, wenn die körperliche Veranlagung einem einen Strich durch die Rechnung macht (Plan A).
Wenn ich nun sagen sollte, das habe ich gewußt oder geahnt, das wäre das gelogen. Es war eine zufällige Beobachtung, die sich im Einzelfall positiv ausgewirkt hat. Weil Kinder im D-Jugend-Alter noch nicht von allein wissen, worin sie überall besonderes Talent besitzen, brauchen sie die Hilfe von Erwachsenen. Um soetwas herauszufinden, kann man Übungen aus anderen Sportarten ins Training einbauen und dort und schauen, ob man dort geeignete Reizpunkte findet?
Man darf deshalb aus diesem Beispiel nicht die Ableitung treffen, das man bei einem Spieler, der sich in seinen Leistungen stark zurückhält, nur nach Übungen suchen muß, die ihm weitestgehend entgegen kommen! Dann kann funktionieren, muß es aber nicht! Vielleicht war der Junge an diesem Tag nur besonders gut gelaunt und er konnte genau bei seinen inneren Schweinehunde überwiegen, seinen übergewichtigen Körper durch die Halle zu schleppen, weil für ihn dieser Wettbwerb einfach nur geil war? Der ist ja auch nicht sofort gelaufen, sondern erst, nachdem er einige Male quasi aus dem Stand den Ball prima zurückspielen könnte. Erst, als er merkte, das es sein Ding ist, fing er an, sich zu bewegen und konnte von diesem Moment an nicht mehr davon lassen.