@pegasus77
Wenn du am Wochende die Senioren-Bundesliga verfolgt hast, dann konnte man gleich mehrfach Tore aus solchen Situationen beobachten, bei denen die Torleute nicht unbeding gut aussahen. Ein wesentlicher Grund dafür ist, dass kaum ein Torwart fussballerisch mit der Liga mithalten kann. Deshalb darf man sich nicht wundern, warum gestern der Herr Mielitz im Werder Strafraum herum irrte. Auch Manuel Neuer und Andere werden hin und wieder dabei ertappt, dass sie für den Betrachter unmotiviert gen Strafraumgrenze traben und mit dem Ball am Fuß bei weiten mit so viel Routine ausstrahlen wie Kollegen auf dem Spielfeld.
Statt in der Jugend eine Komplett-Ausbildung auf allen Positionen zu erhalten, wird schon sehr früh eine Positon zugewissen, auf der man lt. Trainermeinung die beste Leistung erbringt und dann nur noch spielen soll. Gerade bei den Torleuten ist jedoch der Leistungsunterschied zu anderen Positionen besonders groß.
Doch nun zu deinem eigentlichen Problem:
Es gibt keine Frauen-Torhüterin, die gänzlich ohne Probleme mit hohen Bällen hätte. Das liegt zunächst einmal daran, dass die Torabmessungen für die Senioren gemacht wurde. Die sind nun einmal durchschnittlich 20 cm größer und ihr Sprungvermögen ist aufgrund der höheren Muskelmasse signifikant größer. Dennoch gibt es kein generelles Problem mit dem Abwehren hoher Bälle.
1. TW-Technik:"Vorwärts orientierte Rückwärtsbewegung"
Der häufigste zu beobachtende Fehler ist (siehe dazu Schalke-Keeper Hillebrand am vergangenen Samstag) der lang ausgestreckte in Verbindung mit einem Stand auf der kompletten Fussfläche. Aus dieser Position, die besonders oft bei der Rückwärtsbewegung (meist in Kombination mit einem Stellungsfehler oder einer zu späten Positionskorrektur), kann keine Stemmbewegung mehr ausgeführt werden. Wäre eine ausreichende Körperspannung (leicht nach vorn vorgebeuter Oberkörper, leicht angewinkelte Knie und Stand auf den Fußballen) für den Absprung vorhanden, so würde selbst eine 1,60 m große Torhüterin keine Probleme damit haben, einen hochen Ball zu fangen oder übers Tor zu lenken.
2. Situationsbeobachtung und Positionsanpassung
Ein ebenfalls sehr häufig beobachteter Fehler ist der Blickwinkel der Situationsbeobachtung. Torleute, die entweder sehr viel Praxis als Feldspieler mitbringen oder aber qualitativ hochwertiges Torwarttraining erhalten haben, beobachten das Spiel über die komplette Spielzeit und passen sich (fließende Distanz zum "Ball und den Mitspielern") jederzeit an diese Situation an. Besteht keine unmittelbare Torgefahr, so hat er den Blick auf "Zuschauer-Modus" umgeschaltet. Ein "Torlinien-Torwart" wird nur bei unmittelbaren Abwehr-Aufgaben aktiv. Im Trainingsspiel, wo z.B. nur auf 1 Tor oder einem verkleinerten Spielfeld das Abschlußspiel gemacht wird, fällt dies so manchen Trainern gar nicht auf. Sie wundern sich dann, wenn durch relativ statisches Wettkampf-Verhalten Bälle, die normalerweise kein Problem sein sollten, dennoch den Weg ins Tor finden, weil die Torfläche nicht optimal abgedeckt wurde.
3. Von Ball- und Schützen unabhängige Torwartposition
Je näher der ballführende Angreifer vor das Tor kommt, je kürzer ist die Reaktionszeit des Keepers. Deshalb ist es für ihn wichtig, 3 Phasen zu unterscheiden:
1. Phase: mittig positionieren
hier ist der Ball noch weit weg. Weit der Distanzschuß hoch, mittelhoch oder flach plaziert sein kann, ist es für den Torwart wichtig, dass er sich mittig ca. 3 - 5 Meter vors Tor plaziert. Von dieser Position aus hat er den kürzesten Weg (also auch die meiste Zeit), sich rechtzeitig zum Ball zu orientieren, ihn aufzunehmen oder zu fangen.
