Vielen Dank für die Lorbeeren, aber auch ich kann es nicht vollständig erklären. Denn es sind Phänomene, die ohne irgendeine Vorwarnung auftreten, aber dann eine heftige Auswirkung haben. Ich will es mal im Detail beschreiben. Da ist ein talentierter Nachwuchstorwart, der plötzlich in einer Situation erfolgreich agiert und dabei im Detail andere Bewegungsabläufe hat. Warum er es macht, weiß er selbst nicht und ich als Trainer kann es auch nicht sagen.
Mal 2 Beispiele bei der Torwartausbildung, weil es hier vermutlich klarer zu beschreiben ist:
1. Kopfballverlängerung
Normal ist, dass ein Torwart im 5 m Raum zum Ball hochsteigt, außerhalb dieses Bereichs ist es situativ. Wobei die meisten Keeper lieber im Kasten bleiben. Der nicht! Unter Gegnerdruck faustet er den Ball beid- oder einhändig, sonst fängt er ihn. Soweit alles normal! Dann aber hält er beim Versuch des Gegners den Ball ins Tor weiterzuleiten, einfach die Hände drüber. Beim Tischtennis würde man sagen, er blockt den Ball! Wo habt ihr soetwas schon mal gesehen? Würdet ihr sagen, er soll es sein lassen, weil´s es so nicht gelehrt wird oder soll er es weitermachen, weil er es kann?
2. Aktives 1 : 1
Bei einem schulbuchmäßigen Eins gegen Eins verkürzt der TW die Distanz und verhält sich abwartend (passiv)! Ein Torwart igoniert es, indem er sich zunächst nur in eine gute Position bringt, dann jedoch exposiv zum Ball sprinted, im 45 Grad-Winkel aus dem hohem Sprinttempo zum Ball runtergeht. Dem Angreifer bleibt so gar keine Zeit, sich für einen Torabschluß oder ein Umkurven des Keepers zu entscheiden. Denn der Angreifer kann kaum noch Tempo zum Ball zulegen, während der Keeper mit nahezu doppelter Geschwindigkeit die Distanz zum Ball verkürzt. Diese Technik verlangt ein perfektes Timing, denn verschätzt sich der Keeper auch nur um einen kleinen Moment, dann geht er zu früh oder zu spät runter. Soll man das schulen oder doch besser nicht?
Wenn einzelne Spieler etwas anders machen, dann kommt meistens nur Blödsinn dabei heraus! Manchmal jedoch nicht! Hier sind 2 Situationen beschrieben worden, die mit einem erfolgreichen Abschluß des Bewegungsablaufs endeten. Meistens ist das jedoch zunächst nicht so, weiß noch Details fehlen bzw. angepaßt werden müssen. Dazu braucht es auch die Lust zum Experimentieren und den Durchhaltewissen des Trainers und der Trainingspartner. Aber gerade dann, wenn es zu stagnieren scheint, gelingen solche Durchbrüche!
Man beschäftigt sich mit Fragen, inwieweit individuelle Fähigkeiten trainierbar sind? Sind sie es, so findet ein Wissenstransfer statt! Was zunächst nach einer einfachen und sauberen Übertragung von Fähigkeiten aussieht, gerät jedoch wieder in ein gewisses Chaos, wenn man erkennt, dass Details von anderen Keepers nicht zuverlässig und deshalb nicht beherrschbar sind!
Auch ich findet den Begriff der Schwarmintelligenz in der Beobachtung von Phänomenen, die sich zunächst chaotisch verhalten und in der man nur langsam Regelmäßigkeiten entdeckt, nicht gelungen. In der Wissenschaft bezeichnet man es als Entropie, aber wer in der Fussballwelt kann damit etwas anfangen? Im Bereich der TW-Ausbildung spricht man von Individualisierung. D.h., wenn jeder Keeper individuelle Stärken und Schwächen hat, dann soll man beim Ausbildungsprogramm darauf achten, hier jeweils auf die vorhandenen bzw. (noch) nicht vorhandenen Fähigkeiten des Keepers einzugehen.
Die Individualisierung ist bereits eine deutliche Abkehr vom Frontalunterricht, weil der Trainer nicht mehr der Lehrer, sondern der Partner ist, der mit seinem Trainingspartner auf eine Abenteuerreise geht, dessen Ende beide noch gar nicht kennen. Selbst dann, wenn der Trainingskandidat nicht später ein Profi wird, lohnt sich für beide dieses Abenteuer, denn sowohl Trainer wie auch Spieler sollten sich selbst Ziele setzen, die unabhängig sind von Dritten (Ist nicht leicht zu verstehen, aber sonst wäre es wieder Frontalunterricht nach Lehrbuch, um ans das Ziel zu gelangen, was ein anderer bereits erreicht hat)!
Ich interpretiere FB-Aussagen so: Er hat versucht die Frühphase der Entwicklung seines Sohnes in der F und E-Jugend zu beschreiben. Weil sein Junge sich im Dunstkreis von hoch veranlagten Talenten aufhält, kommt es als Zuschauer und Helfer zu Beobachtungen, die man für sich verständlich machen möchte, jedoch immer wieder an Grenzen gerät. Um diese Grenzen zu überschreiten braucht es zunächst einmal eine intensive Trainerausbildung für den Leistungsbereich sowie eine mehrjährige Erfahrung. Soweit ist noch alles O.K.
Doch andere nur deshalb als Idioten zu bezeichnen, nur weil sie solche Beobachtungen nicht oder vielleicht deutlich seltener machen, sehe ich als respektlos an. Auch ich habe wenig Erfahrungen im Breitensportbereich, habe jedoch große Achtung vor der Arbeit dieser Leute. Dort kommen doch die Talente für die Nationalmannschaften her! Die werden doch nicht gleich Vereinsmitglied in einem Proficlub! Gerade im untersten Jugendbereich kommt es auf die kindgerechte Betreuung an. Dabei ist man weitaus mehr der Kümmerer und Tröster und sehr viel weniger der Fussballtrainer. Wer versucht, diesen Schritt in der kindlichen Entwicklung zu überspringen, der wird keine Nationalspieler, der wird mit wenigen Ausnahmen den Dropout dieser Kinder zu verantworten haben.
Man kann Trainingsmethode nur gemeinsam mit der kindlichen Entwicklung betrachten. Wir Trainer haben die Verantwortung sorgfältig mit diesen Begabungen umzugehen. Dabei sind wir gerade mal am Anfang, denn wir können auch heute nur wie die Nadel im Heuhaufen danach suchen. Von einer kindgerechten, kontrollierbaren Ausbildung sind wir noch weit entfernt.
