@Nitram
Vielen Dank für deinen Beitrag, auf den ich gerne eingehen möchte.
Natürlich können Kinder im unteren Jugendbereich die Bälle noch nicht richtig einschätzen. Man mag sich hin und wieder wundern, warum ein Keeper einen Ball ins Gesicht bekommt, statt die Hände schützend davor zu halten. Die Ursachen dafür hatte ich bereits an anderer Stelle etwas ausführlicher erklärt.
1. Torwarthandschuhe beim Verletzungen im Fallen
Das kann, wie bei jedem Feldspieler passieren. Weil aber Torleute häufiger im Fallen nach dem Ball hechten, gehört das richtige Abrollen zu den Sicherheitsmaßnahmen, die ganz zum Anfang der TW-Übungen liegen. Die Spieler sollten mit Spaß und ohne (Angst vor) Schmerzen an diese Positon herangeführt werden.
2. Fingerprellung
Bevor überhaupt mit der ersten Fangübung in der Gruppe begonnen werden darf, wird erklärt, dass man die Finger niemals in Ballrichtung strecken darf, weil dann der Ball auf die Fingerkuppe schmerzhafte Verletzungen verursachen kann. Stattdessen sollen die Handflächen und Finger seitlich, von unten oder oben nach dem Ball greifen. Bei falscher Hand-Fingerstellung kann es übrigens auch mit Handschuhen zu Fingerprellungen kommen.
3. Fingerbruch
Auch dieser Bereich gehört zur Sicherheitseinweisung. Denn ohne den Hinweis und die Übungen fangen die Kinder die Bälle nicht vor dem Körper, wo sie nach dem Ballkontakt dem Ball die Geschwindigkeit nehmen können, sondern direkt am oder über dem Körper. Weil nun die gesamte Aufprallkraft auf die Finger lastet, kann es in seltenen Fällen sogar zum Fingerbruch kommen.
4. Gesichtsverletzungen
Gerade bei Schüssen aus 5 - 8 Metern ist zu beobachten, dass die Arme und Hände der Keeper nach unten, statt in angewinkelter Positon den Ball erwarten. Doch ist der Weg der Arme und Hände von ganz unten nach oben viel zu lang, um rechtzeitig vor dem Körper den Ballkontakt zu suchen. Auch werden Arme meist in einer kreisenden, statt direkten Bewegung nach oben geführt. Diese Technik der korrekten Armposition zur Abwehr von hohen Bällen aus mittlerer Entfernung gehört deshalb ebenfalls an den Anfang von Torwartübungen gestellt.
5. Nicht Torwart-Handschuhe, sondern Sicherheitshinweise und Basisübungen schützen wirksam vor Verletzungen
Nur die Sicherheitshinweise und Übungen der Basis-Techniken schützen wirksam vor Verletzungen. Handschuhe können die Erklärung und das Üben von Sicherheitsmaßnahmen und richtigen Fangtechniken nicht ersetzen. Wenn die Techniken beherrscht werden, können Handschuhe die TW-Arbeit manchmal (z.B. nassen, schmutzigen Ball, sehr kalte Temperaturen) sinnvoll unterstützen.
Selbst Seniorenkeeper lasse ich ihre Handschuhe im Training ausziehen, wenn es um Detailkorrekturen beim Fangen, Lenken oder Fausten geht. Denn der Torwart kann die Kontaktphase und den Druckpunkt dann am besten spüren, wenn alle Finger- und Handnerven volle Aktionsmöglichkeit besitzen. Handschuhe dwürden dabei nur stören!
Würden Torwarthandschuhe wirksam vor Verletzungen schützen können, so würden sie auch von Handball-Keepern getragen.
Bis in die 60-er Jahre des letzten Jahrhunderts trugen selbst die Keeper in den höchsten Fussball-Ligen keine Handschuhe. Wie du hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Torwarthandschuh nachlesen kannst, waren es die deutschen Keeper Wolfgang Fahrian und Sepp Maier, die für sich Torwarthandschuhe entwickeln ließen.
Andere Handschuhetypen (z.B. Hockey, Eishockey) haben nicht nur die Erhöhung der Trefferfläche zum Zweck, sondern auch zum Schutz der Handflächen und Finger.
Es kommt im unteren Fussball auch nur deshalb sehr selten durch Verletzungen mit dem Ball, weil hier Leichtfussbälle zum Einsatz kommen. Auch ist die deutlich geringere Schußhärte der Spieler eine Gewähr dafür, das in aller Regel nach den ersten Tränen bei einem unerwarteten Treffer ins Gesicht oder anderer empfindlicher Körperteile, die Freude am Fussball zurück kehrt.
Lange Zeit wurden dem Torwart Charaktereigenschaften angedichtet. So müsse er besonders mutig sein, selbst dann sich dem Ball entgegen zu stellen, wenn eine schmerzhafte Erfahrung zu befürchten sei. Das nenne ich nicht Mut, sondern Blödheit! Denn ohne Kenntnisse von Abwehrtechniken ist der Keeper lediglich eine Schießbudenfigur, über die man sich schlapplacht, weil man einen Deppen gefunden hat, der sich dafür hergibt. Beste Beweise für diese Denkrichtung findet man ja auch hier im Forum, wo es z.B. heißt: "er ist nicht gut genug fürs Feld, weshalb ich ihn ins Tor stecken möchte"! Unlängst kam eine besonders talentierte Keeperin zu mir und meinte: "meine Eltern wollen nicht, dass ich ins Tor gehe, weil ich ja auf dem Feld auch sehr gut bin"! Also auch hier werden Prioritäten in der Wichtigkeit, aber auch in der Verletzungsgefahr gesehen.
Nicht zuletzt dadurch, dass sich der Mannschaftstrainer kaum mit der Torwartpositon beschäftigt hat (weil eben keine Zeit dafür da war) haben sich Gerüchte um diese Position gebildet. Ein Gerücht ist, dass Torwarthandschuhe vor Verletzungen schützen sollen. Wenn das so wäre, dann unterhaltet euch bitte mit älteren Senioren-Keepern aus dem Breitensport. Viele von ihnen haben nicht Torwarttraining bekommen und deshalb soviel "auf die Socken bekommen", das jeder nicht ausgeheilte Blessuren auf Wunsch zeigen kann.
Weil auch der DFB dieses Thema weitgehend liegen läßt, bin ich dir dankbar, dass du stellvertretend für eine breite Masse diese Argumente vorträgst! So gibst du Gelegenheit, sie zu hinterfragen. Aber überzeugt ist man vermutlich erst, wenn man sich weitere Informationen zum TW-Training beschafft, es im Verein ausprobieren kann und slebst seine Erfahrungen sammelt.