2. Phase: Torfläche verkleinern (besondere Armposition)
jetzt wird es wichtig, die Torfläche zu verkleinern. Wird der Ball vom Angreifer flach gedribbelt, so kann die Flugbahn nur von unten nach oben verlaufen (Ausnahme "gechipter Ball")! Deshalb ist es wichtig, dass der Keeper auch seine Arme und Beine richtig einsetzt. Die Oberarme sollen beinahe am Körper anliegen, die Unterarme im 90 Grad-Winkel abgespreizt sein. Aus dieser Arm-Grundstellung kann die Handabwehr nach oben, zur Mitte oder nach Unten am schnellsten erfolgen. Einer der häufigsten Fehler ist, wenn die Arme komplett ausgestreckt zur Mitte oder sogar nach unten positioniert sind. Denn aus dieser Position werden die Arme in einer kreisförmigen Bewegung nach oben geführt. Die größten Abwehrlücken entstehen über die Schulter oder knapp über dem Kopf. Manchmal beobachtet man Torleute, die dann mit einem Arm über den Kopf schwingen. Meistens ist der Ball aber dann schon am Keeper vorbei in Richtung Tor.
3. Phase: 1 gegen 1 Spiel mit korrekter Fussposition
Hier werden häufig die meisten Fehler gemacht. Ob der Keeper in seiner Verzweiflung sich mit zum Angreifer ausgestreckten Beinen in den Schuß wirft, mit breit gespreizten Beinen und Armen sich "groß" machen will oder kein richtiges Timing hat, in welcher Situation er wann in dieses Duell gehen kann.
Generell kann man sagen, dass der Torwart sich immer dann abwartend verhält, wenn ein Abwehrspieler "näher am Ball" ist. Dennoch sollte er jederzeit bereit zur Abwehr sein, denn der Torwart bekommt ja fast immer etwas zu tun, wenn seine Vorderleute Fehler machen. Wurde noch vor wenigen Jahren gelehrt, dass der Torwart seine Endposition erreicht haben sollte, wenn der Angreifer in die 1 gegen 1 Distanz kommt, gibt es heutzutage eine ganze Reihe von Variationen, in der der Torwart situatiativ die bestmögliche Lösung erkennen soll. Deshalb wollen wir es gar nicht so verkomplizieren, sondern lediglich ein paar Grundregeln vermitteln. Wenn sich also ein Keeper entschlossen hat, ins 1 gegen 1 zu gehen, dann sollte er diesen Entschluß nicht wieder rückgängig machen (z.B. Timo Hillebrand am Samstag)! Weil der Keeper sehr viel Torfläche abdecken kann, sollte er auch keine "Lücken" schaffen. Lücken bieten sich bei breit gespreizten Beinen, durch die er "getunnelt" werden kann. Die Fußballenhaltigung ist auch hier wichtig, damit der Keeper blitzschnell per Fußabwehr reagieren kann. Würde er auf der gesammten Fußfläche stehen, so müßte er zunächst einmal den Abwehrfuß anheben und könnte erst dann Fuß und Bein seitlich zum Ball bewegen.
Die Fußspitzen sollen ca 45 Grad nach außen zeigen, damit der Keeper über die Fußspitze seitlich abtauchen kann, wenn der Angreifer den Ball seitlich vorbei legen will.
Die Knie sollten etwas stärker angewinkelt sein, damit der Oberkörper gerade ausgerichtet, der Blick auf den Ball fokosiert und die Arme die Körperfläche vergrößern und unter den Handflächen kein Ball hindurch paßt.
Sorry, hab schon wieder viel zu viel darüber geschrieben. @pegasus, wenn du eine bestimmte Ursache vermutest, dann schreib sie einfach hier rein oder auch per PN. Denn so könnte man vermutlich ein ganzes Buch an Möglichkeiten schreiben.